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Wissenschaft
Ausgabe
47/2017

Vergessenes Wissen

So fortschrittlich war die Medizin der alten Babylonier

Berliner Forscher werten 3000 Jahre alte Keilschrifttexte aus, um die Geheimnisse der assyrischen Medizin zu entschlüsseln - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Heilkundliche Tontafel aus Assyrien (650 v. Chr.): Miteinander von Ärzten und Exorzisten

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Freitag, 24.11.2017   04:19 Uhr

Als Feldherr war König Asarhaddon gefürchtet, als Bauherr berühmt. Er führte Heere bis nach Phrygien, nach Lydien, ja sogar bis ins ferne Ägypten. Und er baute die zerstörte Stadt Babylon wieder auf.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 47/2017
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Markham Geller allerdings interessiert sich aus einem anderen Grund für den großen Assyrerkönig: "Es scheint, dass er ziemlich wehleidig war."

An der Freien Universität Berlin ist Geller Leiter von BabMed, einem wissenschaftlichen Großprojekt, das die Heilkunde im antiken Orient beleuchten soll. Sein Team wertet dazu mehr als tausend in Ton geritzte Keilschrifttexte aus. Lange Listen von Heilkräutern und Rezepten zählen ebenso dazu wie Beschwörungsformeln gegen Schlangenbisse, epileptische Anfälle, Abszesse oder Ohrvereiterung.

Aufschlussreich ist auch der Briefverkehr der Ärzte und Heiler bei Hof. "Es ist, als hätten wir den E-Mail-Server des Palasts geknackt", sagt Geller. Besonders rege tauschten sich die Heilkundigen während der Regentschaft Asarhaddons aus. In großer Zahl umschwärmten die Leibärzte und Beschwörer den chronisch kränkelnden Monarchen, und nicht selten gingen ihre Meinungen auseinander.

Beim Nasenbluten seiner Majestät hätten die Kollegen Tamponade falsch appliziert, schimpft der eine. Einen anderen ärgert, dass sich der König nach einer Fieberbehandlung über Hitzewallungen beschwerte: "Wozu machen wir das denn?", fragt der Therapeut beleidigt. "Was hatte er im Sinn, als er sagte: ,Es soll mich schwitzen machen'?" Ein Dritter fühlt sich ausgebootet. Ein Rivale mache ihm seine Rolle beim Vollzug von Heilritualen streitig: "Der kann das nicht", behauptet der Briefautor erbost. "Er hält das Böse nicht fern, er zieht es an." Doch was für eine Art von Medizin war es, die diese Hofärzte da betrieben?

Bisher, sagt Geller, habe die Heilkunst der Babylonier unter Altertumskundlern einen schlechten Ruf. Der Lehrmeinung zufolge stand bei ihnen alles im Bann der Götter, ihre Sprüche und Rituale wurden als bloßer Hokuspokus abgetan. Vernunft und wissenschaftliches Denken gelten gemeinhin erst als Errungenschaft der Griechen.

Geller hält diese Sichtweise für falsch. Gewiss, die Götter hätten in den Vorstellungen der Babylonier eine beherrschende Rolle gespielt. Doch hinderte sie dies daran, systematisch zu denken?

Vor vier Jahren nahmen Geller und sein Team die Arbeit am BabMed-Projekt auf. "Wir sind schon weit gekommen", versichert er. Immer deutlicher zeichne sich das Gedankengebäude ab, auf das sich die Medizin der Babylonier gründete.

Ihre bedeutsamsten Entdeckungen verdanken die Berliner Forscher einem Katalog therapeutisch-medizinischer Werke aus der Stadt Assur. Sie rekonstruierten ihn aus Fragmenten einer Tontafel in der babylonischen Sammlung der Universität Yale: Das BabMed-Team hatte eine Art Inhaltsverzeichnis eines umfänglichen Textkorpus vor sich, in dem Mediziner des Zweistromlands all ihr therapeutisches Wissen zusammengefasst hatten. "Wir gehen davon aus, dass es sich um ein Standardwerk handelt, das in dieser oder ähnlicher Gestalt auch in anderen Bibliotheken Assyriens und Babyloniens stand", sagt Gellers Mitarbeiterin Ulrike Steinert.

"Wenn ein Mann von einem Löwen angefallen wird ...", "wenn er von einem Dolch verwundet wird ..." "wenn er von einem Streitwagen fällt ..." - alle Widrigkeiten, die das Leben im alten Babylon mit sich bringen konnte, sind hier aufgelistet. Systematisch von Kopf bis Fuß werden mögliche Therapien abgehandelt. Psychische Leiden, Hautkrankheiten und Gynäkologie sind gesondert aufgeführt.

Mittlerweile kennen die Forscher nicht nur das Verzeichnis, das aus bloßen Überschriften oder Textanfängen besteht. Auch Teile des Kompendiums selbst konnten sie unter den erhaltenen Tontafeln der Bibliothek von Ninive identifizieren. Weitere bisher unbekannte Puzzlestücke vermuten sie in den Magazinen der großen Museen, wo noch ein kaum zu ermessender Schatz von ungesichteten Keilschrifttexten lagert.

Die Art, wie das therapeutische Handbuch organisiert ist, deutet schon jetzt darauf hin, dass es einem ähnlichen Aufbau folgt wie zwei den Assyriologen bereits bekannte Werke. Bei dem einen handelt es sich um eine Art Diagnose-Handbuch, in dem Symptome und Prognosen von Erkrankungen erfasst sind. Das andere enthält Beschwörungen und Rituale, mit denen böse Geister ausgetrieben oder Götter milde gestimmt werden sollten.

Zusammengenommen ist das dreiteilige Werk umfänglich wie das Corpus Hippokraticum - und obendrein systematischer organisiert. Geller glaubt auch den Autor dieses erstaunlichen Vademecums aus Assur zu kennen. Die Redaktion der beiden schon länger bekannten Handbücher jedenfalls wird Esagil-kin-apli zugeschrieben, einem Hofgelehrten und Priester aus dem 11. vorchristlichen Jahrhundert. Es scheint, als trete da ein Vorgänger des Hippokrates aus dem Dunkel der Bronzezeit hervor. Er lebte 600 Jahre vor dem vermeintlichen "Vater der Medizin".

Unklar allerdings ist, wie erfolgreich die Ärzte Babylons mit all ihrem Wissen heilen konnten. Zumindest einige ihrer Maßnahmen muten durchaus rational an. Dass fiebrige Erkrankungen die Gefahr von Ansteckung bergen, scheint ihnen zum Beispiel klar gewesen zu sein. So gab ein Arzt "strikte Anweisung", dass niemand von der Tasse einer erkrankten Patientin trinken dürfe. "Niemand darf sitzen, wo sie gesessen hat, und niemand liegen, wo sie gelegen hat", fährt er fort.

Auch wird Arzneien verschiedentlich attestiert, dass sie "probiert und wirksam" seien. Doch was genau soll das bedeuten? Klinische Tests waren noch nicht erfunden, die Heilkundigen griffen wohl vor allem auf die überlieferte Erfahrung ihrer Kollegen zurück.

Blut im Urin, Pusteln auf der Zunge, Blähungen, Fieberschübe und juckende Ausschläge: Farbig und vielfältig beschrieben die Heilkundigen die Symptome ihrer Patienten. Dennoch hält Geller alle Versuche, diese Schilderungen modernen Krankheitsbildern zuzuordnen, für voreilig. "Wenn es schon kaum möglich ist, Diagnosen am Telefon zu erstellen, um wie viel schwieriger ist es dann anhand von 3000 Jahre alten Texten?", sagt er.

Auch wie wirksam die Salben, Pillen und Tränke aus der Apotheke der Babylonier waren, lässt sich heute kaum mehr sagen. Zwar geben die Rezepte präzise Instruktionen, wie Samen, Wurzeln, Kräuter oder Früchte zu behandeln seien. In der Pharmaküche des Orients wurde gestampft, gewaschen, gepresst und getrocknet, es wurde gewogen, geknetet, gehäckselt und gemischt. Als Lösungsmittel dienten Milch, Wein, Fischbrühe, Urin und Sesamöl. Das Endprodukt galt es dann, gemäß ärztlicher Anweisung zu schlucken, einzureiben oder durch Kupferrohre in Anus, Ohr oder Vagina dem Körper zuzuführen.

Alles nur Voodoo? Oder handelt es sich zumindest teilweise um wirkmächtige Präparate? Geller und seine Mitarbeiter wissen es nicht. In vielen Fällen ist nicht einmal bekannt, was für Kräuter da verarbeitet wurden. Die Identifikation der meisten Pflanzennamen gelang bisher nicht.

"Selbst der Schlaf gewährte mir keine Ruhe. Ich hörte auf zu essen, ich glich einem Toten."

BabMed-Forscherin Steinert weiß nur von einem Versuch, die Wirksamkeit eines Rezepts aus dem Zweistromland zu prüfen: An der Harvard-Universität untersuchten Studenten im Rahmen eines Antikenkurses in Labortests den Saft von Granatäpfeln, wie er einst von den Ärzten Babylons in entzündete Ohren geträufelt wurde. Tatsächlich konnten die Tester eine antibiotische Wirkung nachweisen, die sich durch Zedernöl sogar noch steigern ließ. Doch das sind Befunde, die bisher nicht von pharmakologischen Labors bestätigt wurden.

Überirdische Mächte und rational begründete Pharmazie standen in der Welt der Babylonier offenbar nicht im Widerspruch zueinander. Einträchtig arbeiteten Exorzisten und Ärzte miteinander, beide fühlten sie sich dem Wohl der Kranken verpflichtet.

Die Exorzisten hatten den Status von Priestern. In Kostüme gewandet, entfalteten sie mit Rauch und Trommeln Heilzauber am Krankenbett. Vor allem aber beschworen sie mit wortgewaltigen Formeln den Beistand der Götter. Freizügig vermischten sie dabei Alltags-Akkadisch mit unverständlichem Abrakadabra.

Zwar rührten diese Heiler neben all dem magischen Zinnober auch pharmazeutische Tinkturen und Heiltränke zusammen. Überwiegend jedoch war die Pharmaproduktion das Terrain der Ärzte. Diese gingen, unabhängig vom Tempel, einem weltlichen Beruf nach. Oft ließen sie sich fürstlich für ihre Therapien bezahlen und waren hoch geachtete Bürger.

Was bei alledem fehlt, sind die Patienten. Sie kommen in den Abertausenden Tontafeldokumenten nur selten zu Wort. Doch immerhin: Eine vor dem Bürgerkrieg in Syrien entdeckte Stele füllt diese Lücke. Auf ihr klagt Adad-bel-ardi, ein örtlicher Fürst, sein Leid: Schon als Kind sei sein Körper mit wunden Stellen übersät gewesen. Er sah nur verschwommen, seine Hände schmerzten. "Selbst der Schlaf gewährte meinen Füßen keine Ruhe", jammert er weiter. "Ich hörte auf zu essen, ich glich einem Toten." Der "stechende Schmerz" und die "Attacken der Schläfen", die ihn plagten, könnten als Migräneanfälle gedeutet werden.

Kurzum: Adad-bel-ardi war ein schwerer Fall. Heiler und Ärzte waren gleichermaßen überfordert. Der leidende Fürst wies ihre Dienste zurück und wandte sich flehend direkt an die Götter.

Das aber muss nicht gegen die Heilkunst der Babylonier sprechen. Denn wer mag schon mit Sicherheit sagen, ob selbst heutige Ärzte dem immer kranken Adad-bel-ardi hätten helfen können?

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