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DER SPIEGEL

25.02.2016In der Filterblase

Besuche ausländischer Staatschefs gehören in Berlin zur Routine. Doch als Ende Februar der Gründer von Facebook in die Hauptstadt kommt, erzeugt er einen Rummel wie ein Popstar. Mark Zuckerberg! In Berlin! Gefällt mir!
Zuckerberg ist unterwegs als Lobbyist in eigener Sache. Seit Jahren kritisieren Datenschützer den Konzern wegen der Verwertung von Nutzerdaten. Und gerade in Deutschland sind viele Menschen empört darüber, dass Facebook die unzähligen Hasskommentare auf seinen Seiten offenbar gleichgültig duldet. Zuckerberg reagiert mit einer Charmeoffensive. Er lässt sich vom Medienhaus Axel Springer mit einem eigens erfundenen Preis auszeichnen; er schenkt der Technischen Universität vier Hochleistungsserver; er spricht über seine kleine Tochter ("Ich bin der Beste beim Wickeln"); er trifft Kanzleramtschef Peter Altmaier; er joggt durchs Brandenburger Tor. Bei einer Fragestunde vor 1400 Fans in Treptow ("Townhall Q & A with Mark") sagt Zuckerberg, Hasskommentare "haben keinen Platz auf Facebook".
Haben sie doch. Auch Monate später finden sich bei Facebook zahlreiche Posts, in denen der Holocaust geleugnet wird oder Morddrohungen ausgesprochen werden. Anfang November wird bekannt, dass die deutsche Justiz erstmals gegen Facebook-Manager vorgeht. Die Staatsanwaltschaft München I hat ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet, Beschuldigte sind Zuckerberg, Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und andere.

SPIEGEL Chronik 1/2016
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