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DER SPIEGEL

KunstVenus und die Kammerjäger

Für einen der schönsten Jobs Italiens kamen jahrhundertelang nur Italiener infrage. Jetzt leitet ein Deutscher die Uffizien, das berühmte Prachtmuseum in Florenz. Einen Spitznamen hat der Neue schon: „Zerberus“. Von Joachim Kronsbein
Als das Reisen noch geholfen hat, fuhren britische Aristokraten auf den Kontinent und machten "The Grand Tour". Sie wollten sich bilden, besuchten Museen und Ausgrabungsstätten, kauften Kunst (manches war schon damals gefälscht) und füllten ihre Schlösser und Herrenhäuser mit den teuren Fundsachen und mit ihren Erinnerungen an eine schöne Zeit im Süden. Sie waren wenige, und sie waren privilegiert. Eines ihrer Lieblingsziele hieß Florenz.
Dort stand Michelangelos "David" in seiner ganzen nackten Marmorpracht, dort hingen die berühmten Bilder von Botticelli, Raffael und Leonardo, dort strahlte die Renaissance mit ihren Palazzi, Kirchen und der großen Domkuppel, als wäre seither die Welt stehen geblieben. Florenz sah so aus, als wäre die Familie Medici, der ein Großteil des Unvergänglichen zu verdanken ist, immer noch an der Macht. In Wahrheit endete deren Blütezeit im 18. Jahrhundert.
Heute kommen die Touristen immer noch nach Florenz. Auch in diesem Herbst kommen sie – in Massen. Zu Fuß, auf Fahrrädern oder auf Segways, diesen störenden Elektrorollern mit zwei Reifen. Die Touristen treten in Horden auf, verstopfen die Gassen, und alle strömen unweigerlich ins Zentrum auf die Piazza della Signoria, einen der schönsten Plätze der Welt.
Dort steht der Palazzo Vecchio, das alte Rathaus, in dem heute noch der Bürgermeister von Florenz residiert. In der benachbarten Loggia dei Lanzi, einer Art Freiluftmuseum, stehen heroische Statuen aus Antike und Renaissance, unter anderem ein Werk von Benvenuto Cellini.
Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zu dem einstigen Verwaltungsgebäude der Medici, den ehemaligen Großherzögen der Toskana. Sie nannten den Bau schlicht "Uffizi", auf Deutsch "Büros". Unter dem Begriff Uffizien ist das zweigeschossige, U-förmige Gebäude weltberühmt als eines der meistbesuchten und wichtigsten Museen der Welt.
Schon die sammelwütigen Medici hatten damit begonnen, hier ihre Ankäufe und Auftragsarbeiten zu lagern. Bis zu 8000 Menschen werden heute täglich durch die Räume geschleust.
Der Direktor der Uffizien heißt Eike Schmidt, ein Kunsthistoriker aus Freiburg. Er ist Deutscher, der erste Ausländer auf diesem Posten. Seit 1743 sind die Uffizien öffentlich zugänglich, bis vor einem Jahr waren deren Direktoren immer Italiener; Süditaliener kamen für den Job allerdings nicht infrage. Doch dann ließ der italienische Kulturminister einige der Spitzenpositionen der bedeutendsten Museen des Landes international ausschreiben. Schmidt, 48, nennt das "den Mut der Verzweiflung". Er bekam den Job in Florenz.
"Eine Demütigung", klagte ein italienischer Kunsthistoriker. Doch in Wahrheit beweist Schmidts Berufung, dass Europäer, allem Krisengerede zum Trotz, zu Reformen in der Lage sind. Ein Deutscher auf einem der prestigeträchtigsten Posten, die Italien zu vergeben hat: Das ist ein politisches Bekenntnis, eine Kampfansage an den neuen Nationalismus.
Die italienischen Museen funktionieren nicht gut. "Sie sind entweder zu leer oder zu voll", sagt Schmidt. Seines ist zu voll, keine Frage. Aber die meisten Häuser sind, so Schmidt, auf jeden Fall "dysfunktional".
Direktor Schmidt, zuvor schon am Getty Museum in Los Angeles und am Institute of Art in Minneapolis tätig, ist ein renommierter Museumsmann, der keine Scheu vor Managementaufgaben hat. Promoviert hat er passenderweise über die Elfenbeinfiguren aus der Sammlung der Medici.
Schmidt, ein großer Mann mit sonorer Stimme und stillem Durchsetzungsvermögen, geht entschlossen ans Werk. Er hat nichts von einem verträumten Kunsthistoriker, aber einiges von einem beratungsfreudigen Bankmenschen. In seinem Büro, einem dunklen Raum in einem Seitenflügel, vor dem die Sekretärin auf dem Flur arbeitet, erklärt er seinen Plan: "Das Problem ist nicht mangelnder Raum, sondern die ungenügende Raumnutzung." Schmidt will die Menschenströme besser steuern und sie so letztlich verlangsamen, sodass die Menschen "mehr Freiheit bekommen, diejenigen Bilder, die sie sehen wollen, auch sehen zu können".
Die Besucher wollen aber immer die berühmtesten Bilder sehen, Sandro Botticellis "Primavera" und die noch bekanntere "Venus", diese junge schöne Blondine, die schaumgeboren auf einer geöffneten Muschelschale steht und mit einem Arm nur notdürftig ihre bloße Brust bedeckt.
Diese Werke sind Pflicht. Schmidt nennt sie im Jargon seiner Zunft "ikonisch-fetischisiert". Jedes großes Museum hat solche Schlüsselwerke, sie sind deren Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal. Niemand, der zum ersten Mal in Paris in den Louvre kommt, wird ihn verlassen wollen, ohne Leonardos "Mona Lisa" gesehen zu haben. Und niemand, der die Berliner Museumsinsel betritt, kehrt ihr den Rücken, ohne die Büste der Nofretete angeschaut zu haben.
Die erste Maßnahme des neuen Direktors der Uffizien war folgerichtig, die Botticelli-Räume neu zu organisieren; Mitte Oktober werden sie feierlich eröffnet. Die beiden berühmten Bilder wirken nun als Magneten, die anderen Werke des Meisters haben jetzt mehr Platz. Alles ist freundlicher und luftiger – und besser beleuchtet.
Als Nächstes sollen neue Ein- und Ausgänge entstehen. Niemand soll durch das ganze Museum laufen müssen, um wieder herauszukommen. So werde, hofft der Direktor, die Zahl der Besucher, die wirklich ein bleibendes Erlebnis mitnehmen, letztlich gesteigert. Denn die meisten machten jetzt ein paar "Selfies und düsen wieder ab".
Das alles kostet viel Geld, über 55 Millionen Euro. Matteo Renzi, Italiens Regierungschef, zuvor Bürgermeister in Florenz, hat sie bewilligt. Ansonsten bekommen die Uffizien keine Subventionen. 20 Prozent der Einnahmen gehen nach Rom, 20 Prozent an die Stadt Florenz, der Rest ist für Investitionen und Ankäufe bestimmt.
Spätestens 2018, so schwebt es Schmidt vor, soll ein digitales Programm, das vom eigenen Smartphone abgerufen werden kann, die Besucher nach deren Präferenzen durch die Räume leiten. Sie könnten sich dann per Kopfhörer und in ihrer Sprache einen Rundgang zusammenstellen – durch bestimmte Epochen, zu gewünschten Malern, Sujets oder zu wiederkehrenden Bildinhalten. Auch wer sich für die Bedeutung einer bestimmten Farbe in der Kunstgeschichte interessiert, könnte ein eigenes Angebot bekommen.
Dass Stadt und Staat nicht immer dieselben Interessen vertreten, erlebte Schmidt zum ersten Mal kurz nach Amtsantritt. Er hatte eine Durchsage auf Band gesprochen, die alle 15 Minuten vor dem Museum auf Englisch und auf Italienisch abgespielt wurde. Darin wies er darauf hin, was die Tickets an der Museumskasse kosten, im Normalfall acht Euro.
Vor den Uffizien hatte sich nämlich ein Graumarkt entwickelt, Touristenagenturen, die sich große Kartenkontingente beschafft hatten, verscherbelten die Tickets zum Drei- bis Vierfachen. Die Verkäufer, in Anzug und Krawatte, sahen aus, als wären sie offizielle Mitarbeiter der Uffizien.
Schmidts Durchsage hatte Folgen. Eines Donnerstags, kurz vor Feierabend, betraten "drei freundliche Polizistinnen" sein Büro und präsentierten ihm einen Strafbefehl über 295 Euro. Der Vorwurf lautete auf akustische Werbung im öffentlichen Raum ohne Genehmigung.
Eike Schmidt zahlte die Summe aus eigener Tasche, dann rief er in Rom an. Im Ministerium beschied man ihm, die Florentiner Polizei sei gar nicht zuständig, die Lautsprecher hätten sich auf staatlichem, nicht auf städtischem Terrain befunden.
Der Vorfall wurde publik und Schmidt in Florenz ein bekannter Mann. Die Florentiner sind immer noch stolz auf ihre Stadt, schließlich ist die Kunst ihre größte Einnahmequelle. In Florenz hält sich ein selbst- und stilbewusstes Bürgertum, das genau beobachtet, wie der Direktor der Uffizien agiert. Tradition und Familiengeschichte zählen. Und die diskreteste Form von Arroganz. Der Modeschöpfer Emilio Pucci, ein Marchese, hatte eine legendäre Visitenkarte: "Emilio Pucci, Palazzo Pucci, Via Pucci, Firenze". Straße, Palast und Firma gibt es heute noch.
Sichtlich angetan berichtet Schmidt, dass ihm Florentiner nach der Geschichte mit dem Strafbefehl auf der Straße Geld zustecken wollten. Das habe er abgelehnt und gebeten, das Geld direkt dem Museum zu spenden. Inzwischen weisen Schilder vor dem Museum auf das Preisgefüge hin.
Den Kompetenzwirrwarr findet Schmidt typisch für Italien. "Es gibt verschiedene, sich überlagernde Schichten von Verantwortlichkeit und Unverantwortlichkeit." Verschiedene Polizeiapparate konkurrieren etwa miteinander und bekämpfen einander. In Süditalien gebe es den Staat, die Kirche und die Mafia, die naturgemäß jeweils andere Interessen vertreten. Der Bürger, so Schmidt, werde so auf natürlichem Wege zum Improvisieren und zum Pragmatismus gezwungen.
Auch er profitiert davon. Unmittelbar vor einer Ausstellungseröffnung könne er "in einer Nacht mehr erreichen als sonst in sechs Wochen". Im Notfall packen seine Leute an, und Bestimmungen und Gewerkschaften werden unwichtig.
Die erste Ausstellungstat des neuen Direttore war ein ironischer Fingerzeig. Es ist Tradition in den Uffizien, zu Weihnachten eine kostenlose Ausstellung anzubieten. Als Schmidt im Herbst 2015 sein Amt antrat, war nichts vorbereitet. Zum Glück kannte Schmidt einen Kollegen, der über den Mythenhelden Herkules gearbeitet hatte. Und zum Glück beherbergen die Uffizien ausreichend viele Werke, die sich mit dem sagenhaften Sohn des Göttervaters Zeus befassen, der zwölf schier unlösbare Aufgaben bewältigen musste, um einen Mord zu sühnen. Die berühmteste Herausforderung war das Ausmisten des sprichwörtlichen Augiasstalls.
Man habe in Florenz, sagt Schmidt, sehr wohl wahrgenommen, dass das Thema seiner ersten Ausstellung auch als eine Art Programmankündigung gedeutet werden könnte.
Dass Schmidt Italienisch spricht, hilft ihm, auch dass er in Florenz studiert hat, doch dass er Deutscher ist, mag immer noch Hindernis sein. Er vermute, sagt Schmidt, dass man einen typischen Touri-Germanen erwartet habe, der in Shorts und Sandalen mit weißen Socken sein Büro betrete.
Der Anzugträger griff schon zu Beginn seiner Amtszeit durch. Er ließ einen versteckten Eingang schließen, durch den zuvor Museumsangestellte Freunde und Bekannte an der Kasse vorbei in die Uffizien geschleust hatten. Schmidt bekam daraufhin den Spitznamen "il cerbero", der Zerberus, verpasst.
Und manche seiner Leute wollen offenbar testen, wie sich der entschlussfreudige Zerberus in Ausnahmesituationen verhält. Im März wurde ihm gemeldet, in einem Saal seien Zecken gefunden worden. Eine Gefahr für die Besucher.
Zecken im März? Aber diese Frage stellte sich der Direktor erst später.
Würde er den Vorfall vertuschen, die italienische Lösung sozusagen bevorzugen oder korrekt deutsch vorgehen? Das, so vermutet Schmid heute, sollte getestet werden.
Er ließ den befallenen Saal und die Nachbarsäle schließen, bestellte den Kammerjäger und beendete so die Spekulationen über seinen Charakter.
Standfestigkeit wird er auch für sein größtes Projekt brauchen. Seit je verbindet ein überdachter Korridor die Uffizien mit dem Palazzo Pitti, einem weiteren Museum unter Schmidts Leitung. Der Gang führt über den Ponte Vecchio, die berühm-
te Brücke über den Arno. Einst konnten so die Medici und ihre Angestellten trockenen Fußes von einem Gebäude zum anderen gelangen.
Der Gang ist benannt nach Giorgio Vasari, dem Architekten, Hofmaler der Medici und Künstlerbiografen. Dort hängen unzählige Selbstporträts, es ist die größte und älteste Sammlung dieses Genres, die ein Museum besitzt. In den Wintermonaten ist es im Gang eisekalt, im Sommer höllenheiß, zugänglich ist er nur ausnahmsweise.
Auch das will Schmidt ändern und den Vasari-Korridor öffnen. Zuvor öffnet er sein Haus allerdings in die Provinz. Er verleiht etwa eine Zeichnung von Leonardo zu einem Jubiläum in das Museum von dessen Geburtsstadt Vinci. Auch der Mittelmeerinsel Lampedusa, Anlaufziel für viele Flüchtlinge, stellte er ein Gemälde als Leihgabe zur Verfügung: Caravaggios "Schlafenden Amor".
Für Schmidt ist dieser schlummernde nackte Knabe auch ein Sinnbild für menschliches Mitleid. Und das passe doch gut nach Lampedusa. Denn die Hilfsbereitschaft der Insulaner für die Gestrandeten hat ihn beeindruckt.
"Die Italiener sind nicht kirchlich", glaubt Schmidt, "aber sie sind immer noch religiös." Und ein bisschen anarchisch.
* In der Galleria dell'Accademia in Florenz.
Von Joachim Kronsbein

SPIEGEL Chronik 1/2016
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