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DER SPIEGEL

STADTGESPRÄCHHausgeist in der Dose

Die elektronische Assistentin „Alexa“, entwickelt von Amazon, gehorcht dem Menschen aufs Wort. Manche Käufer berichten von einem magischen Erlebnis.
Alexa, erzähle uns einen Witz! "Wie nennt man Zigaretten, die erkältet sind? Schnupftabak!"
Oje, vielleicht noch einen? "Was ist die Höchststrafe für Bigamie? Zwei Schwiegermütter."
Es kann nicht der Humor sein, mit dem diese sprechende Dose die Herzen der Kundschaft gewinnt. "Alexa" ist die neue digitale Assistentin, die der Handelsriese Amazon gerade mit Erfolg unter die Leute bringt. Dabei sind ihre Fähigkeiten nicht weiter aufregend: Die dienstbare Software steckt in einem Lautsprecher und lauscht rund um die Uhr auf gesprochene Anweisungen. Sie sagt auf Wunsch, wie das Wetter wird, setzt Suppengrün auf die Einkaufsliste oder trägt einen ihrer schauerlichen Witze vor.
Die Kunden lieben offenbar diese Maschine, wie sie ist. Dafür sprechen Zehntausende teils begeisterter Bewertungen bei Amazon in den USA, wo es die "Echo"-Lautsprecher mit eingebauter Assistentin schon länger zu kaufen gibt. In Deutschland sind die Geräte seit Februar auf dem Markt. Und schon berichten auch hier viele Käufer, sie hätten in Alexa ein neues "Familienmitglied" gewonnen. Wann kam je ein Computer zu solcher Ehre?
Die angenehme Stimme, mit der Alexa spricht, kann es nicht sein. Das haben andere Helferlein auch: "Cortana" von Microsoft, der "Assistant" von Google oder "Siri" von Apple. Aber diese Kunstgeschöpfe blieben lange an Computer und Telefon gekoppelt, sie hausten in ihrer eigenen Gerätewelt. Erst Amazon verstand es, die Technik in den Alltag einzuschleusen. Die aufmerksamen Lautsprecher stehen irgendwo in der Wohnung, sie lauschen mit sieben Mikrofonen in alle Richtungen. Man kann Musik abspielen oder sich die Nachrichten des Tages vorlesen lassen, ohne nach dem Smartphone zu fingern. Man kann einen Timer stellen, auch wenn man gerade bis zu den Ellbogen in Kuchenteig steckt. Man muss nicht einmal wissen, wo Alexa ist – man redet einfach drauflos, wie man es auch mit Menschen in Rufweite täte. Sie wird einen schon hören.
So entsteht die Illusion einer künstlichen Mitbewohnerin, die einfach immer da ist. Es war schon von Kindern zu lesen, die dem stets gesprächsbereiten Lautsprecher einen Gutenachtkuss aufs Plastikgehäuse drückten.
Auf den blanken Nutzwert kommt es offenbar nicht so sehr an. Viele Kunden heben die Bequemlichkeit hervor, mit der sie nun das Licht einschalten können. Damit sparen sie gewiss wertvolle Sekunden und so manchen Schritt hin zum Schalter. Aber selbst begeisterte Anhänger geben zu, dass Alexa für noch zu wenig nütze sei. Und trotzdem, versichern sie, es fühle sich "wie Magie" an.
Kein Wunder: Etwas sagen, und sofort geschieht es – das ist eine Macht, die sonst nur Potentaten genießen. Es ist etwas anderes, wenn man die gleichen Befehle irgendwo eintippt. Tippen ist Arbeit. Auch wer für jede Kleinigkeit ein Smartphone in die Hand nehmen und eine App aufrufen muss, bedient noch eine Maschine.
Wie "bedient" man Alexa? Die Frage stellt sich gar nicht mehr. Ich sage einfach, was ich will – das ist das magische Gefühl. Jede Familie kann jetzt per Zuruf über elektronisches Hausgesinde gebieten. Und dann lassen die gnädigen Herrschaften sich eben die Stehlampe anknipsen.
Aber musste es wieder eine Frauenstimme sein? Eine Alexa, kein Alex? Künftig dürfen in Millionen Haushalten schon die Kinder ein weibliches Kunstwesen bedenkenlos herumkommandieren, ohne auch nur "bitte" zu sagen – keine gute Nachricht für die Sache der Gleichstellung.
Amazon verkauft die Geräte zu Kampfpreisen. Rund 50 Euro kostet die billigste Variante, der flache "Echo Dot". Für das Geld bekommt die Kundschaft eine Art trojanische Wunschmaschine: Das Einkaufen bei Amazon geht mit Alexa mühelos, wie von selbst füllt sich der Warenkorb. Der Weg vom Impuls zum Kauf schrumpft gegen null.
Viele Kunden haben inzwischen mehrere Lautsprecher über die Wohnung verteilt. Inzwischen zählt zur "Echo"-Familie auch ein Radiowecker, der sichtlich für den Nachttisch gedacht ist. Und bald soll Alexa auch in Fernsehern und Autos auf Anweisungen lauschen.
Hin und wieder fällt die Assistentin aber noch auf unbefugte Anweisungen herein. In den USA gelang es offenbar einer Sechsjährigen, ein Puppenhaus zu bestellen. Und ein britischer Papagei fand Spaß daran, die Lautsprecherdose in Hörbereitschaft zu versetzen, indem er das Zauberwort "Alexa" krächzte.
Ungeahnte Folgen kann es auch haben, wenn im laufenden Fernsehprogramm jemand Alexa oder ähnlich heißt. Die digitalen Hausgeister fühlen sich dann öfters angesprochen – und versuchen eifrig zu erraten, was jetzt von ihnen verlangt wird. Die amerikanische Zeichentrickserie "South Park" nutzte das einmal weidlich aus: Nach der Sendung fanden einige Zuschauer "große haarige Eier" auf ihrer Einkaufsliste, und der Wecker war auf sieben Uhr gestellt.
Von Manfred Dworschak

SPIEGEL Chronik 1/2017
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