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Sport
Ausgabe
15/2018

Trainer Domenico Tedesco

Der geniale Dompteur von Schalke 04

Fußballromantiker werfen Domenico Tedesco vor, er lähme mit taktischen Finessen das schöne Spiel. Doch in Wahrheit zählt er zu den besten Trainern des Landes.

Team2

Coach Tedesco im Dezember nach Pokalsieg gegen Köln: "Ich finde es phasenweise schön, wie wir spielen"

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Samstag, 07.04.2018   14:12 Uhr

Helge Leonhardt sitzt in seinem Präsidentenzimmer mit Blick auf das Erzgebirgsstadion. Es ist ein schöner Blick, den Leonhardt da hat. Das Stadion ist gerade für rund 20 Millionen Euro renoviert worden. Über dem Zeller Berg, der hinter den Tribünen emporragt, steht die Sonne.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 15/2018
Süßes Gift
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Leonhardt hat sich hochgearbeitet, vom einfachen Unternehmer zum Besitzer von Autohäusern. Der Präsident des FC Erzgebirge Aue hat eigentlich keine Zeit heute. "Aber für Dome", wie er ihn nennt, nehme er sich die Zeit, sagt Leonhardt und lehnt sich zurück in den Chefsessel. Er hat sich Notizen gemacht, damit er nichts durcheinanderbringt. Domenico Tedesco war nur für ein paar Monate Trainer in Aue, aber wenn "Dome irgendwann Juve trainiert, so wie ich es ihm vorhergesagt habe, wäre es nett, wenn nicht vergessen würde, wer ihn entdeckt hat, diesen Diamanten". Nämlich er, Helge Leonhardt, Präsident des Zweitligisten in Aue.

Leonhardt erinnert sich: "Wir waren Tabellenletzter und brauchten einen neuen Trainer. Eigentlich hatte ich schon einen Kandidaten, da rief ein Berater an und sagte nur einen Satz: Hör dir diesen Tedesco einfach nur mal an." Leonhardt folgte diesem Rat. Tedesco hielt einen Tag später einen Vortrag, wie der Klassenerhalt zu schaffen sei, die Nacht hatte er mit Videoanalysen verbracht. "Ich konnte nicht fassen, dass so einer noch zu haben war. Fachlich top und menschlich, nun ja, das hatte ich im Gefühl. Ich verstand, dass Schalke zugriff." Leonhardt war vermutlich der Einzige im deutschen Fußball, der es zu Saisonbeginn für eine gute Idee hielt, dass der FC Schalke 04 diesen No-Name als Cheftrainer verpflichtete.

Diesen Gastarbeitersohn, der nur Kreisliga gespielt und brav alle DFB-Lehrgänge absolviert hatte. 1

Tedesco gilt als einer der besten Trainer der Liga. Fußballerisch mag das Spiel der Schalker der Ästhetik eines Klärwerks gleichen, aber sie sind Zweiter. Mehr kann eine Mannschaft, die nicht der FC Bayern ist, in Deutschland nicht erreichen.

Im vergangenen Sommer gab es eigentlich nur zwei Dinge, die für Tedesco sprachen - und geschätzte 200 dagegen.

Zum einen: Er hatte im März 2016, als U-16-Trainer von Hoffenheim, den Fußballlehrer-Lehrgang beim DFB mit 1,0 abgeschlossen. Das zweite Argument für Tedesco war seine Zeit bei Leonhardts Aue. Tedesco hatte den Zweitligisten in der Rückrunde vor dem Abstieg bewahrt. Elf Spiele lang war er Trainer im Erzgebirge.

Gegen Tedesco sprach unter anderem, dass Aue nicht nur die erste Profi-, sondern überhaupt die erste Herrenmannschaft war, die er trainiert hatte. Davor arbeitete er neun Jahre lang für die Stuttgarter und die Hoffenheimer Jugendabteilung. Außerdem war er viel zu jung. Heute ist Tedesco 32, Naldo, Schalkes Abwehrchef, ist 35. Als Spieler war Tedesco beim ASV Aichwald. Kreisliga A, Staffel 1. Viel niedriger kann man Fußball nicht spielen. Und als wäre das nicht genug, war er in der Realschule eine Niete, weil er die Nachmittage auf dem Bolzplatz verbrachte. Für Fußballtaktik hatte er sich als Spieler nie interessiert. Warum gibt man so einem eine Chance?

Domenico Tedesco selbst musste über diese Frage einige Zeit nachdenken. Er saß auf der Terrasse in einem Hotel an der Costa Blanca. Es war ein warmer Januartag, ziemlich genau ein Jahr war es her, dass er mit der U19 von Hoffenheim das Jugendturnier im Sindelfinger Glaspalast gewonnen hatte. Jetzt war er ein Bundesligatrainer.

Schalke bereitete sich in Benidorm auf die Rückrunde vor. Es war später Nachmittag, das Training gerade vorbei. Einige Spieler waren direkt vom Platz in den Außenpool gesprungen und redeten seit einer Viertelstunde über die "geilen Gehälter in England". Der Sindelfinger Glaspalast hätte nicht weiter weg sein können.

Die Mutter geht putzen: morgens in einer Tennishalle, nachmittags in einem Büro.

"Es gehörte Mut dazu, sich als Verein für mich zu entscheiden", sagte Tedesco schließlich. Mit anderen Worte: Er konnte es sich selbst nicht erklären. Er kann es bis heute nicht. "So etwas kann man ja nicht planen", sagte Tedesco. "Ich glaube, den Anfang markierte der Beginn meiner Ausbildung. Damit änderte sich alles."

Domenico Tedesco kommt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater, ein kalabrischer Gastarbeiter, kam in den Achtzigerjahren nach Deutschland. Domenico war zwei. Der Vater fand damals eine Stelle als Drucker bei der "Eßlinger Zeitung", wo er noch heute arbeitet. Die Mutter geht putzen: morgens in einer Tennishalle, nachmittags in einem Büro. Bruder Umberto war lange die Hoffnung der Familie. Ein klassischer bärenstarker Zehner. Er wurde sogar mal in die deutsche U-18-Nationalmannschaft berufen. Die beiden Brüder nahmen die deutsche Staatsangehörigkeit an. Umberto ist jetzt Mitte zwanzig, und auch er hat eingesehen, dass er nie Profi werden wird.

Domenico Tedesco, ein mäßiger Schüler, machte nach der Realschule eine kaufmännische Lehre in einem kleinen Betrieb. Die Eigentümer glaubten an ihn, setzten ihn unter Druck. Man werde ihn nicht übernehmen, falls er in der Berufsschule versagen würde. Zum ersten Mal lernte Tedesco für Prüfungen.

Es wurde besser. Viel besser. Er wurde übernommen, machte Fachabitur, studierte schließlich Wirtschaftsingenieurwesen und fing bei einem Daimler-Zulieferer an. Aber der Fußball fehlte ihm, also trainierte er nebenher Jugendmannschaften. Sein erstes Team war die U9 des ASV Aichwald.

"Ich machte damals ein paar Trainerlehrgänge und schaute viel Fußball. Viel Mourinho, viel Guardiola. Man kann sich da schon etwas abschauen", sagte Tedesco.

Er probierte das, was er abends in der Champions League bei Inter oder Barcelona sah, mit seinen Jugendspielern aus. "Ich schaute alles. Bayern, Madrid, Manchester United, Juve. Wann greifen die an? Welche Kommandos geben die? Was macht Messi in der Box? In der Jugend müssen Spieler und Trainer viel ausprobieren, auch wenn Messi Dinge macht, die man einfach nicht lernen kann."

Irgendwann schrieb er dem VfB Stuttgart. Eine Blindbewerbung. Tedesco wurde eingeladen, und es passierte das, was immer passiert, wenn er über Fußball redet. Die Leute sind begeistert. Das war so in Hoffenheim, in Aue, auf Schalke, überall, auch in Stuttgart.

Er bekam die Stelle als Jugendtrainer. Anfangs nur Teilzeit. 2008 kündigte er seinen sicheren Job in der Autoindustrie und fing fest in Stuttgart an. Für weniger Geld. "Beruflich die wichtigste und riskanteste Entscheidung meines Lebens."

Tedesco hat viele Fußballdetails parat. Anders als bei anderen Trainern klingen seine Analysen oft sehr einfach und logisch. Jeder versteht sie. Auf eine gewisse Art entzaubert er diesen Sport, wenn er über ihn spricht. Das Spiel wird plötzlich sehr simpel.

Tedesco arbeitet, wie alle Bundesligatrainer, nach wissenschaftlichen Methoden, kennt die Blutwerte seiner Spieler und ist einer dieser "Laptop-Trainer", über die der ehemalige Bayern-Spieler Mehmet Scholl vor einiger Zeit so geschimpft hat.

Es war eine seltsame Kritik. Scholl ärgerte sich öffentlich über die "Tedescos" in der Liga, die "unseren geliebten Fußball übernommen" hätten. Leute, die "nie selbst oben gespielt und auch keine Ahnung haben, wie ein Profi auf höchstem Niveau tickt". Diese "Laptop-Trainer" ließen ihre Spieler Taktiken "rückwärtsfurzen".

Es entbrannte eine fußballphilosophische Diskussion um Domenico Tedesco. Einige nahmen ihn in Schutz. Der Fußball sei nun mal modern geworden. Scholl-Verteidiger fanden, dass die Musterschüler der DFB-Akademie Spieler in taktische Korsetts drängten, ihnen die Dribblings untersagten und das Spiel in taktische Stellungskriege verwandelten. Schach statt Fußball. Schalke sei der lebende Beweis.

Sebastian El-Saqqa/ Firo Sportphoto

Schalke-Spieler nach dem Sieg gegen Freiburg am vorigen Samstag: Auf eine gewisse Art entzaubert Tedesco diesen Sport

Mittlerweile hat sich der Streit gelegt, und neben der hübschen Wortschöpfung "rückwärtsfurzen" wird vermutlich nur ein Gefühl bleiben.

Tedesco redete über Taktik, begründete den Ausschluss eines Spielers mit schlechten "Laufwerten", nicht selten verließ man die Pressekonferenz und hatte etwas über Fußball gelernt. Allerdings: Er verstrahlte keine Magie. Bundesligatrainer wirkte plötzlich wie eine Art Ausbildungsberuf, den man lernen kann. So wie Orthopäde oder Fliesenleger.

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360°-Panorama: Tedescos Arbeitsplatz
Die Veltins-Arena: Heimstadion von Schalke 04

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Zur Wahrheit gehört, dass Tedesco vor Aue zwar keine Herrenmannschaft trainiert hat, aber sehr erfahren ist. Nicht als Profi, aber als Trainer von professionell trainierten Jugendmannschaften auf Spitzenniveau. Es ist die ganz harte Schule. Immer neue Spieler, praktisch nie Zuschauer, kein Glamour. Viele Ex-Profis haben keine Lust, sich das anzutun. Als Scholl vor der Entscheidung stand, weiterhin die zweite Mannschaft des FC Bayern zu trainieren oder doch lieber für die ARD mit Gerhard Delling Fußballbanalitäten "rückwärtszufurzen", entschied er sich fürs Fernsehen. Tedesco wäre für den anderen Posten auf Knien nach München gerutscht.

Aber nach Scholls Kritik stand Schalke wegen seines Fußballs in der Kritik. Auch wenn Tedescos Mannschaft in der Hinrunde immer wieder für ihre "taktische Disziplin" gelobt wurde. Es war schwer, ein Tor gegen sie zu schießen. Es war nicht begeisternd, es war das italienischste aller Fußballprobleme.

"Ich finde es phasenweise auch schön, wie wir spielen", sagt Tedesco, "aber das heißt nichts, denn ich finde praktisch jede Art von Fußball schön. Kein Witz. Wenn man so spielt wie die Bayern, weil man die richtigen Leute hat: Ballbesitz, im Rücken des Gegners, dann aufdrehen, das ist ohne Frage schön. Leipzig? Mit Pressing, mit Druck, das hat auch was. Oder von mir aus auch das, was Frank Schmidt in Heidenheim macht. Das Vertikalspiel, das Spiel auf den zweiten Ball. Das ist doch fantastisch."

Kurz nach dem Start der Rückrunde merkte Tedesco das erste Mal, wie schnell die Ansprüche in Gelsenkirchen wachsen können. Die meisten Bundesligavereine neigen zu einer leichten bipolaren Störung, auf Schalke ist sie besonders ausgeprägt.

Bei einer der ersten Pressekonferenzen der Rückrunde sagt der Mann von "Bild": "Die Entwicklung war punktetechnisch in den letzten sieben, acht Spielen ausbaufähig." Elf Punkte sind es aus den vergangenen acht Spielen gewesen. Tedesco lächelt müde und antwortet: "Vor zwei Spieltagen hieß die Serie noch 13 Spiele ungeschlagen."

Was war passiert? Das erste Rückrundenspiel hatte Schalke gegen Leipzig verloren. Gegen Hannover gab es einen späten Ausgleich. In beiden Partien spielte Schalke unspektakulär wie immer. Nur war das plötzlich nicht mehr taktisch klug, sondern ideenlos. Für Fußballromantiker war Tedesco zum Symbol des Niedergangs geworden. Sein Spiel sei "verkopft", öde, das Spiel "domestiziert".

Tedesco merkte, dass die Fragen plötzlich andere waren. Zum Glück für ihn legte sich auch dieser Trend, und seine Mannschaft döste reihenweise Rückrundengegner zu Tode und gewann wieder. Sechs Spieltage vor Saisonschluss ist Schalke nun auf dem besten Weg Richtung Champions League.

Domenico Tedesco unterscheidet eine weitere Eigenschaft von den meisten anderen in der Liga, auch den Spielern. Er ist kein bisschen zynisch. Kein Stück.

Wenn Tedesco über seinen Kader, das letzte Training, Schalkes Spiel, allgemein über Fußball redet, klingt er wie ein 16-Jähriger nach dem ersten Date. Begeistert, beseelt, ein bisschen verliebt. Vielleicht ist Tedesco noch zu jung. Vielleicht ging alles zu schnell, vielleicht hat er noch nicht durchblickt, wie intrigant das Multimillionengeschäft Profifußball ist.

Aber Tedesco erlebt gerade die beste Zeit seines Lebens. Er wirkt wie ein Fan, nicht wie ein Profi. Und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen. Wenn er über das vergangene Jahr spricht, fällt bei ihm immer wieder ein Wort: "Es ist Wahnsinn, was gerade passiert, Wahnsinn, Wahnsinn."

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