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Politik
Ausgabe
19/2018

Trumps Stormy-Daniels-Affäre

Mein Pornostar, meine Lüge, mein Anwalt

Der US-Präsident zahlte Schweigegeld an eine Pornodarstellerin - das ist jetzt anwaltlich bestätigt. Donald Trump ist als Lügner enttarnt.

John Angelillo / Imago

Klägerin Clifford

Von
Freitag, 04.05.2018   18:09 Uhr

"Penthouse" ist eines dieser klebrigen Herrenmagazine, die man längst auf dem Altpapierstapel der Geschichte vermutet hätte. Viel Haut auf Hochglanzpapier, wenig Text, die nackten Frauen heißen "Pets", Haustiere, als wäre die Zeit in den Achtzigerjahren stehen geblieben. Und doch druckt das Magazin für die nächste Ausgabe, die kommenden Dienstag erscheint, wegen der hohen Nachfrage bereits hektisch eine zweite Auflage.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 19/2018
Geld für alle!
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Auf dem Cover wird eine Frau sein, die die USA seit Monaten in Atem hält: die Pornodarstellerin Stephanie Clifford, Künstlername Stormy Daniels. Clifford ist wie "Penthouse": Sie verschwindet einfach nicht. Ausgerechnet diese Frau ist für Trump inzwischen so gefährlich geworden wie Sonderermittler Robert Mueller.

Das neueste Kapitel in der Stormy-Saga begann am Mittwochabend, als Rudolph Giuliani dem Sender Fox News eines von mehreren Interviews gab. Giuliani war bis 2001 Bürgermeister von New York, seit Kurzem vertritt er Donald Trump als Anwalt unter anderem in den Russland-Untersuchungen. Im Grunde besteht seine Aufgabe darin, die vielen Brände zu löschen, die derzeit im Weißen Haus lodern. Seit Mittwoch sieht es so aus, als sei Giuliani eher der Brandbeschleuniger.

In dem ersten Interview mit dem Sender gab der Jurist überraschend zu, dass sein Klient Donald Trump die Schweigegeldzahlungen übernommen hatte, die kurz vor der Präsidentschaftswahl an Stormy Daniels geflossen waren. Trumps Anwalt Michael Cohen hatte der Frau damals 130.000 Dollar überwiesen, um sicherzustellen, dass sie nicht über die Affäre redet.

"Cohen ließ die Sache verschwinden. Er hat seinen Job gemacht", sagte Giuliani in der Sendung "Fox&Friends".

Das war deshalb eine verrückte Wendung, weil Trump und seine Berater monatelang das Gegenteil postuliert hatten. Noch vor vier Wochen behauptete Trump, von der Zahlung nichts zu wissen. Auf die Frage einer Journalistin, ob er sagen könne, warum Cohen die Überweisung überhaupt angeschoben hatte, antwortete er: "Na, da müssen Sie Michael Cohen fragen, er ist mein Anwalt."

Hätte Cohen die 130.000 Dollar tatsächlich auf eigene Faust während des Wahlkampfs an Stephanie Clifford ausgezahlt und dies nicht als Spende deklariert, könnte das als illegale Wahlkampfhilfe gewertet werden. Ohnehin liegt die Summe über der Obergrenze für Spenden von Privatpersonen. Mehrere Rechtsinitiativen haben Beschwerden gegen den Präsidenten laufen. Mit der Aussage, Trump habe den Anwalt privat entschädigt, hoffte Giuliani vermutlich, dass die Untersuchungen eingestellt würden und die Sache aus der Öffentlichkeit verschwinde. Die meisten Rechtsexperten glauben allerdings, dass Giuliani Trumps Probleme verschlimmert hat - weil es rechtlich gesehen keine Rolle spielt, aus welcher Kasse das Geld kam. Entscheidend ist lediglich, dass es eingesetzt wurde, um den Wahlkampf zu Trumps Gunsten zu beeinflussen.

AFP

Trump, Giuliani

Am Donnerstag betonte Trump in offenbar von Juristen vorformulierten Twitter-Nachrichten, er habe dem Anwalt die Summe als Privatmann erstattet. "Geld von der Wahlkampagne oder Spenden spielten keine Rolle in dieser Transaktion", schrieb Trump. Das zeigt, wie sehr der Präsident unter Druck geraten ist.

Die verhängnisvolle Affäre begann im Sommer 2006, als sich Trump und Clifford bei einem Wohltätigkeitsgolfturnier in Nevada kennengelernt hatten. Clifford sagt, sie habe nach dem Turnier Sex mit Trump gehabt, ein einziges Mal, eine ziemlich unspektakuläre Angelegenheit. Erst im Oktober 2016 ging Michael Cohen mit einer Verschwiegenheitserklärung und einem Scheck auf Clifford zu.

Für Rudolph Giuliani ist die Clifford-Affäre die erste große Probe in einer täglich eskalierenden, immer chaotischer werdenden Präsidentschaft. Innerhalb weniger Tage wurde er zu Trumps innigstem Verteidiger im Fernsehen, zu seinem Sprecher und Leibjuristen. Die Erwartungen an den früheren New Yorker Staatsanwalt sind riesig. Trump hat ihn als Wunderwaffe zu sich geholt, nachdem in den vergangenen Monaten einige seiner Anwälte entnervt gekündigt hatten.

Giulianis Auftritte zeigen, wie verzweifelt Trump geworden ist, wie gleichgültig es ihm ist, als Lügner enttarnt zu werden. Giuliani ist der Gegenentwurf zu einem vorsichtig abwägenden Juristen, er hat die Rolle von Trumps Kampfhund angenommen. Seit Beginn der Präsidentschaft ist Trump der Ansicht, ihm fehle ein bissiger Jurist, der ihn vor den Russland-Ermittlungen in Schutz nimmt. Der frühere Bürgermeister soll diese Lücke nun füllen, aber womöglich war das ein Eigentor.

Die Stormy-Daniels-Affäre zeigt, mit welchen zweifelhaften Charakteren sich der Präsident umgeben hat. Im April ließen Staatsanwälte aus New York das Büro und die Privaträume von Trumps Anwalt Michael Cohen durchsuchen. Vermutlich wollten die Ermittler Informationen über Cohens Zahlungen an Stormy Daniels erhalten und über seine Beziehung zu Donald Trump, für den er als eine Art Ausputzer jahrelang alles Mögliche erledigt hat. Es heißt, die Staatsanwälte arbeiteten daran, Cohen zu einer Aussage gegen Trump zu bewegen.

Seit kurzer Zeit bezeichnet der Präsident Michael Cohen übrigens nicht mehr als "meinen Anwalt", sondern nur noch als "einen Anwalt".

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