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Sport
Ausgabe
15/2018

Asthma-Epidemie bei Spitzenathleten

"Sportler nutzen die Krankheit, um sich zu dopen"

Der Dopingfachmann Werner Franke erklärt, was hinter der Flut von Asthmamitteln im Hochleistungssport steckt.

REUTERS

Tour-de-France-Fahrer Froome: "Grenzwerte sind der größte Humbug"

Ein Interview von
Donnerstag, 12.04.2018   18:52 Uhr
Imago/ Zink

Franke, 78, ist Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.


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Aus dem SPIEGEL

Heft 15/2018
Süßes Gift
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

SPIEGEL: Herr Franke, beim Tour-de-France-Sieger Christopher Froome fand sich bei einem Dopingtest doppelt so viel des Asthmamittels Salbutamol im Urin, wie der Grenzwert erlaubt. Der Brite behauptet, er habe als Asthmatiker dieses Mittel eingenommen. Glauben Sie ihm?

Franke: Der Fall Froome zeigt die Verlogenheit des Sports. Klar ist: Froome hat sich mit Salbutamol gedopt. Die festgelegten Grenzwerte sind doch der größte Humbug. Sie führen nur dazu, dass sich Sportler und ihre Betrugshelfer immer an diese Werte herantasten. Und manchmal geht es dabei eben wie bei Froome schief.

SPIEGEL: Warum sollte sich Froome mit Salbutamol gedopt haben wollen?

Franke: Weil es ihm nützt. Salbutamol fördert den Muskelaufbau wie das mit ihm verwandte Clenbuterol. Das haben mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten und Studien an Tieren eindeutig belegt. Australische Ärzte benutzten Salbutamol vor und nach Lungentransplantationen, um die Atemmuskulatur zu stärken. Weltweit wird besonders Clenbuterol immer noch in der Schweine-, vor allem aber in der Jungrinder- und Kälbermast eingesetzt. Man erwünscht sich dadurch schnell wachsendes mageres Fleisch.

SPIEGEL: Radfahrer sind nicht gerade Muskelberge.

Franke: Salbutamol hat neben dem Muskelaufbau, dem Muskelerhalt und der Muskelregeneration zwei weitere Vorteile: Es reduziert das Fettgewebe, auch unter der Haut. Schauen Sie sich die Adern von Radfahrern an: Die springen einen förmlich an. Bei Ausdauersportlern ist jedes Gramm Fett unerwünscht. Bodybuilder nehmen Salbutamol vor Wettkämpfen.

SPIEGEL: Und der zweite Vorteil?

Franke: Wofür es von den meisten Kranken eigentlich genommen wird: Die Mittel weiten die Bronchien. Man hat keine Atemnot mehr - ein großer Vorteil.

SPIEGEL: Wenn diese Asthmamittel so leistungssteigernd sind, warum werden sie im Sport nicht ganz verboten?

Franke: Weil die korrupten Leute im Sport es so wollen. Erinnern Sie sich an den Fall Katrin Krabbe 1992? Die Sprinterin hatte Clenbuterol genommen. Seitdem reden und reden die Funktionäre, tun aber nichts, jedenfalls nichts Wirksames.

SPIEGEL: Immerhin müssen Sportler ein Attest vorlegen, dass sie Asthmatiker sind, bevor sie Präparate mit Salbutamol in größerer Menge einnehmen dürfen.

Franke: Im Sport gibt es immer genügend Ärzte, die alles attestieren, wenn es die Leistung ihrer Athleten fördert. Sie sind die Komplizen der Betrüger. Auch Jan Ullrich war angeblich asthmakrank. Einer seiner Ärzte hat mir einmal sehr genau geschildert, wie es mit dem Attest läuft.

SPIEGEL: Laut Studien sind rund 5 Prozent der Menschen asthmakrank, unter Spitzensportlern 20 Prozent. Als Begründung wird das Belastungsasthma genannt. Schädigt Leistungssport die Bronchien?

Franke: Und Schwimmer werden durch das Chlorwasser asthmakrank. Solche Legenden halten sich. Es gibt nur eine Erklärung: Sportler nutzen die Krankheit, um sich zu dopen. Ich bin mir sicher: Wer durch seinen Sport wirklich Asthma bekommt, wird damit schnell aufhören.

SPIEGEL: Wie kann man das Problem lösen?

Franke: Zwei Sportveranstaltungen machen - eine für Asthmakranke, andere für Gesunde. Das Problem wäre nur: Die Kranken würden sehr viel schneller Rad fahren als die Gesunden. Die jetzige Situation ist geradezu pervers. Es darf doch nicht sein, dass Nichtasthmatiker einen Nachteil gegenüber denjenigen haben, die angeblich asthmakrank sind und Mittel wie Salbutamol einnehmen dürfen, gleich ob inhaliert oder flüssig oder als Tablette.

SPIEGEL: Zu den Olympischen Spielen im Februar reiste das norwegische Team mit 6000 Dosen Asthmamittel für 109 Sportler nach Pyeongchang.

Franke: Mir ist nicht bekannt, dass irgendjemand untersucht hätte, wofür diese Masse von Präparaten gebraucht wurde. Die Welt hat sich derzeit auf die Russen als die schlimmsten Dopingsünder eingeschossen. Dabei hat Norwegen in Dopingfragen mit Sicherheit keine reine Weste, das hat die Vergangenheit bewiesen.

SPIEGEL: Therapien im Spitzensport sind generell ein heikles Thema. Im Februar waren die Dopingfahnder bei Manuel Neuer, nachdem öffentlich geworden war, dass der Torhüter mit einer Stammzellenbehandlung seinen Fußbruch heilen wollte. War das Doping?

Franke: Kein Doping. Mit dieser Therapie werden körpereigene Zellen zum Beispiel aus dem Knochenmark des Beckens entnommen, um sie dann dorthin zu spritzen, wo sie Heilung oder Wiederaufbau der Knochen unterstützen sollen.

SPIEGEL: Das bringt Neuer zur WM?

Franke: Der Erfolg dieser Methode ist nicht gesichert. Man braucht schon eine glückliche Konstellation, damit sich die Zellen auch im Fuß teilen und damit den Knochen verstärken.

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