Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft
Ausgabe
49/2017

Früher Kohle, heute Ökostrom

Wie E.on-Chef Teyssen seine persönliche Energiewende erklärt

Jahrelang hat Johannes Teyssen seine alten Kohlekraftwerke verteidigt. Nun preist er Ökostrom und will den CO2-Ausstoß teurer machen. Warum?

REUTERS

Johannes Teyssen

Ein Interview von
Freitag, 01.12.2017   18:11 Uhr

SPIEGEL: Herr Teyssen, Sie haben E.on vor gut einem Jahr geteilt, alte Gas- und Kohlekraftwerke in die Tochter Uniper ausgelagert und sich selber zum Chef des Teils küren lassen, der für erneuerbare Energien zuständig ist. Jetzt fordern Sie in großen Anzeigen den Ausstieg aus der Kohle. Halten Sie sich für glaubwürdig?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 49/2017
Verlierer an die Macht!
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Teyssen: Ich glaube, ich bin da sehr glaubwürdig. Außerdem fordere ich keinen Kohleausstieg.

SPIEGEL: In den Anzeigen, die Sie mit mehr als 50 anderen Konzernen pünktlich zum Klimagipfel geschaltet hatten, ist von einem "verlässlichen Ausstiegspfad bei der Kohleverstromung" die Rede. Wie soll man das anders verstehen?

Teyssen: Wenn man genau hinsieht, plädiere ich für einen angemessenen CO2-Preis. Wer viel davon in die Luft bläst, soll auch viel dafür bezahlen.

SPIEGEL: Im Ergebnis würden Kohlekraftwerke unrentabel, weil sie viel CO2 emittieren.

Teyssen: Das ist richtig. Das Thema Kohle würde sich nach Einführung eines höheren CO2-Preises wahrscheinlich nach einiger Zeit von selbst erledigen. Aber das ist ein Nebeneffekt. Es bringt aus meiner Sicht überhaupt nichts, einzelne Technologien zu verbieten oder einseitig zu bevorzugen, um den Klimawandel zu stoppen. Wenn es im gesellschaftlichen Interesse liegt, die CO2-Emissionen zu senken, dann muss der Ausstoß dieses Gases für die Produzenten teuer werden. So einfach ist das.

SPIEGEL: Es ist noch nicht lange her, da forderten Sie Sonderregelungen für fossile Kraftwerke in Deutschland, weil hier wesentlich höhere Umweltstandards herrschten als in vielen anderen Ländern. Damals argumentierten Sie, dass jedes Stück Kohle irgendwann gefördert und verbrannt werde, weil der Energiehunger der Welt so groß sei. Hat sich an dieser Sichtweise etwas geändert?

Teyssen: Es kann sein, dass ich so ähnlich argumentiert habe. Aus heutiger Sicht war das sicher eine Fehleinschätzung. Die derzeit noch weltweit vorhandenen Kohlevorräte werden nicht mehr komplett genutzt werden. Wahrscheinlich nicht einmal mehr die Ölreserven. Wir werden diese alten Energieträger viel schneller ersetzen können, als wir uns das auch bei E.on vor fünf oder zehn Jahren noch vorstellen konnten.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Teyssen: Der technische Fortschritt bei den erneuerbaren Energien ist so groß und der Wille in der gesamten Welt, in diese Technik zu investieren, so ausgeprägt, dass sich die gesamte Energieversorgung radikal wandelt. Wir werden schon bald in der Lage sein, so viel dezentrale und lokal erzeugte Energie aus erneuerbaren Quellen bereitzustellen, dass die Bedeutung der fossilen Energieträger sinkt.

SPIEGEL: Aus Ihrem Mund ist das eine echte Überraschung. Sie haben jahrzehntelang jeden Millimeter der alten Energiewelt verteidigt. Nun, als Chef der Zukunftssparte, singen Sie das Hohelied auf die erneuerbaren Energien. Ist das nicht reiner Opportunismus?

Teyssen: Darüber sollen andere richten. Aber bei aller Kritik sollten Sie nicht vergessen, dass wir bereits die Neuausrichtung und Aufspaltung des Konzerns aus einer klaren Überzeugung heraus beschlossen hatten.

SPIEGEL: Welche war das?

Teyssen: Es war die Erkenntnis, dass die Welt einen anderen energiepolitischen Weg eingeschlagen hatte, als den, auf dem wir uns als klassischer Energieversorger noch befanden. Dieser neue Weg war unumkehrbar. Vielleicht hätten wir das früher erkennen können. Vielleicht kann man uns das vorwerfen. Aber als die Fakten für uns klar waren, haben wir sehr entschlossen gehandelt und E.on für diese neue Energiewelt aufgestellt.

SPIEGEL: Und jetzt bringen Sie mit Ihrer Forderung nach höheren CO2-Preisen alte Kollegen und traditionelle Energiekonzerne gegen sich auf.

Teyssen: Das ist nicht meine Absicht. Das Ziel ist, den Klimaschutz ernst zu nehmen, indem wir die Energiewende in Europa erfolgreich gestalten. Dazu müssen wir raus aus diesem undurchsichtigen System unterschiedlicher Subventionen, Regelungen und Verordnungen. Wir brauchen einen einheitlichen und klaren Lenkungsmechanismus. Und das kann aus meiner Sicht eben nur der CO2-Preis sein.

Die Hintergründe der Erderwärmung

SPIEGEL: Nun ist diese Erkenntnis nicht ganz neu. In Europa gibt es seit Jahren schon ein ausgeklügeltes und von Brüssel überwachtes Handelssystem für CO2-Verschmutzungsrechte. Reicht das nicht aus?

Teyssen: Nein, das System funktioniert nicht. Man hat den europäischen Unternehmen bei der Einführung zu viele Freimengen zugewiesen. Dadurch ist der Preis heute mit gerade einmal sieben Euro pro Tonne CO2 lächerlich niedrig. Alle Versuche, dieses System zu reformieren, sind in den vergangenen Jahren gescheitert. Deshalb kann es die gewünschte Lenkungsfunktion so nicht erfüllen.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Teyssen: Ich denke, die nächste Bundesregierung sollte den Vorschlag des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron aufnehmen und ernsthaft über die Einführung eines Mindestpreises für CO2 in der EU nachdenken.

SPIEGEL: Wie hoch sollte der sein?

Teyssen: Für den Anfang stelle ich mir einen Preis zwischen 25 und 30 Euro pro Tonne vor. Das müsste allerdings die Untergrenze sein. Sollte das EU-Handelssystem irgendwann wieder funktionieren und höhere Preise ausweisen, umso besser.

SPIEGEL: Ihr Mindestpreis liegt drei bis vier Mal über dem heutigen Niveau. Glauben Sie, Länder wie Polen oder Tschechien würden bei einer solchen Regelung mitziehen? Dort spielt die Kohle bei der Verstromung eine wesentlich größere Rolle als etwa in Frankreich oder auch Deutschland.

Teyssen: Zur Not müsste man mit einigen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland, beginnen. Aber es geht nicht nur um Strom und Kohle. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir auch andere Bereiche wie den Gebäudebestand, die Industrie, den Verkehr und das Heizen konsequent in die Sparbemühungen einbeziehen. Auch sie lassen sich über den CO2-Preis steuern.

SPIEGEL: Energieintensive Industriezweige wie Stahl oder Aluminium werden einen weiteren Anstieg der Preise kaum verkraften. Sie konkurrieren mit Unternehmen in Ländern wie China oder Brasilien, wo es solche Auflagen nicht gibt.

Teyssen: Ja, das ist ein Problem. Und natürlich kann es nicht der Sinn der Energiewende sein, Deutschland zu deindustrialisieren. Für diese Unternehmen muss man deshalb über Ausnahmeregeln oder Kompensationen nachdenken.

SPIEGEL: Sollen die auch für die E.on-Tochter Uniper gelten?

Teyssen: Warum?

SPIEGEL: Uniper besitzt die alten E.on-Kohlemeiler. Für das Unternehmen würde Ihr Vorschlag teuer. Insofern ist das Management dort über Ihr Vorgehen wenig erfreut.

Teyssen: Uniper besitzt in Europa einige Kohlekraftwerke, aber viele moderne Wasser- und Gaskraftwerke. Ich würde mal tippen, dass das Unternehmen mittelfristig sogar zu den Gewinnern eines höheren CO2-Preises gehören wird. Insofern glaube ich nicht, dass man sich dort aufregt.

SPIEGEL: Vielleicht, weil man sich von Ihnen doppelt hintergangen fühlt? Erst verhökern Sie gegen den Willen des Managements den noch bei E.on verbliebenen Anteil an Uniper für rund 3,8 Milliarden Euro an einen finnischen Energieversorger. Kaum ist der Vertrag unterschrieben, fordern Sie öffentlich höhere CO2-Preise und stellen damit das Geschäftsmodell von Uniper infrage.

Teyssen: Nun mal langsam. Wir verhökern nichts, sondern wir tun genau das, was wir bei der Neuausrichtung des Konzerns und beim Börsengang von Uniper im September vergangenen Jahres angekündigt haben: Wir trennen uns von dem verbliebenen 47-Prozent-Anteil. Dazu haben wir mit Fortum ein respektables Unternehmen gefunden, das einen sehr respektablen Preis bietet. Ich weiß nicht, was daran falsch sein soll.

SPIEGEL: Uniper befürchtet eine Zerschlagung, nachdem Fortum ursprünglich nur an dem russischen und schwedischen Geschäft des Unternehmens interessiert war.

Das ist keine verlockende Perspektive für Ihre alten Kollegen rund um Uniper-Chef Klaus Schäfer.

Teyssen: Wenn es so käme, würde ich zustimmen. Fortum hat in den Gesprächen mit uns allerdings den Eindruck gemacht, sehr verantwortungsvoll zu agieren. Vielleicht sollte man die Gespräche in den nächsten Wochen mal abwarten...

SPIEGEL: ... und tatenlos zusehen, wie Tausende Arbeitsplätze durch die Übernahme in Gefahr geraten?

Teyssen: Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Ich glaube, dass in dem ersten Abwehrgetümmel bei Uniper noch nicht realisiert wurde, welch großartige Perspektiven eine enge Zusammenarbeit bieten würde. Uniper steht in der Rangliste der konventionellen Energieerzeuger auf Platz 8 in Europa, Fortum auf Platz 14. Das heißt, hier wird nicht abgebaut, sondern damit wird der europäische Markt neu sortiert. Das ist eine echte Chance.

Artikel

© DER SPIEGEL 49/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP