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Wirtschaft
Ausgabe
2/2018

Italienische Lebensmittel

Der unheimliche Erfolg einer Feinkostkette

Der Eataly-Gründer Oscar Farinetti hat in Bologna eine Art Disney World für Gourmets geschaffen. Doch der Gigantismus stößt an seine Grenzen.

Gianmarco Maraviglia / DER SPIEGEL

Fico-Feinkostherstellung in Bologna

Von
Donnerstag, 11.01.2018   00:52 Uhr

Er sei einer, der es fertigbringe, Eis an Eskimos zu verkaufen, sagen Bewunderer. "Ein Naturtalent, ein Genie der kunstvollen Vereinfachung", sagt seine Schwester. "Ein größenwahnsinnig gewordener Spezi von Matteo Renzi" - so klingt's beim politischen Gegner.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Zeit, den Mann zu besuchen: Oscar Farinetti, 63. Er ist der Begründer von Eataly, einer Feinkosthandelskette, die auf rund zwei Milliarden Euro Marktwert geschätzt wird. Entsprechend tritt Farinetti, ein gedrungener Mann mit mächtigem Schnauzbart, auch auf - in den Hallen am Stadtrand von Bologna, die er sich hier hat herrichten lassen für seinen Traum namens Fico.

Die am 15. November eröffnete Gourmet-Shopping-Erlebnis-Landschaft ist das weltweit größte und ungewöhnlichste Projekt dieser Art: Auf zehn Hektar Fläche gibt es 45 Restaurants und Imbisse; 150 beteiligte Unternehmen stellen Produkte überwiegend gehobener Qualität aus. Hinzu kommen Schweineställe im Freien und Beachvolleyballfelder drinnen, Multimediapavillons, eine Sparkassenfiliale und gegenüber eine Kapelle als Zufluchtsort bei vorübergehender Reizüberflutung.

Eine Runde mit Farinetti übers Gelände ist fordernd. Der Mann, der sein Motto in den Wunsch verpackt, der Papst möge "Pessimismus zur Todsünde" erklären, wirft mit Pointen und Zahlen nur so um sich. "Italien ist das begehrteste Reiseziel der Welt, aber wir könnten doppelt so viele ausländische Touristen haben, bisher kommen nur 50 Millionen", sagt er. 6 Millionen Menschen sollen allein dank Fico nach Bologna gelockt werden. Das wären so viele, wie jährlich das Kolosseum in Rom besichtigen, und dreimal mehr Besucher als in den florentinischen Uffizien.

"Wir müssen lernen, die Schönheit dieses Landes zu erzählen; ohne Erzählung keine Wirklichkeit", sagt Farinetti. "Ich will, dass das hier eine Adresse wird wie Disney World - die Amerikaner haben wenig Geschichte, aber sie sind gut im Erfinden von Sachen wie Donald Duck, Mickey Mouse und die Panzerknacker."

Ah ja. Zwischenstopp und Denkpause, während Farinetti eine rauchen geht: Fico - ein Disneyland für Gourmets? Die Exzellenzprodukte der italienischen Landwirtschaft - vermarktet nach dem Mickey-Mouse-Prinzip? Und überhaupt: Warum stehen hier Alessi-Töpfe neben teurer toskanischer Tischwäsche und Bioketchup; warum arbeiten hier Craftbeer-Brauer im Glaskäfig, während im Regal daneben Fläschchen aus der Massenproduktion von Peroni angeboten werden?

Kritisieren sei leicht, sagt Farinetti, "aber die meisten, die sich über mich aufregen, können es nur nicht leiden, dass da einer was bewirkt". Er habe als Chef von Eataly 6000 Arbeitsplätze geschaffen und bei Fico noch einmal 1000: "Das Ganze hier ist ein Riesenrisiko, aber genauso war es auch anderswo - mit Disney World, mit dem gigantischen Bahnhof von Mailand oder mit dem Eiffelturm in Paris; Gott sei Dank haben wenigstens unsere Urgroßväter in gewaltigen Dimensionen gedacht."

So wie er, Farinetti. Man muss ihn nur sehen, wie er vorneweg läuft, am Tag der Fico-Eröffnung im November: Hemdkragen offen, Kaugummi kauend, grinsend. In seinem Gefolge: Italiens Regierungschef Paolo Gentiloni, dazu vier Minister und der ehemalige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi. Von Bischöfen, Pfaffen und Bürgermeistern ganz zu schweigen - es ist wie bei "Don Camillo und Peppone".

Nur der Freund und Förderer Farinettis, der linke Ex-Premier Renzi, fehlt. Warum? "Der ist nur noch Parteichef."

Die versammelten Würdenträger lassen sich von Farinetti zum Kuhstall schleppen, dann durch eine Art Viehgatter von der Menge getrennt vorwärtsschieben und schließlich im Atrium ans Mikrofon bitten. "Fico, das ist Italien, die Quintessenz dessen, was uns ausmacht", sagt der Regierungschef. Es folgen die Nationalhymne und "Va pensiero" aus Verdis Oper "Nabucco". Alles in allem: beinahe ein Staatsakt.

"Die Politiker waren nicht hier, um mir in den Arsch zu kriechen", sagt Farinetti Wochen später wörtlich auf die Frage, ob er stolz sei, dass ihm fast die halbe Regierung ihre Aufwartung gemacht habe, "die waren hier, weil Fico ein öffentlich-privates Wunderwerk ist." Und in der Tat: Farinettis Erlebnispark verdankt sich einem gemeinsamen Kraftakt der Stadt Bologna, diverser Privatinvestoren und Universitäten, Ministerien und Tourismusbeauftragter.

Zu Farinettis Stärken zählt es, Leute zusammenzubringen, die am Zustand des Landes etwas ändern und gleichzeitig dabei verdienen wollen. Die meisten von ihnen sind in der politisch gesehen linken Reichshälfte Italiens zu Hause. Im Falle Fico heißt das: im System Coop.

Gianmarco Maraviglia / DER SPIEGEL

Eataly-Gründer Farinetti: "Die Schönheit dieses Landes erzählen"

Die in der traditionell roten Emilia Romagna tief verwurzelte "Coop-Connection", über die der Buchautor Antonio Amorosi schreibt, fußt auf der Idee, durch Konsumentengenossenschaften Arbeiter günstig mit Lebensmitteln zu versorgen. In und um Bologna aber steht die Coop für einen Kapitalismus, der nach den hermetischen Regeln der hier lange Zeit führenden Kommunistischen Partei Italiens funktioniert.

Farinetti hat die Coop, ohne die in dieser Gegend nichts geht, beim Projekt Fico als Betreiber und Investor mit ins Boot geholt. Er hat außerdem das auf 55 Millionen Euro geschätzte Grundstück ohne Ausschreibung von der Kommune überlassen bekommen. Die zu zahlende Miete hängt vom Umsatz ab. Farinetti selbst hat wenig zu verlieren, weil wenig investiert. Er kassiert, wenn der Laden brummt.

Wirft ihm jemand vor, er bezahle seine Leute nicht ordentlich, droht Farinetti mit dem Anwalt. Weist ihn jemand darauf hin, dass unweit seines Erlebnisparks samt Freilandvieh eine Müllverbrennungsanlage steht, der in einer Studie von 2012 überdurchschnittlicher Ausstoß an Cadmium bescheinigt wird, dann sagt Farinetti: "Diese Anlage hier stößt nichts Schädliches aus, sie hat wahrscheinlich die niedrigsten Abgaswerte in ganz Europa."

So ist er halt. Einer, der von sich sagt, er verwechsle schon mal Zahlen und Namen, zum Beispiel Goebbels mit Goethe, aber er sei eine von Grund auf ehrliche Haut: "Mein Vater war Kommandant bei den Partisanen, er hat mir als wichtigsten Wert die Ehrlichkeit beigebracht, ich würde keinem auch nur drei Lire stehlen."

Das Haus, in dem der Partisanenkommandant Paolo Farinetti nach dem Krieg gewohnt hat und in dem der kleine Oscar aufgewachsen ist, steht in der Trüffel-Hochburg Alba im Piemont. Ein Palazzo aus dem 14. Jahrhundert mit Arkaden, wo im Erdgeschoss die Farinettis Pasta herstellten. Die Familie war arm. In Alba entstand 1967 die Elektrogerätehandlung UniEuro, die den Grundstein für Farinettis Vermögen legte. "Oscar sprach schon in den Siebzigern von 'Supermarkt', da wusste in Italien noch keiner, was das sein soll", sagt seine Schwester Paola. "Pensa in Grande" - Think Big - steht auf den Werbeplakaten im Turiner Stammhaus von Eataly, einem ochsenblutfarbenen Flachbau neben den alten Fiat-Werken.

Die Kette hat mittlerweile 38 Filialen zwischen Turin und Tokio, zwischen der Münchner Schrannenhalle und der New Yorker Fifth Avenue. Der Umsatz nähert sich einer halben Milliarde Euro, an die 22.000 Produkte werden angeboten. Die Ursprungsidee, kleinen Qualitätsbetrieben eine Bühne zu bieten, droht in den Hintergrund zu rücken: Bei den nun benötigten Mengen kann nicht jeder mithalten.

Und so liegen im Turiner Eataly neben edelsten Käsen, Würsten und Jahrgangs-Barolos inzwischen auch Schutzhandschuhe aus chinesischer Fertigung für acht Euro und vorgekochte Schweinshaxen-Konserven, im Paket zu haben mit einer Flasche Bier - ein Silvestermahl für Eilige.

Das ist nicht wirklich das, was ein Stockwerk höher in dieser alten Vermouth-Fabrik der Slowfood-Gründer Carlo Petrini fordert: "Es geht darum, den Konsum zu begrenzen und die Verschwendung zu verringern", so der graubärtige Guru, der die Wachstumsstrategie seines Freundes seit Längerem kritisch begleitet. Schließlich war er es, Petrini, der den Elektrogerätehändler Farinetti erst auf die Idee mit der Vermarktung bewussten Essens gebracht hat.

Gianmarco Maraviglia / DER SPIEGEL

Fico-Feinkostherstellung in Bologna

Farinetti aber will weiter wachsen. Pannen nimmt er als Ansporn. "Ab und zu einen Fehler machen tut gut, oder?", fragt er. Im Dezember 2016 wurde ihm der Schmähpreis "Goldener Tapir" verliehen, weil seine Belegschaft im New Yorker Eataly Wurst und Käse mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum verkauft oder umetikettiert haben soll. Farinetti dankte für den Hinweis und versprach Besserung.

Im Kern bleibt er unbeirrbar. Er sieht sich als Missionar. Italien müsse sich öffnen, sagt Farinetti: "Wir sind das Land von Christoph Kolumbus und Marco Polo, wir haben den Westen und den Osten der Welt entdeckt, aber was sind wir geworden? Provinzheinis."

Er träume, was Fico betrifft, von "16 Bussen voller Japaner pro Tag, die sich bei uns anschauen, wie gut das alles funktioniert", sagt Farinetti, während er im Zug mit Tempo 300 durch sein Heimatland rast, "und von 80 Bussen voll mit italienischen Rentnern", die samt Enkeln nach Bologna kommen. "Eine Stadt in der Stadt, weit weg vom Zentrum, wird da entstehen müssen, damit das Projekt funktioniert", warnt der Oppositionsführer Massimo Bugani von der Fünf-Sterne-Bewegung. "Spektakel, Kinos, Hotels, Schwimmbäder brauchen die dort - sonst wird das nichts."

Farinetti selbst bleibt optimistisch, auch wenn er schlaflose Nächte einräumt: "Wer keine Panik hat, weiß nichts vom Leben." In Wahrheit aber ist er im Kopf wohl schon wieder weiter, seine Trüffelnase wittert neue Geschäfte: Alle zehn Jahre, sagt er, müsse er was Neues machen, "ein weißes Blatt beschreiben".

Spätestens 2019 soll es mit Eataly an die Börse gehen: "Wir brauchen das Kapital nicht, aber das einzig global aktive Lebensmittelhandelsunternehmen Italiens muss an den Markt." Vermutlich schon vorher kommt das nächste Projekt - neben dem Turiner Stammhaus von Eataly entsteht "Green Pea", ein Warenhaus für Gebrauchsgegenstände aus italienischer Herstellung. In gewisser Hinsicht könnte sich dort ein Lebensweg runden: Oscar Farinetti kehrt zurück zu den Waschmaschinen.

Alles wie früher. Nur diesmal öko.

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