Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Ausgabe
14/2017

Erdogans Facebook-Hasser

MitAnlaufInDieFresse

Hetze statt Herzchen: Auf Seiten wie "Osmanische Generation" sammeln sich Zehntausende Erdogan-Fans aus Deutschland. Sie verbreiten Hass, Halb-Wahrheiten und Verschwörungstheorien. Eine verstörende Parallelwelt.

AFP

Pro-Erdogan-Demonstration in Oberhausen

Von Susan Djahangard und
Montag, 03.04.2017   05:23 Uhr

Eine Frau hat eine kleine Liebeserklärung an Recep Tayyip Erdogan verfasst. "Führer bis zum Tod, 'Ja' bis zum Tod, Vaterland bis zum Tod", steht auf einem Stück Papier, zwei rote Herzen hat sie danebengemalt und das Ganze samt Wahlzettel mit dem Handy fotografiert. Danach hat sie es via Facebook in die Welt geschickt.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 14/2017
Sind wir bereit für die perfekte Zukunft?
Was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt

Andere Botschaften im Internet sind offen feindselig: "Als würde ich die Ungläubigen schlagen, habe ich meinen Stempel gesetzt", hat ein Deutschtürke gedichtet und das Werk ebenfalls neben seinem Wahlschein abgelichtet. Bei der Volksabstimmung zur Verfassungsänderung in der Türkei machen die Wähler kein Kreuz, sondern stempeln ihre Entscheidung entweder mit "Hayir", Nein, oder mit "Evet", Ja.

Seit hierzulande am 27. März die Wahllokale für 1,4 Millionen wahlberechtigte Türken in Deutschland öffneten, kursieren viele dieser Foto-Statements in den sozialen Netzwerken, und sie enthalten häufiger Hass als Herzchen. Am 16. April fällt die Entscheidung, ob Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Türkei zu einem Präsidialsystem umbauen darf. In deutsch-türkischen Nachrichtenblogs, auf Facebook-Seiten oder Instagram-Profilen gibt es derzeit kaum ein anderes Thema.

Die meisten Erdogan-Anhänger, die sich dort tummeln, fiebern einem weiteren Machtausbau ihres Präsidenten entgegen. Sie lassen sich in Kommentarspalten von Seiten wie "Muslim Mainstream" oder "News Special 24" auf Facebook aus. Diese Angebote haben Zehntausende Nutzer. Die "Osmanische Generation", die eine Türkei in ihrer historischen Größe heraufbeschwört, wurde schon 50.000-mal mit "Gefällt mir" bedacht.

Der heftige Streit zwischen Deutschland und der Türkei um Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hat den Pro-Erdogan-Gruppen viele neue Fans eingebracht. Zuvor befeuerten die Debatten um das Böhmermann-Schmähgedicht über Erdogan oder die Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern ihren Furor.

Im Netz ist so eine starke konservativ-muslimische Gegenöffentlichkeit entstanden - mit anderen Themen, anderen Meinungen und anderen Wahrheiten, als sie in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert werden. Die Gedankenwelt, die sich hier offenbart, ist teilweise verstörend. Dass zionistische Geldgeber hinter deutschen Medien steckten, ist unter den Nutzern häufig Konsens, genauso wie die Behauptung, dass westliche Mächte am liebsten ein großisraelisches Reich erschaffen wollten. Und hatten die Deutschen beim Putschversuch in der Türkei nicht auch ihre Finger mit im Spiel? Ömer Faruk, Anfang zwanzig, hat vor vier Jahren die Facebook-Seite "Wir haben Erdogan" mitgegründet. Zurzeit verbringt der Frankfurter jeden Tag mehrere Stunden damit, auf Facebook oder Instagram Kommentare, Videos oder Nachrichten zu posten. Er sei Teil einer Kerngruppe von 50 bis 70 jungen Leuten, die mehrere Seiten bestücken, sagt er. Die "Osmanische Generation" gehöre zu dem Freundesnetzwerk genauso wie "Unchained New Turkey" oder "Stolz der Türkei - R. T. Erdogan".

"Die deutsch-türkische Community ist darauf angewiesen, dass wir das machen", behauptet Faruk. Die meisten Türken fühlten sich durch die deutschen Medien nicht vertreten. Außerdem sei das Bedürfnis nach "richtigen Informationen" zum Thema Türkei extrem groß. Warum zum Beispiel, fragt er, zeige kein deutsches Nachrichtenportal, dass Erdogan vor ein paar Tagen in Istanbul einen Wahlkampfstand der Opposition besucht habe, um den Dialog zu suchen? Seine Antwort liefert er gleich dazu: "Weil es nicht in euer Bild von ihm passt."

Zur Recherche ihrer Nachrichten nutzen der Hobbyjournalist und seine Mitstreiter türkische Medien, sie fragten auch direkt bei der Regierungspartei AKP an, sagt Faruk. Dafür gebe es eine eigene WhatsApp-Gruppe mit Abgeordneten in der Türkei.

Markus Hintzen / DER SPIEGEL

Erdogan-Anhänger Faruk

Faruk ist in Deutschland geboren und will vom kommenden Wintersemester an Jura studieren. Er lese durchaus auch deutsche Zeitungen und Magazine, sagt er, das fällt aber offenbar eher unter das Motto Feindbeobachtung. Vieles, was er da sehe, sei "totaler Quatsch". Beispielsweise werde häufig falsch aus dem Türkischen zitiert, behauptet er. Als Erdogan über türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, die für die Armenien-Resolution stimmten, sagte, sie hätten "verdorbenes Blut", sei das wörtlich übersetzt worden. Treffender sei, dass sie einen schlechten Charakter hätten, das bedeute der Ausspruch. Etliche Medien nannten damals allerdings beide Übersetzungsvarianten.

Cem Özdemir ist eine der meistgehassten Figuren in der digitalen türkischen Öffentlichkeit. Auf vielen Facebook-Seiten wurde in den vergangenen Tagen ein Video des Grünen-Parteichefs geteilt, in dem er für ein Nein beim Referendum wirbt. Er wird in den Kommentarspalten fast nur "Götdemir" genannt. "Göt" heißt auf Türkisch "Arsch". "Hurensohn", "ehrloser Bastard" und "bekiffter Hirniii!" gehören noch zu den schmeichelhafteren Verunglimpfungen.

Auch den verfolgten ehemaligen Chefredakteur der "Cumhuriyet", Can Dündar, der in Deutschland im Exil lebt, haben die Erdogan-Anhänger im Visier. Es kursiert ein Foto von ihm, bei dem sein Mund durch einen Anus ersetzt wurde. Dem inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel wünscht man, dass er "im Knast verrecken" möge.

Als vermeintlichen Beleg für seine Nähe zu PKK-Terroristen führen manche Portale ein Foto Yücels an, das während der Kulturveranstaltung "Hate Poetry" aufgenommen wurde. Deutsche Journalisten mit Migrationshintergrund machen sich auf diesem Podium über rassistische und andere Hass-Leserbriefe lustig. Die Bühne ist jedes Mal mit Girlanden und Flaggen geschmückt, auch das Porträt von PKK-Führer Abdullah Öcalan hängt bisweilen neben Angela Merkels Foto am Tisch. Ein satirisches Statement, kein politisches. Der türkischen Propaganda im Netz dient es als Beweis.

Besonders der Blogger Bilgili Üretmen hat sich auf den "Welt"-Korrespondenten eingeschossen. Als Facebook-Hintergrundbild hat er auf seiner Profilseite das Konterfei des Journalisten hochgeladen, überschrieben mit einem fetten "#FCKYücel", Fuck Yücel. Seinen Videos gibt Üretmen Titel wie "#EVETmitAnlaufinDieFresseEVET" (mehr als 140.000 Aufrufe) oder regt anlässlich der niederländischen Wahlen im Livestream ein "kollektives Morgenkotzen" (mehr als 20.000 Aufrufe) an, um seine Botschaften loszuwerden.

Ömer Faruk von "Wir haben Erdogan" schlägt längst nicht so schrille Töne an. Er ist ein höflicher Gesprächspartner. Trotzdem löscht er die Hasskommentare vieler Nutzer nicht. Er befürworte so etwas zwar nicht, sagt er. Aber es sei ihm "schon rein zeitlich nicht möglich, alles zu kontrollieren und zu löschen". Außerdem: "Wer Hass sät, muss auch damit rechnen, Hass zu ernten." Er und seine Seite seien selbst häufig Zielscheibe für Drohungen und Beschimpfungen, so Faruk, vonseiten der Rechten, aber auch von Erdogan-Gegnern.

Siamak Ahmadi, 35, kennt die meisten gängigen Verschwörungstheorien. Er findet sie online, aber auch offline, wenn er mit Jugendlichen spricht. Der Berliner Psychologe hat die Initiative "Dialog macht Schule" mitgegründet. Sie soll das Demokratieverständnis und die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen, die mehrheitlich einen Migrationshintergrund haben, stärken. Ahmadi und sein Team schicken sogenannte Dialogmoderatoren in die Schulen, um über Themen wie Social Media, Identität oder Terror zu diskutieren. Manchmal lassen sie die Jugendlichen auch Beiträge gestalten, die sie auf Facebook posten können.

Die Initiative versucht auf diese Weise, eine Art Gegengewicht zu den populären Internetportalen zu bilden. Allein die Seite "Killuminati " hat auf Facebook 600.000 Abonnenten. Auf Seiten wie dieser werden nicht nur Verschwörungstheorien präsentiert, sondern auch Fragen aufgeworfen, die sich viele muslimische Jugendliche offenbar stellen: Warum musste der deutsch-tunesische Fußballspieler Änis Ben-Hatira Darmstadt 98 verlassen, nachdem er den Hilfsverein Ansaar International unterstützte? Die Organisation ist laut Verfassungsschutz eng mit der deutschen Salafistenszene verwoben. Oder: Warum wurde in Deutschland nicht mehr über den Tod eines syrischen Jugendlichen in Bremen berichtet, den Kurden zu Tode geprügelt haben sollen? Wieso werde nicht stärker gegen die PKK vorgegangen, die in Deutschland als Terrororganisation verboten ist? "Seiten wie die der 'Osmanischen Generation' befassen sich mit diesen Dingen. Sie geben den Jugendlichen das Gefühl: Wir sind für euch da, ihr seid einer von uns", sagt Ahmadi. Das spreche sie an, gerade in der Pubertät, einer Zeit der Identitätssuche.

Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge hatten schon 2012 nur 16,5 Prozent der Muslime in Deutschland das Gefühl, dass sich die etablierten deutschen Medien um ihre Bedürfnisse kümmerten. Seitdem ist viel passiert, was das Verhältnis nicht unbedingt verbessert hat. Mehr als 80 Prozent meinten, dass Muslime in den Medien stereotyp dargestellt würden.

Ein Deutschtürke postete vor einigen Tagen seine eigene Botschaft aus der Wahlkabine eines türkischen Generalkonsulats auf Facebook. "Dieses Ja ist für euch", schrieb er auf einen Zettel neben seinem Wahlschein. "Für Cem Götdemir und die deutschen Medien."

insgesamt 24 Beiträge
eunegin 03.04.2017
1. neue, verquerte Generation der Deutsch-Türken?
Die Türken und Deutsche mit türkischen Wurzeln, mit denen ich seit 1975 zu tun habe, hat mit diesen hassgetriebenen Querulanten und Spaltern nichts gemein, tritt ihnen aber nicht entschieden entgegen. Allerdings kenne ich kaum [...]
Die Türken und Deutsche mit türkischen Wurzeln, mit denen ich seit 1975 zu tun habe, hat mit diesen hassgetriebenen Querulanten und Spaltern nichts gemein, tritt ihnen aber nicht entschieden entgegen. Allerdings kenne ich kaum jüngere auf persönlicher Ebene und auch keine sozialen Problemfälle - man ist eben meist in seiner Generation und in seinem Umfeld unterwegs. Wann lief da etwas schief? Das sind letztlich ja die Kinder meiner Bekannten, die alle selbst gut in unserer Gesellschaft mitschwimmen und ihren Anteil leisten.
dallmann67 03.04.2017
2. Toleranz für die INtoleranz
zahlt sich nie aus. Die deutsche Politik inklusive der Mainstreammedien bekommen jetzt die Quittung für falsche "Toleranz" und Wegschauen und Wegducken in der causa Migration in der Vergangenheit und auch heute noch. [...]
zahlt sich nie aus. Die deutsche Politik inklusive der Mainstreammedien bekommen jetzt die Quittung für falsche "Toleranz" und Wegschauen und Wegducken in der causa Migration in der Vergangenheit und auch heute noch. Menschen, die sich offen und aggressiv gegen unsere geltende Werteordnung, unser GG, unsere Lebensform, unsere "offene" Gesellschaft stellen und dagegen kämpfen, Menschen die die Scharia über das Gesetz stellen, dürfen in diesem Land keinen Platz haben. Solche Menschen muss und kann man NICHT (!) "integrieren", denn sie wollen nicht integriert werden, ganz im Gegenteil. Deutschland muß hier endlich die Reißleine ziehen und diese Leute des Landes verweisen (zumindest wenn sie keinen dt. Pass haben). Denn diese Leute sind eine immense Gefahr für die öffentliche Sicherheit und verhindern ein friedfertiges und tolerantes Zusammenleben.
niemalsnicht 03.04.2017
3. Kein Mensch brauch sich wundern
Keiner brauch sich wundern, wenn Menschen zu PEGIDA laufen oder die AfD wählen, angesichts solcher Entwicklungen. Viele Menschen haben genau vor solchen Migranten oder Flüchtlingen mit entsprechenden Einstellungen Angst. Die [...]
Keiner brauch sich wundern, wenn Menschen zu PEGIDA laufen oder die AfD wählen, angesichts solcher Entwicklungen. Viele Menschen haben genau vor solchen Migranten oder Flüchtlingen mit entsprechenden Einstellungen Angst. Die Angst ist real und wird durch dutzende solcher Seiten in den assozialen Medien befeuert, wo gegen Deutschland, Deutsche oder Ungläubige offen "gehetzt" wird und man sich in seiner eigenen Blase hochschaukelt. Es liegt an den türkischen Verbänden, Vereinen, "Gemeinden" oder wie auch immer diese organisiert sind, offen und entschieden gegen solche Tendenzen anzugehen und den Menschen in diesem Land zu zeigen, dass man friedlich zusamen laben möchte und die hier bestehenden Werte, Glauben und Kulturen akzeptiert und respektiert. Man darf den Menschen nicht den Eindruck hinterlassen die schweigenden Mehrheit der Türken würde den Entwicklungen stillschweigende Zustimmen.
mangolover 03.04.2017
4. Ein Drama
Nun kann es der letzte gutwillige Multikulti Deutsche kaum noch ignorieren. Die verquere Geisteswelt vieler Deutschtürken war ja schon immer Realität nur kommt sie jetzt erst richtig raus. Schade eigentlich, denn es gibt genug [...]
Nun kann es der letzte gutwillige Multikulti Deutsche kaum noch ignorieren. Die verquere Geisteswelt vieler Deutschtürken war ja schon immer Realität nur kommt sie jetzt erst richtig raus. Schade eigentlich, denn es gibt genug Türken, die das nicht mitmachen und die nun darunter zu leiden haben. Nur wir müssen diese Parallelgesellschaft nun etwas besser in Auge behalten und auch auf extreme Auswüchse mit allen rechtlichen Konsequenzen reagieren. EU Beitritt? Vergesst das!
acitapple 03.04.2017
5.
Oh doch, sowas kann man sehr gut ignorieren. Die biodeutschen Deutschlandhasser aus dem linken Spektrum werden sagen, es lag an den Deutschen, die sich nicht genug um die Einwanderer kümmerten. Herr Beck hatte ja auch schon [...]
Zitat von mangoloverNun kann es der letzte gutwillige Multikulti Deutsche kaum noch ignorieren. Die verquere Geisteswelt vieler Deutschtürken war ja schon immer Realität nur kommt sie jetzt erst richtig raus. Schade eigentlich, denn es gibt genug Türken, die das nicht mitmachen und die nun darunter zu leiden haben. Nur wir müssen diese Parallelgesellschaft nun etwas besser in Auge behalten und auch auf extreme Auswüchse mit allen rechtlichen Konsequenzen reagieren. EU Beitritt? Vergesst das!
Oh doch, sowas kann man sehr gut ignorieren. Die biodeutschen Deutschlandhasser aus dem linken Spektrum werden sagen, es lag an den Deutschen, die sich nicht genug um die Einwanderer kümmerten. Herr Beck hatte ja auch schon vorgeschlagen, die Deutschen sollten arabisch lernen um den Neuankömmlingen die Integration zu erleichtern. So denkt man auf jener Seite der selbstgebastelten Realität. Dort ist so eine Parallelgesellschaft ja auch eine Kulturbereicherung. Das trifft im Grunde auf alles zu was „Nie-wieder-Deutschland“ unterstützt. Wie sonst wäre zu erklären, dass einige Medien sich wirklich fragten, ob es nicht rechtsradikal sei über Kriminalität von Ausländern/Flüchtlingen zu berichten. Da werden eben Wahrheiten verschwiegen oder verdreht, damit man bloß nicht den Rechten in irgendwas Recht geben muss. Dass damit eben solche Zustände gefördert werden nimmt man in Kauf. Sollten jene Kräfte jedoch mal an die Macht kommen, werden genau jede Medien die ersten sein, die dran glauben müssen. Man tauscht nur einen Faschismus gegen den anderen aus. Unterschiedliche Farben mögen sie haben, die Ergebnisse sind die Gleichen.

Artikel

© DER SPIEGEL 14/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP