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Politik
Ausgabe
1/2018

Umstrittene Berliner Moschee

Fällt die deutsche Politik auf Islamisten herein?

Bei der Gedenkfeier für die Terroropfer vom Breitscheidplatz trat auch ein Seelsorger der umstrittenen Dar-As-Salam-Moschee auf. Aber ist die Szene wirklich radikal?

DPA

Dar-as-Salam Moschee in Berlin.

Von und Hassan Zahid
Freitag, 29.12.2017   19:24 Uhr

Historiker streiten darüber, ob Martin Luther seine Reformationsthesen 1517 mit Nägeln an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg hämmerte oder ob er Leim verwendete. Im Fall Abdel-Hakim Ourghis gibt es keinen Zweifel: Es war ein Tesafilmroller, den der Islamwissenschaftler zu Hilfe nahm, um sein Plakat an die Eingangstür der Dar-As-Salam-Moschee in Berlin zu kleben. "Reform des Islam", diese Worte standen dort in grüner Schrift auf weißem Untergrund - und darunter 40 Thesen. Sie lauteten "Es ist Zeit für einen Europäischen Islam", "Muhammad ist nur ein Mensch wie die anderen Menschen" oder "Eine Reform des Islam braucht mutige Reformer".

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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Ourghi hatte an diesem frühen Oktobersamstag Journalisten eingeladen, die seine Aktion fotografierten und filmten. Das evangelische "Sonntagsblatt" zitierte ihn mit der Aussage, in der Nacht zuvor kein Auge zugetan zu haben, so groß sei seine Angst gewesen. Der Berliner Verfassungsschutz erwähnt die Dar-As-Salam-Moschee und ihren Trägerverein seit 2014 in seinen Berichten. Ourghi sagt, er habe die Gebetsstätte ebenfalls "genau unter die Lupe genommen" und festgestellt, dass dort der Koran "über allem - auch über dem Grundgesetz - steht". Die Soziologin Necla Kelek bescheinigte der Gemeinde, sie zähle zu den "reaktionärsten Moscheen Berlins".

Wo also hätte Ourghi sich besser als muslimischer Luther in Szene setzen können?

Der Aufschlag zumindest ist ihm gelungen, sein Buch über eine Reform des Islam wurde in der Presse viel besprochen. Ourghi, Leiter der Abteilung für Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, ist auf dem besten Weg, zu einem der populärsten Islamexperten Deutschlands zu werden. Die Frage ist allerdings: Hat er sich für seinen Coup die richtige Moschee ausgesucht?

Olaf Wagner

Prediger Sabri in der Neuköllner Dar-As-Salam-Moschee: Vieles ist anders, als es auf den ersten Blick scheint

Der Imam des Gebetshauses, Mohamed Taha Sabri, fühlt sich ins falsche Licht gerückt und kämpft um seinen guten Ruf. Ourghi gehe es "eindeutig nicht um eine Reform des Islam, sondern lediglich um die Eigenvermarktung", sagt Sabri. Diese versuche er nun auf Kosten der Dar-As-Salam-Moschee voranzutreiben.

Der Konflikt der beiden Muslime ist eines der irritierendsten Kapitel, die es derzeit in der innerislamischen Debatte gibt - und er zeigt, welch ambivalente Figuren dort den Ton angeben. Für die deutsche Öffentlichkeit ist es schwierig, den Durchblick zu behalten. Auch Politiker tun sich mit der Auswahl der richtigen Kooperationspartner schwer. Vieles ist anders, als es auf den ersten Blick erscheint, und lässt sich schwer entschlüsseln. Seit Tagen steht der Berliner Senat in der Kritik, weil ein Seelsorger der Dar-As-Salam-Moschee auf der Gedenkfeier für die Terroropfer vom Breitscheidplatz sprechen durfte.

Mohamed Taha Sabri, 52, steht mit schwarzem Mantel und weißer Kopfbedeckung auf der Kanzel. Zu seinen Füßen sitzen an diesem Novemberfreitag die Gläubigen dicht gedrängt auf dem beige-roten Teppich. Vor knapp 30 Jahren kam Sabri aus Tunesien. Er spricht fließend Deutsch, seine Predigten hält er allerdings auf Arabisch. Den meisten Männern, die ihm am heutigen Tag zuhören, bereitet das keine Probleme. Sie kommen aus Syrien, Palästina oder Nordafrika. Wer kein Arabisch versteht, kann sich beim Hausmeister Kopfhörer abholen. In einem Nebenraum sitzt ein Simultanübersetzer. Frauen verfolgen die Predigt durch Fenster von einer Galerie aus oder auf einem Bildschirm.

Sabri erzählt seiner Gemeinde von Martin Luther und warum Deutschland jüngst den Reformationstag feierte. Luthers Wirken sei wesentlich für den Fortschritt der westlichen Länder Europas gewesen. "Braucht auch der Islam eine Erneuerung?", fragt er. "Ich sage Ja!" Denn der Islam sei nicht frei, er werde durch die Politik bestimmt. Auf diese Weise sei eine radikale Religion entstanden, die Gewalt verherrliche. Jeder, der sich einen islamischen Staat in Deutschland wünsche, solle das Land verlassen. Hierzulande gebe es eine der besten Verfassungen der Welt.

Jesco Denzel / DER SPIEGEL

Prediger Sabri in der Neuköllner Dar-As-Salam-Moschee: Vieles ist anders, als es auf den ersten Blick scheint

Was Sabri predigt, klingt nicht so, als würde er das Grundgesetz verleugnen. Die arabische Fassung, die dem SPIEGEL als Tonaufzeichnung vorliegt, stimmt sinngemäß mit der deutschen Version des Synchrondolmetschers überein. Allerdings wusste der Imam, dass an diesem Tag eine Journalistin mithören würde. Nur Show?

Es gibt Leute wie Necla Kelek, die davon ausgehen, dass Sabri sich verstellt. Im Islam gibt es ein umstrittenes Prinzip, das als "Takija" bezeichnet wird: Demzufolge ist es erlaubt zu lügen, um sich in einem feindlich gesinnten Umfeld zu schützen. Dieses Konzept spielt vor allem in der schiitischen Glaubenslehre eine Rolle. Unter Sunniten ist es eher verpönt. Trotzdem beziehen sich manchmal auch sunnitische Dschihadisten darauf. Aber eine Fake-Predigt vor fast tausend Gläubigen?

An einem anderen Freitag besuchte ein irakischstämmiger Mitarbeiter des SPIEGEL ohne Anmeldung die Dar-As-Salam-Moschee. An diesem Tag spricht Sabri über Geldgier und die Neigung der Menschen, sich im Diesseits zu sehr auf die Anhäufung materieller Güter zu konzentrieren. Er ermahnt seine Gemeinde aber auch: "Gott möchte keinen Hass zwischen den Religionen." Jeder Mensch habe das Recht, seinen Glauben frei zu wählen.

Diese Predigt ist ebenfalls weder reaktionär noch radikal. Genauso wenig wie es Sabris direkter Umgang mit Frauen zu sein scheint. Er empfängt auch Besucherinnen, die kein Kopftuch tragen, in seiner Moschee und gibt ihnen zur Begrüßung die Hand. Strengkonservative lehnen das ab. Auch den Kontakt zu deutschen Medien scheut Sabri nicht.

In Programmkinos läuft derzeit "Inschallah", eine Dokumentation über Sabris Arbeit als Imam. Die Filmemacherinnen Judith Keil und Antje Kruska hatten ihn mehr als ein Jahr lang begleitet. "Ich bin froh, dass wir mit dem Projekt begonnen haben, bevor der öffentliche Sturm über Taha Sabri hereinbrach", sagt Keil. "So hatten wir uns unsere Meinung schon gebildet und waren uns sicher, dass wir in unserer Bewertung auf sicherem Fundament stehen." Sabri sei beständig darum bemüht, "zwischen aufeinanderprallenden Kulturen, Gläubigen und Ungläubigen Brücken zu schlagen".

Im Sommer nahm er am "Marsch der Muslime gegen den Terrorismus" teil, einer einwöchigen Bustour. Imame aus ganz Europa bereisten Orte, an denen islamistische Terroranschläge stattgefunden hatten. 2015 erhielt Sabri den Landesverdienstorden für seine Integrationsbemühungen, oft schon hat er Politiker in seiner Moschee empfangen.

Auch mit der evangelischen Kirche kooperiert Sabri. "Wir haben uns natürlich erst mal Sorgen gemacht, ob wir den falschen Partner haben", sagt Martin Germer, Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. "Aber Mohamed Taha Sabri hat uns im direkten Umgang durch seine Offenheit überzeugt." Man habe sich außerdem von Islamkennern beraten lassen. Germer hat einen offenen Brief an den Islamwissenschaftler Ourghi geschrieben, in dem er ihm eine "reine Publicityaktion" unterstellt und Sabris "unterstützenswertes Engagement" lobt. Germer sagt, er kenne die Vorwürfe gegen den Imam natürlich. "Aber für mich zählen vornehmlich die Taten eines Menschen."

Weder die Sicherheitsbehörden noch Kritiker wie Ourghi finden diese allerdings überzeugend genug. Was haben sie gegen den Prediger vorzubringen, der so weltoffen wirken will?

Die Finanzierung der Moschee wirft Fragen auf. In Zeitungen war zu lesen, die Dar-As-Salam-Moschee erwarte eine Millionenspende aus Kuwait. Über diese Meldung ärgerte sich Sabri sehr. Tatsächlich habe er im Berliner Senat angefragt, ob es unbedenklich wäre, Geld etwa von kuwaitischen Stiftungen anzunehmen, um einen Anbau zu finanzieren, sagt er. Die Sache sei im Sande verlaufen. Geld aus dem Ausland bekomme man keines. Die Moscheegemeinde finanziere sich durch Spenden Gläubiger aus Deutschland.

Der Berliner Verfassungsschutz macht der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS), dem Träger der Moschee, vor allem zwei Vorwürfe: Erstens gebe es Verbindungen zur Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die der international agierenden islamistischen Muslimbruderschaft nahesteht. So hätten Veranstaltungen IGD-naher Organisationen in der Dar-As-Salam-Moschee stattgefunden. Außerdem ist die Moschee in einem Gebäude untergebracht, das einem IGD-nahen Verein gehört. Die Kaltmiete beträgt nur 750 Euro monatlich. Sabri sagt dazu: Mieter sein heiße nicht, Mitglied zu sein. Er werde nicht durch die Muslimbrüder beeinflusst. Kontakte zu Personen aus dem IGD-Milieu seien schon allein deshalb schwer zu vermeiden, weil man Teil der arabischen Community sei.

Der zweite Punkt, der die Verfassungsschützer beschäftigt, sind Gastauftritte von Extremisten in der Dar-As-Salam-Moschee. 2014 war ein Prediger aufgetreten, der den Sicherheitsbehörden zufolge der radikalislamischen palästinensischen Hamas nahesteht. Auch der saudi-arabische Extremist Mohammad al-Arifi hielt 2009 und 2013 ein Gastspiel ab; er ist bekannt dafür, dass er gegen Juden, Homosexuelle und Schiiten hetzt. Sabri begrüßte ihn dennoch sehr höflich in seiner Moschee, so ist es auf einem YouTube-Video von 2013 zu sehen. Es ist unmöglich, dass er nicht wusste, wer da sein Haus betrat.

Arifi auftreten zu lassen "war ein Fehler, den wir bereuen", sagt der Imam. Man habe sich nicht ausreichend klargemacht, was das bedeute. Arifi habe sich zumindest in der Dar-As-Salam-Moschee nicht gegen Andersgläubige oder Homosexuelle ausgelassen. "Wir teilen seine Ansichten nicht", sagt Sabri. "Er wird nie wieder hier predigen, der Ruf unserer Gemeinde hat darunter sehr gelitten."

Sabri will erreichen, dass die Begegnungsstätte aus dem aktuellen Bericht des Verfassungsschutzes gestrichen wird, deshalb klagt er nun gegen das Land Berlin. Das Verfahren läuft.

Der Imam kämpft weiter darum, seine Moscheegemeinde in der Öffentlichkeit besser aussehen zu lassen. Gerade hat er eine Stellungnahme zu den israelfeindlichen Protesten in Berlin herausgegeben und die Aufrufe zur Gewalt gegen Juden sowie das Verbrennen israelischer Flaggen verurteilt. Die NBS erkenne das "Existenzrecht Israels als Staat" an, heißt es darin. Bei vielen arabischstämmigen Migranten kommt so etwas nicht gut an. Vor einigen Jahren sei er sogar von einem Salafisten bewusstlos geprügelt worden, sagt Sabri. Dieser habe ein Problem mit seinen Ansichten gehabt.

In den deutschen Medien allerdings fand die Pressemitteilung keine Erwähnung. Stattdessen entbrannte eine Debatte darüber, ob Vertreter der Dar-As-Salam-Moschee überhaupt das Recht haben sollen, sich gegen Terror und Gewalt auszusprechen, oder ob das die Opfer verhöhnt.

Mitte Dezember hatten die evangelische Landeskirche, das katholische Erzbistum und das Land Berlin unter anderem einen Seelsorger der NBS eingeladen, auf der interreligiösen Andacht für die Opfer des Terroranschlags am Breitscheidplatz zu sprechen. Mohamed Matar war ihnen vom Zentralrat der Muslime vorgeschlagen worden. Zeitgleich kam ein Screenshot eines Facebook-Posts des Seelsorgers in Umlauf, auf dem er das Foto einer erschossenen 16-jährigen Palästinenserin in Jerusalem gepostet hatte. "So friedlich, wie du da zu liegen scheinst, bin ich mir sicher, dass deine Seele gerade jeden Frieden und jede Barmherzigkeit erfährt", war dort zu lesen. Allerdings soll das Mädchen eine Terroristin gewesen sein, die israelische Sicherheitskräfte hatte töten wollen. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte einen Artikel mit der Schlagzeile "So islamistisch ist der Berliner Radikal-Imam". Er habe den Facebook-Post sofort gelöscht, als die genauen Umstände des Fotos bekannt geworden seien, sagt Matar.

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Artikel in der "Bild"-Zeitung vom 27. Dezember: "Positives wird ausgeblendet"

Die "Bild"-Zeitung war zudem auf ein Foto gestoßen, auf dem der Seelsorger der Kamera vier Finger entgegenstreckt, das sogenannte Rabia-Zeichen der Muslimbruderschaft. Der neuesten Meldung zufolge soll er wegen "charakterlicher Mängel" nach einer Ausbildung für den gehobenen Dienst bei der Polizei nicht übernommen worden sein.

Wie das alles zu bewerten ist, darüber streiten auch Experten. Susanne Schröter, Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam, bezeichnet es als "schweren Fehler", dass einer von Sabris Leuten auf der Gedenkfeier auftreten durfte.

Andreas Goetze, Landespfarrer für den interreligiösen Dialog in Berlin, der lange im arabischen Raum gelebt hat, warnt hingegen vor "Schwarz-Weiß-Malerei". Mit dem Rabia-Zeichen etwa hätten sich eine Zeit lang weltweit Muslime fotografieren lassen, nachdem ägyptische Sicherheitskräfte 2013 Hunderte Demonstranten umgebracht hatten, die mit den Muslimbrüdern sympathisiert hatten. Jedes negative Detail über die NBS werde derzeit hochgeschrieben, "Positives wird ausgeblendet". Dabei komme es auf das Gesamtbild an, sagt Goetze. Es sei wichtig, dass sich auch Muslime wie die Imame der Dar-As-Salam-Moschee öffentlich gegen Terror aussprächen, weil sie die Gläubigen wirklich erreichen könnten.

Meist sind es jene, die Imam Sabri persönlich kennen, die ihn verteidigen. Kritiker, die ihn als Kooperationspartner untragbar finden, beziehen sich auf die Vorwürfe des Verfassungsschutzes, aber auch auf Facebook-Posts oder Videopredigten. Das gilt ebenfalls für den Islamwissenschaftler Ourghi, der immerhin sagt, er habe sich intensiv mit der Moschee beschäftigt.

Nicht nur wegen seiner Aktion vor der Dar-As-Salam-Moschee muss sich auch Ourghi Vorwürfe gefallen lassen, unglaubwürdig zu sein - weniger von deutschen Medien als aus der muslimischen Community. Der Islamwissenschaftler möchte sich von Versen im Koran trennen, die etwa zu Gewalt aufrufen oder Frauenrechte einschränken. Diese seien für das 7. Jahrhundert gemacht, sagt Ourghi.

Vielen frommen Muslimen widerstrebt der Ansatz. Es gibt sogar Morddrohungen gegen Ourghi, deshalb wird sein Buch nicht ins Arabische übersetzt. Aber auch gemäßigte Muslime wollen seinen Weg nicht mitgehen, weil sie sich mündig genug fühlen, um im Koran nicht alles wörtlich zu nehmen. Sie haben das Gefühl, dass Ourghi ihnen diese Kompetenz abspricht.

Nimet Seker, Islamwissenschaftlerin an der Universität Frankfurt, wirft Ourghi "eine paternalistische Haltung" vor. Er ignoriere jegliche Ambivalenz und meide einen ernsthaften Dialog mit Fachkollegen. Dies führe zu einer "Dämonisierung muslimischer Strukturen".

Ourghi hält die Vorwürfe für Unsinn. Seine "muslimische Selbstkritik" stelle "keine plakative Abkehr vom Glauben dar, sondern vielmehr eine Liebeserklärung", für die er auch unter Muslimen großen Rückhalt bekomme. Seine Aktion vor der Dar-As-Salam-Moschee bereue er nicht. "Ich wollte eine Debatte anstoßen, und das ist mir gelungen."

Am Ende waren auch Ourghis Ängste vor seinem Auftritt in Neukölln unbegründet. Als der Islamwissenschaftler vor den Kameras versuchte, ungelenk über das schwergängige Metalltor zu klettern, kam ihm Imam Sabri entgegen - und bat ihn recht freundlich herein.

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