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Wissenschaft
Ausgabe
14/2018

Universität Harvard präsentiert

Das Geheimnis der Farben

Farben haben eine magische Wirkung auf die menschliche Psyche: Rot betört, Blau besänftigt, Schwarz löst Demut aus.

Jean Philip Lessard

Lapislazuli

Von
Donnerstag, 05.04.2018   18:50 Uhr

Woher stammen die Farben, was stellt der Mensch mit ihnen an, welche Rolle spielten sie in früheren Zeiten? In ihrer Kollektion archiviert die Harvard-Universität in Cambridge bei Boston mehr als 2500 Pigmente.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 14/2018
Die letzten Tage des Jesus von Nazareth

Jetzt haben die Kunstmuseen der Hochschule einen "Atlas seltener und gebräuchlicher Farben" herausgebracht. Er erzählt, wie das Bunte in die Welt kam; hier ein kleiner Reigen berühmter Töne:

Die erste Farbe

Pascale Georgiev for Atelier Editions

Roter Ocker

Roter und gelber Ocker sind den Ureinwohnern Australiens heilig. Denn dies sind die Farben der Erde. Eisenhaltige Minerale, die eine breite Palette von erdigen Gelb-, Orange- oder Rottönen ausbilden, waren die ersten Pigmente der Menschheit. Sie wurden auf Höhlenwände im eiszeitlichen Europa aufgetragen, sie dienten den Indianern Amerikas zur Körperbemalung, und in Australien sind sie Grundlage einer bis heute lebendigen Maltradition.

Über Jahrtausende brachen dort die Männer in oft Monate währenden Pilgerzügen zu den Ockervorkommen des Südens auf. Die heiligen Brocken, die sie von dort mitbrachten, dienten nicht nur den Künstlern als Farbe, sie waren auch ein wichtiges Handelsgut. In den "Ockerkriegen" versuchten die weißen Farmer von Mitte des 19. Jahrhunderts an diesem Treiben ein Ende zu setzen. Sie richteten unter den Aborigines ein Gemetzel an. Den Kult um den Ocker zu tilgen gelang ihnen nicht.

Gleißendes Pipi

Jean Philip Lessard

Indisch Gelb

Was ist es, was da auf den Bildern des englischen Landschaftsmalers William Turner so prachtvoll gleißt? Stimmt es, dass es sich um den Urin hungernder Kühe handelt? Das ist eines der ungelösten Rätsel der Pigmentforschung.

"Indisch Gelb" wurde einst in Form senffarbiger Kugeln aus dem Osten geliefert, und niemand wusste genau, woher es kam. Nur der unverkennbare Ammoniakgeruch nährte einen gewissen Verdacht. Diesen schien im Jahr 1883 der Brief eines indischen Kolonialbeamten zu bestätigen: In einem Dorf namens Mirzapur im Nordosten des Landes habe er persönlich die weltweit einzige Produktionsstätte des Farbpigments in Augenschein genommen, schrieb der Autor. Dort sei er Zeuge geworden, wie die Leute Kühe in Eimer urinieren ließen. Der Zustand der Tiere sei erbärmlich gewesen, denn um den Gelbwert des Exkrets zu optimieren, würden sie ausschließlich mit Mangoblättern ernährt.

Dass das bis Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchliche "Indisch Gelb" urinhaltig war, beweisen inzwischen Labortests. Der Rest der Geschichte ist unbestätigt. In Mirzapur jedenfalls kann sich heute niemand mehr daran erinnern, dass dort einst Kühe auf Mangodiät gesetzt worden seien.

Läuseblut auf den Talaren

Pascale Georgiev for Atelier Editions

Cochenille-Rot

Was als Spaniens "Siglo de Oro", goldenes Zeitalter, bekannt ist, könnte mit gleicher Berechtigung auch als rotes durchgehen, denn nicht nur Gold und Silber schafften die Spanier über den Atlantik, sondern auch jede Menge Rot.

Venezianischer Samt, römische Kardinalstalare, französische Dirnenwangen und britische Soldatenröcke - sie alle wurden mit Cochenille-Rot aus Südamerika gefärbt. Das Geheimnis, wie sich der Farbstoff herstellen lässt, erlernten die spanischen Kolonialherren von den Azteken und Inka: Die züchteten Cochenille-Schildläuse auf Kaktusblättern. Aus dem Lebenssaft dieser Insekten gewannen sie dann das scharlachrote Pigment, das den Spaniern so viel Wohlstand bescheren sollte.

Bis heute wird der Farbstoff etwa für M&Ms oder in Lippenstift verwendet, zu erkennen am Kürzel E120. Vegetarier rebellieren gegen die Nutzung des tierischen Produkts. Starbucks verzichtet inzwischen darauf und versichert, dass am Erdbeer-Frappuccino nicht länger Läuseblut klebt.

Tödliche Bleiche

Pascale Georgiev for Atelier Editions

Bleiweiß

Weiß verursache mehr seelische Pein als blutiges Rot, schrieb Herman Melville in seinem "Moby Dick".

Das mag Ansichtssache sein, unstrittig aber ist, dass Weiß dem Körper Schaden zufügen kann: Bleiweiß, lange Zeit das gebräuchlichste aller Pigmente, ist giftig. Das war schon in der Antike bekannt, dennoch mochten die Künstler auf ihr glänzendes Weiß nicht verzichten. Plinius der Ältere beschrieb, wie es herzustellen sei: Bleiplatten mussten neben Schalen voll Essig gelagert werden. Drum herum aufgehäufte Tierexkremente hielten die Temperatur konstant.

Das Ganze wurde versiegelt, bis Essigdämpfe und Dungausdünstung das Blei in strahlendweißes Bleikarbonat verwandelt hatten. Für viele Frauen erwies sich das so entstehende Bleiweiß als Fluch. Sie versuchten, damit ihre Haut zu bleichen, und zogen sich schleichende Vergiftungen zu. Berühmtestes Opfer war die englische Gesellschaftsdame Maria, Countess of Coventry, die im Jahr 1760, gerade einmal 28-jährig, verstarb. Sie hatte sich zu Tode geschminkt.

Edel, schön, vollkommen

Jean Philip Lessard

Lapislazuli

Das Wort "Ultramarin" deutet auf eine Herkunft "jenseits des Meeres" hin, "Lapislazuli" hat den Beiklang von Orient.

Das tiefblaue Pulver, das aus Lapis gemahlen wurde, galt in der Renaissance als kostbarste aller Farben. Das spätmittelalterliche "Buch von der Kunst", das sonst an jedem Pigment etwas zu mäkeln fand, pries Ultramarin als "edel, schön, vollkommen", es stehe "über allen Farben". Künstler schlossen über den Gebrauch dieses Pigments eigene Verträge mit ihren Auftraggebern ab, Albrecht Dürer fluchte über den exorbitanten Preis.

Fast alles Ultramarin, das sich auf der Leinwand der alten Meister findet, stammt vom selben Ort: aus den Sar-i-Sang-Minen im afghanischen Hindukusch, wo Lapislazuli aus dem Fels gebrochen wurde. Den Wert der blauen Steine haben auch die Taliban erkannt. Bis zu 20 Millionen Dollar pro Jahr erlösen sie mit dem Verkauf von Lapislazuli.

Für Kaiser und Jungfern

Jean Philip Lessard

Mauve

Halden stachelbesetzter Schneckengehäuse im Libanon zeugen noch heute von einer Industrie, die den Phöniziern einst Reichtum bescherte.

Aus einer Drüse der Purpurschnecke gewannen sie einen violetten Farbstoff, der Preise ähnlich wie Gold erzielte. Allerdings war der Aufwand erheblich: Für jedes Kilo Lila mussten knapp zehn Millionen Gastropoden sterben. Im antiken Rom regelte ein strenger Dresscode, wer sich in Purpur kleiden durfte. Zeitweilig war dieses Recht nur dem Kaiser selbst vorbehalten. Viel später sorgte dann ein Teenager dafür, dass die Farbe der Mächtigen zu etwas Gewöhnlichem wurde.

Im Jahr 1856 stieß der 18-jährige Chemiker William Perkin beim Experimentieren zufällig auf eine lila Substanz (Farbton: "mauve"). Es war der erste der Anilin-Farbstoffe, die bald viele der traditionellen Pigmente ersetzen sollten. Dem Ruf der Farbe Purpur war das wenig zuträglich. Schon bald hing ihr der Beigeschmack alternder Jungfern an. "Traue nie einer Frau, die Mauve trägt", warnte der Schriftsteller Oscar Wilde.

Verwandlung ins Nichts

Jean Philip Lessard

Vantablack

Ein Abgrund. Ein schwarzes Loch. Ein Nichts.

Vieles wurde über Vantablack gesagt. Nur über eines herrscht Einigkeit: Eine Farbe ist es nicht. Dieses schwärzeste Schwarz der Welt lässt sich als Inbegriff der Unfarbigkeit verstehen. Entwickelt wurde das Hightech-Pigment von der britischen Firma Surrey NanoSystems. Es besteht aus einem Wald winziger Kohlenstoff-Nanoröhrchen, in dem sich jeder eintreffende Lichtstrahl verirrt. Mit dem Licht schluckt Vantablack auch jede sichtbare Spur von Oberfläche.

In einem Zimmer, das mit diesem Pigment beschichtet ist, herrscht totale Finsternis. Das Erstaunliche: Eine Lampe darin leuchtet sichtbar, der Raum jedoch bleibt - schwarz. In der Kunstwelt löste es Empörung aus, als sich der Bildhauer Anish Kapoor vor zwei Jahren exklusive Nutzungsrechte für dieses Schwarz zusichern ließ. Er allein darf nun vermittels Vantablack dreidimensionale Kunstobjekte in samtig-zweidimensionales Nichts verwandeln.

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Atelier Editions (Hrsg.):
An Atlas of Rare & Familiar Colour

The Harvard Art Museums' Forbes Pigment Collection

Atelier Editions, 224 Seiten, 41,88 Euro

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