Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Ausgabe
6/2018

Arbeitswelt

Wohlfühljobs für die einen, Schichtmaloche für die anderen: Ist das gerecht?

Während viele Angestellte immer freier über ihre Arbeitszeit bestimmen können, leiden andere unter rigorosen Vorgaben: der Preis der modernen Arbeitswelt?

Sachelle Babbar/ imago/ ZUMA Press

Metaller-Warnstreik bei MAN in München am 31. Januar

Montag, 05.02.2018   07:01 Uhr

Wenn Reiner Hummel, 54, nachmittags aus dem Betrieb nach Hause kommt, beginnt für ihn ein zweiter Arbeitstag. Der Edelmetallprüfer muss seiner Frau beim Anziehen helfen und die Bananenschalen beiseiteräumen, die sie am Tag im Haus verteilt hat.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 6/2018
Teurer Traum
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Hummels Frau hat Alzheimer, und so ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die beiden nach 20 Jahren Ehe noch immer wirken wie ein frisch verliebtes Paar. Er macht Witze darüber, dass sie spätabends noch Kaffee verlangt, sie boxt ihn scherzhaft in den Bauch, beide lachen. Manchmal aber ist Hummel verzweifelt, dass sie auch nach seiner zehnten Bitte ihre Schuhe nicht auszieht. Er hätte deshalb gern mehr Zeit, um sich um sie zu kümmern.

Doch sein Arbeitgeber, der in Pforzheim elektrische Bauteile herstellt, pocht auf die tarifliche Arbeitszeit, sodass Hummel seine Hoffnung nun auf den aktuellen Arbeitskampf der Gewerkschaft setzt. Die IG Metall fordert, dass Beschäftigte, die Schichtarbeit leisten oder sich um Kinder oder Angehörige kümmern, ihre Arbeitszeit verkürzen können und dafür einen teilweisen Lohnausgleich bekommen. "Es muss im Leben auch um die Familie gehen", sagt Hummel, "und nicht nur um Kapitalvermehrung."

15 Jahre nach dem letzten großen Metallerstreik weht wieder ein Hauch von Klassenkampf durch die Industriereviere der Republik. Schienen Arbeitskämpfe zuletzt eine Angelegenheit von Lokführern oder Piloten geworden zu sein, zeigte in dieser Woche die größte Gewerkschaft der Republik, dass sie ihre Streikposten noch immer in Marsch zu setzen versteht. Zehntausende Beschäftigte legten tageweise die Arbeit bei MAN, Ford oder Porsche nieder, die Unternehmer klagten über Produktionsausfälle in dreistelliger Millionenhöhe. Und wie bei den großen Arbeitskämpfen der Achtzigerjahre ging es der IG Metall nicht nur um eine Lohn-, sondern auch um eine Stundenzahl.

Wer will, soll seine Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen dürfen, verlangt die Organisation. So will sie attraktiver für Frauen werden und dem Wunsch vieler Menschen nach familienfreundlicheren Jobs entsprechen.

Viele Beschäftigte, so hat die IG Metall erkannt, wollen nicht mehr nur für die Firma, sondern auch für die Familie da sein. Zeit, so könnte das Motto der Streikbewegung lauten, ist das neue Geld.

Thomas Dashuber/ DER SPIEGEL

Siemens-Beschäftigte Ruch

Das Problem ist nur, dass auch die Unternehmer das so sehen, und so droht der Tarifstreit nun gefährlich zu eskalieren. Die Arbeitgeber halten den Ausstand für rechtswidrig und haben Klagen eingereicht. Die IG Metall wiederum bereitet schon die Urabstimmung vor, um notfalls nach Karneval in einen unbefristeten Flächenstreik treten zu können.

Die Atmosphäre ist auch deshalb so vergiftet, weil der Streit um die Arbeitszeit zum beherrschenden Tarifkonflikt der nächsten Jahre werden könnte. Die meisten Unternehmen kämpfen in der Hochkonjunktur um jede Fachkraft; sie wollen die Arbeitszeiten eher ausweiten als verkürzen und halten die Forderung der IG Metall für das beste Mittel, einen Großteil ihrer Betriebe aus dem Land zu treiben.

Durch die Belegschaften dagegen geht ein tiefer Riss. Während viele Angestellte in Kreativ- und Wissensberufen so frei über ihre Arbeitszeit bestimmen können wie nie zuvor, ist das Stundenregiment auf vielen mittleren und unteren Etagen des Arbeitsmarktes eher rigoroser geworden. Im Einzelhandel, in manchen Industrieberufen sowie den Logistik- und Dienstleistungabteilungen der modernen Internetökonomie muss heute oft rund um die Uhr und auf Abruf gearbeitet werden. Kundenaufträge werden in Echtzeit übermittelt und Pausen digital überwacht.

So kommt es, dass eine wachsende Zahl von Beschäftigten heute nicht nur zu niedrigen Löhnen, sondern auch zu ungünstigen Zeiten arbeiten muss, nicht selten auch nachts oder am Wochenende. Sogar die Zahl der Schichtarbeiter hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen.

Kein Wunder, dass sich die Gewerkschaften mit einer neuen sozialen Frage konfrontiert sehen. "Die Arbeitszeit ist für viele Beschäftigte heute ein genauso wichtiges Thema wie der Lohn", sagt DGB-Chef Reiner Hoffmann. Dem Metallkonflikt komme deshalb "Signalcharakter" zu, und er prognostiziert: "Auch in anderen Tarifbereichen wird die Gestaltung der Arbeitszeit in den nächsten Jahren eine besondere Rolle spielen."

Es geht um ein Stück Autonomie, wie sie in manchen privilegierten Berufen längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Zum Beispiel für Ralf Stockmann, 44, der an einem winterlichen Donnerstag im Väterzentrum Berlin am Prenzlauer Berg sitzt, auf einer blauen Matte inmitten von Bauklötzen, Spielzeugautos und Babys.

Er sieht glücklich aus. Auf dem Arm hält er seinen elf Monate alten Sohn. Der Kleine trägt Regenbogensöckchen und hat Hunger. Stockmann hat vorgesorgt: "Anton wird noch gestillt, aber ich kann das übernehmen." Er packt eine Thermoskanne mit heißem Wasser und ein Fläschchen mit Muttermilch aus. "Gestern von Mama abgepumpt", sagt er. "Das ist mein Projekt der nächsten Jahre. Ich habe wirklich Bock auf Vatersein."

Stockmann und seine Frau Claudia, die bei einer IT-Firma arbeitet, teilen sich die Elternzeit paritätisch. Auf eigenen Wunsch ist er sechs Monate lang für seinen Sohn da. Und die Karriere? "Ich habe schon ausreichend Karriere gemacht", winkt er ab. Jetzt habe er mal was anderes vom Leben sehen wollen.

Seit fünf Jahren arbeitet er im Innovationsmanagement der Berliner Staatsbibliothek. Für ihn war von Anfang an klar, dass er ganz nah dran sein will, wenn Anton aufwächst. Seine Arbeitszeit hat er auf 85 Prozent reduziert. So kann er nachmittags zum Musikunterricht oder zum Babyschwimmen. "Mein Arbeitgeber war da völlig tiefenentspannt", erzählt er. "Natürlich ist es eine finanzielle Einbuße, aber das war es mir wert."

Menschen wie Stockmann gehören zu jener Schicht, für die Globalisierung und Digitalisierung eine schöne neue Welt geschaffen haben. Sie können ihr Arbeitsleben weitgehend selbst gestalten - bei gleichzeitiger finanzieller Sicherheit. "Man kauft sich seine Zeit zurück", sagt der Berliner Volkswirt Ronnie Schöb. Ein großes Umdenken ist zu beobachten, das vor allem jene neue, privilegierte Mittelschicht erfasst, für die weitere materielle Güter weniger Glücksgewinn versprechen als zusätzliche Zeit für Familie, Freunde oder Hobbys.

"Für viele Babyboomer ist es kennzeichnend, dass Karriere und Geld einen besonders hohen Stellenwert haben", sagt Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Thinktank der Bundesagentur für Arbeit. "Für die nachfolgende Generation ist dagegen die ,Work-Life-Balance' wichtiger." Selbst in der Automobilindustrie ist der Wandel spürbar, sagt Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. "Wenn wir den Fachkräften nicht die nötigen Freiheiten bieten, gehen sie eben woanders hin."

Dominik Butzmann/ DER SPIEGEL

Innovationsmanager Stockmann mit Ehefrau Claudia Krell und Sohn Anton Stockmann

Auch der Münchner Technologiekonzern Siemens musste sich umstellen. "Was früher der Dienstwagen war, ist heute das Sabbatical", sagt die Personalmanagerin Marie-Luise Collinet. Schon in den Bewerbungsgesprächen würden die potenziellen Mitarbeiter nach Freizeit und Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben fragen.

Siemens hat darauf reagiert und sich allerlei Angebote ausgedacht: Vom "Homeoffice" über die "Schnupperteilzeit" bis hin zu Sabbaticals mit bis zu zwölfmonatiger Freizeitphase, die von allen Angestellten genutzt werden können, wenn die betrieblichen Umstände es zulassen. Auch gibt es in dem Konzern nun einen IT-Mitarbeiter, der drei Monate im Jahr nicht zur Verfügung steht, weil er lieber auf Hawaii surfen will. Oder die Diplom-Kauffrau, die neben ihrem Job als Projektmanagerin auch als Yogalehrerin arbeitet, unter anderem im konzerneigenen Siemens-Fitnessstudio. Sie habe Spaß daran, sagt Sabine Ruch, ihre Kollegen davon zu überzeugen, mit "mehr Achtsamkeit für den eigenen Körper und Geist durchs Leben zu gehen".

Arbeitsmediziner geben ihr recht. Ihren Studien zufolge sind Menschen glücklicher, wenn sie der Freizeit mehr Wert beimessen als dem Geld. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat ergeben, dass flexible Arbeitszeiten gesund sind - wenn sie sich nach den Interessen der Beschäftigten richten.

Doch leider ist das nur für eine Minderheit der Fall. Die Zahl der Glücklichen, die große Spielräume bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit haben, wächst zwar. Die meisten Arbeitnehmer allerdings erleben die neue Beweglichkeit am Arbeitsmarkt nicht als Befreiung, sondern als Zwang. "Flexibilität folgt oft eher den Vorgaben des Jobs und des Betriebes als den persönlichen Bedürfnissen der Menschen", sagt Joachim Möller, Direktor des IAB.

Durch den Arbeitsmarkt läuft ein Graben, der die freiwillig Flexiblen, die Freelancer und Hochqualifizierten vom Großteil der Beschäftigten trennt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen ihre Arbeitszeit nach eigenen Wünschen flexibel gestalten können, ist sehr ungleich verteilt", sagt Möller.

Der Ökonom hat gleich mehrere Trennlinien identifiziert: Sie laufen entlang von Hierarchieebenen, Bildungsabschlüssen und Branchen. "Je höher eine Person in der Hierarchie steht, je besser ihre Schulbildung ist, desto mehr Flexibilität genießt sie in der Regel auch", sagt Möller.

In Großunternehmen ist die Flexibilität höher als in kleinen Handwerksbetrieben. In der Wissenschaft ist sie größer als im produzierenden Gewerbe. Und es gibt ganze Branchen, in denen praktisch kein Beschäftigter seine Zeit frei einteilen kann. Wer bei Kaufhof oder Lidl im Verkauf arbeitet, der muss sich nach den Bedürfnissen der Kundschaft richten. Shopping-Stoßzeiten sind stets dann, wenn andere Feierabend machen. Und besonders groß ist der Zeitdruck in den analogen Abteilungen der modernen Digitalwirtschaft, die gern damit wirbt, ihre Produkte binnen Stunden an die Kunden auszuliefern.

DER SPIEGEL

Adam Zalewski arbeitet als "Picker" bei Amazon im Logistikzentrum in Werne. Er fährt mit seinem Gabelstapler durch die engen Gänge, sammelt Ware aus den Regalen. 50 bis 60 Produkte, Standardgröße, müsse er in der Stunde schaffen, "sonst gibt es schlechtes Feedback". Jede Standzeit wird bemessen und von den Managern auf Monitoren überwacht. Wenn er ein Produkt eingescannt hat, erscheint auf dem Bildschirm schon das nächste, meist viele Regale weiter. "Wir jagen von einem Produkt zum nächsten", sagt er.

Zalewski, 34, kurz rasierter Bart, kurz rasierte Haare, ist seit 2013 bei Amazon. Er arbeitet nach zwei Dienstplänen, einmal früh, einmal spät, jede Woche anders. Seinen echten Namen will er in der Zeitung nicht lesen, weil er Ärger mit dem Chef befürchtet.

Für Arbeitnehmer wie Zalewski trägt die schöne neue Arbeitswelt das hässliche Gesicht der Schichtarbeit. Ihr Anteil nimmt in Deutschland wieder schleichend zu. Zwischen 2006 und 2016 ist die Zahl der Beschäftigten, die regelmäßig zu wechselnden Zeiten arbeiten müssen, von 4,8 Millionen auf 5,8 Millionen gestiegen.

In der Industrie wird heute ebenfalls oft durchgehend produziert, weil es zu teuer ist, kostspielige Maschinen auch nur eine Stunde lang stillstehen zu lassen. "Arbeitgeberorientierte Arbeitszeitflexibilisierung ist ein Kerninstrument für Deutschlands Wirtschaftserfolg", heißt es in einer IAB-Studie. Deutschland arbeitet. Rund um die Uhr. Nicht selten auf Kosten der Gesundheit.

Befragungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Schichtarbeiter unter Erschöpfungszuständen, Müdigkeit und Rückenschmerzen leiden. Meral Sancar zum Beispiel schläft oft nicht gut, wenn sie von der Schicht zurückkommt. In dieser Woche musste sie von 22 Uhr bis 6 Uhr früh arbeiten, jeder Tag ist ein Kampf gegen den eigenen Körper. Seit 28 Jahren arbeitet sie für einen Lebensmittelkonzern in Schwerte, verpackt Erdnusstüten vom Band in braune Kartons.

Sancar, 52, kam mit acht Jahren aus der Türkei nach Deutschland, weil ihre Eltern sich Aussicht auf gute Arbeit erhofften. "Was will ich verlangen?", sagt sie. "Ich habe nichts gelernt, keine Ausbildung."

Und so bewegt sich ihr Alltag bis heute zwischen Arbeit und Schlaf. Zwei ihrer Kinder, 21 und 16, wohnen noch zu Hause. "Ich habe zu wenig Zeit für sie", sagt sie. Und in den Stunden, die sie mit ihnen verbringen könne, sei sie oft aggressiv, unausgeglichen. Das liege an der häufigen Umstellung. "Die macht dich gaga im Kopf."

Die Arbeitszeitexpertin Yvonne Lott von der gewerkschaftseigenen Hans-Boeckler-Stiftung hat für ihre Forschung fast hundert Interviews in Betrieben geführt, um herauszufinden, zu welchen Zeiten die Beschäftigten gern arbeiten würden und welche Freiräume sie haben. "In vielen Branchen hat die Arbeitsbelastung extrem zugenommen", sagt sie.

Zugleich haben die meisten Beschäftigten heute Partner, die ebenfalls berufstätig sind. "Viele wünschen sich, die Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr Zeit für die Kinder zu haben oder Angehörige pflegen zu können", sagt Lott. Und bei zwei berufstätigen Partnern gebe es auch den finanziellen Spielraum dazu.

In der Gesellschaft ist das Thema längst angekommen. Viele Frauen finden nach der Teilzeit nur schwer in den Vollzeitjob zurück, immer mehr Männer würden aber gern ihre Arbeitszeit reduzieren. Als Wunschwert gelten oft jene 28 Stunden, die nun auch der IG Metall als Richtschnur dienen. Sie wären nicht nur ein Gewinn für Eltern, Kinder oder Pflegebedürftige, sondern auch ein Beitrag zur Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsmarkt.

Ob die Gewerkschaft mit ihrem Arbeitskampf Erfolg hat, ist alles andere als ausgemacht. Es geht nicht nur um den nächsten Tarifabschluss und den alten Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Es geht um einen gesellschaftlichen Wandel, bei dem alle umzusteuern haben, wenn es dabei gerecht und wirtschaftlich vernünftig zugleich zugehen soll.

Die Arbeitgeber müssen lernen, dass sie auf die Arbeitszeitwünsche ihrer Beschäftigten eingehen müssen, wenn sie ihre Fachkräfte halten wollen. Die IG Metall darf unter Flexibilisierung nicht nur Verkürzung verstehen, schließlich zeigen ihre Statistiken, dass fast ein Drittel der Mitglieder länger als 35 Stunden arbeiten wollen. Und die Beschäftigten sollten sich bewusst machen, dass Zuschüsse für Schichtarbeiter und Teilzeitkräfte geringere Lohnzuwächse für alle bedeuten.

Es ist eine Bewährungsprobe für das deutsche Modell der Sozialpartnerschaft. So wie die Tarifverträge in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf die Besonderheiten der Betriebe ausgerichtet wurden, müssen sie nun auf die Wünsche der einzelnen Beschäftigten eingestellt werden. "Das wird", sagt DGB-Chef Hoffmann, "der große Verteilungskonflikt der nächsten Jahre."

Nicola Abé, Selina Bettendorf, Simon Hage, Hannah Knuth, Michael Sauga, Cornelia Schmergal und Jan Schulte

Artikel

© DER SPIEGEL 6/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP