Schrift:
Ansicht Home:
Politik
Ausgabe
19/2018

Schicksal in Gaza

Wie die Legende eines paradiesischen Ortes eine Familie seit Jahrzehnten prägt

Die palästinensische Familie Yassin-Khalout möchte Gaza für immer verlassen und den israelischen Zaun überwinden, der sie von ihrem Dorf Niilya trennt. Es ist der Versuch einer Rückkehr, von der sie seit 70 Jahren träumt.

Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Palästinenser im Gaza-Protestcamp

Von
Donnerstag, 10.05.2018   22:13 Uhr

Es wirkt wie ein Zauberwort. Es erhellt Räume. Es gibt allem einen Sinn. Es ist das Ziel. Die Richtung. Die Lösung. Als Yahia al-Khalout das Wort an diesem Nachmittag ausspricht, scheint ein Licht im Innern dieses dunklen Mannes anzugehen. Das Wort ist Niilya.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 19/2018
Geld für alle!
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Khalout ist 55 Jahre alt, er hat einen grauen Schnauzer und schwarze Augen, die die meiste Zeit schauen, als hätten sie in bodenlose Abgründe geblickt. Er sitzt mit einem Dutzend Männer im Rohbau eines Hauses in Dschabalia, dem größten Flüchtlingscamp des Gazastreifens. Draußen regnet es. Die Männer tragen Trainingsanzüge, sie haben sich um ein Bett versammelt wie um eine Opferstätte. Im Bett liegt der schwer verletzte Sohn von Yahia al-Khalout. Er heißt Abdullah und ist 23 Jahre alt; er ist blass und in eine flauschige, farbenfrohe Decke gehüllt. Er wurde beim Protest am Grenzzaun zu Israel von einer Kugel getroffen. Abdullah ist noch zu schwach. Deswegen erzählt sein Vater die Geschichte seines Überlebens. Sie klingt wie eine Ballade. Ein Partisanenlied.

Das geht so: Am Morgen des ersten "Marsches der Rückkehr" machen sich drei Freunde auf den Weg an den Zaun. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Sie haben eine palästinensische Fahne dabei. Alle drei sind Anfang zwanzig. Es geht nach Hause. Ins Heimatland, von dem sie wissen: Es ist wunderschön. Jeden Freitag wollen die Palästinenser von nun an in einer friedlichen Demonstration auf ihre Lage in Gaza aufmerksam machen, wo es an allem mangelt. An Lebensmitteln, Wasser, Arbeit, Freiheit. Die Freitagsmärsche sollen sie immer dichter an den Grenzzaun zu Israel führen, am 15. Mai dann, Nakba, dem schwarzen Tag des palästinensischen Volkes, werden sie den Zaun erreichen. Wie es von da aus weitergeht, kann niemand sagen, aber die drei Männer machen einen Anfang.

Als sie 200 Meter vom Zaun entfernt sind, fällt der erste Schuss. Er trifft den Fahnenträger ins Bein. Der Nächste hebt die Fahne, läuft ein Stück und wird ebenfalls ins Bein getroffen. Nun nimmt der dritte Mann die Fahne Palästinas und trägt sie weiter. Das ist Abdullah al-Khalout. Der Schuss des israelischen Snipers trifft ihn in die Brust. Sie bringen ihn ins Indonesische Hospital im Norden Gazas, wo sein Vater als Pfleger arbeitet. Yahia al-Khalout behandelt gerade einen Jungen, als er sieht, wie sein blutender Sohn in die Notaufnahme getragen wird. Abdullah hat starke innere Blutungen. Er steht unter Schock. Sie geben ihm mehrere Transfusionen und bringen ihn ins Shifa-Hospital, das größte Krankenhaus von Gaza. Der Vater begleitet den Sohn. Der Junge sagt: "Verzeih mir, Vater." Dann verliert er das Bewusstsein. Sie operieren fünf Stunden, ein Arzt erscheint im Warteraum und sagt: "Es gibt wenig Hoffnung, Yahia." Nach weiteren fünf Stunden wird Abdullah noch einmal wach, um zu sagen: "Sag Mutter, sie solle mir vergeben." Schließlich: Am Mittag des nächsten Tages erscheint ein Operateur im Warteraum, nimmt den Vater bei den Schultern und ruft: "Gott hat deinen Sohn gerettet!"

Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Sohn Abdullah im Krankenbett

So war es. Die Gebetskette in Khalouts Hand klickert. Sein Sohn nickt schwach. "Wir kämpfen seit 70 Jahren gegen die Ungerechtigkeit der israelischen Okkupation", ruft Yahia al-Khalout. "Meine Familie hat 60 Märtyrer hervorgebracht. 60. Ich habe fünf Jahre in einem israelischen Gefängnis in der Negev gesessen für diesen Kampf um die Rechte meines Volkes. Mein Sohn Abdullah hat diesen Kampf fortgesetzt. Wir sind jetzt fast da."

Wo?

"In unserer Heimat", sagt Yahia al-Khalout. "In Niilya."

Das Licht in seinem Innern geht an. Er lächelt, auch die schwarzen Augen lächeln. Das Wort hat aus einem wütenden einen glücklichen Mann gemacht. Alle Männer lächeln jetzt, auch der, den die Hamas geschickt hat, um zu kontrollieren, dass die Weltöffentlichkeit angemessen informiert wird. Niilya heißt das Dorf, aus dem die Familie kommt. Es liegt knapp 20 Kilometer entfernt, jenseits der Grenze. Ein kleiner Ort südlich von Aschkelon, das sie Majdal nennen. Yahia al-Khalout war nie da. Keiner der Männer im Raum hat Niilya je gesehen. Aber alle können es beschreiben. Die Häuser, die Felder, die Bäume.

"Wir hatten Orangen und Trauben", sagt Yahia.

"Mandeln", sagt ein anderer Mann.

"Melonen."

"Aprikosen."

"Und Getreide", sagt Yahia. "Wir haben es in Majdal auf den Markt gebracht und verkauft. Mein Großvater hatte 150 Dunum Land." Das wären 15 Hektar.

Alle kennen die Größe des Landes ihrer Vorfahren, mit den Umständen der Vertreibung aus dem Paradies sind sie nicht so vertraut. 1948, im Zuge des arabisch-israelischen Krieges, flohen die Bewohner vieler palästinensischer Dörfer nach Gaza. Die Auslöser dieser Flucht - ein Krieg, in den auch die arabischen Nachbarstaaten eingriffen, weil sie sich nicht mit einem unabhängigen jüdischen Staat an ihrer Seite anfreunden konnten, weil sie den Teilungsplan der Uno für Palästina nicht akzeptierten - haben sie vergessen oder verdrängt, oder sie sind überlagert von all dem anderen Unheil, das über das palästinensische Volk kam. Die Kriege, die Blockaden, das ständige Leben in einer Übergangsgesellschaft, in Flüchtlingscamps, deren Zelte zu Hütten wurden und schließlich zu Häusern. Geblieben ist nur das Gefühl einer großen Ungerechtigkeit, die ihren Anfang vor 70 Jahren nahm, am Nakba-Tag.

"Niilya: ethnisch gesäubert vor 25.280 Tagen", steht auf der palästinensischen Website, die die Vertreibung in Zahlen fasst.

"Arabischer Landbesitz im Jahr 1948: 4929 Dunums", steht da. "Jüdischer Landbesitz im Jahr 1948: 0 Dunums."

Im November 1948 wurde Niilya geräumt. 297 Häuser hatte das Dorf damals, sie wurden alle zerstört bis auf eines. Aber die Familien von Niilya sind noch da. Sie sind gewachsen. Aus den 1520 Palästinensern, die 1948 Niilya verließen, sind heute, so schätzt man, etwa 60.000 geworden. Sie leben auf der ganzen Welt, in Amerika, Deutschland und Saudi-Arabien, aber die meisten leben in Gaza. Allein Yahias Familie ist heute tausendköpfig, verwunden mit einer anderen Familie aus Niilya, den Yassins. Ein riesiger Clan, die Verwandtschaftsverhältnisse sind mitunter schwer zu entwirren. Es gibt 10-Jährige, die die Onkel von 40-Jährigen sind, und Geschwister, deren Geburtsjahre 30 Jahre auseinanderliegen. Aber alle kommen am Ende aus diesem Traumdorf. Aus Niilya.

Es hält die Menschen mit all den verschiedenen Namen und Gesichtern zusammen. Es ist wie ein Weg, der durch die Riesenfamilie führt.

Wenn es eine Art zentralen Platz auf diesem Weg gibt, eine Kreuzung, dann ist das vielleicht Sad Aladin Yassin, ein entfernter Schwager von Yahia al-Khalout. Yassin ist 68 Jahre alt, in Gaza geboren, in einem Zelt; ein Jahr, nachdem seine Familie Niilya verlassen hatte. Sein Vater war Bauer und besaß ebenfalls 150 Dunum Land, sagt Sad Aladin gleich zu Anfang. Dann kommen die Orangenbäume, der Schatten, der Frieden. Und das Lächeln.

Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Pfleger Khalout, Verwandte

Sad Aladin wuchs mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf. Inzwischen hat er 60 Enkel, einen langen Bart, einen Stock und ein Samsung Galaxy, mit dem er sich mehr beschäftigt als mit seiner Gebetskette. Ständig will jemand was von ihm. Sad Aladin ist Imam der Moschee von Dschabalia, wo auf 1,4 Quadratkilometern 120.000 Menschen leben. Sie ist eine der größten Moscheen von Gaza. Auf dem Bildschirmschoner seines Handys sieht man ein Selfie des Imams, über dem steht: Jerusalem ist die Hauptstadt Palästinas.

An einem Vormittag zwischen zwei Märschen sitzt Sad Aladin Yassin in einem der Zeltlager, die an der Grenze aufgebaut worden sind, und erzählt vom nahen 15. Mai, dem Schicksalstag. Der Zaun ist von hier etwa 500 Meter entfernt. Sie werden ihn überwinden, sagt der Imam. Es gibt Prognosen, dass sich am Nakba-Tag Hunderttausende Palästinenser auf die Sandwälle zubewegen werden, auf denen die israelischen Scharfschützen liegen. In den Plänen der Organisatoren halten sich alle an den Händen.

Und dann? Gehen sie dann gleich weiter nach Niilya?

"Es ist unser Land", sagt der Imam. "Wir werden zurückgehen. Bald."

Und was passiert mit den Leuten, die jetzt dort leben?

"Sie können uns gern besuchen. Von Zeit zu Zeit", sagt er. "Wir wollen keinen Krieg. Sie müssen es der Welt sagen, auch den deutschen Lesern. Die zionistischen Medien kontrollieren die Weltmedien. Sie sprechen in verschiedenen Zungen. Sie sind die wahren Aggressoren. Zwei meiner Neffen sind während der friedlichen Demonstrationen angeschossen worden. Kinder noch."

Ein antisemitischer Anfall, wie ein Reizhusten, dann lächelt der Imam wieder. Am Nachmittag, nach dem Gebet, lädt er in sein Haus ein, um die Familie vorzustellen, die Kinder von Niilya.

Die beiden verletzten Jungen sitzen zwischen den Männern. Sie tragen ihre bandagierten Beine wie Pokale. Stolz, Schmerztabletten, Aufmerksamkeit. Yahia Khalil Yassin ist 11 Jahre alt und der Onkel von Mahdi Yassin, der 16 ist. Der kleine Onkel wurde während des ersten Freitagsmarsches angeschossen. Sein Neffe am Samstag danach. Beide waren weit weg vom Grenzzaun, sagen sie. Bei Kindern schießen die Israelis auf die Füße, sagt Mahdi, bei Größeren auf die Knie, um sie für immer unbeweglich zu machen. Er würde am Freitag wieder zurückgehen, mit den Krücken, aber die Familie erlaubt es nicht.

Sein Vater schüttelt den Kopf. Der Imam lächelt. Die beiden Jungen verpassen die Schule und die Prüfungen. Die Abschlussarbeiten in diesem Sommer sind in Gaza wegen des Nakba-Jubiläums sowieso verschoben worden, und es gibt spezielle Klassen, in denen die verletzten Schüler den Unterrichtsstoff nachholen können. Bislang sind unter den Verletzten der Freitagsmärsche 490 Minderjährige. Mahdi und Yahia sind jetzt seit vier Wochen zu Hause. Die Verletzung von Mahdi verheilt ganz gut. Yahias Wunde ist immer noch entzündet. Er braucht zusätzliche Operationen, weil das Gelenk beeinträchtigt ist. Sein Orthopäde sagt, er werde nie wieder richtig laufen können. Dreimal in der Woche kommen zwei Pfleger von Doctors Worldwide, einer türkischen Hilfsorganisation, die seit drei Jahren in Gaza arbeitet, und wechseln die Verbände der Jungs.

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Alexander Osang über einen Sehnsuchtsort der Palästinenser, den es gar nicht mehr gibt.

Foto: DER SPIEGEL

Yahia verzieht keine Miene, als der Pfleger ihn behandelt. Er möchte unbedingt seine Verletzung zeigen. Der Fuß ist geschwollen. Am Spann ein kleines Loch, an der Ferse ein größeres, mit einer wilden Naht geflickt. Er strahlt.

"Das ist das, was die Okkupation mit uns macht", sagt er.

Bevor die Pfleger gehen, unterschreibt der elfjährige Junge routiniert ihre Formulare.

Wie stark sind die Schmerzen?

"So lala", sagt Yahia und lacht.

"Er lacht sogar, wenn er weint", sagt seine Mutter.

Inzwischen sitzen etwa 20 Familienmitglieder im Wohnzimmer; Onkel, Tanten, Brüder, Schwestern. Es gibt Tee, Kaffee und Waffeln. Zwischen den verletzten Jungen sitzt der Imam. Yahia, der kleine Onkel, beschreibt die Heimat: kühl, ruhig, ein altes Haus, umgeben von Orangenbäumen.

Es ist etwas, worauf er sich freuen kann. Eine Art Zukunft. Yahia ist gut in der Schule, sagen sie, aber was bringt es? Seine älteren Cousins, Neffen und Brüder haben alle keine Arbeit. Manche haben studiert - die meisten erstaunlicherweise irgendwas mit Medien -, sitzen aber nun den ganzen Tag zu Hause rum und warten, dass etwas passiert. Die Arbeitslosigkeit der jungen Erwachsenen von Gaza liegt bei 70 Prozent. Niemand von ihnen ist je gereist. Sie sitzen in einem Käfig, auf drei Seiten Zäune und auf einer das Meer, in dem man nicht baden darf, weil es verseucht ist von den ungefilterten Abwässern, die aus Gaza abfließen. Die größte Hoffnung ist, dass es so schön wird wie früher.

Der Einzige im Raum, der noch in Niilya geboren wurde, ist Mohammed Ibrahim Yassin, älterer Bruder des Imams. Er ist 71 Jahre alt und war ein Jahr alt, als sie gingen. Er hat natürlich keine Erinnerungen an die Flucht, war aber später, in den Sechzigern, noch einmal mit seinem Vater da. Er war so glücklich, auf der Heimaterde zu stehen, sagt er. Er fand es noch schöner als die Geschichten, die er von seinen Eltern gehört hatte.

Es ist ganz still im Raum.

"Ich will nur 100 Quadratmeter, um mir ein Haus darauf zu bauen. Und einen kleinen Garten", sagt Mohammed Ibrahim Yassin.

Es ist der konkreteste Plan für eine Zukunft jenseits des Zaunes, den man in der Familie zu hören bekommt. Es scheint oft, als würden sie sich nicht vorstellen können, was wirklich passiert, wenn der Zaun fällt.

"Das Essen in Niilya war so viel besser als hier", sagt Yahias Mutter.

"Wir hatten Feigenbäume."

"Trauben."

"Zitronen."

Yahias Augen leuchten.

"Keine Sorge, du wirst es bald sehen, Yahia", sagt seine Schwester Ghada Khalout. Sie ist mindestens 30 Jahre älter als ihr Bruder. Sie hat 13 Jahre lang in Deutschland gelebt, in Bremen, Graubündener Straße, sagt sie. Ihr Mann war Ingenieur dort, ein Bruder von Yahia Khalout. Auch er starb an Krebs. Da ist sie zurückgekommen nach Gaza, 2013. Man kann sich nicht so frei bewegen wie in Europa, aber die Familie ist hier. Und die Erinnerungen an die goldene Zeit sind hier wacher.

Ghada hat jetzt einen neuen Mann. Kreem Halawi. Der sitzt auch hier. Weil wir gerade über Bremen reden, sagt er, dass er von Hitler beeindruckt sei. "Ein großer Mann. Nicht wegen seines Verhältnisses zu den Juden, jedenfalls nicht in erster Linie", sagt Halawi. Ihn habe begeistert, mit welcher Energie und Entschlossenheit Hitler sein Volk aus der Depression geführt habe. Krem Halawi saß von 1986 bis 1991 in einem israelischen Gefängnis, wegen seiner politischen Arbeit für die Fatah, sagt er. Sie hätten ihn gefoltert, sagt er. Er redet so entspannt davon, als hätte es sich um eine Ausbildung gehandelt. Später hat er für die palästinensische Verwaltung gearbeitet, bis 2006 die Hamas übernahm. Seitdem hat er keine Arbeit. Er trägt einen Anzug und ein gebügeltes Hemd. Jeden Tag. Er hält sich bereit. Er hat jetzt eine Frau, die Deutsch spricht und diese Niilya-Geschichte mitbringt. Palästinensische Traditionen sind verwickelt. Er hat in diesen Traum eingeheiratet. Es macht nichts, dass er Niilya nie gesehen hat, das haben die anderen ja auch nicht. Inzwischen sind etwa 30 Leute im Raum. Außer ihm nur Khalouts und Yassins. Es gibt warmes Brot, Oliven, Gewürze und süßen Saft.

Der Imam sagt: "Wir haben Dokumente und auch den Schlüssel zu unserem Haus in Niilya."

Kann er das zeigen?

"Ich weiß nicht genau, wo sie sind."

Sein Bruder Mohammed sagt: "Das haben doch die Schafe gefressen."

"Richtig", sagt die Schwägerin aus Bremen. "Wir hatten früher Schafe hier, als das Haus noch kein Dach hatte."

Und den Schlüssel?

"Schafe fressen alles", sagt der Bruder des Imams. Niemand lächelt. Die Schafe haben die Dokumente gefressen. So war es.

"Schlüssel oder nicht", sagt der Imam. "Es ist unser Land. Das Land bleibt. Das wollen wir zurück. Und eine Entschädigung. Der Koran sagt, dass die Okkupation eines Tages vorbei sein wird. Und die Juden wissen das. Sie wissen, dass sie uns bezahlen werden. Sie fürchten es. Deswegen versucht die zionistische Weltbewegung, die islamistische Bewegung zu zerstören."

Gibt es denn gar nichts, was die Familie damals aus Niilya mitgebracht hat?

Ghada Khalout sagt, dass sie noch ein Kleid hat, das ihrer Großmutter gehörte. Es ist schwarz und mit traditionellen Motiven bestickt. Sie kann es aber leider nicht zeigen. Sie hat es in Bremen gelassen, bei einer Verwandten. Das letzte Stück Niilya hängt in einem Bremer Kleiderschrank. Zurückgelassen auf dieser ewigen Flucht. Sie sind wirklich schon sehr lange unterwegs.

Ghada Khalout fällt ihre Großtante Halima ein, die noch etwas haben könnte. Sie war ja schon eine erwachsene Frau, als sie flohen. Sie ist das Ende des Weges durch die Großfamilie Yassin-Khalout. Oder der Anfang. Das Orakel von Niilya.

Halima Hussein al-Kahlout ist 95 Jahre alt. Sie liegt unter einer dieser bunten, flauschigen Decken in einem kleinen, abgedunkelten Raum. Sie ist klein und dünn, ihr Körper zeichnet sich unter der Decke kaum ab, ihre Augen sind trübe, aber ihr Geist ist wach. Sie war 24 Jahre alt, als sie Niilya verließen.

Sie hat 1948 keinen Juden zu Gesicht bekommen, sagt sie. Keinen Soldaten. Sie sind vor den Gerüchten geflohen, vor den Geschichten, die sie aus dem Norden hörten, von vorbeiziehenden Palästinensern, die aus Jaffa kamen. Vielleicht gab es auch Schüsse aus Majdal, sagt sie. Das kann schon sein. Aschkelon, das sie Majdal nennen, war ja so nah. Sie haben das Markttreiben aus ihrem Garten gehört. Sicher ist sie nicht. Sie erinnert sich nur an ein Gefühl der Gefahr. Deswegen haben sie sich auf den Weg gemacht nach Süden, Richtung Gaza. Oliven, Früchte und Brot als Wegzehrung. Alles zu Fuß. Sie und ihre drei Kinder. Zwei Jungen und ein Mädchen. Der älteste Sohn war sechs Jahre alt. Unterwegs haben sie ihren Mann getroffen, der mit dem Eselfuhrwerk in Gaza gewesen war, um dort Getreide zu verkaufen. Er hat sie dann mitgenommen. Es war Herbst.

Sie schweigt. Ein leichter Luftzug weht durch den Raum. Vielleicht ist sie eingeschlafen. Doch dann redet sie weiter. Ein Bewusstseinsstrom aus der Vergangenheit. Erinnerungen an das Leben in Niilya, ungetrübt von den Erwartungen ihrer Enkel.

"Ich war zwölf Jahre alt, als ich geheiratet habe", sagt sie. "Die Hände waren mit Henna gefärbt."

"Es gab viel Land, wir haben Getreide und Früchte angebaut. Das haben wir in Majdal auf dem Markt verkauft. Bei uns gab es keinen Markt. Wir haben Körbe und Krüge auf dem Kopf getragen. Die Briten haben uns verboten, Messer zu besitzen, aber einer meiner Brüder hatte eine Waffe versteckt. Eines Tages kamen die Briten und stellten das ganze Haus auf den Kopf, sie fanden aber nichts. Die Briten waren dumm, aber gerissen. Wir haben Teile des Landes bei einem Orangengeschäft mit einem Briten verloren. Er hat uns Reichtum versprochen, aber dann verfaulte eine große Orangenladung auf seinem Schiff, weil es in einen Sturm geraten war. Ich bin mir sicher, er wusste es vorher."

Erinnert sie sich noch an ihr Haus?

"Es war einfach. Alle schliefen auf der Erde. Der Boden war aus Lehm, die Wände waren aus Lehm. Es gab keine Fenster."

Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Ruinen im Dorf Niilya

Ihre Nichten, Enkel und Töchter sitzen am Bettrand, der Blick gesenkt.

Erzähl von den Bäumen, Mutter. Den blühenden Gärten von Niilya. Bitte.

Auch die Organisatoren der Märsche enden in ihren Zukunftsvisionen oft in der Vergangenheit. Fragt man Dr. Yousef Saleh, der so was ist wie ein Chefideologe der Hamas, wie er sich ein Zusammenleben mit den Juden vorstellt, sagt er: "Es ist Platz für alle da. Wir haben ja 3000 Jahre lang mehr oder weniger friedlich zusammengelebt."

Saleh war die rechte Hand des Hamas-Führers, er leitet heute das "Haus der Weisheit", einen Thinktank, wie er sagt. Er residiert im 13. Stockwerk eines Hochhauses, das direkt am Strand von Gaza steht. An den Wänden Porträts von Gandhi, Mandela, Martin Luther King und Angela Merkel, in den Regalen Mitbringsel von seinen Reisen um die Welt. Saleh trägt eine Uniform, die aussieht, als habe sich der Schneider von Kim Il Sung, Bertolt Brecht und Daniel Libeskind inspirieren lassen. Er sitzt auf einem thronartigen Sessel im Himmel wie der Gott von Gaza. Aber der Fahrstuhl in seinem Himmelreich fährt nur alle halbe Stunde, weil der Strom knapp ist.

Draußen im Salon wartet ein schwedischer Professor, ein Freund des palästinensischen Volkes. Saleh erzählt davon, wie ihn das Zusammenleben der Menschen in der Schweiz beeindruckt. Die Schweiz wäre ein Vorbild für Palästina, sagt er.

Die Schweiz. Mit anderen Worten: Gott weiß auch nicht weiter.

Sein Zimmer ist vollgestopft mit Matrjoschkas, indischen Elefanten und Gandhi-Porträts, aber sein Denken endet am Zaun zu Israel. Sie haben keine Vorstellung vom Paradies. Sie stehen immer kurz davor.

Niilya wurde am 4. November 1948 entvölkert. Es hat keinen Platz auf israelischen Landkarten. Es gibt kein Ortsschild, es gibt kein Haus, das man suchen könnte. Es gibt die Koordinaten. Man findet sie auf Wikipedia. Sie lauten: 31°38'46" N, 34°34'18" E.

Sie haben Ihr Ziel erreicht, sagt das Navigationsgerät an einer verstaubten Kreuzung. Links und rechts struppige Hügel, in denen wilde Aprikosenbäume, stachlige Sträucher wachsen und Müllberge. Hier und da findet man Reste alter Fundamente. Aus 500 Meter Entfernung kriecht ein Neubaugebiet heran. Fünf- und zehnstöckige Häuser, Dutzende Kräne. Dahinter sieht man die Skyline von Aschkelon, der Stadt, in der Halimas Kinder zur Schule gingen und wo sie ihr Obst verkaufte. Die erste Schule von Niilya bauten sie 1948, aber sie wurde nie eingeweiht. Sie wurde gleich abgerissen, zusammen mit den anderen Häusern. Auch die Moschee und die Begräbnisstätte sind weg. Es gibt einen neuen Friedhof, auf dem vor allem russische Juden begraben sind.

Zwei Beduinen treiben ihre Herde aus Schafen und Ziegen über die Steppe. Sie kommen aus Arad, das 75 Kilometer weiter südöstlich liegt, in der Wüste am Toten Meer. Da gebe es gar kein Gras für ihre Tiere, nur Sand. Deswegen seien sie hier, sagen sie. Weil die Tiere zu fressen hätten.

"Palästinenser?", fragt einer der beiden Schäfer. "Gibt's hier nicht. Hier gibt's nur Juden."

Man kann Jogger oder Hundebesitzer nach der Geschichte dieser unwirtlichen Landschaft fragen, aber sobald das Wort Palästinenserdorf fällt, werden sie wortkarg, laufen weiter. Es ist wie verwunschenes Indianerland. Als spukte es dort.

Vor etwa vier Wochen haben die Archäologen der Israelischen Altertumsbehörde hier ein Lager aufgeschlagen. Sie graben jetzt im Boden Niilyas, und vielleicht finden sie Beweise, dass sie zuerst hier waren. Es ist wie überall im Land. Wo es keine richtigen Argumente gibt, suchen sie nach den Scherben, die ihre Geschichte bestätigen.

Was suchen sie dort in Niilya?

Die Ausgrabungsbehörde antwortet nicht. Ihr Zaun ist mit Warnschildern behängt, es gibt Bewegungsmelder und eine Drohne am Himmel. Es wirkt alles ziemlich bizarr in dieser Einöde. Die Kräne am Horizont, der Müllgeruch, die Dornbüsche, Eidechsen, die sich auf alten Steinen sonnen, und Jungs, die auf Crossmotorrädern über staubige Wege heizen. Und doch mischen sich hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Auftraggeber der Archäologen wissen, dass kein neues Haus auf diesem umkämpften Grund Tatsachen schafft, auch nicht, wenn es 20 Stockwerke hoch ist. Nicht die Besitzurkunde oder der alte Wohnungsschlüssel von Sad Aladin Yassin sind entscheidend, es geht um die bessere, die ältere Geschichte.

Die Einwohner sind geflohen, die Häuser zerstört, die Wege verwischt, die Bäume verdorrt, die Karten gelöscht. Aber der Name, er ist nicht totzukriegen. Niilya.

Artikel

© DER SPIEGEL 19/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP