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DER SPIEGEL
Ausgabe
1/2018

Verzweiflungstat

Sohn, wo bist du?

Was tut ein Vater, dessen Sohn vermisst wird? Gilbert Orbeso kündigte seinen Job und machte sich auf die Suche. Bis zum bitteren Ende.

AP

Vermisstenfotos von Rachel Nguyen und Joseph Orbeso

Von
Donnerstag, 04.01.2018   11:39 Uhr

Es war ein Morgen im Oktober, fast drei Monate nachdem sein Sohn im Joshua-Tree-Nationalpark verschollen war, als Gilbert Orbeso in staubiger Wüste, zwischen Sand und Felsformationen, eine Spur zu ihm entdeckte.

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Heft 1/2018
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Orbeso, 47 Jahre alt, ein dunkelhaariger, durchtrainierter Mann, eigentlich Fitnesstrainer in Los Angeles, schleppte sich durch die Hitze, da sah er in der Ferne, wie eine Fata Morgana, an einem Kaktus hängend die Baseballmütze seines Sohnes. Er folgte der Fährte, stieß auf Brotpapier und Plastikflaschen, etwas in ihm glaubte noch immer an ein gutes Ende. Dann blickte er in einen Abgrund.

80 Tage lang hatte Gilbert Orbeso in der Wüste nach seinem einzigen Sohn Joseph gesucht. 80 Tage waren vergangen, seit Parkwächter ihn und seine Freundin Rachel dort zum letzten Mal gesehen hatten.

Orbeso erzählt davon am Telefon, von Hoffnung und Verzweiflung, von der Besessenheit eines Vaters, der sein Kind nicht aufgeben kann, ehe er es gefunden hat.

Alles begann am 27. Juli dieses Jahres, als Joseph Orbeso, 22, gemeinsam mit seiner Freundin Rachel Nguyen, 20, in den Joshua-Tree-Nationalpark aufgebrochen war. Beide studierten in Kalifornien, beide wollten Unternehmensberater werden, beide waren schon im Hochgebirge der Anden gewandert, aber noch nie in einer Wüste.

Von ihrer Ferienwohnung in Palm Springs aus fuhren sie eine Stunde Richtung Norden, stellten ihr Auto am nordwestlichen Rand des Nationalparks ab. Mit zwei Rucksäcken, voll mit Proviant und ein paar Litern Wasser, betraten sie den Maze Loop Trail, einen ausgeschilderten, zehn Kilometer langen Pfad, berühmt für seine Schluchten. Wie andere Touristen, die auf der Route unterwegs waren, wollten sie nur einen Tag im Park verbringen, rechtzeitig zur Dämmerung wieder beim Auto sein, aber am Abend, als es längst dunkel war, kehrten sie nicht zurück.

Der Vermieter ihrer Ferienwohnung verständigte die Polizei. Das Sheriff's Department des San Bernardino County, bei dem jedes Jahr ein Dutzend Wüstenbesucher vermisst gemeldet werden, schickte sofort einen Suchtrupp.

Der Joshua-Tree-Nationalpark, 225 Kilometer östlich von Los Angeles, ist 3199 Quadratkilometer groß, fast viermal so groß wie Berlin. Er beherbergt mehr als 700 Pflanzenarten, aber nur fünf Orte, an denen man sich mit Wasser versorgen kann. Im Sommer, wenn es bis zu 40 Grad heiß wird, können Vermisste innerhalb von 48 Stunden verdursten.

Noch in derselben Nacht durchkämmten 30 Ranger mit Pferden, Spürhunden und Infrarotkameras den Park. Am nächsten Tag kreisten Flugzeuge und Helikopter über der Wüste. Am übernächsten schritten 250 Rettungskräfte die Umgebung ab, auch Gilbert Orbeso war dabei. Nach drei Tagen dachte er zum ersten Mal, dass Joseph und Rachel bereits tot sein könnten. Nach vier Tagen wurde ihr Handysignal geortet, aber nur ungenau, irgendwo in der Wüste. Nach zehn Tagen, als noch immer jede Spur von ihnen fehlte, stellten die Behörden die tägliche Suche ein.

Ein Ranger sagte zu Orbeso, es tue ihm leid, es sei zu viel Zeit vergangen, es ergebe keinen Sinn mehr. Orbeso erzählt, dass er ein starkes Ziehen in seiner Brust gespürt habe, erst sei es Schmerz gewesen, dann Wut, dann habe er geschrien, wie um alles zu betäuben: "Ich suche weiter!"

Er stellte sich vor, Joseph sei immer noch da draußen. Er fühlte sich schuldig, ihn der Wüste zu überlassen, und ihn quälte die Frage, was seinem Sohn widerfahren war. "Ich brauchte Gewissheit", sagt Orbeso, "so oder so."

Bald kündigte er seinen Job als Fitnesstrainer, bald mietete er ein Motelzimmer nahe des Parks, bald wanderte er jeden Morgen weit hinaus, um auf eigene Faust weiterzusuchen. Er achtete darauf, sich nicht selbst zu verlaufen. Mit roten Bändern, die er nach jedem Kilometer an einen Kaktus knotete, markierte er den Weg.

Zunächst vergingen Tage, dann Wochen, aus Wochen wurden Monate. Am 30. Tag seiner Suche rief er im Lokalfernsehen eine Belohnung aus, 10.000 Dollar für jeden Hinweis, der zur Rettung oder Bergung führen könnte. Am 62. Tag stellte er sich auf einen Felsen und brüllte weinend in die Wüste, er schrie so laut er konnte, sagt er, aber es kam kein Hilfeschrei zurück.

Es war erst an jenem Sonntag im Oktober, als Gilbert Orbeso die Mütze seines Sohnes entdeckte, als er in den Abgrund eines Canyons blickte, da sah er, weitab vom Pfad des Parks, zwei Leichen. Er erkannte zuerst Rachel, dann seinen Sohn Joseph. Ihre leblosen Körper, so erzählt Gilbert Orbeso, "umarmten sich wie Liebende".

Die Polizei fand neben ihnen leere Wasserflaschen und eine Pistole; beide wurden mit Kopfschüssen getötet. Das Paar, so rekonstruierten die Ermittler, war vom Weg abgekommen und hatte im Schatten Schutz gesucht. Irgendwann, als ihre Vorräte aufgebraucht waren, muss Joseph Orbeso, der neben dem Studium für eine Sicherheitsfirma gearbeitet und immer eine Waffe getragen hatte, zuerst seine Freundin und dann sich selbst erschossen haben.

"Sie hatten die Wahl zwischen einem qualvollen Tod und einem schnellen ohne Leid", sagt Gilbert Orbeso. Am Telefon bricht seine Stimme, aber er klingt auch ein wenig erleichtert. Er habe Joseph mittlerweile auf einem Friedhof nahe Los Angeles beerdigt. Er gehe alle drei Tage an sein Grab, den Rest der Woche versuche er, irgendwie weiterzuleben. Seinen Sohn gefunden zu haben, endlich um ihn trauern zu können, sagt Gilbert Orbeso, helfe ihm.

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