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Panorama
Ausgabe
49/2017

Halifax vor 100 Jahren

Die Katastrophe, die den Fortschritt brachte

Am Nikolaustag des Jahres 1917 verwüstete eine gigantische Explosion die Stadt Halifax in Kanada - und setzte erstaunliche Kräfte frei.

Bulls/ South West News Service

Explosionswolke über Halifax: "Dies wird wohl meine letzte Nachricht sein"

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Dienstag, 05.12.2017   23:34 Uhr

Zu der verhängnisvollen Begegnung kam es im Norden des Seehafens Halifax. Um kurz vor neun Uhr morgens wich der norwegische Frachter "Imo" vom Kurs ab und steuerte frontal auf die "Mont Blanc" zu, ein Munitionsschiff auf dem Weg zu den europäischen Kriegsschauplätzen, knallvoll beladen mit rund 3000 Tonnen Brenn- und Sprengstoffen.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 49/2017
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Kurz nachdem die beiden Schiffe kollidierten, schien an der kanadischen Ostküste die Welt unterzugehen: "Ich sah, wie eine blendend helle Feuerwand eine Meile hoch in die Luft schoss", berichtete später eine Augenzeugin: "Sofort schlug mir die Druckwelle ins Gesicht und schleuderte mich mit ungeheurer Wucht quer durchs Zimmer."

Eine gigantische Rauchsäule stand am Himmel, der Donnerschlag der Explosion war noch 300 Kilometer entfernt zu hören. Eine haushohe Flutwelle warf Schiffe an Land, ein 500 Kilogramm schwerer Anker wurde fast vier Kilometer weit geschleudert.

Menschen flogen durch die Luft, ein Hagel aus Feuer und Stahl ging auf die Stadt nieder, knickte Strommasten um wie Streichhölzer, zerstörte über 1600 Gebäude. Mehr als 1600 Einwohner kamen direkt ums Leben, 9000 wurden verletzt - ungefähr jeder fünfte Einwohner. Das Unglück vom Nikolaustag 1917 war die bis dahin größte menschengemachte Explosion der Weltgeschichte.

Kanada erinnert daran jetzt mit zahlreichen Ausstellungen und einer Gedenkbriefmarke. So schrecklich das Ereignis war: Die Katastrophe habe auch erstaunlich starke Gemeinschaftskräfte freigesetzt und überraschende soziale Fortschritte ermöglicht, schreibt der Historiker David Sutherland in einer soeben erschienenen Studie.

Krankenhäuser und Nahverkehr wurden im Zuge des Wiederaufbaus modernisiert, - ebenso die Lebensmittelhygiene und das Rettungswesen. Kindersterblichkeit und Tuberkulose gingen dadurch zurück. Und protestantische Familien nahmen auf einmal sogar katholische Kinder bei sich auf. Das Hinterwäldlernest ("Dirty old Halifax") mauserte sich zu einer Modellgemeinde mit vorbildlichem Sozialsystem.

Bettmann/ Getty Images

Suche nach Verschütteten 1917

Gleichwohl wurden mit dem Wiederaufbau auch alte Ungerechtigkeiten zementiert; daran erinnert die Sozialarbeiterin Michelle Hébert Boyd in ihrem Buch "Enriched by Catastrophe": Die neue Kanalisation aus dem Stadtteil Richmond zum Beispiel wurde durch das Armenviertel Africville verlegt - dessen Häuser selbst aber nicht angeschlossen wurden.

"Im Verlauf von zwei Generationen wichen Optimismus und Hoffnung nach und nach Pessimismus und Enttäuschung", räumt auch Historiker Sutherland ein. Das soziale Klima kühlte wieder ab, die Normalität kehrte zurück.

"So traurig dieser Tag auch war", erinnerte sich ein Bewohner an den 6. Dezember 1917: "Vielleicht war es der großartigste Tag in der Geschichte dieser Stadt."

Über unglaubliche Heldentaten berichtete schon der junge Pfarrer Samuel Henry Prince, der 1920 die ausführlichste Auswertung der Halifax-Explosion als Dissertation im Fach Soziologie vorlegte ("Catastrophe and Social Change").

Er selbst hatte Überlebenden geholfen. Mit Katastrophen kannte er sich aus: Fünf Jahre zuvor war er zweimal zur Seenotrettung ausgelaufen, um nach Opfern der untergegangenen "Titanic" zu suchen.

Derartige Tragödien, konstatierte Prince, könnten Altruismus und gesellschaftliche Verbesserungen befördern. "Alte Gebräuche bröckeln, Instabilität regiert", argumentierte er: "Das Leben wird flüssig wie geschmolzenes Metall."

Viele der Helfer wuchsen über sich selbst hinaus. Ladenbesitzer verschenkten ihre Waren. Ein zurückgekehrter Soldat sagte, dass die blutigen Szenen in Halifax schlimmer seien als alles, was er in Europa auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erlebt habe: "Da drüben sieht man keine komplett zerschmetterten Frauen und Kinder."

Trotz seiner Lungenverletzung schleppte er über 20 Explosionsopfer ins Krankenhaus.

Feuerwehrleute begaben sich mutig in die Flammen. Ein Bahnangestellter brachte sich kurz vor der Explosion nicht in Sicherheit, sondern telegrafierte eine Warnung an einen heranrollenden Zug und schloss mit den Worten: "Dies wird wohl meine letzte Nachricht sein. Goodbye boys."

Er kam im Inferno um. Die 300 Zugreisenden überlebten.

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