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Panorama
Ausgabe
10/2017

Ein Bürgermeisterkandidat bringt sein Dorf gegen sich auf

Aus Satire wurde Ernst

Henricus Pillardy wollte Hessens jüngster Bürgermeister werden. Und ein bisschen Spaß haben. Nun steht der 22-Jährige wegen Wählertäuschung vor Gericht. Was ist geschehen?

Maik Großekathöfer / DER SPIEGEL

Henricus Pil­lar­dy

Von
Donnerstag, 09.03.2017   18:20 Uhr

Im März soll Henricus Pillardy wieder im Amtsgericht zu Korbach erscheinen, und dann wird entschieden, ob er ins Gefängnis muss. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Pillardy, 22 Jahre alt und Student der Philosophie, verzichtet auf einen Anwalt, er verteidigt sich selbst. Er sagt, er habe nichts getan, was dem Recht widerspreche. Zur Last gelegt werden ihm Volksverhetzung, Wählertäuschung, Urkundenfälschung.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 10/2017
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Dabei wollte Pillardy doch nur Hessens jüngster Bürgermeister werden. Und ein bisschen Spaß haben.

Pillardy ist in Ehringen aufgewachsen, einem Dorf mit gut 700 Einwohnern in der Nähe von Kassel. Es gibt dort eine evangelische Kirche aus rotem Stein und ein Fachwerkhaus mit der Inschrift: "Gott gab die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt." Er trägt die Haare etwas länger und eigentlich immer einen Hut. Das Leben auf dem Land war nichts für ihn. Er ging nicht zur freiwilligen Feuerwehr, nicht zum Posaunenchor, nicht in den Gesangsverein. Dafür las er schon als Jugendlicher Adorno, Horkheimer und Nietzsche. Er sagt: "Die waren in ihrem philosophischen Schaffen genauso isoliert wie ich." Man könnte Pillardy als etwas altklug verstehen.

Er fragte sich, warum die Leute seit 18 Jahren immer denselben Mann zum Bürgermeister wählen. "Das ist ein umgänglicher Herr, der aber nichts anderes tut, als bei der Eröffnung des Rewe oder beim Karneval ein paar Hände zu schütteln", sagt Pillardy bei einer Tasse Earl Grey. Er fand, es sei an der Zeit, ihn herauszufordern.

Ehringen gehört zur Stadt Volkmarsen, die Wahl des Bürgermeisters fand im März 2016 statt.

Henricus Pillardy dachte: Wenn Politiker immer nur eine Rolle spielen, dann spiele ich halt auch eine. Er mag den Humor von Martin Sonneborn, dem Satiriker, der es als Kunstfigur ins EU-Parlament nach Straßburg geschafft hat. Pillardy dachte, das könne er auch. Er wollte "die Politik in der Provinz karikieren".

Das Problem mit Satire ist: Sie muss gut sein, damit sie funktioniert.

Weil er parteilos war, musste Pillardy zunächst 82 Unterschriften von Bürgern sammeln, die ihn unterstützen. Er ging von Tür zu Tür und versprach, das Freibad zu retten, das Jugendzentrum zu erhalten und die Kugelsburg, Wahrzeichen der Region, meistbietend zu verkaufen. "Kinder statt Steine", lautete sein Slogan.

Zu seinem ersten Interview mit der Lokalpresse als offizieller Kandidat für das Amt des Bürgermeisters erschien er verkleidet als fundamentalistischer Christ, mit Bibel in der Hand und Kreuz um den Hals. Dem Journalisten erzählte er, er halte Jesus für den einzigen Gott.

Alles nicht so wirklich lustig, kein Knaller dabei. Er brauchte eine echte Provokation.

Anfang 2016 schrieb er auf seiner Facebook-Seite über die Silvesternacht in Köln: Eine "monokausale Erklärung" wäre fahrlässig, Schuld trügen nämlich zwei Minderheiten, "die Neger, die ihre Triebe nicht im Griff haben", und "die Frauen, welche sich auch immer so aufreizend anziehen müssen". Gezeichnet "mit völlig ernsten Grüßen, Henricus Pillardy". Er landete auf Seite eins der örtlichen Zeitung und erhielt eine Anzeige.

In einer Mail an die Zeitung schrieb Pillardy, er denke, die Bürger seien "intellektuell meinem Wahlkampf nicht gewachsen". Es seien "nun mal hauptsächlich Dorfbauern". Dass Satire, um glaubwürdig zu sein, ihr Publikum eher verführen als verunglimpfen sollte, hat sich Pillardy noch nicht erschlossen.

Noch vor der Wahl meldeten sich denn auch einige Leute im Rathaus, um ihre Unterstützung für Pillardy zu widerrufen: Er habe sich ihre Unterschriften erschlichen, weil er ihnen nie gesagt habe, dass er Bürgermeister werden wolle. "Mir hat auch keiner erklärt, dass ich darauf hinweisen muss", sagt Pillardy. Außerdem stehe doch auf dem Formular des Gemeindewahlleiters in gefetteter Schrift, was Sinn und Zweck des Autogramms sei. "Vernünftig lesen müssen die Leute schon." Trotzdem zeigte ihn jemand an.

Bei der Wahl erhielt Pillardy 4,7 Prozent der Stimmen.

Gut acht Monate später, es war Mitte November, stand er zum ersten Mal vor Gericht. Der Richter, Pillardys Wahlkampf offenbar intellektuell gewachsen, war rasch der Ansicht, die Äußerung zur Silvesternacht sei nicht volksverhetzend zu verstehen, sondern ironisch. Als es um den Vorwurf der Wählertäuschung ging, sagten vier Zeugen aus, sie würden zwar ihre Unterschrift wiedererkennen, das Dokument dazu hätten sie allerdings noch nie gesehen. Jetzt stand der Verdacht im Raum, Pillardy habe die Unterschriften von einem anderen Blatt übertragen. Plötzlich ging es auch um Urkundenfälschung. Und da hörte der Spaß auf.

Beim zweiten Termin, Anfang Dezember, entschied der Richter, dass ein Grafologe klären solle, wie die Unterschriften aufs Papier kamen. Sind sie echt oder kopiert?

"Ich kann absolut ausschließen, dass ich mich in dieser Frage schuldig gemacht habe", sagt Pillardy. "Ich glaube den Leuten, dass sie glauben, dieses Formular noch nie gesehen zu haben. Es stimmt aber nicht."

In seinem Dorf gibt es Menschen, die finden, Pillardy gehöre hinter Gitter, damit er seine Lektion lernt. Auf der Straße sprach ihn jemand an mit dem Satz, man sollte ihm "das Ohr abbeißen". Pillardy sagt, er hätte nicht gedacht, dass seine Nachbarn so "satireresistent" seien.

Sollte er verurteilt werden, will er in die nächste Instanz gehen. Bis dahin schreibt er weiter an einem Buch. Es trägt den ganz satirefreien Arbeitstitel "Enttäuschung - Diffamierung einer Person durch die Gesellschaft".

insgesamt 17 Beiträge
stefan7777 09.03.2017
1. Markus Söder
Ganz der junge Söder würde ich sagen. Der ist auch vor 15 Jahren auf dem Fahrrad mit Anhänger in Nürnberg zur Hauptverkehrszeit auf einer vierspurigen Straße rum getingelt um Wahlkampf zu machen... äh um aufzufallen.
Ganz der junge Söder würde ich sagen. Der ist auch vor 15 Jahren auf dem Fahrrad mit Anhänger in Nürnberg zur Hauptverkehrszeit auf einer vierspurigen Straße rum getingelt um Wahlkampf zu machen... äh um aufzufallen.
anschlha69 09.03.2017
2. Ich bin ganz sicher kein Söder-Fan...
...und noch viel weiter von der CSU entfernt. Aber ich glaube wir tun Herrn Söder unrecht den jungen Mann aus Nordhessen auch nur ansatzweise mit Söder zu vergleichen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
...und noch viel weiter von der CSU entfernt. Aber ich glaube wir tun Herrn Söder unrecht den jungen Mann aus Nordhessen auch nur ansatzweise mit Söder zu vergleichen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
anschlha69 09.03.2017
3. selbst der schlechteste satiriker hat noch respekt vor seinen mitmenschen.
und genau den hat er nicht.
und genau den hat er nicht.
hal5000 09.03.2017
4.
Dieser Junge ist ganz offensichtlich kein Satiriker, sondern ein bestenfalls intellektuell durchschnittlich ausgestatteter Möchtegern-Intellektueller. Ein Hut als Showelement, das Lesen (aber möglicherweise nicht Verstehen) von [...]
Dieser Junge ist ganz offensichtlich kein Satiriker, sondern ein bestenfalls intellektuell durchschnittlich ausgestatteter Möchtegern-Intellektueller. Ein Hut als Showelement, das Lesen (aber möglicherweise nicht Verstehen) von philosophischen Werken, Überheblichkeit und eine gewisse Hybris und Egozentrik machen eben noch lange keine Persönlichkeit aus. Für mich ein, mindestens bezüglich Reife, Intellekt und Kenntnis der eigenen Sprache (s. "dass / das") etwas zurückgebliebenes Produkt der heutigen schulischen und gesellschaftlichen Prägung, der plötzlich feststellen muss, dass im echten Leben aus Handlungen Konsequenzen erwachsen und dass die eigene Sicht der Dinge nicht immer die richtige sein muss. Tja, die Realität ist eben nicht der Sandkasten oder die Waldorfschule, in dem / der noch jeder dumme Furz des Kleinen bejubelt und von einer wohlmeinenden Mami zum Jasminaroma erklärt wurde.
lawyer78 09.03.2017
5. Grafologe?
Ich hoffe sehr, dass das Gericht statt eines "Grafologen" einen forensischen Schriftsachverständigen für die Prüfung der Echtheit der Unterschriften bestellt hat. Der Autor möge mal den Unterschied recherchieren...
Ich hoffe sehr, dass das Gericht statt eines "Grafologen" einen forensischen Schriftsachverständigen für die Prüfung der Echtheit der Unterschriften bestellt hat. Der Autor möge mal den Unterschied recherchieren...

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