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Panorama
Ausgabe
2/2018

Milchkrieg

Deutsche Kühe für Katar

Mitten in der Wüste stehen seit Kurzem Hunderte schwarzbunte Kühe aus Deutschland. Das Emirat baut einen der modernsten Milchbetriebe der Welt - mit einem strategischen Ziel.

Sven Döring/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Far­mer "Mis­ter John" mit deut­scher Kuh in der Wüs­te: "Die Na­ti­on steht hin­ter uns"

Von und
Montag, 08.01.2018   04:18 Uhr

In einer Geröllwüste der Arabischen Halbinsel, an einem Ort, an dem sogar die Wüstenspringmäuse verrecken, am Ende einer Straße aus Staub, läuft ein Ire mit einem Strohhut durch die Hitze, bis er vor einem Hangar mit einem Tor aus Metall innehält. Er zieht das Tor nach oben. Drinnen stehen sie, es ist schattig hier und kühl, damit sie es gut haben, die Kühe aus Deutschland, die dem Emirat Katar ihre Milch schenken sollen und damit die Unabhängigkeit.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

"Es geht hier um Souveränität", sagt der Ire. Er ist der Chef auf dieser Farm. Seine Haut ist rosa, in sein kariertes Hemd saugt sich der Schweiß. Sein Name ist John Joseph Dore, seine Mitarbeiter auf der Farm nennen ihn nur "Mister John".

Er ist der Oberfarmer der Baladna Farm. Eigentlich ist Mister John, 57, vor allem Chef einer gigantischen Baustelle. Eine Dreiviertelstunde nördlich der Hauptstadt Doha soll hier in der Wüste eine der größten Kuhfarmen der Welt entstehen. Die Kühe dafür sollen eingeflogen werden, aus Australien und Europa, die ersten 165 deutschen Schwarzbunten sind schon da.

Sie spazieren durch Ställe, die klimatisiert und durch Lamellenschlitze in der Seitenverkleidung erhellt werden. Die Ställe haben nichts mit friesischer Landlustromantik zu tun, hier ist nichts aus Holz, hier laufen keine Kätzchen über den Hof. Wer vor einem Stall der Baladna Farm steht, könnte darin auch Glasfaserkabel vermuten. Die Hallen sind aus Metall, groß, zweckmäßig, steril.

Die Kühe darin machen das, was Kühe machen: fressen, schlafen, kalben, Milch geben. Sie werden ziemlich sicher nie in ihrem Leben einen Huf in die Wüste setzen, weil Kühe sich so wenig wie möglich aufregen sollen, damit sie so viel Milch wie möglich geben. Hitze, Glutsonne und Wüstenmäuse bedeuten mögliche Aufregung. Es ist alles sauber in ihrem Stall, alles ruhig und schön, ein wenig unheimlich ist das, als wären das gar keine echten Tiere. Es ist ein Kuhstall, aber es riecht fast nach nichts.

Die Mauern der Farm sind hoch, am Eingang steht ein Mann, der ein Tuch über das Gesicht gebunden trägt, als bewachte er eine geheime Festung. Hinter den Mauern, neben dem Stall, befindet sich ein Seilgarten für Erwachsene, hier liegt gewässerter Rasen, und es gibt einen kleinen See, auf dem Menschen in bunten Tretbooten aus Plastik fahren können.

Von Deutschland aus betrachtet könnte das wie ein irres Projekt wirken, Kühe um den halben Globus in eine Art Freizeitpark zu fliegen, damit Katarer Milch trinken können, aber für Mister John, den Iren, ist es eine logische Konsequenz dessen, was er "Die Blockade" nennt.


Im Video: Im Kuhstall von Katar
SPIEGEL-Redakteur Takis Würger über seinen Besuch im Baladna-Vergnügungspark mit angeschlossener Kuhfarm, die das Land unabhängig von Milchimporten machen soll.

Foto: AFP / Getty Images

Seit dem Sommer des vergangenen Jahres leidet das Emirat Katar unter einer Blockade des Nachbarn Saudi-Arabien. Im Juni verkündeten die Saudis den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Katar. Als Grund gaben sie an, dass Katar "verschiedene terroristische und sektiererische Gruppen" unterstütze. Kurz darauf schloss Saudi-Arabien den Luftraum für Flüge nach und aus Katar und stellte den Handel mit dem Emirat ein. Die Saudi-Herrscher stellten 13 Forderungen, unter anderem, dass Katar den saudikritischen Fernsehsender Al Jazeera schließt und die Beziehungen zu Iran einstellt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren viele Versorgungsgüter Katars aus Saudi-Arabien gekommen: Blumenkohl, Eier, Hühnchenfleisch, Wasser, Datteln und Milch.

Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel warnte vor einem neuen Golfkrieg. Mister John interessiert sich nicht für Kriege, sagt er. "Ich interessiere mich für Kühe." Er will jetzt seine Baustelle zeigen. Mit im Auto sitzt ein pakistanisches Filmteam, dessen drei Mitarbeiter sich auch für Kühe interessieren. Mister John zeigt auf Gebäude: "Da ist eine Moschee, da können Kinder auf Ponys reiten, da soll ein See hin, wo die Besucher angeln können, da haben wir einen kleinen Zoo mit Alpakas."

Ein Alpaka ist ein Andenkamel, das für seine flauschige Wolle bekannt ist. Das hat keinen Sinn in einer 45 Grad Celsius heißen Wüste, aber es geht, also wird es gemacht.

Mister John sagt, die Idee dahinter sei, dass die Besucher aus Doha am Wochenende kämen und die Farm als Freizeitpark nutzten. Es soll wohl so etwas werden wie die katarische Version von Disneyland, nur dass es um Kühe geht statt um Mäuse.

Mister John fährt mit seinem Geländewagen in die Wüste und deutet auf ein paar gelbe Bagger am Horizont.

"Rock Breaker", sagt er, Steinbrecher. Sie bereiten den Boden für Hallen, die so groß werden sollen, dass man einen Jumbojet darin parken könnte. "14 Millionen Liter am Tag ist das Ziel", sagt Mister John.

Als eine deutsche Kuh aus dem Flugzeug steigt, hebt ein Mann die Arme, als würde er jubeln.

Er arbeitet seit 33 Jahren in arabischen Ländern, seit einem Jahr für die Baladna Farm. In der Vergangenheit hat er auch mal für die Konkurrenz in Saudi-Arabien gearbeitet, für die Milchfirma Almarai, deren Motto lautet "Qualität, der Sie vertrauen können", was ja schon verdächtig klingt.

Er sagt, er habe drei Kinder, die viel kosteten, deshalb sei er hier.

Seit Beginn der Blockade wird die Milch für viel Geld aus der Türkei und Iran importiert. Wenn die Baladna Farm fertig ist, soll sie den kompletten Markt Katars mit Milch versorgen und das Milchmonopol der Saudis zerstören.

"Die Saudis sind nicht glücklich, dass wir ihr Juwel zerbrechen", sagt Mister John und blinzelt dabei zufrieden hinter seinem Lenkrad hervor.

Die Baladna Farm kostet drei Milliarden katarische Riyal, etwa 700 Millionen Euro. Es geht hier um Unabhängigkeit, aber man kann trotzdem sagen, das ist eine Menge Geld, damit Katarer sich morgens heimische Kuhmilch über die Cornflakes kippen können. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der traditionelle Katarer lieber Kamelmilch trinkt, die, anders als Kuhmilch, salzig schmeckt.

Man tut den Mächtigen in Katar wohl kein Unrecht, wenn man sagt, dass ihr Verhältnis zu Geld ein spezielles ist.

Katar ist, pro Kopf gerechnet, eines der reichsten Länder, mit einem Jahreseinkommen von im Schnitt 60.000 Dollar.

Katar gehören Teile der Bank Credit Suisse und des Geldinstituts Barclay's. Die Familie des Emirs besitzt Teile von Volkswagen, Siemens und der Deutschen Bank. Der Emir fährt einen türkisfarbenen Sportwagen des Typs "Koenigsegg CCXR", für 1,2 Millionen Dollar. Er kaufte jüngst seinem Fußballverein, Paris Saint-Germain, den Stürmer Neymar für 222 Millionen Euro. Katar leistet sich neben einem Fernsehsender auch eine Airline. Das Emirat hat sich gerade ein paar US-amerikanische Eliteuniversitäten ins Land geholt und eine Fußballweltmeisterschaft gekauft. Da macht ein Stall keinen Unterschied mehr.

Die Baladna Farm ist offiziell kein staatliches Projekt, aber Mister John sagt, während seine Augen über den Horizont wandern: "Es war ein privater Anfang, doch alle Optionen werden geprüft."

Heißt, die Farm wird verstaatlicht?

Mister John überlegt ein wenig und sagt dann: "Lassen Sie es mich so sagen: Die Nation steht hinter uns." Mehr Fragen zu dem Thema will er nicht beantworten.

Offizieller Finanzier der Farm ist der Chef der Power International Holding, Ramez al-Khayyat, der sein Geld mit Neubauten verdient, in Katar ein gutes Geschäft, die Hauptstadt Doha gleicht zurzeit einer einzigen Baustelle. Jüngst hat er ein Einkaufszentrum aus Marmor gebaut. Khayyat, so erzählen sich die Mitarbeiter der Baladna Farm heimlich, sei kein Katarer, sondern Syrer, aber das passt zu diesem Land. Nur jeder zehnte Einwohner Katars ist in Katar geboren.

Khayyat habe am Anfang der Blockade immer wieder gesagt, so erzählt es John: "Wir wollen Milch! Wir wollen Milch!"

Mister John flog nach Europa und wählte Kühe aus, die dann Anfang Juli über Budapest und Lüttich nach Katar geflogen wurden. Es gibt ein Foto von diesem Tag, als ein schwarzbuntes Friesian-Rind in der Nacht aus einem Flugzeug steigt und eine mit weichem Gummi ausgelegte Treppe nach unten geht. Auf dem Rollfeld steht ein Mann in einer Warnweste und hebt die Hände, als würde er jubeln.

Einer der Kuhhändler, bei dem Mister John gekauft hat, ist ein Niederländer, der in Berkel-Enschot im ersten Stock eines unauffälligen Gebäudes arbeitet. Hans van der Pols hat sein Büro mit Skulpturen bunter Pappmaschee-Kühe dekoriert. Van der Pols arbeitet für den Kuhgroßhändler Multi Dairy Livestock, er verkauft deutsche und holländische Kühe in alle Länder, die nah genug liegen, dass eine Boeing 747 sie von Holland aus erreichen kann, ohne zu tanken. Van der Pols hat Mister John 165 "schwangere Ladys" verkauft, wie er sagt, mit starkem Euter und geraden Beinen.

"Noch Kaffee?", fragt Hans van der Pols. Er gießt sich einen brutal starken Kaffee in eine Tasse und schaufelt einen Löffel Milchpulver dazu. Der Kuhhändler gießt keine frische Milch in seinen Kaffee. Pulver sei komfortabler, sagt er.

Van der Pols war noch nie auf Baladna, aber er hat sich Bilder angeschaut. Super Farm, sagt er, da gebe es sogar eine Maschine, die Wasser zu feinem Nebel verwirbelt, der dann auf die Tiere sinkt und sie kühlt. Er ist begeistert davon, wie die Araber das machen mit den Kühen, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass sie ihn reich machen, aber dann sagt er: "Ökonomisch hat es keinen Sinn."

Bitte was?

"Ökonomisch betrachtet lohnt es sich nicht, die Tiere aus den USA zu holen, aber wenn Emotionen involviert sind..."

Van der Pols hält inne, er überlegt, es wirkt ein wenig so, als würde er merken, dass er hier gerade etwas sagt, was Mister John missfallen könnte.

Die Katarer haben angekündigt, ihre Kühe in Australien, den USA und Europa kaufen zu wollen. Der Weg nach Europa ist der kürzeste, die Kühe sind hier günstiger, wegen der geringeren Transportkosten, und genauso gut. Man kauft Kühe auf der ganzen Welt, um zu zeigen, man kann es. Es ist eine Demonstration der Macht.

Van der Pols sagt: "Die Katarer haben ihren Plan, ob er sinnvoll ist oder nicht, ist egal. Sie haben das Geld."

Katar ist ein junges Land, überall sind Baustellen, auf Baladna und an vielen anderen Orten dieser Wüste schuften die Arbeiter Tag und Nacht. Mister John sagt: "Als ich das erste Mal hier war, 1992, war Katar nicht mehr als eine Hütte und eine Landebahn." Es existieren kaum archäologische Fundstücke, die dokumentieren, dass in jüngerer Vergangenheit mehr als ein paar Beduinen und Fischer auf diesem Haufen Geröll lebten. Dann, Anfang der Siebzigerjahre, als Mister John gerade Landwirtschaft in Dublin studierte, fanden im Norden Katars ein paar versierte Wüstengräber das größte Erdgasfeld der Welt. Damals lebten in Katar rund 100.000 Menschen, heute sind es 2,7 Millionen.

Das Geld brachte auch Unabhängigkeit von Saudi-Arabien. Saudi-Arabien ist 185-mal so groß wie Katar, das etwa über eine Fläche von der Hälfte Hessens verfügt. Die Eliten in Saudi-Arabien betrachten den kleinen Nachbarn nach wie vor als abtrünnig gewordene Provinz. Die Saudis sind Wahhabiten, Anhänger eines streng sunnitischen Islam. Auch die Iraker sind Wahhabiten, aber insgesamt entspannter als die Saudis. Das ist Teil der Antwort auf die Frage, warum sie den Katarern den Milchhahn zugedreht haben: Katar teilt sich sein großes Erdgasfeld mit Iran. Die Iraner sind Schiiten, die Saudis betrachten Iran als Erzrivalen.

Sven Döring/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Bau­fahr­zeug auf dem Ba­lad­na-Ge­län­de:Kal­te Krie­ge wer­den durch Sym­bo­le ge­won­nen

Hinzu kommt, dass Katar gern Allianzen mit allen möglichen Unruhestiftern schmiedet: den Muslimbrüdern aus Ägypten, der Freien Syrischen Armee, der Al-Schabab-Miliz aus Somalia. Katar wird vorgeworfen, einer der wichtigen Finanziers der dschihadistischen Nusra-Front zu sein. Gleichzeitig arbeitetet Katar mit dem Westen zusammen. In dem Emirat liegt das Hauptquartier der U.S. Air Force im Nahen und Mittleren Osten.

Je länger Mister John mit seinem Geländewagen durch die Geröllwüste knattert und in den Staub zeigt, desto klarer wird, dass diese Farm Teil eines Machtspiels ist, das Katar ziemlich clever spielt, mit Saudi-Arabien und der Welt. Baladna, der Name der Farm, bedeutet auf Deutsch "unser Land".

"Seeing is believing", sagt Mister John in einem Moment der überraschenden Ehrlichkeit, einfach so, obwohl niemand gefragt hat. Das ist so etwas wie die große Antwort auf viele Fragen zu dieser Milchkuhfarm. Sehen ist glauben.

Auf der Baustelle steigen die pakistanischen Filmemacher aus ihrem Auto, laufen durchs Geröll und drehen ein paar Sequenzen von Arbeitern, die Stahl sägen. Drei Männer, die ihr Gesicht vor Hitze und Dreck hinter Tüchern verbergen, fegen Staub vom Rohbeton. Sobald sie einen Teil freigefegt haben, schiebt der Wüstenwind neuen Staub auf den Beton. Aber für den Moment, in dem die Pakistaner filmen, wirkt die Baustelle ein wenig sauberer.

Die drei fegenden Männer sollen dafür sorgen, dass schöne Bilder entstehen. Die Baladna Farm von Mister John soll zeigen: Wir schaffen das allein. Sie ist ein Symbol der Stärke. Kalte Kriege werden durch solche Symbole gewonnen, nicht durch Kampfpanzer. Es gibt in der katarischen Küche eigentlich kaum Gerichte, in die Kuhmilch gehört, aber das kann dem Emir egal sein, wenn am Ende der Eindruck entsteht, dass er sich behauptet.

Die Fotos der Kühe, die in Katar aus dem Flugzeug steigen, erschienen in der "Bild"-Zeitung, bei Spiegel Online und in "Newsweek". Im Auto hinter Mister John fährt der Social-Media-Beauftragte der Farm, der hauptberuflich für schöne Bilder zuständig ist. Auf der Facebook-Seite sind Bilder zu sehen, die die Vorzüge der Farm zeigen. Ein Foto zeigt drei lachende Männer vor einer Kletterwand, in der Bildunterschrift steht: "In Baladna Park zeichnen wir ein Lächeln in Ihr Gesicht". Ein Foto zeigt Menschen in Tretbooten. Bildunterschrift: "Die Welt sagt dir, werd erwachsen, aber in Baladna Park musst du das nicht".

"Seeing is Believing", sehen ist glauben, so heißt seit ein paar Jahren eine weltweite Kampagne zur Prävention gegen Erblindung. Aber wer sich den Facebook-Account der Baladna Farm anschaut, bekommt den Eindruck, dass es hier nicht darum geht, klar zu sehen, sondern so, wie ein paar Katarer das gern hätten.

Mister John steigt wieder in seinen Wagen, fährt ums Eck, steigt aus und pfeift ein Liedchen, als er das Tor zu einem Container öffnet. Er pfeift die "Rachearie" aus der "Zauberflöte", wahrscheinlich ist es ein Zufall. In der Arie heißt es an einer Stelle:

Zertrümmert sei'n auf ewig/
Alle Bande der Natur.

Sven Döring/ Agentur Focus/ DER SPIEGEL

Farm­chef Dore im Stall: Star­kes Eu­ter und ge­ra­de Bei­ne

Im Container stehen Kälber, frisch geboren, manche sind noch nass. Sie wurden den Mutterkühen weggenommen, damit die Menschen die Milch abzapfen und trinken können. Die Tiere zittern, die Luft riecht säuerlich, nach frischem Fruchtwasser. Es ist ein Bild, das in Erinnerung ruft, was man leicht vergisst: Milch ist immer Muttermilch. Mister John packt zwei Kälber, die auf dem Beton liegen geblieben sind, und zerrt sie an den Vorderläufen ins Stroh.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass ein so künstlicher Staat wie Katar sich hier das Thema Milch ausgesucht hat, um zu demonstrieren, was alles möglich ist, wenn man genug Geld ausgibt. In Katar gedeiht kaum etwas natürlich. Hier gibt es nicht mal Trinkwasser, egal wie tief man buddelt. Katarische Natur lässt sich in zwei Wörter zusammenfassen: Hitze und Sand.

Die Glas-Stahl-Bauten, die 400 Hektar große künstliche Insel namens "The Riviera Arabia", diesen ganzen Wahnsinn hat sich der Mensch ausgedacht. Katar ist das Land mit dem größten Energieverbrauch und dem weltweit größten Ausstoß von Kohlenstoffdioxid pro Kopf. Es ist vielleicht das unnatürlichste Land, das es gibt.

Es passt gut zur modernen Milchproduktion. Mister Johns Kühe stehen auf Sand, und wenn sie müde werden, legen sie sich auf Matratzen aus Kunststoff. Sie fressen Silage aus Luzerne, einer Pflanzenart aus der Gattung Schneckenklee. Die Kühe werden von Maschinen gemolken.

Die pakistanischen Filmleute bauen im Stall ihre Kamera auf, weil sie eine Melkmaschine filmen wollen. Mister John sagt, dass es leider nicht möglich sei, weil das nur die kleine Melkstation sei und der Boss, also Mister Ramez al-Khayyat, viel Wert darauf lege, dass alle Bilder, die von der Farm kommen, demonstrieren, wie groß hier alles sei.

Mister John wird einsilbig, bittet, in seinen Wagen einzusteigen, und lässt den Motor an. Er fährt zurück zum Eingangstor der Farm und lässt die Gäste aussteigen. Der Besuch dauere ja schon viel länger als geplant, und er habe nun leider keine Zeit mehr. "Good-bye." Er will nicht darauf antworten, wie genau der katarische Staat diese Farm unterstützt, oder darauf, wie es sich anfühlt, für eine autokratische Monarchie zu arbeiten, in der die Scharia herrscht. Auf die Frage, ob er es ironisch finde, dass die Katarer sich einen Iren geholt haben, um beim Thema Milch ihre Unabhängigkeit zu erlangen, sagt er: "Ja."

Als er einem zum Abschied die Hand zerquetscht, sagt er, ab und an gehe er im Sheraton ins Irish Pub, das den Namen "Irish Harp" trägt, und haue sich zum Klarkommen ein paar Guinness rein.

Die 165 deutschen Kühe, die im schattigen Sand der Baladna Farm stehen, produzieren bisher viel zu wenig Milch für den katarischen Markt, deshalb strecken Mister John und seine Kollegen die Kuhmilch mit Ziegenmilch und Schafsmilch, damit zumindest ein bisschen mehr in die Flaschen kommt. Man kann sie für umgerechnet einen Euro in einem eiskalt runtergekühlten Hofladen kaufen.

Die Produzenten nennen das Getränk "Cocktail Milk", und so schmeckt das auch. Auf der Verpackung sind eine Kuh, eine Ziege und ein Schaf zu sehen, die auf einer grünen Weide grasen. Darüber steht: "Made by nature." Von der Natur gemacht.

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