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DER SPIEGEL
Ausgabe
34/2016

Interview mit Schriftstellerin Elena Ferrante

Austausch mit einem Phantom

Die Autorin Elena Ferrante ist ein Weltstar - doch niemand weiß, wer wirklich hinter diesem Namen steckt. Dem SPIEGEL gab sie nun Auskunft: über Literatur, über Freundschaft und über ihre Anonymität. Von Klaus Brinkbäumer

Sonntag, 21.08.2016   09:03 Uhr
herbert list / Magnum Photos / Agentur Focus

Freundinnen in Rom 1953

Zwei Mädchen begegnen einander im Klassenzimmer und in den Gassen ihrer Stadt, die eine zweifelt, und die andere ist stark. Wenn die Jungs mit Steinen werfen, rennen die meisten Mädchen ja weg, nur diese andere wirft zurück und trifft, bis sie selbst getroffen wird, an der Stirn. In der Grundschule war die eine, Elena, die Beste, ehe die andere hinzukam und besser war, denn diese andere, Raffaella, Tochter des Schusters, hatte sich selbst das Lesen beigebracht.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 34/2016
Steuern runter!
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Natürlich möchte Elena nun die Zuneigung Raffaellas gewinnen. Nichts auf dieser Welt wünscht sich Elena dringlicher, das sonstige Leben ist garstig genug. Menschen sterben an Kleinigkeiten, Väter haben keine Zeit, Mütter sind stumpfsinnig unglücklich, die Jungs so wenig zu verstehen wie die stillen Regeln dieser Stadt, Neapel.

Elena besteht alle Mutproben, und als Raffaella dann Elenas Puppe in den düsterfeuchten Keller des Don Achille wirft, greift sich Elena sofort Raffaellas Puppe und wirft sie hinterher. Beide Mädchen sind gemeinsam schockiert, und zusammen steigen sie in den Keller hinab, um ihre Puppen Tina und Nu zu suchen. So beginnt diese Verbindung, die halten wird.

Und rund 60 Jahre und eine Lebensfreundschaft später erfährt Elena, von allen Lenù genannt, im Welten entfernten Norditalien, dass Raffaella, die nur von Lenù Lila genannt wird, im heimischen Neapel, das sie nie verlassen hat, verschwunden ist. Natürlich ist Lila auf jene radikale Weise verschwunden, wie nur Lila verschwinden kann: Alle Kleider, Briefe, Notizen sind weg, die Fotos zerschnitten, es gibt nichts mehr, keine Spur. So beginnt die neapolitanische Saga, denn Lenù kann das nicht zulassen, diese Machtlosigkeit, diese letzte Niederlage und das Vergessen, auch die Trauer. Sie setzt sich hin und schreibt.

Weit über 1500 Seiten. Vier Bände. Und was für ein Werk.

Die neapolitanischen Romane und ihre Autorin (oder ihr Autor) brauchten lange, bis sie Deutschland erreichten. 1991 schickte ein Mensch, mutmaßlich eine Frau, die sich Elena Ferrante nannte, dem kleinen Verlag Edizioni e/o ein Manuskript und schrieb, sie (er?) wünsche, anonym zu bleiben. Preise, sollte es welche geben, würde Elena Ferrante nicht entgegennehmen, Reden niemals halten, und die eigene Identität würde sie nicht verraten: "Ist es nicht so, dass Werbekampagnen teuer sind? Ich werde euch von allen Autoren am wenigsten kosten, ich spare euch sogar meine Anwesenheit."

Drei schmale Romane erschienen. Darin genossen Frauen die Liebe und litten daran, Töchter liebten und hassten die eigenen Eltern und Kinder, das Leben in diesen drei Romanen war zart, roh, weit, eng. Tabus gab es nicht, es ging genauso angstfrei um körperlichen Verfall wie um das Ende der Lust, wenn der Mann heimkommt und die Frau nach Babybrei riecht.

Langsam baute sich die Welle auf, die ersten Übersetzungen wurden verabredet, und dann, 2011, erschien in Italien "L'amica geniale", der erste Band der neapolitanischen Saga, rasch gefolgt von den drei Fortsetzungen. Ferrantes Schreiben kenne "keine Grenzen und ist gewillt, jeden Gedanken vorwärts bis hin zu seiner radikalsten Konsequenz und zurück bis hin zu seiner radikalsten Geburt zu tragen", schrieb James Wood, Professor für Literaturkritik in Harvard und "New Yorker"-Kritiker. Das war die Heiligsprechung: Im Rest der Welt wurde jetzt verhandelt und übersetzt, Ferrante ist dort seit fünf Jahren der größte Star der Literatur, allerdings blieb da diese eine Frage: Wer ist Elena Ferrante?

SPIEGEL: Sind Sie eine Frau? Verraten Sie uns, wo Sie geboren sind?

Ferrante: Und Sie, wo sind Sie geboren? Aber vor allem: Sind Sie ein Mann? Wie Sie wissen, ist eine Geburtsurkunde nicht besonders aussagekräftig, und vor Kurzem hat auch die Wissenschaft begonnen, die Frage nach dem Geschlecht zu überdenken. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich zu einer literarischen Identität mehr Vertrauen als zu einer standesamtlichen, besonders wenn das Werk nicht nur ein Beleg dafür ist, dass man gut abschreiben kann. Doch hier stellen Sie die Fragen, und da Sie sich so brennend dafür interessieren, was in meinem Ausweis steht, will ich Ihnen folgendermaßen antworten: Ich heiße Elena, ich bin eine Frau, und ich bin in Neapel geboren.

Foto: DER SPIEGEL

SPIEGEL: Mit welchen Vorbildern, mit welchen Schriftstellerinnen sind Sie aufgewachsen?

Ferrante: Ich habe viel gelesen, aber nur das, was ich in der ziemlich veralteten Bibliothek bei uns gleich um die Ecke gefunden habe. Das 20. Jahrhundert trat erst in mein Leben, als ich 16 war. Dafür habe ich seit meinem zehnten Lebensjahr alles Mögliche gelesen. Doch Sie fragen nach Autorinnen. Am stärksten beeindruckt haben mich von klein auf die Brontë-Schwestern, Selma Lagerlöf, Grazia Deledda. Aber wissen Sie, was kurios ist? Damals spielten die Namen der Schriftsteller für mich kaum eine Rolle. Ich dachte lange Zeit, Moll Flanders habe "Moll Flanders" geschrieben (es war Daniel Defoe -Red.). Dann wuchs ich heran, und eine ganze Welt tat sich auf, vornehmlich durch Elsa Morante. Von da an wurde die Liste der Schriftstellerinnen länger.

SPIEGEL: Wir würden ja recht gern wissen, wo Sie sind. Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster blicken?

Ferrante: Den Ast einer Eiche und eine graue Hauswand. Früher gefiel mir das, doch seit Langem achte ich nicht mehr darauf.

SPIEGEL: Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Ferrante: Zurzeit lese ich jeden Abend mindestens eine Erzählung von Edna O'Brien, man kann viel dabei lernen. Und mehr oder weniger regelmäßig greife ich zu den großen italienischen Ritterromanen vom "Morgante" über den "Verliebten Roland" bis hin zum "Rasenden Roland", die ich lese, erneut lese oder durchblättere. Es sind spannende Geschichten voller Abenteuer und Überraschungen, in denen die typischen Geschlechterrollen zu bröckeln beginnen, Männer können sich wie Frauen die Augen aus dem Kopf weinen, und Frauen können voller männlicher Entschlossenheit sein.

Der Gedanke, diesem Phantom, diesem größten Geheimnis der Literaturwelt schriftlich näherkommen zu können, entstand vor 18 Monaten, nach Lektüre der amerikanischen Übersetzung der neapolitanischen Romane. Der Gedanke ist von einer Freundin geklaut: Megan O'Grady, die Literaturkritikerin der amerikanischen "Vogue", hatte es nach langem Werben geschafft, eine Verbindung zu Ferrante herzustellen, langsam waren Fragen und Antworten hin- und hergewandert.

Jedoch: nichts. Mails nach Italien, zum Verlag, zur Agentin, blieben meist unbeantwortet und immer folgenlos.

Dann aber, endlich, verkündete Suhrkamp, die Rechte für Deutschland erworben zu haben. Die Berliner Übersetzerin Karin Krieger machte sich ans Werk, sie sagt: "Elena Ferrante spielt nicht. Es ist ihr sehr ernst mit ihrem Text. Und sie manipuliert uns nicht mit Worten. Was sie erzählt, ist so spannungsreich, dass sie dafür nicht auch noch eine aufgeheizte Sprache braucht. Für mich als Übersetzerin ist es schwer, mich genauso zu kontrollieren, keine feurigeren Wörter zu verwenden, als die Autorin dies tut, und mich nicht von der Heftigkeit des erzählten Inhalts zu einer heftigen Form hinreißen zu lassen. Elena Ferrantes große Stärke ist ihre sehr klare, beherrschte Sprache, die nahezu schmucklos, aber nicht unscheinbar ist, ganz im Gegenteil. Sie ist von einer energiegeladenen Leichtigkeit, die viel leichter zu lesen als zu übersetzen ist."

Viele Figuren treten in dem halben Jahrhundert dieser grandiosen Geschichte über das Leben auf, das wir alle so gut zu kennen glauben. Es gibt in dieser Geschichte nur einen rundum guten Menschen, doch der lebt nicht lange. Und Neapel wandelt sich und bleibt ewig gleich, und die Roten Brigaden kommen und gehen, und Lenù und Lila verlieren den Kontakt und finden ihn wieder. Mal ist die eine hilflos gescheitert, dann doch die andere, und beide sind egoistisch und helfen einander, und beide machen Fehler und vollbringen Großes, relativ betrachtet, unter den Umständen. Und die Leser sind mal auf der einen und dann auf der anderen Seite und wollen vor allem, dass diese Freundschaft hält, da etwas Wichtigeres nicht existiert.

Nun, am 6. September, wird "Meine geniale Freundin" erscheinen, die drei weiteren Bände "Die Geschichte eines neuen Namens", "Die Geschichte der getrennten Wege" und "Die Geschichte des verlorenen Kindes" sollen flott folgen. Und ganz langsam entstand dann doch ein Kontakt, über Suhrkamp und mit der Agentin Clementina Liuzzi, und dann kam die Zusage: ein Gespräch, natürlich schriftlich, bitte alle Fragen auf einmal einreichen, okay, na gut, Nachfragen sind erlaubt.

SPIEGEL: Geht es im Leben um Freundschaft? Bedeutet sie mehr als die Liebe?

Ferrante: Seine Verwandten kann man sich nicht aussuchen, seine Freunde schon. Verwandtschaftliche Beziehungen bestehen auch dann weiter, wenn wir sie beenden wollen, Freundschaften können vergehen. Diese sind in vielerlei Hinsicht sogar eine Flucht vor der unvermeidlichen Liebe zu Eltern, Schwestern und Brüdern. Eine Freundschaft kann sich ergeben, wenn wir uns aufmachen, die Welt außerhalb der Familie zu erkunden, wenn wir aus dem Privaten heraustreten. Sie zeigt uns, dass ein Außenstehender uns einen Rang geben kann, einen Wert, eine Bedeutung, die wir nicht einmal in der Familie zu haben glauben. Amicizia, Freundschaft, geht auf das lateinische "amor" zurück und hat viele Merkmale der Liebe, vor allem den unsicheren Stand der Verbindung (bedeute ich ihr so viel wie sie mir?), die Angst vor Untreue und das Gefühl des Sinnverlustes, wenn die Beziehung zerbricht. Aber sie hat nicht die Absolutheit der Liebe und soll sie auch nicht haben. Liebe neigt dazu, die Welt auf den Geliebten zu reduzieren, Freundschaft hilft uns, in der Welt zu sein.

SPIEGEL: Sind Frauen bessere Freunde als Männer?

Ferrante: Männer können wunderbare Freunde sein, und unbewusst wenden sie die historisch gefestigten Regeln einer Männerfreundschaft auch auf Frauen an. Aber sie halten sich sozusagen für allwissend und neigen dazu, dir ständig zu erklären, wie du sein sollst. Da sie dich zudem nie als ebenbürtig betrachten, können sie nicht anders, als sich wie dein Beschützer, wie dein Filter, wie dein Vormund zu benehmen. Frauen haben keine seit Langem gefestigten Regeln, sie packen alles Mögliche in die Freundschaft hinein, wodurch sie sie fortwährend aufs Spiel setzen, doch sogar wenn dich eine vor dem Rest der Welt in Schutz nehmen will, weißt du immer, dass sie gerade genauso dazulernt wie du.

SPIEGEL: Was geschieht, wenn wir altern? Müssen wir Freundschaft beschützen?

Ferrante: Eine gute Freundschaft altert mit uns. Und wenn sie gut ist, muss sie nicht beschützt werden. Schwierig wird es nur, wenn wir schlecht altern, wenn wir also nicht nur älter, sondern auch intolerant und unerträglich werden.

SPIEGEL: Haben Sie eine Freundin wie Lila?

Ferrante: Ich hatte eine Freundin, die ihr ähnelte. Es war eine sehr wichtige Beziehung.

SPIEGEL: Die Frauen in Ihren Büchern ringen permanent mit ihren diversen Rollen, sie sind von Bildung, Ehrgeiz, Muttersein, Freundschaft, Liebe und voneinander überfordert. Was können die Männer tun?

Ferrante: Die Männer könnten damit anfangen, den Wert der Frauen anzuerkennen, sie könnten einen Vergleich mit uns zulassen, ohne uns herabzusetzen, sie könnten sich öffentlich zu den Anleihen bekennen, die sie bei den Resultaten unserer Klugheit aufgenommen haben, sie könnten sich von ihrer Gewohnheit verabschieden, allwissend und allmächtig zu sein, sie könnten anfangen, wie Menschen unter Menschen mit uns zusammenzuleben. Selbst die besten Männer, die ich kenne - und unter ihnen sind ganz wundervolle -, schaffen es nicht, angesichts unserer Erfolge auf den verschiedensten Gebieten einen gutmütig-ironischen Tonfall zu vermeiden, als wären wir von vornherein unterlegene Wesen, die sich aber immerhin ordentlich anstrengen, ihr Bestes zu geben, und eine gönnerhafte Anerkennung verdienen. Der Tag, an dem ein bedeutender Mann zugibt, dass er in seinem Fach von einer Frau gelernt hat, wird als großer Tag in die Geschichte eingehen. Gegenwärtig ist jeder Augenblick unseres gesellschaftlichen und privaten Lebens ein Kraftakt und ein Kampf, wir müssen zu vieles zusammenhalten, Familie, Kinder, alternde Eltern, Arbeit, Karriere, Studium und Fortbildung, die Pflege unseres Körpers, emotionale Erschütterungen, körperlichen Verfall. Die Welt ist noch immer ganz auf die Bedürfnisse, die Leiden und das Wohl der Männer ausgerichtet. Unser Chaos wird für ein weibliches und damit minderwertiges Chaos gehalten und nicht als ein allgemeines anerkannt.

SPIEGEL: Elena glaubt, eine geborene Mutter zu sein, kann aber plötzlich nicht mehr schreiben. Lilas Ausbildung wird durch kurzsichtige Eltern und durch frühe Heirat gestoppt. Wollen Sie uns damit sagen, dass keine Frau alles haben kann?

Ferrante: Nein, nein, ich glaube, jeder Mensch sollte vom Leben alles verlangen. Wozu denn die eigenen Wünsche selbst einschränken? Dafür sorgt gegebenenfalls schon das Leben; unterdessen müssen wir das Unmögliche verlangen. Es ist immer Zeit für das Mögliche und mehr noch für das Wahrscheinliche.

Bruno Barbey / Magnum Photos / Agentur Focus

Neapolitanerin 1964

SPIEGEL: Haben Sie Kinder? Hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Ferrante: Ich habe Kinder, ja. Die Liebe zu ihnen und die Liebe zum Schreiben im Gleichgewicht zu halten war ein schwieriges Unterfangen. Aber die Mutterschaft war wie ein Anker für mich, sie hat mich in der Zeit des Alltags gehalten, und das hat mir alles in allem gutgetan. Ich habe meinen Töchtern als Mutter viel Zeit geschenkt, und überraschenderweise haben sie die Zeit, die mir zum Schreiben blieb, und deren Intensität positiv beeinflusst.

SPIEGEL: Die furchtbarste Szene der gesamten Saga ist das Verschwinden von Lilas Tochter. Was bedeutet es?

Ferrante: Welchen Sinn ein Autor seiner Geschichte zuschreibt, ist nicht von Belang. Jedes Mal, wenn ich mich hinreißen lasse, mich dazu zu äußern, bereue ich es. Es ist Sache der Leser, einen Sinn zu finden.

SPIEGEL: Die Mütter und Großmütter Ihrer Geschichte sind gemeine Gestalten. Macht Armut hinterhältig?

Ferrante: Wir neigen manchmal dazu, die Unterdrückten zu idealisieren. Unterdrückung setzt sich fort, verzweifelte Menschen können zu äußerst grausamen Peinigern von noch Verzweifelteren werden, und diese Tatsache gilt für Männer wie für Frauen. Aber im Grunde kommt es auf den Einzelnen an, auf die breite Palette wenn auch widersprüchlicher Gefühle, die ihn leiten, auf seine positiven Wandlungen. Verzweiflung und auch durch Ohnmacht verursachte Erbärmlichkeit können sich in Solidarität verwandeln, in einen Kampf, Seite an Seite, gegen die, die uns mit Füßen treten.

SPIEGEL: Wäre Elenas und Lilas Leben anders, würden sie heute aufwachsen? Ist das Leben der Frauen einfacher geworden?

Ferrante: Das Leben der Frauen ist durch nichts anderes als durch den tagtäglichen Kampf der Frauen besser geworden. Die neuen Generationen glauben, dass es das, was sie heute haben, schon immer gegeben hat. Dem ist nicht so, man braucht sich nur einmal anzusehen, wie die Lage der Frauen in vielen Teilen der Welt immer noch ist. Oder sich vor Augen zu führen, wie groß die Unterschiede je nach den wirtschaftlichen und soziokulturellen Gegebenheiten sind. Nichts ist brisanter als die Lage der Frauen. Auch die, die heute glauben, alles zu haben, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie von einem Augenblick zum anderen alles verlieren können. Jede Machtdemonstration beginnt immer und immer bei den Frauen.

SPIEGEL: Die Liebe zwischen Mann und Frau scheint unmöglich zu sein. Am Ende des dritten Bandes glauben wir alle an Elenas Liebhaber Nino - aber dann kommt Band Nummer vier. Was für ein Wicht!

Ferrante: Liebe ist möglich, na und ob, sie geschieht fortwährend, und sie ist eine wundervolle Erfahrung. Das Problem ist ihre Dauer. Und die hängt nicht nur von den Männern ab, die oftmals großartige Menschen sind und ihr Bestes geben; trotzdem nutzt sich die Liebe ab. Das Problem ist, so merkwürdig es klingen mag, dass die Liebe nach den Jahren des Glücks eine kulturelle Anstrengung ist, eine vom guten Willen entworfene Konstruktion. Und an diesem Punkt kapitulieren die Männer, ob nun Italiener oder nicht. Wir Frauen wissen, wie man sich um ein stets unsicheres Gleichgewicht kümmert, sie nicht.

SPIEGEL: Liebe Elena Ferrante, wann haben Sie eigentlich warum Ihr Pseudonym gewählt?

Ferrante: Italo Svevo sagte einmal, der Autor muss, noch vor den Lesern, an seine Erzählung glauben. Der Protagonistin meinen Namen zu geben hat mir geholfen, noch mehr an die Geschichte zu glauben, die ich gerade schrieb. Vielleicht verbirgt sich also in einem frühen Ferrante-Text ihre Identität. Sie hüte allerdings jede Menge unveröffentlichter Texte und publiziere nur, woran sie glaube, sagte sie der "Paris Review".Und die Icherzählerin Elena heißt nun also Elena, weil... ach, wer weiß.

SPIEGEL: Möchten Sie in J.D. Salingers Fußstapfen treten? Oder spielen Sie ein Spiel mit den Medien?

Ferrante: Ich spiele ganz und gar nicht. Mein Entschluss ist wohlüberlegt und endgültig. Der Ruhm, wie Sie es nennen, ändert nichts an meinen Beweggründen, die im Laufe der letzten 25 Jahre übrigens immer klarer geworden sind. Ich halte den gegenwärtigen Rummel für absolut vergänglich. Das Aufsehen gilt meinen Büchern, es wird einen Höhepunkt und ein Ende haben. Meine kleine kulturelle Polemik wird weiterbestehen, zumindest für mich, und ich habe nicht die Absicht, sie mit irgendeiner äußerst banalen Enthüllung zu beenden. Ich habe einen Pakt mit den Lesern geschlossen, an diesen Pakt halte ich mich. Ich glaube, dass Bücher nur sich selbst brauchen und dass sie sich ihre Leser selbst suchen müssen. Das ist der ganze Grund für meine Abwesenheit.

SPIEGEL: Gibt es einen kleinen Kreis der Wissenden?

Ferrante: Die Menschen, die zu meinem Leben gehören und die ich liebe, wissen alles über mich und unterstützen meine Entscheidung.

SPIEGEL: Ist ein Pseudonym ein literarisches Konzept? Das Verschwinden des Autors gestattet den Lesern, sich alles vorzustellen, was sie sich vorstellen wollen.

Ferrante: Proust sagte, man weiß nicht, woher das schreibende Ich kommt, es verschwindet, wenn es sein Werk getan hat, und es ist nicht gesagt, dass es je wieder auftaucht. Die Figur des Bergotte in der "Recherche" ist ein bedeutender Schriftsteller, doch ein gewöhnlicher Mensch. Mensch und Autor stimmen nicht überein, der Autor steckt ganz und gar im Werk. Ich glaube an diese These. Ich bin sogar der Ansicht, dass es sowohl dem Schreiben als auch dem Lesen zugutekäme, wenn die physische Person des Schriftstellers sich dazu entschließen könnte, sich zurückzuziehen, wenn es selbstverständlich werden würde, dass alles, was der Leser braucht, im Buch enthalten ist.

SPIEGEL: Der Autor Roberto Saviano lebt im Verborgenen. Auch Sie schreiben über die Mafia, die Solara-Brüder sind die Paten Ihrer Saga. Fürchten Sie, dass Sie zu viele Wahrheiten über Neapel verraten haben?

Bruno Barbey / Magnum Photos / Agentur Focus

Matrosen in Neapel 1964

Ferrante: Nein, diese Angst habe ich nicht, zumindest derzeit nicht. Solch ein Austausch ist kein SPIEGEL-Gespräch. Man möchte ja ständig einhaken, nachfragen, doch das geht nicht. Ein großer Schwung Fragen wandert nach Italien, und irgendwann kommt ein wohlgeformter Text zurück; Karin Krieger übersetzt Elena Ferrantes Antworten. Es wird schnell klar, dass Elena Ferrante liebend gern über Literatur und das Schreiben schreibt und weniger gern über sich. Manche Fragen lässt sie aus (oder sie fasst drei Fragen in einer Antwort zusammen).Diskutieren wir also über Literatur.

SPIEGEL: Sie arbeiten in Ihren Büchern mit kurzen Kapiteln und Cliffhangern und erzählen bildreich; haben die italienischen Fotoromane Sie geprägt?

Ferrante: Gern würde ich mit Ja antworten, doch das wäre gelogen. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für das geschriebene Wort, Illustrationen haben mich sogar gestört. Als kleines Mädchen, noch lange vor dem Alter für Fotoromane, las ich Abenteuergeschichten wie die von Eugène Sue, aber auch Dickens, Conrad, Hugo, fast immer in schlechten Übersetzungen, aber trotzdem spannend. Dann faszinierten mich die Fotoromane, doch ich war inzwischen eine erfahrene Leserin, und nach einer Weile waren sie mir zu fade.

SPIEGEL: Machen Sie Anleihen bei Kino und Fernsehen?

Ferrante: Ich liebe Kinofilme und Fernsehserien. Aber Kino und Fernsehen haben die Techniken zerstört und zerstören sie noch, die die Literatur in ihrer langen, reichen Geschichte entwickelt hat. Es wird leicht vergessen, dass hinter einer bildlich dargestellten Geschichte das Schreiben steht, sei es als literarischer Fundus, der geplündert werden kann, sei es als Vorarbeit.

SPIEGEL: Es gibt in Italien Pläne, Ihre vier Romane in eine TV-Serie zu verwandeln.

Ferrante: Falls es je dazu kommt, werden sich Leute darum kümmern, die Drehbücher schreiben können. Ich werde mich darauf beschränken, sie zu lesen.

SPIEGEL: Ihre Bücher sind zugleich freud- und anspruchsvoll. Gibt es einen Kontrast zwischen Unterhaltung und Seriosität?

Ferrante: Ich halte die Trennlinie für irreführend, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen guter Literatur für wenige und Unterhaltungsliteratur für viele gezogen wird. Es trifft zwar zu, dass es eine Wertehierarchie gibt und dass ein großes Buch kompetente Leser braucht, die seine Komplexität zu würdigen wissen. Doch mir fällt nicht ein großes Buch ein, das sich nicht um das Wohl aller potenziellen Leser kümmerte, egal wie es um deren Kompetenz bestellt ist. Ich fürchte, da hat, besonders in den letzten sechzig Jahren, eine zu starke Vereinfachung stattgefunden. Die Qualität eines Buches lässt sich nicht dadurch belegen, dass es schwer zu lesen ist. Ganz abgesehen davon, dass es Fälle gegeben hat, in denen Bücher, die in den großen Topf der Unterhaltung (ein grässliches Wort) geworfen wurden, mit der Zeit aufgewertet wurden. Solange es das Schreiben gibt, wird auf lange Sicht die Lust siegen, in spannenden und zugleich vielschichtigen Erzählungen aufzugehen.

SPIEGEL: Lässt sich Schreiben vermitteln?

Ferrante: Ja, Schreiben kann man lehren. Und man muss es lernen, um das eigene Talent zu stärken und es mit immer komplexeren Ausdrucksmitteln auszustatten. Talent lässt sich dagegen bedauerlicherweise weder lehren noch erlernen.

SPIEGEL: Obwohl Sie seit Jahren ein Weltstar sind, erfährt Deutschland erst jetzt von Ihnen. Funktioniert Europa in kulturellen Angelegenheiten nicht?

Ferrante: Nein, die europäische Integration tut hier nichts zur Sache. Mein erstes Buch, "L'amore molesto" (deutsch: "Lästige Liebe"), das vor 24 Jahren erschien, wurde sofort ins Deutsche übersetzt, fand aber kein Publikum. Ein Misserfolg wird zum Hindernis, man darf nicht vergessen, dass Bücherverlegen ein Geschäft ist und dass man nicht aus Lust am Übersetzen übersetzt, nicht aus Lust am Veröffentlichen veröffentlicht, sondern um zu verkaufen. Abgesehen davon fürchte ich, dass mein Status als abwesende Autorin mit Verdruss betrachtet wurde und erst seit dem Erfolg der vier Bände der "Genialen Freundin" einige Wertschätzung erfuhr. Also, nein, alles hat seine Zeit, und wenn die Zeit nicht kommt, heißt das, dass wir sie nicht verdient haben, zumindest in Deutschland nicht. Was schade wäre, da ich die deutsche Literatur liebe. Ich kenne sie recht gut, seit meiner Jugend beschäftige ich mich mit ihr.

SPIEGEL: Blicken Sie optimistisch auf Europa?

Ferrante: Wir müssen uns als einen Kontinent begreifen, wir können die großen Probleme der Gegenwart nicht bewältigen, indem wir uns jeweils in unser kleines Stückchen Welt zurückziehen. Was die europäische Kultur angeht, so besteht sie nicht nur aus erbaulichen Momenten. Sie muss lernen, das Schlimmste von sich endgültig abzustoßen und sich mit ihrem Besten der stets lauernden Barbarei entgegenzustellen. Bildung tut dem Einzelnen, der Gemeinschaft, der Demokratie immer gut, aber Bildung und Kultur sind nichts Stabiles, und es ist nicht gesagt, dass sie ein wirksames Mittel gegen das Grauen sind. Das hängt von ihrer Qualität ab und von der Klugheit, von der Überzeugung, mit der sie eingesetzt werden, um die Welt zu lesen und sie zu interpretieren. Ich glaube vielmehr, man sollte zuallererst die Ungleichheit bekämpfen. Mit ihrem rasanten Wachstum, wie wir es heute erleben, hat gerade sie katastrophale Folgen und ist ein Nährboden des Grauens.

SPIEGEL: Interessieren Sie das Leben, die Biografien anderer Schriftsteller?

Ferrante: Schriftsteller interessieren mich vor allem, wenn sie etwas anderes tun, wenn ihr Leben so gut wie nichts mit dem Klischee des Literaten zu tun hat. Ihre Leben gefallen mir nicht deshalb, weil sie Schriftsteller sind, sondern weil das Schreiben in diesen Leben eine von der Regel zugelassene Ausnahme ist. Mehr als diese Leben interessieren und berühren mich allerdings Gegenstände: ein Schreibtisch, ein Federhalter, ein vollgekleckstes Heft.

SPIEGEL: Was hat Sie zum Schreiben gebracht?

Ferrante: Ich wollte unabhängig sein, wollte mir selbst das Vergnügen verschaffen, das die Literatur mir verschaffte. Als kleines Mädchen habe ich das Vergnügen zu schreiben lange mit dem Vergnügen zu lesen verwechselt. Ich wusste nicht, dass jemand, der schreibt, keinen Spaß daran hat, sich selbst zu lesen. Das Schreiben kann, während es sich entwickelt, während es die Seite füllt, ein Vergnügen hervorrufen, das in vielerlei Hinsicht größer ist als das, was ich als Leserin empfinde. Es ist schon paradox. Das Vergnügen zu lesen hat mich zum Schreiben gebracht, aber das Schreiben bereitet mir ein Vergnügen, das ich als meine eigene Leserin nie werde haben können.

SPIEGEL: Motiviert Sie das Scheitern sozialer Ideale? Schreiben Sie deshalb?

Bruno Barbey / Magnum Photos / Agentur Focus

Frauen in Neapel 1964

Ferrante: Nein. Ich bin für ein Schreiben, das sich von der Wahrheit leiten lässt, nicht von Idealen, nicht von Träumen. Ich möchte das erzählen, was ich von mir und anderen, jetzt und hier, zu wissen glaube. Und ich betrachte jede Erzählung als ein provisorisches Ordnen von Vergangenem, das von der Gegenwart fortwährend infrage gestellt wird. Für mich ist eine Geschichte ein kompliziertes, widersprüchliches Ausbessern von Löchern und Unterminieren von Brücken.

SPIEGEL: Neapel ist das Zentrum Ihres Werkes. Lieben Sie andere Städte?

Ferrante: Ich liebe alle Städte, in denen ich für einige Zeit gewesen bin, vor allem Turin. Orte sind so, wie wir in ihnen leben.

SPIEGEL: Was ist Neapel heute, eine verlorene Stadt?

Ferrante: Nein. Für mich ist Neapel eine prophetische Stadt, sie nimmt das Schlimmste und das Beste der Welt vorweg.

SPIEGEL: Im Mai 2016 wurden Frauen verhaftet, die Drogenringe angeführt haben.

Ferrante: Die Camorra-Frauen sind nichts Neues. Sie stützen die kriminellen Machenschaften ihrer Männer und Söhne oder führen die kriminellen Geschäfte bei Bedarf selbst. Es ist ein Klischee, dass Frauen mit Verbrechen und Gewalt nichts zu tun haben. Solange wir nicht als wirkliche, vielschichtige Menschen angesehen werden, die genau wie die Männer eine Wahl zwischen Gut und Böse treffen müssen, wird es keine großen Fortschritte geben. Was die Stadt betrifft, so keimen in jeder Generation Hoffnungen auf einen positiven Wandel auf, und der gesunde Teil der Stadt gibt sein Bestes. Aber die Camorra hat dort ihre lokalen Wurzeln und ist zugleich eine überstaatliche Wirtschaftsmacht. Will man sie ausrotten, muss man sie überall in der Welt bekämpfen, nicht nur in Italien, wo man die Gewinne des organisierten Verbrechens legalisiert. Es gibt einen Punkt, an dem Illegalität und Legalität zusammentreffen und ineinander verfließen. Dort steckt die wahre Macht des Verbrechens, in Neapel, in Italien, in der globalisierten Welt. Und dort muss sie ausgerottet werden. Ein paar Verhaftungen am Stadtrand von Neapel sind prima, es sollte noch mehr davon geben, aber viel ändern werden sie nicht.

SPIEGEL: Braucht das Schreiben Geheimnisse? Ungeschriebene Worte?

Ferrante: Ohne Geheimnisse gäbe es keine Erzählung. Und jede Erzählung ist stets eine sorgfältige Dosierung von Gesagtem und Ungesagtem, von Offensichtlichem und Verborgenem. Es gibt Worte, die sich in Sätzen zeigen, um sie zu verdunkeln, anstatt sie zu erhellen.

SPIEGEL: Könnten Sie außerhalb Italiens schreiben?

Ferrante: Das weiß ich nicht. Ich war oft außerhalb Italiens, doch wenn man Geschichten schreibt, hat das, was man gut kennt, und das, was man nicht gut kennt, im Allgemeinen etwas mit der eigenen Sprache und den eigenen frühen Erfahrungen zu tun. Die großen Bücher, die aus den Migrationsbewegungen entstehen werden, werden von schrecklichen Qualen und schwierigen Neugründungen erzählen. Von dort werden außergewöhnliche Geschichten kommen, wie wir sie nicht mehr entwerfen können. Selbst wenn sie in den Sprachen der Ankunftsländer geschrieben sein werden, kann ich mir vorstellen und hoffe ich, dass in ihnen die Spuren der Herkunftssprachen erkennbar bleiben werden.

SPIEGEL: Ist das Schreiben eine Flucht?

Ferrante: Das Schreiben ist kein Zufluchtsort, es ist ein offenes Gelände, in dem sich der Schreibende ständig in Gefahr begibt.

SPIEGEL: Welche Autoren und Autorinnen bewundern Sie?

Ferrante: Ich bewundere alle Schriftsteller, die etwas getan haben oder tun, was ich niemals werde tun können. Und ich meine nicht die, von denen ich vermutlich noch etwas lernen kann, sondern alle, die meines Erachtens unvergleichliche Werke geschaffen haben. Hier ein paar Beispiele: "Die Passion nach G. H." von Clarice Lispector. Oder "Das dreißigste Jahr" und "Simultan" von Ingeborg Bachmann. Ich kann diese Bücher einfach nur lieben, habe aber nicht die Kraft, aus ihnen zu lernen.

SPIEGEL: Schreiben Sie hauptberuflich?

Ferrante: Schreiben ist nicht mein Beruf. Ich tue etwas anderes. Aber was? Jahrelang war es dem Betrieb und den Journalisten nicht wichtig, das hat sich geändert. Es ist für die einen ein Wunder und für die anderen nicht auszuhalten, dass im Selfie-Zeitalter oder in der Ära des Karl-Ove Knausgård, der ein indiskretes Buch nach dem anderen über seinen Sex und sein Leiden am Leben schreibt, eine Autorin beschließt, das Buch sei genug. Und dass dieses Geheimnis dann auch noch hält. Natürlich gab es Recherchen. Zunächst hieß es, der Name Elena Ferrante sei der wahre, die Autorin aber am Wirbel dieser Welt nicht interessiert. Dann sollte die Schriftstellerin Fabrizia Ramondino die Gesuchte sein, doch Signora Ramondino starb 2008, und da ging der wahre Wirbel erst los. Viele, viele Namen wurden seither genannt, und schlüssig war der Aufsatz des Literaturprofessors Marco Santagata aus Pisa, der die Recherche auf philologische Weise angegangen war. Über welche Orte zu welcher Zeit schreibt Ferrante (jenseits von Neapel)? Das universitäre Pisa der Sechzigerjahre und das Turin der jüngeren Vergangenheit. Also: Welche Neapolitanerin hat in den Sechzigerjahren in Pisa studiert? Viele waren es nicht, dachte sich Marco Santagata, und kam schließlich auf nur eine: "Elena Ferrante è... Marcella Marmo", eine Professorin für Zeitgeschichte in Neapel. Richtig? Frau Professorin sagte, sie habe den ersten Band gelesen und gemocht, aber keineswegs geschrieben, denn Fantasie habe sie nur beim Kochen. Die Übersetzerin Karin Krieger, die den ersten Band so originell wie respektvoll ins Deutsche gehoben hat, sagt, sie kommuniziere per Mail mit Ferrante: "Sie antwortet stets umgehend und sehr freundlich auf meine Fragen und weiß mit Sicherheit um die Bedeutung der Übersetzungsarbeit." Die Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil sieht in der Geschichte von Lenù und Lila einen "einzigartigen literarischen Schatz", weiß über die Verfasserin aber auch nicht viel: "Wir arbeiten sehr gut und vertrauensvoll mit Elena Ferrante zusammen - ohne sie zu kennen." Fragen wir also nach.

SPIEGEL: Liebe Elena Ferrante, welche männlichen Schriftsteller bewundern Sie? Und warum?

Ferrante: Ich bewundere nicht Schriftsteller oder Schriftstellerinnen, ich bewundere Bücher. Auf diese Klarstellung lege ich großen Wert. Verstehen Sie mich recht, ich liebe "Madame Bovary" sehr, "Salammbô" entschieden weniger. Ich weiß, dass ich alle Bücher von Flaubert lieben müsste, sie gelten unterschiedslos als Meisterwerke. Doch das gelingt mir nicht. Daher kann ich nicht sagen, ich liebe Flaubert. Ich sage lieber: Ich liebe "Madame Bovary". Ich könnte noch viele Beispiele nennen, ich habe dieses Empfinden bei Klassikern ebenso wie bei zeitgenössischen Autoren. Ich begeistere mich für ein bestimmtes Buch, nicht für einen Namenszug. Warum mir manche Bücher besonders gefallen? Weil in ihnen meiner Ansicht nach eine ungewöhnliche Ausgewogenheit zwischen den Techniken der Fiktion und der Wahrheit herrscht.

SPIEGEL: Warum gibt es mehr erfolgreiche Schriftsteller als Schriftstellerinnen?

Ferrante: Die männliche Vorstellungswelt hat die weibliche schon immer beschäftigt. Wir tauchen mit großer Selbstverständlichkeit in die traditionell männliche Literatur ein, fühlen uns durch sie bestärkt, halten sie nicht für "Bücher von Männern für Männer", sondern für universell. Männer dagegen nehmen von Frauen geschriebene Bücher als "Bücher von Frauen für Frauen" wahr, selbst wenn es sich um Virginia Woolf handelt. Das hat zur Folge, dass Literatur von Frauen nur schwer Leser findet und oft nicht einmal Leserinnen, während das literarische Schaffen der Männer auf die weiblichen Leser bauen kann.

SPIEGEL: Ihre Heldinnen in der Literatur?

Ferrante: Die Jo aus dem Jugendbuch "Betty und ihre Schwestern" natürlich. Aber mein größter Held war und ist Robinson Crusoe, der all seine Fähigkeiten aktiviert, um am Leben zu bleiben und seine Existenz neu zu gestalten. Ich habe mir häufig Geschichten von Frauen ausgedacht, die aus einer isolierten Situation heraus ihre Welt neu aufbauen müssen. Vor Jahren habe ich mich für "Die Wand" von Marlen Haushofer begeistert, weil sie das Robinson-Modell erfolgreich ins Weibliche gekehrt hat.

SPIEGEL: Sie sprachen von Ingeborg Bachmann. Schätzen Sie andere deutschsprachige Autoren?

Ferrante: Sehr geliebt habe ich Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T.", und Uwe Johnsons "Jahrestage" habe ich in den letzten Jahren geradezu studiert. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, war "Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja.

SPIEGEL: Beeinflusst die Landessprache das Buch? Sind italienische Romane sinnlicher als deutsche?

Ferrante: Man kann Sprachen nicht in Klischees pressen. Die italienische Sprache ist ein unfassbar reicher Organismus und lässt sich nicht auf Mandolinen, Serenaden, Schnauzbärte und Flinten mit abgesägtem Lauf reduzieren.

SPIEGEL: Lesen Sie Sachbücher?

Ferrante: Ja. Es hilft mir, die Welt aufmerksam zu betrachten.

SPIEGEL: Gedichte?

Ferrante: Ja, sehr oft. Die Poesie sprengt die Regeln der Darstellung, sie erinnert uns daran, dass die Sprache viel weiter gehen kann, als wir aus Gewohnheit, aus Faulheit, aus Unfähigkeit normalerweise vordringen.

SPIEGEL: Sie sagten, Sie lernten von Edna O'Brien. Was?

Ferrante: Für mich ist die Freude am Lesen schon seit Langem eng mit der Frage verbunden: Wie funktioniert das? Derzeit ergeht es mir mit den Erzählungen von Edna O'Brien so. Wie funktioniert das. Wie hat sie es angestellt, das Tempo so zu erhöhen. Wie hat sie es angestellt, mich in diesen Schmerz zu ziehen.

SPIEGEL: Haben eigentlich Investigativjournalisten oder Detektive herauszufinden versucht, wer Sie sind?

Ferrante: Ich wünsche mir, dass ich nie mit Menschen zu tun habe, die Zeit und Mühe an ein derart sinnloses Unterfangen verschwenden.

SPIEGEL: Fürchten Sie den Moment Ihrer Enttarnung?

Ferrante: Nein, nicht im Geringsten. Ich würde einfach aufhören zu publizieren.

SPIEGEL: War es für Ihre Kinder schwierig, Ihr Geheimnis zu wahren?

Ferrante: Nein, gar nicht. Und meinen Töchtern liegt ohnehin mehr an mir als an dem, was ich schreibe.

SPIEGEL: Schreiben Sie nach einem festen Rhythmus?

Ferrante: Ich glaube, ich habe keine besonderen Rituale. Mir genügt irgendwo ein kleiner Winkel, zu Hause oder auf Reisen. Im Zug kann man wunderbar schreiben.

SPIEGEL: Ist es schwierig, die Ruhe zu finden, die Sie benötigen?

Ferrante: Ja. "Zeit zu finden" ist immer eine gewaltige Aufgabe. Aber das macht mir nichts aus. Wenn man unbedingt schreiben will, findet man auch die Zeit dafür. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber man findet sie auf Kosten der eigenen Kinder und der Arbeit, mit der man seinen Lebensunterhalt verdient. Trotzdem glaube ich nicht, dass Schreiben zwangsläufig ein Fulltime-Job sein muss. Zumindest möchte ich nicht, dass es das für mich wird.

SPIEGEL: Wie haben Sie Stimme und Stil gefunden?

Ferrante: Ich habe sehr früh angefangen, und mein einziger Wegweiser waren die Bücher, die mir gefielen. Ich versuchte, sie zu imitieren, ich glaube, dadurch habe ich viel gelernt. Aber was eigentlich gelernt? Die Stimme und der Stil, wie Sie es nennen, sind unbeständig, sie sind nicht statisch, man besitzt sie nicht ein für alle Mal. Und das ist gut so, denke ich. Durch das Bemühen, der Stimme Beständigkeit zu verleihen, kann sie allzu leicht an Wahrhaftigkeit verlieren und manieriert werden. Mit jedem Buch fängt man wieder bei null an, man schreibt, indem man ausprobiert und Fehler macht.

SPIEGEL: In "Tage des Verlassenwerdens" verliert eine Frau den Verstand, was zugleich furchtbar komisch und furchtbar furchtbar ist. War es ein Schock für Italien?

Ferrante: Jedes meiner Bücher hatte anfangs einige Schwierigkeiten. Aber das Buch, das mir am meisten abverlangt hat und das dem, der es liest, am meisten abverlangt, ist "La figlia oscura" ("Die Frau im Dunkeln"). Ohne dieses Buch hätte ich die vier Bände der "Genialen Freundin" allerdings nie geschrieben.

SPIEGEL: Hatten Sie Zweifel? Wann wussten Sie, dass Sie eine Schriftstellerin sind?

Ferrante: An meinen schriftstellerischen Fähigkeiten zweifle ich ständig. Mit einer neuen Geschichte anzufangen ist, als würde man sich einer Prüfung unterziehen. Schaffe ich es, schaffe ich es nicht? Daher veröffentliche ich ein Buch erst, wenn ich denke, dass es nur noch sich selbst braucht. Es sollte leicht zugänglich sein und sich aus sich selbst heraus erklären.

SPIEGEL: Waren die schmalen Romane die Vorbereitung auf die Saga von Lenù und Lila?

Ferrante: Ich hatte nie vor, eine so lange Geschichte zu schreiben. Aber ich habe schon einige Erzählungen über die Freundschaft zwischen Frauen oder Mädchen in der Schublade. Um Ihre Frage vollständig zu beantworten, müsste ich daher nicht nur die Bücher aufzählen, die ich publiziert habe, sondern auch die, die ich nicht publiziert habe.

SPIEGEL: Wie entstehen Ihre Bücher? John Irving sagte mir, dass er stets mit dem letzten Satz beginne, um das Ziel zu kennen.

Ferrante: Ich brauche einen Moment, vielleicht auch nur einen Satz, aus dem ein kleines Stück von mir, ein Gefühl, etwas, das mich stört und das ich nicht gern zur Kenntnis nehme, aufscheint. Dann beginne ich tiefer zu schürfen. Manchmal stoße ich auf gar nichts, und manchmal trage ich viele Einzelteile zusammen, die nach und nach zu den Stationen einer Geschichte werden. Noch kenne ich ihre erzählerische Anordnung nicht, aber ich weiß, dass sie zu mir gehören und ich versuchen muss, ihnen eine Struktur zu geben. So beginne ich zu schreiben. Meistens wird aus keinem der ursprünglichen Einzelteile ein Anfang oder ein Ende. Aber sie bleiben wichtige Dreh- und Angelpunkte, eine Garantie für Authentizität. Mir liegt viel daran, dass eine Geschichte einen authentischen Kern hat. Ich glaube nämlich nicht daran, dass wir zum Nichtauthentischen verdammt sind. Wäre es so, wäre Schreiben nicht der Mühe wert.

SPIEGEL: Hatten Sie vor dem Beginn Ihrer Saga Versagensängste? Wenn man so etwas Monumentales anfängt, heißen die Konkurrenten ja Tolstoi oder Proust.

Ferrante: Ich habe keine Saga geschrieben. Ich habe einen langen Roman in vier Bänden mit dem Titel "Meine geniale Freundin" geschrieben. Als ich ihn schrieb, habe ich mit niemandem gewetteifert, ich wollte mit meinen Möglichkeiten einfach eine Geschichte erzählen, die mir am Herzen lag.

SPIEGEL: Und jetzt: stolz? Erleichtert?

Ferrante: Das vorherrschende Gefühl ist Traurigkeit. Es ist so stark, dass ich meinen Text dann nicht einmal erneut durchblättern kann. Bis heute habe ich keines meiner veröffentlichten Bücher noch einmal gelesen. Das ist wie mit geliebten Menschen, wenn sie tot sind. Man stellt sie sich in seiner Erinnerung lieber lebendig vor. Und ein Buch ist für mich nur lebendig, solange ich es schreibe. Danach hoffe ich auf eine lange, intensive Zeit der Auferstehung, aber das hängt von den Lesern ab.

SPIEGEL: Was kommt jetzt? Schreiben Sie?

Ferrante: Ja, ich schreibe gerade etwas, doch das ist nichts Neues, das tue ich immer. Und es ist auch nichts Neues, dass ich beim Schreiben und nach der Fertigstellung eines Buches nicht weiß, ob ich es veröffentlichen werde.

SPIEGEL: Schreiben Sie per Hand?

Ferrante: Für mich ist es wichtig, eine erste Fassung zu haben, mit der ich zufrieden bin. Das ist die anstrengendste Phase. In diesem frühen Stadium arbeite ich am Computer. Aber danach mache ich handschriftlich zahllose, chaotische Notizen, aus denen ich weitere Fassungen entwickle. Das ist das größte Vergnügen.

SPIEGEL: Ist's schwer, den Text loszulassen?

Ferrante: Das Korrigieren macht mir großen Spaß, dieses Überarbeiten, Hinzufügen, Streichen und Lesen, um die Seiten immer weiter anzureichern. Dieses Vergnügen könnte von mir aus ewig dauern, und es ist nicht leicht für mich, irgendwann "basta" zu sagen.

SPIEGEL: In welcher Sparte arbeiten Sie hauptberuflich?

Ferrante: Das bezieht sich auf mein Leben, und das behalte ich für mich.

SPIEGEL: Elena und Lila wetteifern ständig. Ist Rivalität ein Teil von Freundschaft?

Ferrante: Ja, und das ist nicht schlimm, solange die Konkurrenz mit einer dauerhaften Zuneigung und viel Selbstironie einhergeht.

SPIEGEL: Elena scheint zunächst die Ernsthafte und Fleißige zu sein, mit der auch Sie sich identifizieren, während Lila die wilde Brillante ist. Bildung ändert dann alles. Gibt es ohne Bildung keine Freiheit?

Ferrante: Bildung liefert uns die Mittel, mit denen wir eine stets provisorische Ordnung in das Chaos unserer Erfahrungen bringen können. Doch mir ist Lilas Bildung lieber als Elenas. Elena hat eine schulisch geprägte Intelligenz, Lila ist nicht lange zur Schule gegangen, aber sie lernt. Sie lernt alles Mögliche, nur um Probleme anpacken und lösen zu können.

SPIEGEL: Sie sagten, dass eine wirkliche Freundschaft keine Pflege brauche, das glaube ich nicht. Der eine zieht weg, die andere ruft halt trotz bester Vorsätze nicht an, weil das Leben anstrengend ist... jede Freundschaft muss beschützt werden.

Ferrante: Eine Freundschaft stirbt, wenn sie keine echte Freundschaft ist, sondern nur dazu da, die Einsamkeit einer leeren Zeit auszufüllen. Sobald diese Zeit durch die Wechselfälle des Lebens ausgefüllt ist, entpuppt sich diese Freundschaft als bedeutungsloser Zeitvertreib. Wahre Freundschaft ist dagegen ein starker Liebesbund, der der Abwesenheit viel stärker widersteht, als Blutsbande dies tun oder Verbindungen, die aus sexuellen Reizen entstehen. Selbst nach langen Unterbrechungen flammt sie spontan und herzlich wieder auf, mit der alten Vertrautheit und den alten Spannungen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Elena am Ende stolz auf ihr Leben ist, während Lila glaubt, gescheitert zu sein?

Ferrante: Solche Betrachtungen überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

SPIEGEL: Werden wir die beiden wiedersehen?

Ferrante: Natürlich. Doch nicht mit den Namen, die sie in "Meine geniale Freundin" haben. Lila und Lenù sind aus einer menschlichen Substanz, die ich gut kenne und die, falls ich weiterschreibe, anderswo wieder auftauchen wird.

SPIEGEL: Wie endete die eine besondere Freundschaft Ihres Lebens, von der Sie geschrieben haben?

Ferrante: Sie hat die Jahre überdauert und ging zwangsläufig zu Ende, weil man bekanntlich irgendwann stirbt.

SPIEGEL: Nur Frauen, sagten Sie, wüssten, wie man die Balance in einer Beziehung erhält. Wie also geht das?

Ferrante: Wir sind fähig, das Bedürfnis zu lieben in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, und wir tun dies manchmal so sehr, dass wir sogar darauf verzichten, selbst geliebt zu werden. Das ist unsere Schwäche, aber auch unsere Stärke.

SPIEGEL: Gibt es in der wirklichen Welt bessere Männer als in Ihren Büchern?

Ferrante: Nein, das glaube ich nicht. Es geht in meinen Büchern nicht um schlechte Männer und gute Frauen. Aber es geht, wie im realen Leben, um eine Mischung aus guten und schlechten Gefühlen, aus löblichen und tadelnswerten Verhaltensweisen. Nino tut alles, um nicht wie sein Vater zu werden, um sich der Macht der Chromosomen und seines Umfeldes zu entziehen, aber er verliert seinen Kampf und gibt auf. Das ist schon alles. Im realen Leben gibt es viele Männer wie ihn. Doch es gibt auch solche wie Enzo, also zuverlässige, kluge Männer, die mit allen ihren Kräften versuchen, ihr Leben und das der anderen zu verbessern, besonders das der von ihnen geliebten Frauen.

SPIEGEL: Und falls dies nicht zu privat ist: Sind Sie verheiratet? Leben Sie mit Ihrem Ehemann zusammen?

Ferrante: Diese Frage hat nichts mit meinen Büchern zu tun.

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  • Elena Ferrante:
    Meine geniale Freundin

    Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)

    Aus dem Italienischen von Karin Krieger übersetzt.

    Suhrkamp Verlag; 422 Seiten; 22 Euro.

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Heft 34/2016
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