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Politik
Ausgabe
25/2017

IS-Ziel Düsseldorf

Kampfvideos, ein Joint - schon war ein Flüchtling zum Anschlag bereit

Drei Flüchtlinge planten offenbar einen Anschlag auf die Düsseldorfer Altstadt. Vor dem Prozess hat einer von ihnen über seine IS-Auftraggeber berichtet - und erklärt, mit welchen Mitteln er sehr rasch Unterstützer für den mörderischen Plan fand.

DPA
Von , und
Freitag, 16.06.2017   19:17 Uhr

Sie hatten einen perfiden Plan, ein Massaker in Düsseldorf mit möglichst vielen Toten. Zwei Selbstmordattentäter sollten sich mitten in der Altstadt in die Luft sprengen. An deren vier Ausgängen sollten dann jeweils zwei weitere Terroristen warten, um die panisch fliehenden Menschen zu erschießen. So jedenfalls beschreibt es einer der Beteiligten.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 25/2017
Hauptstadt Hamburg
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Ein Albtraum für die Sicherheitsbehörden und ein Szenario, das sie lange Zeit für unwahrscheinlich gehalten hatten: Terroristen kommen auf der gefährlichen Flüchtlingsroute nach Deutschland, um einen gut vorbereiteten Anschlag im Auftrag des "Islamischen Staats" (IS) zu verüben.

In Düsseldorf beginnt nun der Prozess gegen Saleh A., Mahood B. und Hamza C. Ein Vierter wird gesondert verfolgt - ihm werfen die Staatsanwälte weitere Verbrechen vor: Er soll bei der Eroberung der syrischen Stadt Tabka an der Ermordung von 36 Mitarbeitern des Regimes beteiligt gewesen sein.

Der gescheiterte Altstadt-Plan gehört zu den ersten Fällen, in denen Gerichte die Geschichte von IS-nahen Asylbewerbern aufarbeiten. Zurzeit läuft in Hamburg bereits ein Prozess gegen drei Syrer, die im IS-Auftrag mit falschen Pässen nach Deutschland gekommen sein sollen, um Anschläge zu begehen. Weitere Verfahren könnten folgen. Sie bieten die Chance, von den Beschuldigten direkt zu erfahren, wie sie der IS rekrutiert und gesteuert hat. Erfolgreiche Attentäter können solche Aussagen selten treffen - meist sind sie tot.

Wichtigster Zeuge vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht ist der mutmaßliche Rädelsführer Saleh A. Die deutschen Ermittler waren zunächst skeptisch, als sie über Kollegen aus Frankreich von dessen unglaublichen Erzählungen erfuhren.

Der 29-jährige Sohn eines Chirurgen und einer Apothekerin marschierte am 1. Februar 2016 in eine Pariser Polizeiwache und legte ein Geständnis ab. In Syrien habe er für die Freie Syrische Armee, dann für die islamistische Nusra-Front gegen das Assad-Regime gekämpft. Er habe auch getötet: einen Soldaten, der seinen Bruder erschossen habe. Den Ermittlern liegt ein Video vor, das ihn mit dem sterbenden Bruder im Arm zeigt.

Im November 2013, erzählte Saleh A. weiter, habe ihn die Geheimpolizei des IS genötigt, dem IS-Anführer die Treue zu schwören. Er habe sich geweigert, da hätten sie ihn in die Schulter geschossen, die Narben konnten die Ermittler noch erkennen. Der IS habe ihn zunächst ins Gefängnis, dann in ein Umerziehungslager gesteckt. Im Lager habe er Hamza C. kennengelernt, der wie er später nach Europa reiste, jeweils mit 5000 Euro Handgeld.

Wenn Saleh A. die Wahrheit sagt, dann kam die Idee für den Anschlag aus der Führungsriege des IS. Im April 2014 trafen sich demnach er und Hamza C. im ehemaligen Finanzamt von Rakka mit Anführern des IS, darunter Abu Loqman, dem Emir der Region. Die Idee, Düsseldorf zu attackieren, stammte von einem anderen IS-Mann, der in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs gelebt haben soll.

Saleh A. und Hamza C. reisten im Mai 2014 in die Türkei. Sie sollten zunächst Schleuserrouten nach Europa auskundschaften. Damals, so Saleh A., habe er heimlich dem türkischen Geheimdienst zugearbeitet und dafür gesorgt, dass etwa 50 IS-Kämpfer festgenommen wurden. Auch mehrere Anschläge, unter anderem auf ein US-Konsulat, seien durch sein Zutun verhindert worden. Von seiner Informantentätigkeit versprach er sich wohl persönliche Vorteile.

Ende des Jahres dann teilte A. den IS-Anführern über Facebook mit, er sei für den Anschlag bereit. "Das, was mir oblag, habe ich ausgeführt. Der Rest liegt in Gottes Hand." Die Anführer antworteten, er solle auf Gott vertrauen - und hängten eine Anleitung für Sprengsätze an.

Saleh A. reiste, als Flüchtling getarnt, mit dem Boot nach Griechenland, dann über die Balkanroute nach Deutschland, C. folgte später. In Düsseldorf habe er Mahood B. zufällig kennengelernt und im Rekordtempo radikalisiert. Ein paar Gespräche, ein paar Kampfvideos, ein Joint: Danach sei B., der anfangs die IS-Methoden verachtet habe, bereit gewesen, sich für den IS in die Luft zu sprengen.

Ähnlich abenteuerlich klingt auch die Episode, wie Saleh A. und Hamza C. sich finanzieren wollten. Sie hätten als Lebenszeichen ein Video des 2013 in Syrien entführten Jesuitenpaters Paolo Dall'Oglio besorgen und dem Vatikan gegen Geld anbieten wollen. In jenen Wochen aber entschied sich Saleh A. zu der Lebensbeichte. Er wolle nicht, dass man später seiner Tochter erzähle, er sei ein Terrorist.

Daniel Sprafke, Verteidiger des Mitangeklagten Mahood B., bezweifelt das. Er glaubt nicht an die Bekehrung seines Mandanten "über Nacht". Marvin Schroth, Verteidiger von Hamza C., will mit Dokumenten beweisen, dass sein Mandant 2014 beim algerischen Militär gemeldet war, als ihn Saleh A. in Syrien getroffen haben will.

Der Generalbundesanwalt aber ist überzeugt, dass Saleh A. die Wahrheit sagt. Dessen Geschichte sei im Kern "konstant", heißt es in der Anklageschrift. Außerdem hat das amerikanische FBI aufschlussreiche Facebook-Beiträge zur Verfügung gestellt. Über Facebook rekrutierte Saleh A. Mittäter sogar im Ausland. Am 28. Januar 2016 teilte ein niederländischer Kontakt mit, er habe genügend Leute zusammen. "Und sie alle essen Steine und haben Herzen wie Löwen."

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