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Kultur
Ausgabe
1/2018

Besuch bei Star-Choreograf John Neumeier

Wie es hinter den Kulissen der Hamburger Ballettkompanie zugeht

Der Choreograf John Neumeier führt seine Tänzer an die Weltspitze. Er gilt als Genie, aber auch als Perfektionist und Alleinherrscher. Unsere Autorin hat ihn bei seiner Arbeit begleitet.

Kiran West

Tänzer Laudere, Revazov in "Anna Karenina": Ein Bogen von Tolstoi zu Trump

Von
Donnerstag, 04.01.2018   16:55 Uhr

Noch neun Tage bis zur Premiere von "Anna Karenina", John Neumeiers neuem Ballett, und der Chef ist nicht zufrieden. John Neumeier hebt eine Hand, die Musik erstirbt, und die Tänzer, zerzaust und keuchend, halten inne. "Lasst uns diese Szene wiederholen", sagt er, so leise, wie nur Menschen sprechen, die wahrhaft mächtig sind.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Also noch einmal. Und noch einmal. Die Tänzer rennen, springen, wirbeln durcheinander, sie üben den Anfang des Balletts, in dem Alexej Karenin, Annas Gemahl, von Anhängern bejubelt wird. In Neumeiers Version ist Karenin, anders als bei Tolstoi, ein Spitzenpolitiker im Wahlkampf; die Geschichte spielt nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart.

Es ist nur eine Probe, sie findet in einem Saal des "Ballettzentrums Hamburg - John Neumeier" statt. Aber die Tänzer stürzen sich in diese Szene, als wäre alles vorbei, wenn dieser Tanz nicht perfekt gelänge. Die Luft füllt sich mit ihrer Anstrengung. Draußen ist Sommer, ein Hamburger Sommer, kühl und grau.

Neumeier sitzt mit dem Rücken zur Spiegelwand auf einer Bank, umgeben von Ballettmeistern und Helfern; seine Miene ist schwer zu deuten. Nach der fünften Wiederholung sind alle Blicke auf ihn gerichtet. Stille. Er beugt sich vor und spricht: "Ihr müsst sehr vorsichtig sein. Diese Szene darf nicht humoristisch wirken, nicht wie in einer Operette. Denkt an die Wahlkampfauftritte von Donald Trump, seine Anhänger, die von dieser brennenden Leidenschaft erfüllt sind. Dieses Gefühl meine ich: Ihr würdet die ganze Nacht hier stehen, um Karenin zu erleben."Er lehnt sich wieder zurück. "Noch einmal." Und, siehe da, eine Verwandlung.

Die Tänzer, nass geschwitzt, aber federleicht, feiern ihren Anführer nun so, dass es nicht fröhlich, sondern unheimlich wirkt. Neumeier nickt, die nächste Szene, bitte.

Kiran West

Choreograf Neumeier bei einer Probe: "Das ist viel zu lang, das ist unnötig, das muss weg"

Gut zwei Wochen zuvor, Anfang Juni, empfängt er zum Gespräch in seinem Büro in der Hamburgischen Staatsoper. Es ist die erste Begegnung mit diesem Mann, der den klassischen Tanz schon so lange prägt. Von diesem Gespräch hängt es ab, ob er weiteren Begegnungen zustimmt, ob er Einblick gewährt in seine Welt hinter der Bühne - eine Welt, die normalerweise im Verborgenen bleibt. Er ist daran gewöhnt, alles zu kontrollieren, auch und vor allem, wie er sich und seine Tänzer präsentiert.

Seit 44 Jahren wirkt John Neumeier, geboren am 24. Februar 1939 in Milwaukee, als Ballettdirektor und Choreograf in Hamburg. Die Kompanie, zuvor mittelmäßig, stieg mit ihm an die Weltspitze auf. Er machte sie groß und wuchs dabei selbst, wurde zum Alleinherrscher eines Imperiums. Er hat eine Ballettschule gegründet, eine Gruppe für junge Tänzer und eine Stiftung. Sein Werk umfasst 158 Choreografien, die auf großen Bühnen getanzt werden. Wer sich auch nur ein bisschen für Tanz interessiert, hat vermutlich schon Neumeier-Ballette gesehen, in Hamburg, Paris, Moskau, New York, Peking oder anderswo.

Begabte Tänzer gibt es viele, aber die schöpferische Kraft, die Tänzer zu Choreografen werden lässt, besitzen nur wenige. Die meisten großen Choreografen sind schon lange tot. Choreografinnen sind noch seltener. Darunter leidet das Ballett, das wie jede Kunst Erneuerung braucht, um lebendig zu bleiben. Neumeier gelingt es seit über einem halben Jahrhundert, Neues zu erschaffen.

Was treibt ihn an? Wie wurde er, wer er ist? Und: Was wird aus seinem Reich, wenn er eines Tages aufhört? 2019 läuft sein Vertrag in Hamburg aus, er wird dann 80 Jahre alt sein. Vor vier Jahren ernannte er erstmals einen Stellvertreter: seinen langjährigen Ersten Solisten Lloyd Riggins, der bereitstünde, die Kompanie zu übernehmen. Aber die Kompanie heißt "Hamburg Ballett John Neumeier".

Kiran West / DER SPIEGEL

Stellvertreter Riggins

Die Assistentin öffnet behutsam die Tür zu dessen Büro, der Pressesprecher hält sich im Hintergrund. Neumeier erhebt sich, so geschmeidig, dass man an Mick Jagger denkt, auch so ein älterer Herr mit der Körpersprache eines jungen; Jagger macht übrigens Ballett. Neumeier trägt ein weißes Hemd und einen etwas eigenwilligen, grauen Anzug mit Stehkragen; am rechten kleinen Finger blitzt ein goldener Ring. Kurz und grau sind seine Haare, blaugrau und forschend die Augen hinter der Halbrandbrille. Er reicht die Hand und lässt sich begrüßen, er wartet jetzt erst einmal ab.

Eine Annäherung also. Das Thema, das ihn umtreibt, ist "Anna Karenina". Bis zur Premiere ist nicht mehr viel Zeit, und da sind noch so viele Details, die er ausfeilen muss. Wie so oft kümmert er sich nicht nur um die Auswahl der Musik und die Choreografie, sondern auch um Regie, Bühnenbild, Licht und fast alle Kostüme. Der Moment, in dem er die Kontrolle abgeben muss, wird kommen - wenn er sich bei der Premiere in den Saal setzt. Aber erst dann.

Denn noch ist es nicht perfekt. "Wir haben am 28. September 2016 mit den Proben begonnen", erzählt Neumeier, "was sehr früh ist für mich." Normalerweise dauere die praktische Arbeit mit der Kompanie nur drei Monate. "Aber diesmal war ich unsicher, was richtig ist, deshalb wollte ich Choreografien für verschiedene Figuren immer wieder neu ausprobieren."

Ein neues Werk, sagt er, entstehe bei ihm in fünf Phasen. Am Anfang stehe ein Zufall, eine Inspiration - bei "Anna Karenina" war es die Direktorin des Kanadischen Nationalballetts, die ihn bat, zu Kanadas 150. Geburtstag etwas für ihre Truppe zu kreieren. Er überlegte, studierte kanadische Literatur, aber er fand nichts, was ihn anregte. "Da fragte sie plötzlich: Warum machst du nicht 'Anna Karenina'?"

Leo Tolstois epischer Gesellschaftsroman über eine unglückliche Ehebrecherin im Russland des 19. Jahrhunderts hatte ihn schon lange gereizt. Ihn interessiere daran vor allem die Frage, wie unterschiedlich die Gesellschaft das Verhalten von Männern und Frauen bewerte, bis heute. "Tolstoi erzählt seine Geschichte in der Gegenwart", sagt er, "deshalb ist es auch für mich kein historisches Stück."

Nach der Entscheidung beginnt Phase zwei, die der Vorbereitung. Manchmal, sagt Neumeier, gehe er dabei zu weit, "weil ich wirklich reihenweise Sekundärliteratur lese, um mir ein Bild zu machen". Die wichtigste Phase sei die dritte, im Ballettsaal. "Man muss sich bemühen, alles Gelernte wieder zu vergessen. Wie Tolstoi seine Prosa geschrieben hat, ist zwar interessant, aber es hilft mir nicht dabei, ein Ballett zu choreografieren. Ich muss versuchen, mit den Tänzern, die ich habe, etwas Lebendiges darzustellen." In dieser Phase sei es wichtig zu schwitzen: "Ich mache die Bewegungen vor", sagt Neumeier. "Choreografie ohne physischen Einsatz kann ich mir nicht vorstellen." Jede Probe werde gefilmt, 577 Aufnahmen gebe es bislang von "Anna Karenina". "Die studiere ich, das ist Phase vier", sagt er. "Man verlässt den Ballettsaal, geht auf Distanz und sagt: Das, was ich an der Stelle gefühlt habe, ist leider nicht sichtbar. Dann muss man es ändern."


Im Video: Portrait einer Ballettkünstlerin: "Danach bist du total leer"

Foto: Vincent Klueger/ SPIEGEL JOB

Die fünfte und letzte Phase endet nie. Wenn Neumeier in Hamburg ist, sitzt er bei fast jeder Vorstellung auf seinem Platz in der ersten Reihe. Er betrachtet dann seine Stücke und denkt: Das ist viel zu lang, das ist unnötig, das muss weg. "Man könnte denken, als erfahrener Choreograf würde ich solche Dinge früher merken", sagt er, "aber so funktioniert es nicht. Ich arbeite mit Emotionen."

Er lacht. "Es tut mir leid, wenn Sie etwas fragen, kommt jedes Mal so eine lange Antwort. Ich sehe sie mit ganz vielen Fußnoten vor mir."

Die Tür zu seiner Welt öffnet sich, einen Spaltbreit. In den folgenden Monaten kann man ihn bei der Arbeit erleben und mit Weggefährten sprechen - mit Silvia Azzoni etwa, die ihn länger kennt als fast alle anderen Tänzer. Azzoni kam 1991 aus Turin, Neumeier bildete sie an seiner Schule aus, nahm sie in die Kompanie auf, beförderte sie erst zur Solistin, dann zur Ersten Solistin; höher geht es bei ihm nicht. Und sie blieb, ein Tänzerinnenleben lang.

"Wir Tänzer", sagt Azzoni, 44, "kennen John nicht privat. Für uns ist er immer der Künstler, das Genie, wir können nicht einfach normal mit ihm sprechen und lachen. Vielleicht kennen andere Menschen solche Seiten von ihm - wir nicht. Aber ich mag diese Distanz: John ist unser Lehrer, wir sind seine Schüler, bis heute."

Azzoni muss sich gerade von einer Operation am Knie erholen. "Ich war so oft verletzt in meiner Karriere", sagt sie, "als ich neulich zu einer Physiotherapeutin ging, zeigte sie mir eine Zeichnung von einem Körper und fragte, wo ich schon Verletzungen gehabt hätte." Sie lacht auf, glockenhell. "Ich sagte, okay, jetzt brauchen wir 15 Minuten, und begann aufzuzählen. Irgendwann starrte sie mich an und fragte: Und du tanzt immer noch?"

Sie wollte nie etwas anderes tun. "Ich bin ehrgeizig", sagt sie, "und John bringt mich dazu, immer noch besser sein zu wollen. Er hatte schon immer diese Leidenschaft, dass er bis zum Ende nicht loslässt. Er sagt nie zu uns: Das ist in Ordnung so."

Die Tänzer folgen seinem Beispiel: "Wir sind eigentlich immer im Ballettzentrum", sagt Azzoni, "oder in der Oper oder auf Tournee. Darum verlieben wir uns auch untereinander." Ihr Mann, Alexandre Riabko, ist ebenfalls Erster Solist. Mit 37 Jahren wurde sie Mutter. "Zehn Stunden vor der Geburt habe ich auf Spitze trainiert", erzählt sie, "und zehn Tage nach der Geburt war ich wieder im Ballettsaal."

Azzoni schiebt einen Gedanken vor sich her, der ihr Angst macht: den ans Aufhören. "Es ist schwierig", sagt sie, "du musst eine andere Identität finden." Aber noch nicht jetzt. Ein, zwei Jahre könne sie noch tanzen.

Also wird sie gleichzeitig aufhören mit Neumeier? "John?", fragt Azzoni, ungläubig. "John sollte Ballettdirektor sein, solange er lebt. Das Hamburg Ballett ist John Neumeier - die ganze Struktur ist von seinen Choreografien geprägt." Sie schüttelt den Kopf. "Wir haben tolle Ballettmeister, die genau wissen, was John will. Aber wenn er selbst vorbeikommt und fünf Worte sagt, verstehen wir sofort, was er meint."

Als Lucille Neumeier an einem Nachmittag im Jahr 1943 mit ihrem vierjährigen Sohn ins Kino ging, ahnte sie nicht, dass sie damit die Weichen für sein ganzes Leben stellte. John war der Zweitgeborene von Lucille, einer Hausfrau, und Albert, der als Kapitän auf den Großen Seen fuhr. Die Familie lebte in Milwaukee, einer Stadt im Norden der USA, die von deutschen Einwanderern geprägt ist: viele Grünflächen und Brauereien.

Im Kino wurde ein Musicalfilm gezeigt, und der kleine John war hingerissen: die Musik! Die Tanzeinlagen! Wenn nur das störende Geplapper der Schauspieler nicht gewesen wäre. Daheim versuchte John, die Tänze zu imitieren. Von da an hörte er nicht mehr auf, er hopste, bis seine Eltern nachgaben: Er durfte Stepptanz lernen. Dann Akrobatik. Und schließlich Ballett.

Lucille und Albert wunderten sich über diese Leidenschaft, aber sie sahen keinen Grund zur Sorge: John war ein sehr guter Schüler, der zwei Hobbys hatte: Zeichnen und Tanzen. Er war nicht sehr gesellig - lieber stöberte er in der Bibliothek nach Büchern über Ballett. Viele fand er nicht, eines aber, das ihn fesselte: die Biografie eines Tänzers namens Vaslav Nijinsky, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Ballett revolutionierte. Nijinskys Geschichte ist voller Triumphe und Abgründe; sie inspiriert John Neumeier bis heute.

Klaus Mocha

Solist Neumeier in Stuttgart 1968: Er brachte etwas mit, was anderen fehlte

Als er zwölf war, stellte ein Arzt fest, dass mit seinem Rücken etwas nicht in Ordnung sei, und riet seinen Eltern, ihm das Tanzen zu verbieten. Es war ein falscher Rat - und eine Zeit, in der man das Wort eines Arztes nicht anzweifelte.

Ein paar Jahre vergingen, John versuchte es mit Klavier, aber ihm fehlte die Geduld. Er fand eine Theatergruppe, das gefiel ihm besser. Manchmal tanzten sie dort auch - und er liebte es. Aber seine Eltern bestanden darauf, dass er aufs College ging, also studierte er erst einmal Literatur und Theaterwissenschaften, in Milwaukee.

Das war sein Glück, denn er traf einen Lehrer, der ihm die Welt öffnete: den Leiter des Universitätstheaters. Der arbeitete mit einer Ballettlehrerin aus Chicago zusammen und sorgte dafür, dass sein begabtester Schüler zusätzlichen Unterricht bekam. Und eines Tages, so erinnert sich Neumeier, sagte er zu ihm: "Du bist ein Tänzer."

Am Tag vor der Premiere von "Anna Karenina" findet in der Hamburgischen Staatsoper die Generalprobe statt, eingeladen sind Angehörige und Ehrengäste der Kompanie. Kurz bevor der Vorhang aufgeht, huscht der Ballettchef mit seiner Entourage in den Saal.

Es ist ihr Moment: Anna Laudere tanzt die Titelrolle. Die Erste Solistin aus Lettland ist Anna Karenina, eine Frau von hinreißender Eleganz - und ein Anhängsel ihres Mannes, der seine Macht liebt. "Vote Karenin", steht auf den Bannern seiner Anhänger. Neumeier schlägt hier einen Bogen von Tolstoi zu Trump: Karenin peitscht die Massen auf wie der amerikanische Präsident, Anna steht daneben wie Melania, dekorativ um jeden Preis.

Man fühlt mit Anna, wenn sie sich in einem unbeobachteten Moment abwendet, innerlich schreiend. Und dann erscheint der Verführer Wronski, ein kraftstrotzendes Tier, und das Unheil entfaltet sich. Anna und Wronski - verkörpert von Edvin Revazov, Anna Lauderes Ehemann - zeigen, dass man Sex tanzen kann.

Indem Neumeier die Geschichte in die Gegenwart verlegt, erinnert er das Publikum, Wochen vor der #MeToo-Debatte, an eine bis heute gültige Wahrheit: Frauen können nicht so frei handeln wie Männer - und tun sie es doch, bezahlen sie einen Preis. Neben Tschaikowski und Schnittke läuft Cat Stevens. Zu "Morning Has Broken" tritt ein Paar auf, Kitty und Lewin, sie mit Latzhose und Stiefeln, er eine Art russischer Cowboy. Neumeier fürchtet sich nicht vor Kitsch, auch nicht vor Skurrilem: Einmal lässt er Kitty, getanzt von der elfenzarten, jungen Solistin Emilie Mazon, auf einem Traktor über die Bühne rumpeln. Aber es funktioniert.

Die Hamburger bejubeln auch dieses Werk ihres Altmeisters. Alle weiteren Vorstellungen sind bald ausverkauft. Ab 2018 werden auch das National Ballet of Canada und das Moskauer Bolschoi-Ballett Neumeiers "Anna Karenina" aufführen.

Kiran West

Tänzer Azzoni, Riggins in "Die kleine Meerjungfrau": "Ich würde auf meinen Kopf springen, wenn es nötig wäre"

Als Neumeier der Kompanie im vergangenen Jahr mitteilte, dass sie "Anna Karenina" tanzen würden, verlor er kein Wort über die Besetzung. Die Proben begannen, er zeigte erste Schritte, und irgendwann sagte er: "Anna steht hier." Laudere lächelt, als sie das erzählt. "Es war verwirrend, weil ich ja Anna heiße. Er hat nie gesagt, wer welche Rolle tanzt. Als ich es realisierte..." Sie sucht nach Worten. "Es war, als würde ich in einem Traum leben."

Ein Privileg sei es, sagt Laudere, nicht nur Klassiker zu tanzen, sondern die Entstehung neuer Ballette zu erleben. Neumeiers Energie sei beflügelnd: "Er fliegt über den Atlantik und kommt direkt in den Ballettsaal." Deshalb könne sie nicht glauben, dass er 2019 aufhöre: "Ich hoffe einfach, dass es nicht passiert."

So oder ähnlich reagieren alle Tänzer, die man auf 2019 anspricht: Sie sind nach Hamburg gegangen, weil John Neumeier in Hamburg ist.

Eine Ballerina wendet all ihre Kraft fürs Ballett auf, anders geht es nicht. Aber Neumeier verlangt mehr als das: Seine Tänzer sollen leben, um zu tanzen. Er selbst führt vor, wie das geht: Er lebt für seine Arbeit - sie prägt seinen Blick auf die Welt, sein Verhalten, eigentlich alles, was er tut. Langjährige Weggefährten, die Neumeier jenseits der Arbeit nicht kennen, kennen ihn vielleicht besser, als sie denken.

So lässt er die Kompanie funkeln - aber seine Allmacht, seit nunmehr viereinhalb Jahrzehnten, ist auch ein Problem. Wie soll eine Truppe, die so sehr auf einen Übervater ausgerichtet ist, weitermachen, wenn er aufhört? Soll sie sein Vermächtnis pflegen? Einen radikalen Neuanfang wagen?

Nach der erfolgreichen Premiere könnte Neumeier sich etwas entspannen, aber natürlich tut er das nicht. Er verbringt den Sommer mit Reisen nach Toronto und Chicago, wo seine Werke aufgeführt werden, und er beginnt, sich mit Ludwig van Beethoven zu beschäftigen: Sein nächstes Ballett heißt "Beethoven-Projekt" und soll im Juni 2018 in Hamburg Premiere feiern.

An einem Samstagnachmittag im Oktober sitzt Neumeier in einem Ballettsaal im Festspielhaus von Baden-Baden und sagt: "Thank you very much." Das ist das Stichwort für die Tänzer, die Probe für das Gastspiel ist beendet. Neumeier hat nun Zeit und Lust, aus seinem Leben zu erzählen.

In Milwaukee hatte er erkannt, dass er ein Tänzer ist, aber es gab ein Problem: Er musste zur Armee. "Das hieß Reserve und dauerte sechs Monate", sagt Neumeier. "Hätte ich mich nicht gemeldet, wäre ich wohl für zwei Jahre eingezogen worden. So aber verpasste ich gerade den Vietnamkrieg, zum Glück." Er war, nun ja, kein besonders fähiger Soldat: "Bei der Nachtwache ging ich in ein Zelt, um mich zu wärmen. Der Boden war vereist, und mein Gewehr fiel mir runter und zerbrach. Es war wie ein Witz, der Appell am nächsten Morgen: Ich habe die Stücke zusammengehalten, in der Hoffnung, dass es keiner merkt. Hat natürlich nicht geklappt."

Als er endlich frei war, mit 23, fürchtete er, zu alt zu sein. Er stand in London vor der Tür der Royal Ballet School und beschloss, sich um drei Jahre jünger zu machen.

Es klappte - sein wahres Alter blieb geheim, bis zu seinem 78. Geburtstag im vergangenen Februar, der offiziell sein 75. war. Da wollte die Stadt Hamburg ihm ein Senatsfrühstück ausrichten. "Das ist etwas sehr Hamburgisches", sagt er, "kein Frühstück, sondern ein Mittag- oder Abendessen im Gästehaus des Senats." Ihm war unwohl, so viel hanseatische Feierlichkeit zur falschen Zeit, also ging er zum Bürgermeister und beichtete. "Er hat sehr gelacht", erzählt Neumeier, "und gesagt, nun gut, dann machen wir ein besonders schönes Senatsfrühstück, wenn Sie 80 sind."

Neumeier und Deutschland, das war Zufall. Nach einem Jahr in London entdeckte ihn John Cranko, der damalige Chef des Stuttgarter Balletts. Cranko kam dem New York City Ballet zuvor, das Neumeier ebenfalls engagieren wollte. In Stuttgart gehörte Neumeier bald zu den Solisten, vor allem aber fiel er als Choreograf auf. Er brachte etwas mit, was anderen Tänzern fehlte: Er hatte nicht von klein auf nur trainiert, sondern Umwege gemacht, Erfahrungen gesammelt. Wer als Tänzer nach technischer Perfektion strebt, sollte sich besser früh aufs Training konzentrieren. Dem Choreografen aber hilft ein weiter Horizont. 1969 wurde Neumeier Ballettdirektor, zunächst in Frankfurt. Im selben Jahr kam in New York City ein Junge namens Lloyd Riggins zur Welt.

Riggins setzt sich im Festspielhaus von Baden-Baden auf eine Bank. Der Kronprinz hat ein freundliches, blasses Gesicht. Er erinnert sich noch genau an seine erste Begegnung mit John Neumeier - nicht mit dem Mann, sondern mit dem Werk.

Es war 1987, und Riggins war nach Kopenhagen gereist, um mit dem Königlich Dänischen Ballett zu trainieren. "Neumeiers 'Matthäus-Passion' war das erste Ballett, das ich in Europa sah", erzählt er, "und die ganze Kompanie hatte diese - Hingabe. Ich kannte das Wort damals nicht, im Englischen gibt es kein vergleichbares. Einsatz ist nicht genug, es ist wie: Ich würde auf meinen Kopf springen, wenn es nötig wäre."

Seit zwei Jahren ist Riggins nun stellvertretender Ballettdirektor in Hamburg. Neumeier kann seinen Nachfolger nicht bestimmen, darüber entscheidet die Stadt Hamburg - aber er hat kundgetan, dass er Riggins zutrauen würde, die Kompanie zu führen. Seither versucht Riggins, in die Rolle hineinzuwachsen. Er studiert Neumeiers Werk, die 158 Ballette, welche die Basis des Repertoires sind - und bleiben sollen. "Ich habe nun so lange mit einem großen Choreografen gearbeitet", sagt Riggins, "und ich muss ehrlich sagen: Ich bin keiner. Als Tänzer habe ich es geliebt, das Instrument des Choreografen zu sein, heute sehe ich mich als Brückenbauer zwischen John und den Tänzern."

Kiran West

Ballettdirektor Neumeier: Sein Vermächtnis pflegen oder einen radikalen Neuanfang wagen?

Aber was geschieht, wenn John aufhört? "Das ist eine Zukunft, über die wir lieber nicht so viel nachdenken", sagt Riggins. "Sagen wir, ich schaue mir ein wenig an, wie das New York City Ballet damit umging, als Balanchine nicht mehr da war."

George Balanchine, der gefeierte Choreograf des New York City Ballet, starb vor bald 35 Jahren. Er fehlt seiner Kompanie bis heute. Sie lebt von seinen Werken und seinem Namen. Es ist kein schlechtes Leben - das New York City Ballet hat immer noch einen hervorragenden Ruf. Aber ein bisschen traurig ist es doch.

Abends führt das Hamburg Ballett "Das Lied von der Erde" auf, eine Kreation von John Neumeier mit Musik von Gustav Mahler. Danach steht Neumeier vor dem Saal und plaudert mit einem hochgewachsenen Mann mit grauen Haaren. Das ist Hermann Reichenspurner, sein Lebenspartner. Reichenspurner begleitet ihn zu Gastspielen, wann immer seine Arbeit als Herzchirurg es erlaubt. "John und ich arbeiten ja beide fürs Herz", sagt er, "nur auf unterschiedliche Weise." Er blickt zu Neumeier hinüber, der schweigt. Reichenspurner lächelt: "Ich bin ein größerer Fan seiner Arbeit als er von meiner."

Die letzte Begegnung mit Neumeier findet einige Wochen später in seiner Villa in Hamburg-Eppendorf statt. Die Villa - hohe Räume, Stuck und Parkett - hat drei Etagen. Im Keller arbeitet Hans-Michael Schäfer, der Kurator von Neumeiers Werkverzeichnis, Archiv, Bibliothek und Sammlung. Über Jahrzehnte gesammelte Objekte verteilen sich über alle Stockwerke bis nach oben, wo Neumeier wohnt, allein zwischen seinen Schätzen. Die Villa soll einmal ein Ballettmuseum werden; deshalb hat er eine Stiftung gegründet.

"Die Stiftung ist mein Erbe", sagt Neumeier und geht voraus, durch die Bibliothek mit den Vitrinen, in denen Porzellanfigürchen tanzen, vorbei an einem Schrank mit 3000 Lithografien, an Wänden mit den Porträts zweier Ballerinen des 19. Jahrhunderts. Er geht die Treppe hoch, "hier beginnt die Nijinsky-Geschichte" - der Mittelpunkt seiner Sammlung ist Nijinsky, jener geniale, wahnsinnige Tänzer, der ihn seit Kindestagen fasziniert. Er sammle, um zu arbeiten, sagt Neumeier - die Sachen würden ihm helfen, Ballette zu erschaffen.

Es ist Zeit, die Frage zu stellen: Werden Sie 2019 wirklich aufhören, Herr Neumeier? Endgültig?

"Hm", sagt Neumeier. "Ich glaube, das ist ... ich würde sagen, diese Endgültigkeit ist im Gespräch. Ich würde sagen, die Endgültigkeit ist infrage gestellt." Er kichert, dann sagt er: "Aber wenn es endgültig ist, ist es endgültig."

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