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Wirtschaft
Ausgabe
11/2018

Machtwille

Warum so wenige Ostdeutsche Karriere machen

Ostdeutsche sind in den Schlüsselpositionen der Wirtschaft so gut wie nicht vertreten. Selber schuld?

Jesco Denzel / DER SPIEGEL

VW-Vorstandsfrau Werner

Von
Dienstag, 13.03.2018   15:28 Uhr

Diese Geschichte beginnt in Wolfsburg, auf dem Gelände von Volkswagen, und das sagt eigentlich schon viel. Hiltrud Werner, 51, schlüpft aus der Tür ihres Vorstandsbüros hinein in den zahnarztweißen Besprechungsraum. Sie schiebt die Platte mit den Keksen weg ("Bloß nicht"), nimmt Platz auf einem der Designerstühle und sagt: "Meine Herkunft hat immer eine Rolle gespielt, und sie tut es noch heute."

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Aus dem SPIEGEL

Heft 11/2018
Das düstere Ich
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Weiter nach oben als Hiltrud Werner kann man es in einem deutschen Konzern kaum schaffen. Als Vorstand für Integrität und Recht trägt sie die Verantwortung dafür, dass sich Skandale wie der Abgasbetrug nicht wiederholen.

Werner ist die zweite Frau in der Vorstandsetage von Volkswagen. Und die erste Ostdeutsche. Konzernchef Matthias Müller ist zwar in Chemnitz geboren, aber als Kleinkind mit seiner Familie nach Bayern gezogen. Hiltrud Werner hingegen machte im thüringischen Apolda Abitur und in Halle ihren Studienabschluss als Diplom-Ökonomin. Als die Mauer fiel, war sie 23. Sie gehört zu einer Generation, die ihr Berufsleben zum Zeitpunkt der Wende noch vor sich hatte. Und doch ist sie eine Exotin.

Bis heute hat keines der 30 größten Börsenunternehmen seinen Sitz in Ostdeutschland. Von rund 200 Dax-Vorständen sind vier in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen, also zwei Prozent.

Es stammen mehr Vorstände aus Schwaben oder dem Rheinland als aus allen ostdeutschen Bundesländern zusammen, obwohl diese 15 Prozent der Bevölkerung repräsentieren.

Noch ungleicher ist das Vermögen zwischen Ost und West verteilt. Glaubt man der Liste des "manager magazins", die alljährlich den Reichtum der Republik vermisst, gibt es keinen einzigen ostdeutschen Milliardär. Unter den 1001 vermögendsten Deutschen sind demnach gerade mal 6 Ostdeutsche.

Die Zahlen sind bemerkenswert. Und sie belegen, dass mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Einheit eine unsichtbare Grenze die Republik durchzieht. Auf der einen Seite sind die Westdeutschen, die Vermögen und Posten weitgehend unter sich aufteilen. Auf der anderen Seite sind die Ostdeutschen, die in der Welt der Reichen und Einflussreichen so gut wie nicht vorkommen.

Deutschland mag eine Kanzlerin aus der Uckermark haben, doch die Eliten sind noch immer überwiegend westdeutsch. Das gilt für die Politik genauso wie für Verwaltung und Justiz, Medien und Wissenschaft. Überall besetzen Ostdeutsche nur einen geringen Prozentsatz der gehobenen Positionen. Dem neuen Bundeskabinett wird wahrscheinlich nur eine ostdeutsche Ministerin angehören. Selbst im Osten sind ostdeutsche Führungskräfte vielfach in der Minderheit.

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Nirgendwo aber sind sie so abwesend wie in der Wirtschaft. Zwar sind deutsche Konzerne offener, internationaler, weiblicher geworden. Viele haben "Diversität" zum strategischen Ziel erklärt. Doch eine angemessene Repräsentation von Menschen mit ostdeutscher Biografie schließt das offenbar nicht ein.

Das zeigt, wie lange die einstige Teilung des Landes nachwirkt. Und es erklärt womöglich, warum so viele Ostdeutsche mit der Bundesrepublik fremdeln und sich nicht ausreichend wahrgenommen fühlen.

Als Hiltrud Werner, die VW-Vorstandsfrau, 1991 nach München ging und bei einer IT-Beratung anfing, habe sie sich gefühlt "wie ein seltenes Tier im Zoo". Sie kam in eine Welt, in der es normal war, dass Frauen nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause blieben. Werner, deren Sohn damals zwei Jahre alt war, arbeitete Vollzeit, als einzige Mutter in einem Unternehmen mit 850 Mitarbeitern. Nicht nur dafür wurde sie angegangen. "Ich musste mir gelegentlich sagen lassen, dass wir Ossis opportunistisch und faul seien und mal besser drüben geblieben wären."

Die offenen Feindseligkeiten wurden mit der Zeit weniger, die kulturellen Unterschiede blieben. Als Werner später für ein Traineeprogramm zu BMW wechselte, sei sie auch in Gehaltsfragen viel schneller zufrieden gewesen als ihre überwiegend westdeutschen Kollegen. Die hätten gleich einen Laptop und andere Statussymbole erwartet, obwohl sie ebenfalls erst am Anfang ihrer Laufbahn standen. Dieses Anspruchsdenken sei ihr fremd gewesen.

Dass es so wenige einflussreiche Ostdeutsche gibt, hält Werner durchaus für ein Problem. Nicht nur in den Unternehmen fehle es an Verständnis für die Lebenserfahrungen Ostdeutscher. "Es gibt nicht viele Westdeutsche in den mittleren Lebensjahren, die wissen, was es bedeutet, alles zu verlieren", sagt Werner.

Glaubt sie, dass Siemens im vergangenen Herbst auch dann entschieden hätte, sein Turbinenwerk im sächsischen Görlitz zu schließen, wenn im Vorstand des Konzerns ein Ostdeutscher säße? "Nein, mit Sicherheit nicht."

Wo sind sie, die ostdeutschen Manager und Unternehmer? Woran liegt es, dass sie weder im Westen in den Vorstandsetagen sitzen noch im Osten große Konzerne führen?

Die Ursachen finden sich auch in der Nachwendezeit. Siemens hatte das Werk in Görlitz 1992 übernommen. Wie der Münchner Industriekonzern sicherten sich viele westdeutsche Unternehmen nach der Wiedervereinigung die Filetstücke der DDR-Wirtschaft. Anders als in Russland, wo sich Oligarchen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bereichert hatten, verlief die Privatisierung in der ehemaligen DDR geordneter. Dennoch fiel die Bilanz zum Nachteil der Ostdeutschen aus. Von den Volkseigenen Betrieben, die die Treuhandanstalt nicht abwickelte, wurden nur fünf Prozent an Ostdeutsche verkauft. Der Rest ging an westdeutsche oder internationale Unternehmen. Den Ostdeutschen fehlten dafür die finanziellen Mittel.

Die wenigen ostdeutschen Käufer Volkseigener Betriebe waren meist ehemalige leitende Beschäftigte, die teils ein hohes persönliches Risiko eingingen. So wie die vier Mitarbeiter von Rotkäppchen, die die in die Krise geratene Sektkellerei mithilfe des rheinhessischen Unternehmers Harald Eckes-Chantré weiterführten und heute zusammen ein geschätztes Vermögen von 150 Millionen Euro besitzen.

Andere wurden für Unrecht entschädigt, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg erlitten hatten. Rund 1500 Betriebe wurden an ihre ehemaligen Eigentümer zurückübertragen. Ein Milliardenvermögen wie die Albrechts oder die Ottos konnten sie damit jedoch nicht anhäufen.

Gleichzeitig gibt es im Osten aber auch nur wenige Selfmade-Millionäre, also solche, die keine Firma geerbt, sondern sie aus eigener Kraft aufgebaut haben.

Eine der wenigen Ausnahmen ist Stephan Schambach, 47. Mitte der Neunziger stieg der Unternehmer aus Jena zum "star from the east" auf, wie eine britische Zeitung ihn damals nannte. Schambach galt als Wunderkind, das nur wenige Jahre nach der Wende im Westen als Gründer reüssiert hatte.

Solche Etiketten hätten ihn schon immer amüsiert, sagt Schambach. Er sitzt in seinem Büro in Berlin-Mitte, einem Backsteinbau mit Glaswänden und frei schwebender Treppe. Das Jungenhafte ist er auch mit Ende vierzig nicht losgeworden. Über den E-Commerce-Dienstleister Intershop, der ihn bekannt gemacht hat und der abgestürzt ist, als die New Economy zusammenbrach, will er ungern reden. Zu viel Zeit sei seitdem vergangen.

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Unternehmer Schambach

Schambach hat lange damit gehadert, wie die deutsche Öffentlichkeit und die Medien auf ihn geblickt haben. Vieles von dem, was über ihn geschrieben wurde, empfand er als unfair. Noch jetzt wirkt er vorsichtig, fast misstrauisch. Erfolg und Anerkennung fand Schambach erst in den USA. Dort gründete er nach seinem Ausstieg bei Intershop ein neues Unternehmen, den Cloud-Anbieter Demandware. Mit dessen Verkauf verdiente er fast 220 Millionen Dollar. Heute ist er einer der finanziell erfolgreichsten Ostdeutschen.

Warum aber hat Schambach es geschafft und andere Ostdeutsche nicht?

Vielleicht liegt das an seiner Biografie. Ähnlich wie Hiltrud Werners Eltern, die im kirchlichen Dienst arbeiteten, waren die Schambachs in der DDR eher Außenseiter. Schambach stammt aus einer Ärztefamilie, seine Eltern waren nie in der SED. Wohl deshalb wurde er zunächst nicht zum Abitur zugelassen. Eine Ausbildung zum physikalischen Labortechniker durfte der talentierte Bastler erst machen, nachdem sich ein Professor der Universität Jena für ihn eingesetzt hatte.

Im Herbst 1989 hatte Schambach nichts zu verlieren. Er brach seine Ausbildung ab und machte sich mit einem kleinen Computerhandel selbstständig. In seinem Umfeld sei das nicht überall gut angekommen, sagt er: "Ich wurde mitleidig angeschaut, weil ich es nach Ansicht vieler nicht geschafft hatte, anderswo unterzukommen." Die meisten seiner Freunde hätten damals von einer Stelle im öffentlichen Dienst oder als Lehrer geträumt. Sie wollten Stabilität und Sicherheit.

Daran habe sich bis heute wenig geändert, glaubt der Soziologe Raj Kollmorgen, der an der Hochschule Zittau/Görlitz lehrt und seit Jahren über ostdeutsche Eliten forscht. Viele Ostdeutsche hätten die Unsicherheits- und Umbrucherfahrungen der Wendezeit tief geprägt. "Mobilitätsorientierungen und der Wille, für den Beruf etwas zu riskieren, sind deshalb im Osten wenig verbreitet", sagt Kollmorgen.

Das gelte auch für eine Generation, die die DDR nicht oder nur sehr kurz erlebt habe, aber von den Biografiebrüchen ihrer Eltern und Großeltern wisse. "Junge Ostdeutsche haben im Vergleich zu ihren westdeutschen Altersgenossen seltener einen unbedingten Aufstiegswillen. Das sehe ich bei meinen Studenten sehr deutlich", sagt Kollmorgen. Sicherheit, Stabilität und die Verbundenheit mit der Heimat seien ihnen tendenziell wichtiger als das Erklimmen der Karriereleiter. "Viele ostdeutsche Jugendliche glauben außerdem, dass sie ihre beruflichen Ziele nicht so verwirklichen können, weil die äußeren Hürden aus ihrer Sicht zu hoch sind."

Kollmorgen hat noch eine weitere Erklärung dafür, warum Ostdeutsche in den Schlüsselpositionen der deutschen Wirtschaft kaum vertreten sind. Die Wirtschaftselite sei trotz aller Bemühungen um mehr Vielfalt noch immer eine weitgehend geschlossene Gesellschaft, die von der bürgerlichen Oberschicht dominiert werde. Karriere mache im Topmanagement vor allem, wer über die richtigen Verbindungen verfüge und "distinguiert" auftrete, sagt Kollmorgen. Neben Leistung zähle der richtige Habitus, also ähnliche Denkmuster und Lebensstile. "Und diesen Habitus haben Ostdeutsche nicht oder kaum, weil eine bürgerliche Oberschicht in der DDR nur sehr rudimentär existierte." Das führe zu einer "systematischen Benachteiligung", die bis heute nachwirke.

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Der Campus der HHL ist an diesem Wintertag eine Baustelle. Timo Meynhardt, Professor für Wirtschaftspsychologie, umkurvt die Bauzäune, er will das riesige, bronzene Marx-Relief zeigen, das etwas verloren auf dem Gelände herumsteht. Früher wurde hier der Leipziger Kaufmannsnachwuchs ausgebildet, später Experten für den sozialistischen Binnenhandel. 1992 wurde die Hochschule in HHL Leipzig Gradudate School of Management umbenannt. Seitdem soll hier die Businesselite von morgen herangezogen werden. Das Studium kostet bis zu 35.000 Euro.

Meynhardts Lehrstuhl ist gefördert von Arend Oetker, gegenüber seinem Büro liegt die "Porsche-Lounge". Er selbst ist der erste ostdeutsche Lehrstuhlinhaber an der neu gegründeten HHL. Meynhardt, 45, studierte in Jena, Oxford und Peking und fing dann bei McKinsey an. Von Verwandten und Freunden bekam er zu hören, dass er es nun wohl geschafft habe. Es war nicht als Kompliment gemeint. "Im Osten ist Karriere kein positiver Begriff, er wird eher mit Karrierismus gleichgesetzt", sagt er. Dass es so wenige Ostdeutsche aus seiner Generation an die Spitze geschafft haben, liege auch an ihnen selbst, glaubt er: "Der Griff nach der Macht muss manchmal eiskalt sein. Diese Mentalität fehlt vielen Ostdeutschen, was eigentlich sympathisch ist."

Und wie steht es um die Generation, die nur noch ein Deutschland kennt und bei der sich erst entscheiden wird, wie ihr Berufsweg verlaufen wird?

Meynhardt ist zwiegespalten. Ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kämen, sei bei seinen Studenten "nicht mehr spürbar". Doch auf den zweiten Blick zeigten sich sehr wohl Unterschiede. "Viele junge Ostdeutsche trauen sich noch nicht, so viel Geld für ihr Studium auszugeben", sagt Meynhardt. Dabei könnten die meisten Absolventen die Studiengebühren nach den ersten Berufsjahren zurückzahlen.

Eine Fehleinschätzung mit Folgen: An Ostdeutschlands einziger Business School kommen im aktuellen Masterjahrgang von 36 Studenten gerade mal 5 aus den neuen Bundesländern.

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