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Politik
Ausgabe
1/2018

Sahra Wagenknecht kontra Katja Kipping

Das Herz schlägt rechts

Sahra Wagenknecht und Katja Kipping kämpfen gegeneinander um die Macht und die Deutungshoheit in der Linkspartei. Wer setzt sich durch?

Steffen Roth / DER SPIEGEL

Kipping (links) und Wagenknecht

Von
Samstag, 30.12.2017   08:07 Uhr

Katja Kipping sitzt breitbeinig auf einem Stuhl, sie trinkt Bier aus der Flasche und zitiert Sartre: "Es mag schönere Zeiten geben, aber dies ist die unsere."

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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Um Kipping, 39, haben sich Jungs mit Irokesenschnitt und Frauen mit buntem Haar versammelt, es ist dunkel im Leipziger Felsenkeller, geheizt wird nicht, aber das stört niemanden. Was zählt, ist das warme Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Kipping spricht viel von Weltoffenheit an diesem Abend, ihre Partei sei die "letzte Bastion der Flüchtlingssolidarität".

Es sollte ein einfacher Termin werden für die Chefin der Linken. Der Stadtverband Leipzig ist der größte der Partei. Also genau das Publikum, das Kipping mag: unter 35 Jahre alt, gebildet, urban. Deswegen war sie so gut gelaunt im ICE, zog sich noch die Lippen nach und machte ein Selfie für Twitter. "Treffen mit Neumitgliedern", schrieb sie dazu, "diese Aufgabe nehmen wir so ernst, dass wir zur Not auch mal einen Abend durchtanzen."

Doch dann meldet sich im Felsenkeller eine Frau zu Wort. Sie saß die ganze Zeit hinter Kipping. Sie ist älter, versinkt in einem riesigen Wollpullover. "Ich bin Arbeitslosengeld-II-Empfängerin. Ich habe zwei Fragen: Wann wird die Grundsicherung erhöht?", sagt sie. Sie macht eine kurze Pause und blickt Kipping in die Augen. Dann fährt sie fort: "Zweitens: Viele Leute sind keine Rassisten, sie wollen aber nicht, dass immer mehr Migranten ins Land kommen. Werden die jetzt einfach aufgegeben?"

Kipping lächelt und sagt ein paar Sätze zu Hartz IV, das sie natürlich auch schrecklich ungerecht finde. Doch auf die zweite Frage sagt Kipping nichts, sie tut einfach so, als sei sie nie gestellt worden.

Kipping wird bis um drei Uhr nachts im Felsenkeller tanzen. Doch selbst hier in Leipzig holt sie jener Konflikt ein, der die Partei nun schon seit Monaten beschäftigt. Auf der einen Seite steht die Parteichefin, die von einer Welt ohne Schlagbäume träumt und "offenen Grenzen für alle" fordert. Auf der anderen Seite Fraktionschefin Sahra Wagenknecht, 48, die einst von ganz links kam und nun die enttäuschten Wähler aus dem Osten von den Rechten zurückholen will.

Bei dem Streit geht es nicht allein um Flüchtlinge, die Gräben reichen inzwischen tiefer. Es geht um das Selbstverständnis: Will die Linke eine weltoffene Partei sein, die den Nationalstaat für ein Modell von gestern hält und die Solidarität fordert, auch über Grenzen hinweg? Oder soll sie sich umformen in eine Bewegung, die Solidarität nur für die eigenen Leute propagiert, auch um das Wählerpotenzial zu optimieren - was im Zweifel bedeutet, Ressentiments zu schüren, gegen Flüchtlinge, Brüssel, die etablierte Politik.

Wagenknechts Gatte Oskar Lafontaine fordert schon eine neue "linke Volkspartei", die das deutsche Parteiensystem umkrempelt. Er hat gesehen, wie andere es geschafft haben, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen; Sebastian Kurz in Österreich oder Emmanuel Macron in Frankreich. In der Partei macht die Befürchtung die Runde, aus der Linken werde über kurz oder lang eine "Liste Sahra Wagenknecht".

Ein Abend im November. Im Gewehrsaal von Schloss Ettersburg in Thüringen öffnet sich eine Flügeltür. Wagenknecht betritt die Bühne in einem Kostüm aus silbergrauem Bouclé. Kein Platz ist frei geblieben, nun zücken die Gäste ihre Handys. Wagenknecht setzt sich und legt ihre Handtasche neben den Stuhl. Thema des Abends: "Faust und das Zeitalter des Frühkapitalismus." Wagenknecht hat den "Faust" als Jugendliche auswendig gelernt. Es gibt viele solcher Anekdoten, die Wagenknecht leicht überirdisch erscheinen lassen.

90 Minuten lang spricht sie in einem Ton, der zwischen Vorlesung und Predigt changiert, bis sie zu ihrer eigentlichen Pointe kommt. Sie zitiert Mephisto, der einem bankrotten Herrscher den diabolischen Rat gab, Papiergeld zu drucken. "Das mit der Geldvermehrung ist eine Idee, auf die Jahre später auch Mario Draghi gekommen ist", sagt Wagenknecht schließlich unter dem Gelächter des Publikums.

Steffen Roth / DER SPIEGEL

Fraktionschefin Wagenknecht

Wenn man Wagenknecht zuhört, sind ständig dunkle Mächte am Werk: die EZB, die Wall Street, das Kanzleramt. Meistens geht es darum, verborgene Zusammenhänge aufzudecken, die von der etablierten Politik so leider nicht angesprochen werden. Wagenknecht gibt sich radikal volksnah und hält die Leute doch immer auf Distanz. Sie würde nie auf die Idee kommen, bis drei Uhr nachts mit Neumitgliedern zu tanzen. Nach ihrem Vortrag in Schloss Ettersburg verlässt sie den Saal durch eine Seitentür und verschwindet in einer schwarzen Limousine.

"Couragiert gegen den Strom" heißt ein neues Buch über sie - bei dem sie selbst als Co-Autorin mitwirkte. Wagenknecht ist schon in der DDR unangepasst gewesen, eine Schülerin mit Bestnoten, die dennoch keinen Studienplatz erhalten hatte. Sie erklärt, es gebe zwei Arten von Politikern: die Netzwerker und die Charismatiker. Sie selbst sei eine schlechte Netzwerkerin.

Dafür pflegt sie umso sorgfältiger den Kult um ihre Person. Wagenknecht hat eine Website mit dem Namen "Team Sahra" eingerichtet, dort ist nirgends mehr das Logo der Linken zu sehen, nur ein paar Links erinnern noch daran, dass Wagenknecht Teil einer Partei ist.

Wenn man Kipping auf das "Team Sahra" anspricht, sagt sie: "Personalisierung ist wichtig." Aber Inhalte der Partei sollten "in demokratischen Verfahren bestimmt werden". Kipping will überall mitspielen. Nur ist das eben nicht so einfach. Sie konnte sich nicht mit der Idee durchsetzen, dass vier Spitzenkandidaten die Partei in die Bundestagswahl führen, und sie verlor, als sie forderte, dass die Parteivorsitzenden das Erstrederecht im Bundestag bekommen sollten. Viele in der Linkspartei halten Wagenknecht für eine Diva. Aber sie ist eben eine sehr populäre Diva. Wagenknecht bekommt, was sie will, da kann Kipping noch so lange über "Basta-Politik", Führung durch Erpressung, klagen.

Kipping ist eine klassische Netzwerkerin. Sie hat Freunde gefördert und Gegner aus dem Weg geräumt, in der Parteizentrale arbeiten inzwischen fast nur noch Leute, die ganz und gar loyal sind. Der Rest ging irgendwann. Ehemalige Weggefährten können aus dem Stand eine lange Liste ihrer "Opfer" vortragen.

Mit knapp 20 Jahren trat Kipping in Dresden in die PDS ein. Sie gehörte der "Jugendbrigade" an, etwa ein Dutzend junger Genossen aus Sachsen, die die alte PDS aufmischten und die Sozialismus, Freiheit und Spaß verbinden wollten. Sie besprachen politische Manöver gemeinsam. Ohne diese Jugendbrigade ist Kippings politischer Aufstieg kaum denkbar. Dann aber ließ sie die alten Genossen hinter sich und legte die rasanteste Karriere von allen hin. 2003 wurde sie mit 25 stellvertretende Parteivorsitzende. Zwei Jahre später zog sie in den Bundestag ein.

Steffen Roth / DER SPIEGEL

Parteichefin Kipping

Entscheidend aber war das Jahr 2012: Auf dem Parteitag der Linken in Göttingen sollte eine neue Doppelspitze gewählt werden. Die ostdeutschen Reformer wollten Dietmar Bartsch durchsetzen. Doch zehn Tage vor dem Parteitag griff Kipping plötzlich nach der Macht. Bartsch fiel durch, und Kipping wurde gewählt, aber es war ein Pyrrhussieg. Im Jahr 2015 übernahm Bartsch zusammen mit Wagenknecht die Bundestagsfraktion. Politisch verbindet die beiden wenig, aber die Machtallianz hielt - auch weil die Wut auf Kipping nie abflaute.

Kipping treibt das oft in die Verzweiflung, weil sie inhaltlich nicht allzu weit weg ist von Bartsch. Die Linke soll eine coole Bewegung werden, wie Podemos in Spanien oder die Anhänger von Bernie Sanders, der aus dem Stand fast die Vorwahlen bei den US-Demokraten gewonnen hätte. Ein Team aus ihrer Parteizentrale sei bei Sanders' Leuten gewesen, um etwas über innovative Kampagnen zu lernen, erzählt Kipping im Zug.

Dass die Linke bei den Jungen und den Großstädtern im Westen gewonnen hat, betrachtet sie als ihren eigenen Erfolg. Kipping glaubt sogar, dass sich die Interessen der Hipster und Arbeiter miteinander verknüpfen lassen. "Die eigentliche Parallelgesellschaft sind die Superreichen", sagt sie, "wenn alle Flüchtlinge abgeschoben werden, wäre keines unserer Probleme gelöst."

Das Problem ist nur, dass Wagenknechts Sprüche immer einen Tick schriller sind. Kürzlich schrieb sie auf Facebook: "Warum kann ein reiches Land wie Deutschland nicht seine Fachkräfte selbst ausbilden? Wir holen uns Ärzte aus dem Irak, Syrien, Niger oder anderen Ländern - zynischer geht's nicht." Solche Posts regen viele in der Partei auf. Sie nähere sich nun endgültig der Rhetorik der AfD an, schimpfte ein Fraktionsmitglied. Und Janine Wissler, Fraktionschefin der Linken in Hessen, ging mit einem Faktencheck an die Öffentlichkeit: "Laut Statistik der Bundesärztekammer gibt es mit Stand 31.12.2016 in der gesamten Bundesrepublik keinen einzigen Arzt aus Niger."

Aber das war es auch schon. Spitzenleute wie Kipping trauen sich kaum noch, Wagenknecht öffentlich zu widersprechen, weil das immer so aussieht, als neide man Wagenknecht die Popularität.

So werden die Gräben immer tiefer. Kippings absolute Horrorvision wären neue "Querfrontler", die eine Verbindung nach rechts suchten und das Nationale hochhielten. Dieser Streit entzündete sich erneut, als sich der Bundestagsabgeordnete und Wagenknecht-Vertraute Diether Dehm kürzlich dafür einsetzte, dass der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen einen Kulturpreis bekommt.

Dagegen müht sich Kipping gerade, ein linkes "Einwanderungsgesetz" durch die Bundestagsfraktion zu bringen. Es sieht vor, dass jeder Migrant nach einem Jahr das Recht bekommt, in Deutschland zu bleiben, dafür genügt lediglich ein "sozialer Anknüpfungspunkt". Kipping spricht begeistert von einem Konzept jenseits des "neoliberalen Nützlichkeitsdenkens"; Wagenknecht vermisst den Realismus.

"Man darf es nicht übertreiben", sagt auch Oskar Lafontaine, wenn er auf Kippings Konzept angesprochen wird. Er redet dabei wie ein Firmenpatriarch, der den jungen Kräften die Flausen aus dem Kopf treiben muss. Am Münchner Flughafen eilt er von einem Gate zum anderen. Eigentlich sollte er schon im Saarland sein. Aber der einzige Direktflug hat an diesem Dezembertag wegen Schneefall vier Stunden Verspätung.

Während Lafontaine wartet, erinnert er an die Molotowcocktails in Hoyerswerda, an die ausländerfeindlichen Angriffe durch Arbeiter zu Beginn der Neunzigerjahre. Schon damals, so muss man ihn verstehen, wusste die Politik nicht, wo die Grenze der zumutbaren Einwanderung lag. Lafontaine warnte und wurde als "Rassist" bezeichnet. Das findet er natürlich absurd.

2007 war Lafontaine einer der Mitbegründer der Linken, nun sagt er: "Das Parteiensystem, so wie es heute besteht, funktioniert nicht mehr. Wir brauchen eine Neuordnung." Nur so könne es wieder eine linke Machtoption geben. "Wir brauchen eine linke Sammlungsbewegung, eine Art linke Volkspartei, in der sich Linke, Teile der Grünen und der SPD zusammentun." Es ist eine völlig andere Idee als die von Kipping.

Die Sozialdemokraten hält Lafontaine für "mutlos". "Das hat doch der Schulz-Hype gezeigt: Es gibt das Potenzial für eine linke Mehrheit bei den Wählern. Die Leute warten geradezu auf so eine Option." Aber dann sei dieses Potenzial verpufft. SPD-Chef Martin Schulz habe sich angepasst. Deshalb die 20 Prozent bei der Bundestagswahl.

Stefan Boness / VISUM

Oskar Lafontaine (2. v. l.), Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Bernd Riexinger, Katja Kipping am 15. Januar 2017 an der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin.

Lafontaine teilt seiner Frau Sahra per Chat mit, dass er nun einen Flug über Frankfurt gefunden habe. "Dann ist sie beruhigt", sagt er. Nein, er selbst plant nicht, bei dieser neuen Volkspartei eine größere Rolle zu spielen, da müssten andere ran. Zwinkernd verschwindet er in der Boarding-Schlange.

Gerüchte über eine "Liste Wagenknecht" machen in der Linkspartei schon länger die Runde. Sie bekamen neue Nahrung, als die Planung für den Neujahrsempfang der Linken am 14. Januar bekannt wurde. Diether Dehm organisiert die Veranstaltung, sie wird finanziert aus der Kasse der Bundestagsfraktion. Dehm lud neben der Sängerin Nina Hagen den französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon ein. Mélenchon wettert gegen den Euro, genauso wie Lafontaine und Wagenknecht.

An einem Mittwoch im Dezember will Wagenknechts Sprecher das Schlimmste verhindern. Er sitzt im Restaurant des Bundestags. Im Foyer hat er ein Team der "heute-show" entdeckt. Nun fürchtet er, die Chefin könnte den Journalisten in die Arme laufen. Er stürmt nach draußen, vom Willen beseelt, sie zu beschützen. Man trifft im Hauptstadtbetrieb überall Männer, die das Gefühl haben, Wagenknecht retten zu müssen, vor den Medien, den Konservativen, vor Kipping. Dabei kann Wagenknecht sehr gut auf sich selbst aufpassen. Die Leute von der "heute-show" hat sie mit ein paar unsendbaren Belanglosigkeiten abgefertigt. Nun bestellt sie einen Tee und spricht über Kippings Flüchtlingskonzept.

"Wir sollten uns darauf konzentrieren, seriöse Vorschläge zu machen." Sie sagt das mit einer unnachahmlichen Langeweile in der Stimme.

"Was hat es mit den Gerüchten um die Liste Wagenknecht auf sich?"

"Ich habe nicht vor, die Linke zu spalten", sagt Wagenknecht. Es gehe nur darum, langfristig eine soziale Machtoption zu ermöglichen. Ihr Pressesprecher schluckt.

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