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Sport
Ausgabe
20/2018

Kevin-Prince Boateng im Interview

"Ich gegen ganz Deutschland"

Sein Bruder Jérôme gilt als Musterschüler, er war der Bad Boy des deutschen Fußballs. Wie kam es dazu? Wie denkt er heute darüber? Ein offenes Gespräch mit Kevin-Prince Boateng.

Tim Wegner / DER SPIEGEL

Kevin-Prince Boateng

Ein Interview von
Samstag, 12.05.2018   07:44 Uhr

Im Vorwort seiner Autobiografie hat Kevin-Prince Boateng, 31, seinen Freund Mario Balotelli zu Wort kommen lassen. Der italienische Nationalspieler beschreibt darin einen Wettbewerb, den die beiden hatten: "Es ging um die Frage: Wer ist attraktiver, wer trägt die cooleren Klamotten, wer kommt stylischer daher, wer fährt das fettere Auto? Ich schätze, dieser Fight steht unentschieden."

SPIEGEL: Herr Boateng, gibt es den Wettbewerb mit Balotelli noch?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 20/2018
Goodbye, Europe!

Boateng: Den brauchen wir nicht mehr.

SPIEGEL: Wieso?

Boateng: Weil ich eh gewinne.

Im Leben von Kevin-Prince Boateng gab es verrückte Tage, an denen er sich zwei neue Tattoos stechen ließ, nur weil er einen Freund übertrumpfen wollte, der ein neues Tattoo hatte. Oder er sich drei Autos kaufte, einen Lamborghini Gallardo Spyder für 300.000 Euro, einen Hummer H2 für 75.000 Euro und einen Cadillac, Baujahr 1967, für 40.000 Euro, drei Schecks für drei Autos an einem einzigen Tag. Es war ein Leben, von dem er sagt, es liege weit hinter ihm.

Am kommenden Samstag steht er mit Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München. Er ist der Star einer Mannschaft, die eigentlich chancenlos ist.

Boateng ist wieder zurückgekehrt nach Deutschland, zum zweiten Mal nach seiner missglückten Zeit bei Schalke. In sein Heimatland, aus dem er sich vor acht Jahren verstoßen fühlte, nachdem er ein grobes Foul an Michael Ballack begangen hatte, dem damaligen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Es war 2010, kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika, als Boateng im englischen Pokalfinale gegen den FC Chelsea antrat und Ballack so hart foulte, dass der nicht zur WM fahren konnte. In einer "Bild"-Kolumne stand, er sei ein "Arschloch".

Danach hatte Boateng das Gefühl, sein Land verloren zu haben, aber auch seine Familie. Sein Bruder Jérôme gab ihm öffentlich den Ratschlag, sich persönlich bei Ballack zu entschuldigen.

SPIEGEL: Sie schickten Ihrem Bruder eine SMS: "Tolles Interview, Bruda." Warum?

Boateng: Das war sarkastisch gemeint.

SPIEGEL: Klar. Sie haben noch eine weitere, sehr eindeutige SMS geschrieben: "Jeder hat seine eigene Familie - du deine, ich meine." War das nicht zu hart?

Boateng: Man hätte es auch anders lösen können, aber wir waren jung, und ich war enttäuscht.

SPIEGEL: Sie hatten sich damals dafür entschieden, für Ghana zu spielen, Ihr Halbbruder Jérôme spielte für Deutschland. Im dritten Vorrundenspiel der WM in Südafrika, das zum Bruderkrieg stilisiert wurde, trafen Sie dann aufeinander.

Boateng: Der Abend vor dem Spiel war einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Ich habe mich aus dem Land verstoßen gefühlt, in dem ich geboren bin. Das hat mich verletzt, aber auch angespornt: ich gegen ganz Deutschland.

SPIEGEL: Sie haben Ihren Vater dafür kritisiert, dass er zu diesem Spiel als Deutschlandfan erschienen ist. Sie empfanden es als "eine verlogene Aktion meines Erzeugers - ein Vollblut-Ghanese mit einer Deutschlandjacke". Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Boateng: Nein. Das hat wehgetan, aber ich bin darüber hinweg. Ich habe mir selbst eine Erklärung dafür gegeben, und damit ist es erledigt.

SPIEGEL: Wie lautet die?

Boateng: Darüber möchte ich nicht sprechen.

SPIEGEL: Wie wird es im Pokalfinale sein? Ist Ihr Vater wieder dabei?

Boateng: Ganz sicher. Und meine Mama wird wahrscheinlich auch da sein. Jérômes Mama wird da sein. Vielleicht sitzen sogar alle zusammen.

SPIEGEL: Es wird also ein Familienfest?

Boateng: Wir sind eine ganz normale, intelligente Familie, und deswegen wissen wir: Nach Krieg kommt Frieden.

SPIEGEL: Wird Ihr Vater diesmal im Bayerntrikot erscheinen?

Boateng: (lacht) Wenn er das macht, hole ich ihn von der Tribüne.

SPIEGEL: Sie hatten sich auf das direkte Duell mit Ihrem Bruder gefreut. Sind Sie enttäuscht, dass er wohl nicht dabei sein kann, weil er sich gegen Real Madrid verletzt hat?

Boateng: Ich bin natürlich sehr traurig darüber, ich habe mich sehr darauf gefreut. Aber damit haben wir auch bessere Chancen. Jérôme ist einer der besten Innenverteidiger der Welt, und ohne ihn sind die Bayern ein bisschen schwächer.

SPIEGEL: Haben Sie darüber nachgedacht, was passiert, wenn sich die Geschichte wiederholen sollte und sich wieder ein deutscher Nationalspieler kurz vor der WM in einem Zweikampf mit Ihnen verletzt?

Boateng: Wenn ich so denken würde, würde ich mich hemmen. Ich gebe immer 100 Prozent. Es gab zuletzt schon Tackles in der Bundesliga von mir, die hart waren, aber niemand hat mir danach etwas unterstellt. Ich bin nicht mehr automatisch der Bad Boy.

Der "Bad Boy", das "Gettokid", das war lange das Bild, mit dem er verbunden wurde, der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen, geboren am 6. März 1987 im Wedding, einem Problemviertel Berlins. Hinter ihm liegt eine schwierige Kindheit. Enttäuschungen über einen Vater, der die Mutter für eine andere Frau verließ, die eineinhalb Jahre nach Kevins Geburt Jérôme zur Welt brachte. Und der die Vaterschaft anzweifelte, bis sie durch einen Vaterschaftstest nachgewiesen wurde. Auch sein älterer Bruder George, der Rapmusik macht, eine Art Ersatzvater wurde, konnte nicht immer für ihn da sein, weil er mehrere Monate im Gefängnis saß. Seine Kindheit und seine Jugend beschreibt Kevin-Prince so: "Mama zu Hause betrunken, nichts im Kühlschrank, der Bruder im Knast."

SPIEGEL: Als Kind haben Sie Weihnachten gehasst. Warum?

Boateng: Natürlich hat der Papa gefehlt. Aber es geht bei Weihnachten ja auch um die ganze Familie, um Onkel und Tanten, und dass da alle zusammen feiern und dass man die Probleme, die man hat, für einen Moment einfach zur Seite schiebt. Das war bei uns nicht so. Deshalb hab ich Weihnachten als Kind nie gemocht. Ich mochte es erst, als ich selbst Kinder hatte.

SPIEGEL: Jérôme hat eine Familie gehabt. Und er hatte den Vater, auf den Sie verzichten mussten. Hat das Ihr Verhältnis belastet?

Boateng: Nein. Das ist eine Entscheidung, die mein Papa getroffen hat. Er hat eine neue Frau gefunden. Das war Jérômes Mama. Die hatten finanziell mehr Möglichkeiten als wir. Die konnten zum Beispiel in den Urlaub fliegen. Wir nicht. Mein erster Urlaub war mit Jérôme. Den hat seine Mama gezahlt, weil wir uns das nicht erlauben konnten. Meine Mama war trotzdem eine starke Frau.

SPIEGEL: In Ihrer Biografie schreiben Sie, das Verhältnis zu Ihrem Vater sei zerstört. Ist es immer noch so?

Boateng: Dass etwas zerbrochen ist, ist klar. Und die Zeit, die man verloren hat, kriegt man nicht zurück. Aber wir haben uns ausgesprochen, nach elf Jahren Funkstille. Es ist nicht das Vater-Sohn-Verhältnis, das ich mir immer gewünscht habe. Inzwischen haben wir eine sehr gute Beziehung, mein Vater war zuletzt auch häufiger zu Besuch in Frankfurt und hat mit meinem Sohn gespielt. Mir war es sehr wichtig, dass mein Sohn auch etwas von der afrikanischen Seite seiner Großeltern mitbekommt.

SPIEGEL: Ihre Berliner Lehrerin nannte Jungen wie Sie "Schwarzköpfe". Am Fußballfeld riefen Leute von der Seitenlinie: "He, Nigger, für jedes Tor kriegste 'ne Banane!" Wie haben Ihre Trainer reagiert?

Boateng: Die Trainer haben versucht, das herunterzuspielen. Die haben mir gesagt: Das sind Menschen, die keinen hohen IQ haben, ich soll mich nicht damit beschäftigen. Und in der Schule habe ich mir antrainiert, es nicht zu persönlich zu nehmen, es runterzuschlucken. Das muss ich mir heute wieder abtrainieren. Es darf nicht sein, dass wir ins Stadion gehen und so was hier noch passiert.

SPIEGEL: Sie haben nach der WM in Südafrika Nelson Mandela getroffen.

Boateng: Nelson Mandela hat uns nach Hause eingeladen. Das war unglaublich. Wenn man sich vorstellt, dass er sich hat einsperren lassen, unschuldig, um anderen Menschen eine Chance zu geben. Alles an ihm ist zehnmal besser und größer, als man sich vorstellt, wenn man ihn trifft. Er hat eine Aura um sich, ein ganz kleiner Mann mit weißen Haaren, aber er saß da wie ein Engel. Und wenn du ihm die Hand gibst, denkst du, die Aura kriegst du jetzt auch.

SPIEGEL: Was hat Sie so beeindruckt?

Boateng: Er kannte drei, vier Spieler, mich auch. Er sagte: "Du bist doch der Prince. Meine Tochter ist voll verrückt nach dir. Willst du sie heiraten?" Dann kam seine Tochter rein. Und ich nur: "Danke, ich bin schon verheiratet." Da meinte er: "Ich hab noch 'ne andere Tochter." Als wäre mir seine Tochter nicht gut genug. Ich hab danach gedacht: Einer, der so lange eingesperrt war, hat so einen Humor, das ist doch nicht normal. Er muss mental so unglaublich stark sein.

SPIEGEL: Drei Jahre später haben Sie wegen rassistischer Rufe von Zuschauern mitten im Spiel das Feld verlassen, Ihre Mannschaftskameraden vom AC Mailand sind Ihnen in die Kabine gefolgt. Die Uno hat Sie danach zu ihrem Botschafter im Kampf gegen Rassismus ernannt. Im März waren Sie wieder einmal in Genf, um Gespräche mit dem Hohen Kommissar der Uno für Menschenrechte zu führen. Worum ging es dabei?

Boateng: Der Commissioner wollte wissen, was meine Wenigkeit weiter zu dieser Problematik beitragen kann.

SPIEGEL: Hat sich Ihre Wahrnehmung verändert?

Boateng: Mich werden immer Leute für einen Bad Boy halten. Und es wird immer Leute geben, die nicht verstehen, dass ich mich verändert habe. Aber das ist okay. Ich muss nicht von allen geliebt werden. Die Phase habe ich gehabt. England. 2008.

SPIEGEL: Das ist die Phase, als Sie bei Tottenham Hotspur auf der Ersatzbank saßen, von einer Party zur anderen gefallen sind, Pickel hatten, Übergewicht und falsche Freunde.

Boateng: Ich kann Ihnen sagen: Es ist leichter, Jasager zu bekommen, als sie loszuwerden. Aber das ist deine eigene Schuld. Wenn du Jasager um dich herum hast, willst du auch Jasager um dich herum haben. Du brauchst das irgendwie. Das ist wie mit der Luft: Ahhhhhh, ich bin der Beste. Die Leute zu bekommen ist einfach, sie wegzubekommen ist schwieriger, als man es sich vorstellt. Du musst mental bereit sein, deinen Weg allein zu gehen. Ich hab's so extrem gemacht, dass ich mich sogar von meiner ganzen Familie abgeschottet habe, von meinem Vater, meiner Mutter, meinem Bruder, meiner Schwester, von allen. Ich musste diesen Weg gehen: nur ich. Ein Jahr nicht gefeiert, nur zum Training und wieder heim. Ein guter Freund hat gekocht, sechs Monate komplett abgeschottet, dann bist du clean.

SPIEGEL: Klingt wie Drogenentzug.

Boateng: 90 Prozent der Freunde von damals hab ich nicht mehr.

SPIEGEL: Und wie haben Sie das Ihrer Familie erklärt?

Boateng: Die haben das verstanden. Wenn du clean bist, fängst du an, ihnen alles zu erklären, langsam, einem nach dem anderen: Mama. Papa. Bruder. Schwester.

SPIEGEL: Das hat Sie verändert?

Boateng: Ich kann heute sagen: Ja, ich war ein Bad Boy, das hab ich auch gebraucht, ich fand das sogar cool, aber jetzt bin ich ein erwachsener Mann, dem es wichtig ist, dass sein Sohn kein Bad Boy wird. Es ist mir nicht mehr wichtig, einen Ferrari zu haben. Heutzutage ist Autofahren für mich, von A nach B zu kommen.

SPIEGEL: Das klingt gewöhnungsbedürftig aus Ihrem Mund.

Boateng: Ich war nie der Beste in der Schule, aber ich habe Straßenintelligenz. Ich habe das umgewandelt in Intelligenz, um mein besseres Ich zu finden. Und deswegen bin ich stolz auf mich.

SPIEGEL: Ihren Jugendtrainer Dirk Kunert haben Sie einmal so beschrieben: "Super Typ, jung, locker, gut aussehend, super Lifestyle, eine wunderschöne Frau." Ist das Ihr Maß für einen Trainer, den Sie ernst nehmen können?

Boateng: Ich mag halt nicht so einen Trainer, der einfach nur draufhaut, so auf die alte Schule, sondern der richtig cool ist.

SPIEGEL: Ein Trainer auf Augenhöhe - ist Ihr heutiger Coach Niko Kova¿ auch so ein Trainer?

Boateng: Niko hat seine eigene Art. Er ist kein Trainer alter Schule. Ich mag Trainer, die auf gut Deutsch einen Knall haben. Das meine ich in positivem Sinne. Ein bisschen verrückt zu sein, das gehört dazu.

Lukas Schulze / Getty Images

Frankfurt-Trainer Kova¿: "Diese Zielstrebigkeit finde ich geil"

SPIEGEL: Inwiefern ist Kova¿ verrückt?

Boateng: Er gibt alles als Trainer, er liebt seine Arbeit und überlegt sich 24 Stunden am Tag, welche Taktik er spielen soll, wer im nächsten Spiel auflaufen soll: Das ist so eine positive Verrücktheit. Diese Zielstrebigkeit finde ich einfach geil.

SPIEGEL: Sie kennen Niko Kova¿ seit Ihrer Jugend. Als Sie 2005 in die Profimannschaft zu Hertha BSC kamen, war er einer der Führungsspieler. Er hat Ihnen einmal den Kopf gewaschen, weil Sie dauernd zu spät zum Training gekommen sind.

Boateng: Also, es war nicht so, dass Niko da mit der Uhr in der Hand stand und rumgefuchtelt hat. So ist er nicht. Aber er hat mich nach dem Training zur Seite genommen und mir erklärt, dass das nicht geht. Er meinte: "Ich bin Fußballprofi und habe Kinder, die ich zur Schule bringen muss. Und ich bin jeden Tag pünktlich beim Training. Und du? Du bist 18 Jahre alt, hast keine Kinder, wohnst allein, brauchst dich nur ins Auto zu setzen und zum Training zu kommen. Wieso kannst du nicht pünktlich sein? Warum schaff ich das, der tausend andere Sachen zu tun hat, und du nicht?"

SPIEGEL: Warum durfte er Sie kritisieren?

Boateng: Er versteht genau meinen Mindset, er ist aufgewachsen, wo ich aufgewachsen bin, Kolonie/Soldiner, die gleiche Ecke in Berlin. Er ist ein Straßenjunge wie ich.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Boateng: Er kennt den Hass und Zorn, den ich empfunden habe. Es war nicht Hass und Zorn gegen den, den ich angeschrien habe, sondern der Hass und Zorn da drinnen in mir. Das hat er bei Hertha langsam aus mir herausgeführt. Wenn mich Niko kritisierte, hab ich zugehört. Er war ein Fighter, der immer an die Grenzen gegangen ist. Ich wollte erreichen, was er erreicht hat. Seine Kritik konnte ich akzeptieren, er war da, wo ich hinwollte. Die Kritik von einem, der noch nie da war, wo ich bin, konnte ich nicht annehmen. Er ist heute mein Boss, ich bin sein Angestellter.

SPIEGEL: Waren Sie diese Saison schon mal zu spät im Training?

Boateng: Nein.

SPIEGEL: Als Jürgen Klopp Sie nach Dortmund geholt hat, hat er Sie mit dem Satz begrüßt: "Gib Vollgas, du Idiot." Wie hat das Kova¿ in Frankfurt gemacht?

Boateng: Ähnlich. Wir haben telefoniert, bevor ich nach Frankfurt gekommen bin, und er hat gefragt: "Bist du bereit?" Ich natürlich: "Ja klar." Er: "Nein. Bist du bereit zu arbeiten?" Ich wieder: "Ja klar." Dann bin ich gekommen, und da hat er mich noch mal gefragt: "Bist du noch immer bereit?" Da hab ich gesagt: "Niko, ich bin müde." War natürlich ein Scherz. Er dann: "Hier wird hart und akribisch gearbeitet, das ist genau das, was du jetzt brauchst. Ich mach aus dir 'ne Maschine."

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Jürgen Klopp sei für Sie der "geilste Trainer der Welt". Hat Kova¿ ihn jetzt abgelöst?

Boateng: Für mich ist Jürgen Klopp noch immer der beste Trainer, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Das ist der Trainer, der mich am besten gepackt hat, der alles aus mir rausgeholt hat.

SPIEGEL: Er hat sich auch über Sie lustig gemacht, zum Beispiel, als Sie einmal mit froschgrünen Fußballschuhen zum Training kamen.

Boateng: Ja, er meinte da nur: "Zeig mal her die Schuhe." Dann hat er gefurzt und meinte nur: "Geil, deine Schuhe machen ja auch Geräusche." Der ist einfach ein lustiger Typ, aber wenn's drauf ankommt, ist er auch 'ne harte Sau.

SPIEGEL: Ist Kova¿ auch so?

Boateng: Niko ist ähnlich. Wenn man angeschlagen ist, sagt er: Das hatte ich auch schon mal. Kannste rauslaufen. Hast 'nen Muskelfaserriss? Kannste rauslaufen. Hab ich schon dreimal gehabt. Aufs Fahrrad mit dir! Er glaubt nicht, wenn man Schmerzen hat. Er sagt, dass alles Kopfsache ist. Man muss es einfach nur wollen.

SPIEGEL: Sie haben gesagt, 90 Prozent des Erfolgs von Frankfurt gehen auf Kova¿s Konto. Was heißt das für die Eintracht, wenn er geht?

Boateng: Das heißt, dass wir einen finden müssen, der genauso gut oder besser ist.

SPIEGEL: Ist München eine Nummer zu groß für Kova¿? Kann er Stars wie Arjen Robben auf die Reservebank setzen?

Boateng: Ich traue es ihm zu. Aber es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu reden. Ich denke aber: Bayern wird nächstes Jahr das fitteste Bayern, das es je gab.

SPIEGEL: Ist Kova¿ so schlimm?

Boateng: Ich bewerte ihn nicht, kann nur das Beste sagen. Das muss reichen dazu.

SPIEGEL: Hätten Sie gern mal beim FC Bayern gespielt?

Boateng: Real Madrid war immer mein Lieblingsverein. Die weißen Trikots waren immer mein Traum. Vielleicht war ich nicht offen genug, einmal die Chance zu haben, für den FC Bayern zu spielen.

SPIEGEL: Was hat gefehlt?

Boateng: Ich hätte ehrlicher zu mir selbst sein müssen. Ich hätte mir sagen müssen: Du musst mehr machen, es reicht nicht.

SPIEGEL: Hätten Sie sich wie Jérôme quälen müssen?

Boateng: Nein. Wir sind ja ganz andere Menschen. Um ehrlich zu sein: So wie ich bin, bin ich komplett zufrieden. Ohne meine Fehler würden mich Menschen nicht so wahrnehmen, wie sie mich heute wahrnehmen. Ich polarisiere, aber sie nehmen wahr, wer ich bin.

SPIEGEL: Jérôme hat gesagt, der Bruderkampf habe Sie beide immer angespornt. Ist das nur seine Sicht?

Boateng: Nein, das gilt für uns beide. Früher hat der Bruderkampf ihn mehr angetrieben, weil ich schon von sehr jungen Jahren an hochgelobt und gefeiert wurde. Das war bei ihm nicht so. Er war Verteidiger, ich in der Offensive. Später aber wurde er einer der besten Verteidiger der Welt, und das hat mich dann angespornt. Wir haben uns gegenseitig immer sehr gepusht, besser zu werden.

Hans-Jürgen Schmidt / Picture Alliance

Brüder Boateng 2016: "Wir haben zusammen geweint"

SPIEGEL: Bei Ihrem ersten gemeinsamen Urlaub hat es Krach gegeben, so erzählt es Jérôme. Er sagt, Sie hätten ihm Freunde weggenommen, den Chef gespielt.

Boateng: Ich stand immer im Mittelpunkt. Und das war in diesem Urlaub genauso. Aber daran ist Jérôme gewachsen. Er hat gelernt, die Ellenbogen auszufahren. Wir waren im Urlaub zusammen, aber wir waren auch irgendwie nicht im Urlaub zusammen. Wir haben uns gestritten. Aber am Ende haben wir uns wieder versöhnt, und im Flugzeug haben wir zusammen geweint, weil wir nicht wegwollten.

SPIEGEL: Wer hat mehr aus sich rausgeholt, Sie oder Jérôme?

Boateng: Jérôme hatte immer eine Person, die vorangegangen ist, die Fehler gemacht hat, die er nicht mehr machen musste. Ich habe viele Fehler gemacht. Und er war intelligent genug zu sehen, welche Fehler er vermeiden musste. Und dann hat er natürlich hart gearbeitet. Jérôme war immer ein guter Verteidiger, aber er hat dieses "aber" gehabt. Aber er ist zu schläfrig. Aber er ist zu langsam. Aber dies. Aber das. Das hat er sich zu Herzen genommen. Er hat trainiert und das abgestellt. Er hat sich immer weiterentwickelt und ist noch nicht fertig. Er ist ja ein ganz ruhiger Typ, macht die Augen zu und geht da durch.

SPIEGEL: Wird er unterschätzt?

Boateng: Jérôme kann einen überraschen. Kleine Anekdote: Wir waren zu Hause an der Panke, und ich konnte links wie rechts schießen. Bumm. Bumm. Bumm. Ich glaube, da war ich zwölf. Jérôme konnte aber nur mit rechts schießen. Mit links klappte es nicht so. Dann war er halt traurig, ist zurück zu seiner Mama nach Wilmersdorf gefahren, und wir haben uns erst drei Monate später wiedergesehen. Aber dann hat er die Bälle rechts und links reingehauen, weil er die drei Monate lang trainiert hat. Das ist Jérôme: traurig. In sich gegangen. Nach Hause gegangen. Trainiert. Zurück. Und dann: Bamm. Bamm. Bamm.

SPIEGEL: In 13 Profijahren waren Sie bei acht Vereinen, Ihr größter Erfolg ist die italienische Meisterschaft 2011. Hätten Sie gern mehr Titel gewonnen?

Boateng: Es gibt andere, die 20-mal mehr Titel gewonnen haben als ich, aber die werden auf der Straße nicht erkannt. Ich werde auch ohne Titel erkannt. Ich will ja nicht Vorbild sein, weil ich die Champions League gewonnen habe. Mir ist es wichtiger, als Mensch wahrgenommen zu werden.

SPIEGEL: Hm.

Boateng: Gutes Schlusswort, oder?

SPIEGEL: Herr Boateng, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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