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Wirtschaft
Ausgabe
14/2018

Ausgebeuteter Werftarbeiter in Papenburg

Der Schiffbruch des Constantin Naidin

Constantin Naidin kommt nach Deutschland, um auf der Meyer-Werft Kreuzfahrtschiffe zu bauen. Er wird schlecht bezahlt und übel behandelt. Hier ist seine Geschichte.

Norbert Enker / DER SPIEGEL

Arbeiter Naidin am Gelände der Meyer-Werft in Papenburg: "Wie ein Gefangener auf Ausgang"

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Mittwoch, 04.04.2018   02:36 Uhr

Sein Leben in Deutschland hat Constantin Naidin in eine gelbe, abgegriffene Plastiktüte gepackt. "Danke für Ihren Einkauf", steht auf Rumänisch darauf. Fünfeinhalb Jahre in einer Tüte - Lohnabrechnungen, Kassenzettel, Kontoauszüge. Und ein kleines silbernes Notizbuch.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 14/2018
Die letzten Tage des Jesus von Nazareth

"Mit Unterlagen", sagt Naidin, "ist man am sichersten."

In das silberne Büchlein hat er die Stationen seines Arbeitslebens in Deutschland notiert. Eines Lebens als Arbeiter auf der Papenburger Meyer-Werft. Als "Fremdarbeiter", wie sie in Papenburg heute noch sagen. Fünfeinhalb Jahre, in denen er behandelt wurde wie ein Mitarbeiter ohne Rechte, wie ein Mensch zweiter, oft auch dritter Klasse. Fünfeinhalb Jahre, in denen sein Traum von Deutschland zerstob.

Nun steht er zum letzten Mal vor dem Tor der Meyer-Werft, wo im November 2012 alles begonnen hatte. Bald soll der Bus kommen, der ihn zurück nach Rumänien bringen wird. 33 Stunden wird die Fahrt dauern.

Neben ihm wartet ein Wohnmobilbesitzer aus Altenburg auf das Auslaufen eines Schiffs, eines 20 Stockwerke hohen, blau lackierten Berges, der aus dem braungrünen Wasser der Ems ragt. Der Mann trägt Adiletten und führt seinen Dackel aus. "Deutsche Wertarbeit", sagt er und nickt Naidin zu, der einen Kopf kleiner, aber ein gutes Stück breiter ist. Der Rumäne lächelt. Die Wertarbeit entstand ja unter seiner Mitwirkung.

Das Jucken der Mineralwolle, mit der er die stählernen Rumpfteile dämmte, kann er noch spüren. Das Wuchten der Bleche, mit denen er die Verschalung der Kabinen baute, es sitzt ihm noch im Kreuz. Und wenn er seit Oktober nicht mehr zu Hause bei seiner Frau und den Kindern war, dann nur wegen dieser Riesenpötte. Made in Germany, das war auch das Werk von ihm, von Constantin Naidin, 48 Jahre alt, aus der Nähe von Craiova im Süden Rumäniens.

Doch nun ist er nicht mehr dabei. Naidin flog raus, am 7. März dieses Jahres. Er hatte irgendwann angefangen, nicht mehr bloß zu malochen, sondern Fragen zu stellen. Nach dem Zustandekommen des Lohns, das ihm komisch vorkam, und nach Urlaubsgeld. Er tat das leise, wie es seine Art ist. Dennoch war er zum Risiko geworden. Er müsse "sofort weg", erinnert er die Worte seines Chefs. Beim Erzählen fängt Naidin leicht zu zittern an, er wischt ein paar Tränen in den Ärmel der schwarzen Kunstlederjacke. Eigentlich, sagt er, fühle er sich schon lange nur noch "wie ein Gefangener auf Ausgang".

Im Oktober 2014 notierte Naidin in sein silbernes Notizbuch: "Wir wurden gezwungen, 15 Stunden täglich zu arbeiten, auch sonntags." Mitte August 2016, so Naidin, verlangte sein Boss von ihm und einigen Kollegen die Karten ihrer kurz zuvor bei der Deutschen Bank eröffneten Konten. Ein paar Transfers müsse er machen, hieß es, Naidin bekomme sein Geld in bar. Für den Oktober 2016 hielt Naidin in einer Tabelle seine Arbeitszeit fest: 292 Stunden - 132 mehr als in der offiziellen Verdienstabrechnung.

Damit wäre der Mindestlohn de facto ausgehebelt. Mit Glück kam Naidin auf etwa sechs Euro pro Stunde, trotz ständiger Samstagsarbeit selten über 1300 Euro im Monat.

Die Notizen passten nicht so recht zu seiner Vorstellung von Deutschland. Kaputt machen lassen wollte er sie sich aber nicht. Jedenfalls nicht durch ein paar Überstunden. Die Schikanen tat er lange als Schönheitsfehler ab. Seine Nachsicht war groß. Das nächtliche Röcheln der Asthmatiker im schimmligen Dachzimmer, wo sie zu acht wohnten? Geschenkt. Das Zigarettengeld, das man auch ihm, dem Nichtraucher, vom Lohn abzog? Nicht der Rede wert. Dass sein Chef ihm die Bankkarte für das Lohnkonto wegnahm? War vermutlich normal.

Auch als sein neuer Boss begann, sie als "behinderte Bauern" zu beschimpfen, hörte Naidin lange weg. Er blieb bescheiden, beklagte sich nicht.

Erst als Vorarbeiter anfingen, handgreiflich zu werden, und als einige seiner Freunde und Kollegen nach Rumänien zurückgeschickt wurden, wagte Naidin es zum ersten Mal, sich zu "erkundigen", wie er sagt. Der Kontakt zu Gewerkschaften sei ihm verboten worden, aber nun wollte er wissen, ob es üblich sei, dass ein Chef von seinen Mitarbeitern das Urlaubs- und Krankengeld einkassiere. Er machte sich Sorgen um sein Konto, bei dem er nicht überblickte, was damit passierte.

Um 22.30 Uhr am Abend seiner Abreise trifft der Kleinbus ein, auf den Naidin seit 19 Uhr wartet. In der Facebook-Werbung des rumänischen Busunternehmers war noch von Fünfsternequalität die Rede, nun sieht es nicht mehr ganz so gut aus: Der abgetakelte Mercedes-Sprinter mit litauischem Kennzeichen liegt in der Hand zweier moldauischer Fahrer, die ihrem russischen Navigationsgerät auch nach stundenlangen Umwegen noch artig folgen werden. Sie werden Kette rauchen und nach jeder Zigarette auf einen kleinen Parfumflakon drücken, der die Luft noch beißender macht.

Naidin stellt seine kleine schwarze Sporttasche in den Gepäckraum. Der Inhalt besteht im Wesentlichen aus ein paar Rumkugeln, einem metallisch glänzenden Trainingsanzug, etwas Unterwäsche und der gelben Plastiktüte. Das war's.

Am selben Tag erscheint in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein großes Interview mit dem Besitzer der Papenburger Werft, Bernard Meyer. Nach den 2000 Arbeitsnomaden, die sich bei Subunternehmen für die Werft abrackern, wird er nicht gefragt. Meyer spricht über Kartbahnen, Riesenrutschen und Theaterbühnen, die sie in die Schiffe einbauen würden.

Der Meyer-Clan ist eine Macht in Papenburg und Umgebung. Der größte Arbeitgeber der Region, ein wichtiger Steuerzahler, die bekannteste Familie. Nach Meyer kommt lange nichts - und irgendwann die Schnapsbrenner Berentzen.

Von 23 Bootsbauern in der einst morastigen Torfregion sind die Meyers die Einzigen, die übrig blieben. Früh hat die Familie von Holz- auf Stahlbau umgestellt. Es gibt amüsante Unternehmensgeschichten wie die von der Fähre, die 1913 in 5000 Kisten nach Tansania verschifft und dort zusammengesetzt wurde und bis heute auf dem Tanganjika-See ihren Dienst tut.

1985 baute Meyer das erste Kreuzfahrtschiff.

Über 20.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen von der Werft ab, sagt eine Frau von Papenburg Marketing, die durchs Besucherzentrum führt. Dann beschreibt sie die Farbenlehre auf der Werft. "Die 3300 Leute der Stammbelegschaft tragen die gelben Helme." Die Arbeiter der Fremdfirmen hätten andere Farben, "und die Schwarzarbeiter tragen schwarze Helme". Sie kichert.

Norbert Enker / DER SPIEGEL

Unterwegs nach Rumänien: Menschen, die lautlos neben uns herleben

Seit 2010 flossen der Werft vom Bund rund 35 Millionen Euro Subventionen aus dem Programm "Innovativer Schiffbau sichert wettbewerbsfähige Arbeitsplätze" zu, wovon in erster Linie die Stammbelegschaft profitiert.

Um die Schwerstarbeit auf der Werft kümmert sich allerdings längst eine Schattenarmee, die nicht finanziell gestützt wird. Männer wie Naidin. "Menschen, die lautlos neben uns herleben, deren Sorgen man kaum kennt und die kein Deutsch können, weil sie abends zu platt sind, um in den Sprachkurs zu gehen", wie ein ehemaliger Betriebsrat sagt.

Für ihre Arbeitgeber sind diese Wanderarbeiter mit den Werkverträgen Austauschware, und Meyer bekommt durch die Konstruktion eine Art Sorglospaket: Es macht es möglich, Arbeiter zu beschäftigen, ohne sie anzustellen.

Für Diskussionen sorgt diese Schattenwirtschaft nur kurzfristig - wenn etwas passiert. Wenn ein griechischer Lackierer in den Tod stürzt, wie im November. Wenn zwei rumänische Arbeiter in einer der klaustrophobisch engen Unterkünfte verbrennen, wie im Sommer 2013. Solche Arbeitsverhältnisse gibt es nicht nur im Schiffbau. Gut 10.000 Wanderarbeiter aus Südosteuropa sind heute allein in Niedersachsen im Einsatz.

Nach fünf Stunden Fahrt hat es Naidins Bus gerade mal bis nördlich von Bremen geschafft. Ein liegen gebliebenes Fahrzeug eines Kollegen der Fahrer muss abgeschleppt werden. In Rostock werden zwei weitere Arbeiter eingesammelt, am Morgen kommen in Berlin ein paar Wäschesäcke und ein Kühlschrank einer moldauischen Kundin hinzu. Naidin schläft ein bisschen. Craiova lässt auf sich warten.

Viele der Werftarbeiter in Papenburg kommen aus derselben Gegend wie Naidin. Kleine Walachei wurde die Ecke früher genannt, weitab vom Schuss liegt sie heute noch. Nach Mindestlohn fragt dort keiner.

Als die aufgeblähte sozialistische Wirtschaft implodierte, erwischte es auch Naidin, den gelernten Klempner: Erst verlor er seine Arbeit im großen Donauwasserwerk, dann den Job im Kohlekraftwerk. Im Sommer 2012, als absehbar war, dass die beiden Kinder bald mit der Ausbildung beginnen würden, erzählte ihm ein Freund von einer Werft in Deutschland, die Kreuzfahrtschiffe baue und Leute brauche.

Für Naidin hörte sich das an wie ein Sechser im Lotto. Er sah eine Zukunft aufblitzen mit einem kleinen Haus in Deutschland, in das er seine Familie nachholen wollte. Er ertappte sich sogar dabei, wie er an eine Kreuzfahrt dachte. Seine Hoffnung trübte sich etwas, als er feststellte, dass der Weg zur Werft immer nur über Firmen lief, die Radoja oder Intelcon Electro Construct hießen. Oder Isofonics, wo er 2016 landete.

Geschont hat er sich deshalb nicht. Er war fleißig, gehörte zu denjenigen Arbeitern, die unter Zeitdruck noch auf den Schiffen rumwerkelten, wenn diese sich bereits auf der engen Ems Richtung Nordsee zwängten. Er schickte so viel Geld nach Hause, wie er konnte, kam aber selbst in Deutschland irgendwie nicht vom Fleck. Aus Papenburg schaffte er es nicht hinaus, im Kino war er kein einziges Mal. Er hatte einen Job. Ein Leben hatte er nicht.

Naidin spricht nicht schlecht über die Werft. Sein Stolz, an großen Schiffen mitgebaut zu haben, ist nicht verschwunden, vielleicht etwas eingetrübt. "Die Herren der Werft konnten nichts dafür", sagt er. Die seien sauber.

Zumindest tun sie einiges dafür, sauber dazustehen. Tatsächlich ist das Netz der Meyer-Firmen mit ihren Standorten in Papenburg, Rostock und Turku schwer zu entwirren. Aber es gibt eine Verbindung zum Subunternehmen, für das auch Naidin arbeitete. Und diese Verbindung führt nach Luxemburg. Dorthin hatte Bernard Meyer 2015 seine Dachgesellschaft verlegt - auch um die Gründung eines Aufsichtsrats zu vermeiden, den er in Deutschland hätte einrichten müssen. Von der Dachgesellschaft aus geht es über zwei Meyer-Firmen in Rostock zur Meyer-Tochter ND Coatings in Papenburg - der Drehscheibe für den Einsatz von Subunternehmern.

ND Coatings organisiert viel von dem, was die Werft früher mit eigenen Monteuren, Lackierern und Schiffszimmerern als Generalunternehmer selbst besorgt hatte. Und hier kam irgendwann George-Cristian Toader ins Spiel, ein Mann, der einst selbst auf der Werft gearbeitet hatte und sich dann mit seiner Isofonics GmbH zum Unternehmer aufschwang. Inzwischen arbeiten etwa 150 Leute auf der Werft für ihn.

Norbert Enker / DER SPIEGEL

Posten an der ungarisch-rumänischen Grenze: Craiova lässt auf sich warten

Der Kleinbus mit Naidin ist inzwischen bis in die Nähe von Brünn in Tschechien gekommen. Es gibt Probleme mit dem rechten Vorderlicht, dessen Gehäuse sich aus der Halterung löst. Naidin nimmt es gelassen, die moldauischen Fahrer scheinen gut vernetzt: Auf einer Raststätte eilt ein Schrauber mit seiner mobilen Werkstatt herbei. Bis Craiova sind es noch 15 Stunden.

Naidin unterschrieb im März 2016 bei Isofonics den Arbeitsvertrag. Da war er erst mal glücklich. Ein Job in Deutschland mit 9,50 Euro pro Stunde und Urlaub. Wie lange hatte er darauf gewartet? Und was für ein Vergleich zu den Anfängen, als ihn der Boss seiner ersten Firma Ende 2012 mit einem Pulk von Kollegen auf das Gemeindeamt mitnahm, Zettel unterschrieben ließ - und sie erst Monate später an den Nachzahlungsaufforderungen merkten, dass sie ein eigenes Gewerbe angemeldet hatten.

Mit Isofonics sah es für Naidin so aus, als wäre er endlich in Deutschland angekommen, so, als würde er "die deutschen Rechte bekommen", wie er sagt.

Naidin ist mit seiner Geschichte jetzt an einem wichtigen Punkt angekommen, denn jetzt trennen sich zwei Welten, zwei Welten mitten in Deutschland.

Dem einen Deutschland, in dem Werfteigner Bernard Meyer sogar eine Sozialcharta unterschrieb, die "gesundheitsgerechte" Beschäftigung verspricht und alle "Nachunternehmer" auf Zahlung des Mindestlohns verpflichtet. Zur Überprüfung der Firmen heuerte die Werft sogar den TÜV Rheinland an.

Und dem anderen Deutschland, das Naidin und ein halbes Dutzend weiterer Isofonics-Arbeiter erlebten, deren Unterlagen dem SPIEGEL vorliegen. Es ist eine Geschichte systematischen Betrugs. Und völliger Hilflosigkeit, die im Sommer 2016 in bizarre Ausbeutung umschlägt. Damals, erzählen die Betroffenen, sammelte Toader die Bankkarten ein. In der Folgezeit, so ist an Auszügen zu sehen, werden die Konten mit teils fünfstelligen Summen gefüllt, die kurz darauf wieder abfließen, offensichtlich an Verwandte von Toader. Auf die Fragen des SPIEGEL, so Toader, werde man nicht antworten.

Für den Isofonics-Chef lief es gut. Vielleicht etwas zu gut. Fast 300.000 Euro Gewinnvortrag wies seine Firma für 2016 aus - ein ziemliches Kunststück bei nur 1,2 Millionen Euro Bilanzsumme.

Womöglich lag das daran, dass bei Toader ganz eigene Gesetze galten: Statt Lohnfortzahlung hieß es Lohnrückzahlung im Krankheitsfall. Auch Urlaubsgeld habe er sich erstatten lassen. Arbeitern wie Naidin, die ihren Lohn in bar abholten, zahlte man diese Lohnbestandteile erst gar nicht aus.

Wer es wagte, die Zahlungsmodalitäten infrage zu stellen, sei in der Firmenhalle in Papenburg vor versammelter Mannschaft fertiggemacht worden, berichten Arbeiter. Diese Meetings hätten den Charakter von "Gehirnwäsche" gehabt. Geradezu hysterisch habe der Firmenchef auf den Namen Daniela Reim reagiert. "Ihre Telefonnummer könnt ihr gern haben, aber gleichzeitig auch eure Kündigung."

Reim, 45, leitet seit vier Jahren die Beratungsstelle für Mobile Beschäftigte in Oldenburg, eine Art Ersatzbetriebsrat für Entrechtete. Reim ist Rumänin, gelernte Lehrerin und stört mit ihrer resoluten Freundlichkeit das eingespielte Gefüge zwischen den Meyers und ihren Subunternehmen. "Engel" wird sie von manchen Arbeitern genannt.

Der litauisch-moldauische Kleinbus hat sich inzwischen durch den südlichen Karpatenbogen geschlängelt. Die Sonne scheint, es ist nicht mehr weit bis Craiova. In Naidin kommt Leben. Eine weite Tiefebene tut sich auf, mit viel Brachland. Naidin zeigt mit einigem Stolz auf die Ford-Fabrik, etwas weiter liege der Raketenabwehrschild der US-Armee. Wirtschaftlich war es das schon fast, die Geschichte vom alten Kohlenmeiler und dem kaputten Lokomotivenwerk möchte Naidin nicht vertiefen.

Unter den Hunderten Fällen von Lohnbetrug, die Reim und ihre Kollegin bearbeiten, ist auch der von Marian Pirva(*), der zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in einer Art renoviertem Schuppen am Rand von Papenburg wohnt.

"Im September hat er eine Woche Urlaub genommen für die Taufe seiner Tochter", sagt Reim. Das Urlaubsgeld sei ihm zwar überwiesen worden, "aber für Herrn Toader waren das Schulden, die er eintreiben wollte". Um den Druck zu erhöhen, behielt Isofonics den Januarlohn ein. Pirva geriet mit den Raten für den Fernseher und den Gebrauchtwagen in Verzug. Er kündigte. "Ich habe das Klima der Angst nicht mehr ertragen."

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Als Reim sich an Toader wandte, antwortete dessen Assistentin per E-Mail, Reim müsse sich Gedanken machen, ob sie ihr Amt so "rumänisch destruktiv" weiterführen wolle. Eine Kopie des Schreibens ging an die Geschäftsführung der Meyer-Tochterfirma ND Coatings.

Bei Pirva lief es wie bei vielen anderen: Er bekam eine Lohnabrechnung, die sauber wirkte - 160 Stunden à 9,50 Euro. Tatsächlich arbeitete er oft 100 Stunden mehr im Monat - unbezahlt. Auf den Mindestlohn von 8,84 Euro kam er nie.

Ursula Wentingmann von der IG Metall in Leer hat nachgerechnet, dass Pirva von Februar 2017 bis Januar 2018 exakt 11.754,56 Euro vorenthalten wurden. Das hieße: Sozialversicherungsbetrug, Verstoß gegen Arbeitszeitgesetze, Verstoß gegen den Mindestlohn und womöglich Sittenwidrigkeit: Viele Werkvertragsarbeiter waren als Fachkräfte angestellt und müssten mindestens zwei Drittel des Tariflohns bekommen. "Und der liegt in ganz anderen Bereichen", sagt Wentingmann.

Solche Lohntricksereien setzen den Sozialsystemen mächtig zu: Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung beziffert die Einbußen durch Lohnbetrug für 2016 auf 9,9 Milliarden Euro.

Ein Sprecher der Werft sagt, über die Sozialcharta sichere man ab, "alle Regeln" zur Entlohnung einzuhalten. Im Übrigen verweist er an Isofonics. Die Reaktion, sagt der Ex-Betriebsrat, sei "eine ziemliche Verrenkung". Meyer selbst habe sich doch Subunternehmen wie Isofonics "herangezüchtet". Und wenn mal einer von denen hochgehe, kämen drei neue.

"Ein Blick auf die Torerfassung der Werft hätte einen Hinweis geben können, was läuft", sagt Wentingmann, die seit Jahren Meyer bearbeitet. "Jeder Arbeiter loggt sich am Eingang mit seiner Chipkarte ein." Der Werftsprecher behauptet, eine Arbeitszeitkontrolle gehe aus "datenschutzrechtlichen" Gründen nicht.

Dass bei Isofonics mit den Lohnabrechnungen etwas nicht stimmt, wusste man bei der Meyer-Tochter ND Coatings schon seit Sommer 2016. Zwei Arbeitern, die sich beschwerten, wurde sogar eine Abfindung gezahlt, damit sie Ruhe gaben. Der ND-Coatings-Geschäftsführer, sagt der Sprecher, habe "zum Teil" davon gewusst.

Und dann? Wurde geschwiegen.

Constantin Naidin ist angekommen. Er steigt aus dem Bus. In einem Café wartet sein Neffe Christian auf ihn. Auch Christian arbeitete früher auf der Meyer-Werft, auch er für Toader. Inzwischen hat er einen Job auf einer Obstfarm in England.

Ganz abnabeln von Deutschland konnte er sich nicht. "Ich hab ja noch mein Konto da, bei der Deutschen Bank." Die Karte dafür musste auch er abgeben. Als Toader mit ihnen auf der Bank erschien, erinnert sich Christian, sei er empfangen worden "wie ein alter Bekannter". Er selbst habe dann einige Formulare unterschreiben müssen, "das schien normal". Es folgten Briefe zum Telefonbanking, obwohl er kaum ein Wort Deutsch sprach. Auch Constantin Naidin bekam Unterlagen für das Onlinebanking, "obwohl ich keine Ahnung davon hatte".

Wie einige andere Arbeiter hat auch Naidin Kontoauszüge aufbewahrt und nicht vernichtet, wie angeordnet wurde. Bleibt die Frage der teils fünfstelligen Beträge, die da munter hin- und herbewegt wurden und am Ende wohl in Toaders Umfeld versickerten. "Für mich sieht das nach Geldwäsche aus", sagt Daniela Reim.

Die Deutsche Bank sagt, Kontoeröffnungen könnten auch dann erfolgen, wenn der Kontoinhaber "die deutsche Sprache nicht perfekt beherrscht". Kein Wort zur Frage nach Geldwäsche. Aus dem Umfeld der Bank ist aber zu erfahren, dass man dort hellhörig wurde, rechtliche Schritte einleitete und betroffene Konten kündigte. Der Werftsprecher meldet sich noch mal. Isofonics, sagt er, sei dreimal erfolgreich geprüft worden. Beim aktuellen Audit gebe es allerdings "Abweichungen".

Naidins Neffe Christian kommt gut zurecht in England. Für ihn ist Deutschland erst mal durch. Naidin selbst würde trotz allem gern zurück auf die Werft, es müsse nur "etwas mehr Ehrlichkeit" geben.

Nach 33 Stunden Fahrt steht er vor seinem kleinen Haus. Hinten im Garten, an der verrosteten Hollywoodschaukel, wartet seine Frau. Naidin läuft den Weg hoch. Toto, sein alter Mischlingshund, bellt ihn an wie einen Fremden. Er hat Naidin nicht erkannt.

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