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1/2018

Neue Biografie über Leonid Breschnew

"Er fand, er sehe aus wie Alain Delon"

18 Jahre beherrschte Leonid Breschnew die Sowjetunion; er galt als Bürokrat und kalter Krieger. Doch die Historikerin Susanne Schattenberg fand heraus: Er hatte auch ganz andere Seiten.

Musaelyan Vladimir

Parteichef Breschnew 1971 auf der Krim: "Er wollte einfach locker wirken"

Ein Interview von und
Samstag, 30.12.2017   17:31 Uhr
DER SPIEGEL / Johannes Arlt

Susanne Schattenberg, 48, lehrt osteuropäische Geschichte an der Universität Bremen. Für ihre Biografie "Leonid Breschnew. Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins" hat sie Breschnews Notizbücher ausgewertet und in vielen ehemals sowjetischen Archiven recherchiert.


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Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2018
Gesundes Neues!
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SPIEGEL: Frau Professorin Schattenberg, Leonid Breschnew hat 18 Jahre lang die Sowjetunion regiert, er gilt als eher langweiliger Funktionär und Kalter Krieger. Warum haben Sie sich ausgerechnet mit diesem Mann so gründlich beschäftigt?

Schattenberg: Weil das, was Sie sagen, so nicht stimmt. Breschnew hat viel bewegt, er hat die Gesellschaft nach Stalins Terror und Chruschtschows Reformchaos befriedet und jenen kleinen Wohlstand geschaffen, für den viele Russen ihn noch heute verehren. Was zunächst als Stabilität angesehen wurde, wird erst jetzt als Stagnation und Niedergang bewertet. Wenn wir heute über die Sowjetunion sprechen, meinen wir jene der Breschnew-Ära.

SPIEGEL: Die Westdeutschen empfanden ihn damals als Bedrohung, weil er die Sowjetunion mit SS-20-Raketen hochrüstete und 1979 in Afghanistan einmarschierte.

Schattenberg: Auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie US-Präsident Richard Nixon beschrieben ihn als charmant, zugewandt und vor allem ernsthaft um Frieden bemüht. Und bis 1975 sah es auch wirklich super aus: Es gab die Neue Ostpolitik mit Brandt, mit den USA unterzeichnete er Abrüstungsverträge, beide Seiten einigten sich auf die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, den Vorläufer der heutigen OSZE. Erst danach änderte sich das Bild.

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Susanne Schattenberg:
Leonid Breschnew: Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins

Eine Biographie

Böhlau Köln; 464 Seiten; 39 Euro

SPIEGEL: Auf die Entspannungspolitik folgte ein neuer Kalter Krieg, und Breschnew wirkte wie ein versteinerter Apparatschik. Im Untertitel Ihrer Biografie bezeichnen Sie ihn sehr wohlwollend als "Staatsmann und Schauspieler". Warum "Schauspieler"? Weil er in seiner Jugend einer Laienspieltruppe angehörte?

Schattenberg: Nein, das zieht sich durch sein ganzes Leben. Er hat bewusst mit Rollen gespielt: Was wird von mir erwartet? Was ist adäquat? Weggefährten berichten davon, dass er sich wie ein westlicher Politiker zu inszenieren versuchte. Er war der erste auffallend gut gekleidete sowjetische Politiker. Er suchte bei Reisen im Westen das Bad in der Menge. Die Schauspielerei hat ihm auch geholfen, das Politbüro in den Griff zu bekommen. Wie ein Schauspieler vermittelte er seinen Kollegen im Kreml stets das Gefühl, nicht er, der Generalsekretär, sondern sie würden die Situation beherrschen. So entstand der Eindruck einer kollektiven Führung.

SPIEGEL: Im Westen hat man über diese Selbstinszenierung eher gelächelt. Weil man wusste, dass er schnelle Autos liebte, schenkte man ihm bei Gipfelbesuchen den neuesten Mercedes - was Breschnew dann gleich dazu nutzte, wilde, lebensgefährliche Spritztouren zu unternehmen.

Schattenberg: Er wollte einfach locker wirken, nicht bedrohlich. Nixon sagte später, dass Breschnew manchmal das Gefühl für die Würde seines Amtes verloren gegangen sei. Offenbar überzog er dann seine Rolle.

SPIEGEL: Sie schreiben immer wieder, Breschnew habe gut ausgesehen ...

Schattenberg: Er sah wirklich gut aus!

SPIEGEL: Kommt da eine speziell weibliche Perspektive zum Ausdruck?

Schattenberg: Ich hoffe nicht. Stalin soll aufgrund seines Aussehens 1952 auf ihn aufmerksam geworden sein und vom "schönen Moldauer" gesprochen haben. Dabei war Breschnew russischstämmiger Ukrainer.

SPIEGEL: Wenn ein Historiker ständig das gute Aussehen einer Politikerin betonen würde, hätte er heutzutage ein Problem.

Schattenberg: Ich betone sein Äußeres, weil auch viele Zeitgenossen Breschnews immer wieder seine Attraktivität hervorhoben. Es hatte also für die Zeitgenossen Bedeutung. Breschnew machte übrigens sein Aussehen sogar selbst zum Thema und schickte einmal an eine französische Nachrichtenagentur eine Aufnahme, von der er fand, er sehe darauf aus wie Alain Delon.

SPIEGEL: Wie passt dieses westlich orientierte Image zu seiner Rolle als Chef des sowjetischen Imperiums? War er ganz im Inneren womöglich gar kein überzeugter Kommunist?

Schattenberg: Das wohl schon, aber nicht von Anfang an. Breschnew war bei Beginn der Russischen Revolution 1917 zehn Jahre alt. Sein Vater war ein Arbeiter, der gut verdiente. Leonid hatte eine behütete Jugend, besuchte sogar das Gymnasium. Mit dem Bürgerkrieg 1918 bis 1922 brach diese Welt zusammen. Da gab es nur Hunger und Gewalt. Die Familie floh aus der Ukraine nach Kursk, wo der Vater herkam. Leonid trat nur deswegen in die kommunistische Jugend ein, weil er studieren wollte. Bis weit in die Dreißigerjahre wies nichts auf eine politische Karriere hin.

SPIEGEL: In dieser Zeit wurden Millionen russische Bauern enteignet und viele auch umgebracht. War er an Stalins Verbrechen beteiligt?

Schattenberg: Er zählte, um es mal so zu sagen, zu Stalins willigen Vollstreckern. Das scheint allerdings eher den Umständen geschuldet zu sein. Breschnew arbeitete in einem Katasteramt, als 1928 die Kollektivierung begann und damit die Verfolgung der Bauern, der Hunderttausende zum Opfer fielen. Seine Aufgabe war es, die Umverteilung des Landes bürokratisch zu exekutieren. Insoweit wurde er zum Teil der Verfolgungsmaschinerie. Immerhin scheint er nicht mit der Waffe in der Hand in den Dörfern unterwegs gewesen zu sein.

SPIEGEL: Woher wissen Sie, dass ihm die Begeisterung fehlte?

Schattenberg: Es gibt Indizien. Einem Mitarbeiter hat er Jahre danach erzählt, sie hätten anfangs an den Sinn der Kollektivierung geglaubt. Erst später habe er begriffen, dass es nichts als Raub gewesen sei. Das scheint mir glaubhaft.

SPIEGEL: Hat er persönlich gemordet?

Schattenberg: Es gibt darauf keinen Hinweis. Vermutlich war er dabei, als Bauern abgeführt oder sogar erschossen wurden. Und er machte nach dem Weltkrieg Karriere in der neuen Sowjetrepublik Moldau. Obwohl bereits Tausende von dort deportiert worden waren, wollte er weitere Bauernfamilien nach Sibirien schaffen. Moskau lehnte ab.

SPIEGEL: Breschnew, schreiben Sie, sei Teil eines sogenannten Patron-Klientel-Verbunds gewesen. Erklärt das seine steile Karriere?

Schattenberg: Ja, aber natürlich nicht allein. Dieses System entwickelte sich im Großen Terror 1937/38. Man konnte jederzeit als Volksfeind verhaftet und hingerichtet werden. Oder es wurde einem vorgeworfen, den Plan nicht erfüllt zu haben, obwohl jeder wusste, dass der Plan nicht zu erfüllen war. Ein Patron hatte eine starke Machtstellung und würde, so die Hoffnung, seine Klienten vor Verhaftungen schützen. Im Gegenzug verlangte er Loyalität. Der spätere Parteichef Nikita Chruschtschow war Breschnews erster Patron und wurde zum entscheidenden Förderer. Er kam 1938 in die Ukraine, exekutierte dort im Auftrag Stalins die letzten Säuberungen und baute dann eine neue Parteielite auf. Und er brauchte dafür Leute, die zu ihm hielten. Breschnew war einer von ihnen.

SPIEGEL: Und Breschnew hielt es dann seinerseits so?

Schattenberg: Ja, er griff auf ehemalige Kommilitonen zurück. Er verbündete sich mit jenen, die ähnliche Posten hatten und in der gleichen Bedrohungslage waren, und hoffte, dass sie ihn nicht ans Messer lieferten. Später hat Breschnew aus diesem Kreis viele Minister und Sekretäre des Zentralkomitees gewählt.

SPIEGEL: Womit er sich den Vorwurf der Günstlingswirtschaft einhandelte.

Schattenberg: Zu Unrecht. Das System war nicht entstanden, um sich zu bereichern, sondern um zu überleben.

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Gulag-Häftlinge in Workuta 1945: "Die Angst aus den Terrorjahren nie losgeworden"

SPIEGEL: Die Erfahrungen des Terrors hat also keiner der Beteiligten je vergessen?

Schattenberg: Wenn Breschnew mit seinen Leuten zusammensaß, war Stalin immer im Raum. Die sind die Angst aus den Terrorjahren nie losgeworden. Überspitzt kann man die Geschichte der Sowjetunion in zwei Abschnitte unterteilen: erst 25 Jahre lang der Terror Stalins und dann knapp 40 Jahre lang der Versuch, die Folgen des Terrors zu bewältigen.

SPIEGEL: Warum hat es Breschnew am Ende ganz nach oben geschafft?

Schattenberg: Er besaß die seltene Gabe, Menschen besonders erfolgreich zu motivieren. Das zeigte er zunächst als Statthalter der Partei in der Ukraine, dann in Moldau und in Kasachstan.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Schattenberg: Es waren damals viele kleine Stalins unterwegs, die andere denunzierten und der Sabotage bezichtigten. Breschnew hingegen appellierte an die Loyalität und den Überlebensinstinkt seiner Mitarbeiter. Natürlich war klar, was passierte, wenn die Planvorgaben nicht erfüllt wurden. Dann drohten Gulag und Tod. Breschnew bildete also eine Art Notgemeinschaft mit seinen Leuten und hatte damit Erfolg. Besonders deutlich wurde das, als er nach dem Krieg das Stahlwerk im ukrainischen Saporischja wieder aufbauen sollte. Eine unmöglich scheinende Aufgabe, eigentlich. Breschnew schaffte es.

S. March

Gastgeber Breschnew, Kanzler Brandt (l.) 1971 auf der Krim: "Was meinem Volk widerfuhr, darf sich nie wiederholen"

SPIEGEL: 1964 gelangte er in Moskau an die Macht. Was geschah mit dem Erbe Stalins?

Schattenberg: Er erklärte zunächst immer wieder, dass sich der Terror der Stalinzeit nie wiederholen dürfe. Allerdings gab es zwei Gruppen in der Führung. Das wurde 1968 im Vorfeld von Stalins 90. Geburtstag deutlich. Die einen wollten Stalin ehren, die anderen nicht. Breschnew zählte zu Letzteren, aber aus Machtkalkül übernahm er eine vermittelnde Position.

SPIEGEL: Stalin hatte die Industrialisierung der Sowjetunion mit aller Gewalt vorangetrieben. Warum hat Breschnew diesen Kurs so nicht fortgesetzt?

Schattenberg: Es gibt da ein aufschlussreiches Zitat von ihm: "Unter Stalin hatten alle Angst vor Repressionen, unter Chruschtschow vor ständigen Veränderungen. Deshalb sollen die Sowjetmenschen nun ein ruhiges Leben führen können." Er konzentrierte sich daher auf Sozialprogramme.

SPIEGEL: Würden Sie sagen, dass die Stagnation unter Breschnew eine Spätfolge des Terrors gewesen ist?

Schattenberg: Das kann man so sehen. Die Angst vor Veränderung war so groß, dass sich niemand traute, tief greifende Reformen anzustoßen.

SPIEGEL: Die deutsche Gesellschaft war durch die NS-Diktatur ähnlich traumatisiert, dennoch entwickelte sie nach dem Krieg eine enorme Dynamik. Warum blieb die auf sowjetischer Seite aus?

Schattenberg: Weil die äußeren Bedingungen unterschiedlich waren. In Westdeutschland sorgten die Alliierten dafür, dass es in die richtige Richtung ging. In der Sowjetunion wurde der Tatendrang systematisch unterdrückt. Dabei hatten die Sowjetbürger den Weltkrieg vielfach als Zeit größerer Freiheit erlebt. Die Zensur wurde gelockert, und die Leute waren stolz auf den Sieg. Viele Soldaten kehrten aus Berlin oder Prag als Botschafter eines besseren Lebens zurück. So ein Leben wollten sie auch führen. Leider gehörte Breschnew zu jenen, die das unterdrückten.

SPIEGEL: Was dann aber zum Konflikt mit prominenten Intellektuellen führte.

Schattenberg: Dissidenten wie die Nobelpreisträger Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn mussten feststellen, dass nach Breschnews Machtantritt wieder oppositionelle Schriftsteller verhaftet wurden, sie fürchteten eine Wiederkehr des Großen Terrors und demonstrierten dagegen.

SPIEGEL: Unter Stalin hätten sie das nicht überlebt.

Schattenberg: Genau, der Geheimdienst KGB brachte die Leute nun nicht mehr um, sondern sah sich als eine Art Erziehungsbehörde. Sacharow wurde unter Druck gesetzt, sollte seine Äußerungen widerrufen, das war alles sehr perfide, aber er wurde nicht erschossen, er wurde - schlimm genug - nur nach Gorki verbannt.

SPIEGEL: Aber warum sympathisierte Breschnew dann mit dem Prager Chef der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, der 1968 in der Tschechoslowakei einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz einführen wollte?

Schattenberg: Er sah in ihm sein Pendant. Breschnews Sympathie hatte aber Grenzen, und die überschritt Dubcek, als er das Machtmonopol der KP aufgeben wollte. Breschnew zögerte lange, in die SSR einzumarschieren. Am Ende hat er es getan.

SPIEGEL: Dann trägt die sogenannte Breschnew-Doktrin zu Recht seinen Namen?

Schattenberg: Die Doktrin gab es schon vorher. Denken Sie an die Aufstände in der DDR 1953 oder in Ungarn 1956. Wenn das sowjetische Imperium Macht einzubüßen drohte, griff Moskau ein.

SPIEGEL: Breschnew behauptete später, die Niederschlagung des Prager Frühlings sei überhaupt erst die Voraussetzung der Entspannungspolitik gewesen.

Schattenberg: Weil er sich mit dem Einmarsch in Prag den Rückhalt der Hardliner in den eigenen Reihen verschafft hat, ja, das stimmt schon. Breschnew wollte der Nato, dem westlichen Verteidigungsbündnis, zeigen, dass man im Notfall auch zuschlagen würde. Nur aus einer Position der Stärke heraus konnte er auf den Westen zugehen.

SPIEGEL: Sah er sich von der Nato bedroht?

Schattenberg: Ja, dass die imperialistischen Kräfte, wie er es nannte, die Sowjetunion überfallen könnten, empfand er als eine reale Gefahr.

SPIEGEL: Warum betrieb er dann eine Annäherung an Bonn und Washington?

Schattenberg: Er wollte den Frieden bewahren, unbedingt. Er hatte während des Krieges als Politkommissar direkt hinter der Front gedient, war verwundet worden und mehrmals nur knapp dem Tod entkommen. Als er 1974 mit US-Präsident Gerald Ford durch Wladiwostok fuhr, ergriff er dessen Hand und sagte: "Was meinem Volk im Zweiten Weltkrieg widerfahren ist, darf sich nie wiederholen."

SPIEGEL: Das erinnert an Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Man sollte ihn fürchten, und man sollte ihn mögen.

Schattenberg: Ja. Breschnew wollte Respekt. Und er wollte Vertrauen aufbauen. Er glaubte, wenn man einander vertraue, ließen sich auf persönlicher Ebene Dinge regeln, die mit den Apparaten nie gelöst werden könnten. Interessanterweise dachte die andere Seite genauso. Auch Brandt schrieb Ende 1969 an Breschnew: Wir müssen Vertrauen aufbauen.

SPIEGEL: Brandt scheint für Breschnew eine besondere Bedeutung gehabt zu haben.

Schattenberg: Breschnew bezeichnet ihn später als seinen "Freund", aus ihrer Korrespondenz lese ich eine große Vertrautheit heraus. Das belegt auch eine im Westen bislang unbekannte Rede, die er am 19. Mai 1972 im Zentralkomitee gehalten hat, wenige Wochen nach dem Misstrauensvotum der CDU/CSU-Opposition gegen Brandt.

SPIEGEL: Das Misstrauensvotum scheiterte ja, weil die Stasi wohl mindestens zwei Abgeordnete der Union bestochen hatte, damit sie nicht gegen Brandt stimmen.

Schattenberg: Das stimmt. Aber laut Breschnew hat auch die CDU/CSU damals zum Mittel der Bestechung gegriffen und Abgeordnete aus Brandts SPD/FDP-Koalition gekauft. Er behauptete, der Preis habe zwischen "500000 und mehreren Millionen westdeutscher Mark" gelegen.

SPIEGEL: Nannte er Namen?

Schattenberg: Er sagte laut Protokoll: "Der Sozialdemokrat Hupka und der Freidemokrat Helms sollen auf diese Weise gekauft worden sein."

SPIEGEL: Beide sind vor der Abstimmung auf die Seite der Brandt-Gegner gewechselt. Bislang ging man allerdings davon aus, dass sie diesen Schritt unternahmen, weil sie gegen die Ostpolitik waren. Helms hat finanzielle Motive stets bestritten. Präsentierte Breschnew Belege für die Bestechungsthese?

Schattenberg: Nein. Es bleibt unklar, woher er das hatte.

SPIEGEL: Sie schreiben es der Tablettensucht Breschnews zu, dass die Entspannungspolitik von 1975 an in die Krise geriet.

Schattenberg: Ihm war es gelungen, die Kalter-Krieg-Logik zu durchbrechen und die brisanten Fragen von Krieg und Frieden auf einer persönlichen Ebene zu verhandeln. Als diese Möglichkeit wegfiel, weil er zu krank war, übernahmen wieder die Apparate und Ministerien - auf beiden Seiten. Die Amerikaner spielten die Dissidenten- und Menschenrechtsfrage hoch. Die Sowjets marschierten in Afghanistan ein.

SPIEGEL: Ab wann war er tablettensüchtig?

Schattenberg: Seine Schlafstörungen begannen in der Stalinzeit, seitdem schluckte er in Stresssituationen Schlaf- und Beruhigungsmittel. 1976 und 1979 bot er im Politbüro sogar seinen Rücktritt an, doch das Angebot wurde abgelehnt. Übrigens auch das eine Spätfolge Stalins: Man fürchtete blutige Nachfolgekämpfe. Dann lieber mit dem kranken Breschnew weitermachen.

SPIEGEL: Westliche Beobachter sehen heute Parallelen zwischen Breschnew und Wladimir Putin. Sie auch?

Schattenberg: Nein. Putins Antiamerikanismus lässt Breschnew vermutlich im Grabe rotieren. In der Sowjetunion gab es immer eine große Faszination für die USA. Man wollte am liebsten das bessere Amerika sein. Auch Breschnew war fasziniert. Er wünschte sich eine Welt, in der Russen und Amerikaner kooperierten.

SPIEGEL: Aber Putin will Russland wieder als Weltmacht etablieren - wie zu Breschnews Zeiten.

Schattenberg: Der vitale, nicht von Tablettensucht gezeichnete Breschnew hätte aber nicht den Weg eingeschlagen, den heute Putin geht. Ich kann allenfalls eine gewisse Ähnlichkeit zur Endphase Breschnews entdecken. Da hatte sich Moskau auch schon abgeschottet und - wie in Afghanistan - die falschen Kriege geführt.

SPIEGEL: Frau Professorin Schattenberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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