Schrift:
Ansicht Home:
Kultur
Ausgabe
14/2018

Interview mit "Bad Banks"-Produzentin

"Das ist toll, aber da musst du Geld mitbringen"

Was kostet es, eine wirklich gute TV-Serie zu produzieren? Und was sind die Hürden? Lisa Blumenberg berichtet von ihren Erfahrungen als Produzentin der Erfolgsserie "Bad Banks".

ZDF/ Ricardo Vaz Palma

Hauptdarstellerin Beer: "Die nehmen uns die besten Köpfe weg"

Von
Mittwoch, 04.04.2018   02:37 Uhr

Blumenberg, 53, ist Produzentin bei Letterbox Filmproduktion. Die viel gelobte Dramaserie "Bad Banks" entstand nach ihrer Idee und lief bei Arte und im ZDF. Derzeit arbeitet sie an einer Fortsetzung.

SPIEGEL: Frau Blumenberg, Sie hatten für Ihre Serie "Bad Banks" ein Budget von rund acht Millionen Euro zur Verfügung. Ist Erfolg käuflich?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 14/2018
Die letzten Tage des Jesus von Nazareth

Blumenberg: Ich weiß, acht Millionen klingen nach viel Geld. So viel ist es dann aber nicht.

SPIEGEL: Ein "Tatort" kostet für 90 Minuten etwa 1,5 Millionen Euro. Sie haben fast so viel für eine einzige Folge mit gut 50 Minuten ausgegeben.

Blumenberg: Die erste Staffel der Netflix-Serie "The Crown" über das englische Königshaus soll über hundert Millionen Euro verschlungen haben, und das waren auch nur zehn Teile. Aber man sieht es der Produktion auch an. Sie ist großartig.

SPIEGEL: Tom Tykwers Serie "Babylon Berlin" kostete rund 40 Millionen Euro. Die ARD konnte sie allein nicht finanzieren. Waren deutsche Serien jahrelang lediglich deshalb so schlecht, weil es am ganz großen Geld fehlte?

Blumenberg: Geld hilft, wie immer. Und es ist wahr: Wenn man heute international mithalten will, braucht man größere Budgets als früher. Aber man braucht auch bessere Ideen.

SPIEGEL: Warum?

Blumenberg: Weil man diese neuen Serien international vermarkten muss, damit man sie überhaupt finanzieren kann. Und das geht nur über Themen, die international verstanden werden.

SPIEGEL: Die Briten haben die Queen, die Amerikaner das Weiße Haus. Das wird auf der ganzen Welt verstanden. Was haben die Deutschen?

Blumenberg: Auf dem internationalen Fernsehmarkt funktionierten jahrelang nur zwei Themen: Nazis und Stasi. Und mit Recht, weil wir eine besondere Geschichte haben. Aber wir müssen auch zeitgenössisch erzählen, wenn wir heute internationalen Erfolg haben wollen. Es wird nie ein deutsches "House of Cards" geben. Na und? Anstatt nach dem zu suchen, was uns fehlt, sollten wir lieber nach dem suchen, was uns ausmacht.

SPIEGEL: Und das ist?

German Select / Getty Images

Produzentin Lisa Blumenberg

Blumenberg: Vielleicht genau das Kleine, das Provinzielle. Ich mag es, wenn man beim Eigenen bleibt. Die Dänen haben es mit der Politikserie "Borgen" doch vorgemacht, wie es geht. Dort ist alles wahnsinnig klein - und wahnsinnig spannend. Ich glaube an lokale Marken, die international funktionieren.

SPIEGEL: "Bad Banks" dreht sich um Frankfurt, um die Bankerszene, es geht um eine neue Finanzkrise. Wie kamen Sie darauf?

Blumenberg: Vor zehn Jahren hat mich die Finanzkrise nachhaltig beeinflusst. Es gab diesen Schlüsselmoment, als Merkel und Steinbrück Seite an Seite vor die Presse gingen und sagten: Macht euch keine Sorgen. Von da an hat mich das interessiert.

SPIEGEL: Wie haben Sie das Geld zusammenbekommen?

Blumenberg: Als ich meine Idee beim ZDF das erste Mal vorgestellt habe, wurde mir gesagt: Das ist toll, aber da musst du Geld mitbringen. Es war klar, dass wir in ein Koproduktionsmodell mit dem Sender gehen würden.

SPIEGEL: Wie viel hat das ZDF beigesteuert?

Blumenberg: Gemeinsam mit Arte mehr als die Hälfte.

SPIEGEL: Es steckt auch eigenes Geld Ihrer Firma in dem Projekt. Ist das Risiko hoch?

Blumenberg: Man geht weitaus stärker in Vorleistung. Kreativ und finanziell. Man braucht ein großes Team, um eine so aufwendig zu finanzierende Produktion auf die Beine zu stellen. Ich mache das ja nicht allein. Aber die unternehmerische und künstlerische Freiheit ist auch ungleich größer als beim klassischen, voll finanzierten Formatfernsehen.

SPIEGEL: Werden die Fernsehproduzenten mächtiger?

Blumenberg: Es geht nicht um Macht, sondern um Qualität, die im Team entsteht. Wir sind aber nicht mehr so abhängig von dem einen Auftraggeber. Wir suchen uns unsere Partner, und da sind die klassischen Fernsehsender nur eine Möglichkeit. Aber sie profitieren auch. Sie müssen weniger Geld in die Hand nehmen und bekommen dafür ein hochpreisiges Qualitätsprodukt, das zum Teil doppelt so viel wert ist.

SPIEGEL: Streamingdienste wie Netflix und Amazon machen dem klassischen Fernsehen mit enorm teuren Produktionen Konkurrenz. Stärkt das Ihre Position als Produzentin?

Blumenberg: Ja, durchaus. Die Streamingdienste, aber auch die Pay-TV-Anbieter, mischen jetzt im Kampf um die kreativsten Leute der Fernsehszene mit. Und die Sender registrieren: Wenn wir nicht aufpassen, nehmen die uns die besten Köpfe weg.

SPIEGEL: Was macht gutes Fernsehen so teuer? Wo sind etwa bei "Bad Banks" die acht Millionen Euro geblieben?

Blumenberg: Man sieht es vor allem in der Ausstattung. Nehmen wir etwa den großen Handelsraum der Bank. Wir haben dieses Motiv komplett ausgestaltet, mit 150 Arbeitsplätzen mit jeweils fünf Monitoren und einem eigenen Netzwerk, damit die Monitore mit etwas Sinnvollem bespielt werden konnten. Und dann kommen noch 120 Komparsen dazu. Das ist ein großer Faktor.

SPIEGEL: Braucht man das?

Blumenberg: Das sieht man, und das braucht man auch. Man kann nicht behaupten, die Szene spielt in einer großen deutschen Universalbank, und dann sind da 20 Leute. Für die Komparsen im Handelsraum beispielsweise haben wir ein Casting mit 1000 Leuten gemacht, und wir haben uns bemüht, Darsteller mit Bank- oder Wirtschaftshintergrund zu finden. Wir haben im Vorfeld des Drehs das ganze Motiv in einer Halle aufgebaut und die Komparsen dort unter Anleitung eines ehemaligen Investmentbankers trainiert. Und der Zuschauer spürt in einer solchen Szene, dass alles stimmt. Wir haben auch sonst einen ziemlichen Aufwand beim Casting betrieben.

SPIEGEL: Inwiefern?

Blumenberg: Wir haben nicht einfach mit unserer Castingdirektorin zusammengehockt und darüber nachgedacht, wer uns zu Rolle A oder Rolle B einfällt. Es war eher ein langsames Vortasten. Regisseur Christian Schwochow betreibt das Casting mit Leidenschaft und Akribie. Erst haben wir die Hauptrolle besetzt, und als die gefunden war, die Figuren drum herum und so weiter. Und alle kamen vor die Kamera von Christian. Es hat allein Wochen gedauert, bis wir mit Paula Beer unsere perfekte Hauptdarstellerin gefunden hatten. Das kostet alles Geld und Zeit.

SPIEGEL: Wie lange haben Sie dafür gebraucht, den Stoff zu entwickeln?

Blumenberg: Von der ersten Idee zum Drehbeginn vergingen vier Jahre. Es ein rechercheintensives Sujet. Allein ein Jahr habe ich mit Headautor Oliver Kienle, der die Story kreiert hat, mit Unterstützung von Experten an der Entwicklung des ersten Buches gearbeitet. Es hat Monate gedauert, aus der Grundidee, dass alles auf eine neue Finanzkrise hinauslaufen soll, einen sinnvollen Finanzplot zu kreieren, der wirklich stimmt, den man sich vorstellen kann.

SPIEGEL: Sie haben die Skyline von Frankfurt digital manipuliert, sie ziemlich aufgemotzt.

Blumenberg: Also, wir haben unsere fiktive Bank in die Skyline montiert. Auch das macht man ja nicht mal so nebenbei am Laptop. Da wurde ein Architekt mit Entwürfen beauftragt. Auch das Leipziger Stadtmodell hat ein Stadtplaner eigens für uns entwickelt. Jede einzelne Formel, die irgendwo vorkommt, ist recherchiert. Nichts ist bloß ausgedacht. Alles muss stimmen und echt sein. Es gibt eine Szene, da steigt eine reiche arabische Familie im Hintergrund aus dem Flugzeug. Da haben wir auch recherchiert, wer ist in der Regel dabei, in welcher Reihenfolge wird gegangen? Wir haben monatelang mit Bankern gesprochen, offiziell und geheim, und das ist alles eingeflossen, bis in die Sätze, die die Figuren sagen.

SPIEGEL: Ihr liebstes Detail?

Blumenberg: Christian Schwochow kam von einer Londoner Recherchereise mit der Geschichte zurück, dass im Handelsraum einer dortigen Bank regelmäßig der Kammerjäger kommt und dass sie ein Mäuseproblem haben. Und dann haben wir das in Frankfurt gegengecheckt, und, ja, da war es auch so. Da wird schließlich den ganzen Tag gearbeitet und am Arbeitsplatz gegessen, und das ist natürlich ein Fest für Mäuse. Und das Detail haben wir natürlich eingebaut.

SPIEGEL: Ist diese Detailversessenheit ein Grund für den Erfolg von "Bad Banks"?

Blumenberg: Die großen Serien, die wir lieben, die leben doch alle davon, dass man als Zuschauer in andere Welten eintaucht und dass sie aus der Binnenperspektive erzählt werden. Und da muss eben alles stimmen. Es ist doch langweiliges Fernsehen, sich ein Thema und ein Vorurteil zu nehmen und das anhand einer Geschichte zu bestätigen. Ob es nun die Banker in "Bad Banks" sind, das Weiße Haus in "House of Cards" oder die Antiterrorabteilung in "24". Die Menschen, die dort leben, sind weit weg von uns, und zugleich haben sie sehr viel mit uns zu tun.

SPIEGEL: Sie arbeiten bereits an der zweiten Staffel?

Blumenberg: Wir sind in der Entwicklung der Bücher. Wir sind in der Finanzierung. Der große Erfolg hat dem Ganzen natürlich einen enormen Schub gegeben. Es ist eine große Chance, eine Marke nachhaltig zu etablieren. Auch international.

SPIEGEL: Ist die zweite Staffel leichter oder schwerer?

Blumenberg: Schwerer. Die Fallhöhe ist eine andere, die Aufmerksamkeit auch. Und wir müssen das Setting weiterführen, aber auf andere Weise. Man kann ja nicht jedes Mal eine Finanzkrise erzählen. Im Winter fangen wir an zu drehen. Und Ende nächsten Jahres soll die zweite Staffel dann zu sehen sein.

Artikel

© DER SPIEGEL 14/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP