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Panorama
Ausgabe
6/2018

Lüneburg

Ein Unglück - und ein Gerücht

Die zwölfjährige Maram fällt in Lüneburg aus dem Fenster ihres Klassenzimmers, drei Stockwerke tief. Auf das Unglück folgt der Rufmord: Plötzlich gilt das Mädchen als eine IS-Sympathisantin.

Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Patientin Maram im Krankenhaus, einen Monat nach dem Sturz

Von
Mittwoch, 07.02.2018   10:23 Uhr

Es ist ein Dienstag im Herbst, vier Wochen sind vergangen, seit sie aus dem Fenster ihres Klassenzimmers stürzte, aus dem dritten Stock, zwölf Meter tief, auf harten Stein. Sie könnte tot sein, doch gestern wurde sie 13 Jahre alt.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 6/2018
Teurer Traum
Kaufen oder mieten? Was wo schlau ist

Sie sitzt in einem Rollstuhl in der Eingangshalle des Krankenhauses in Hamburg-Bergedorf unter vielen Lagen medizinischen Tuchs, unter einer Haube und mit blauen Plastikhandschuhen, Maram Mustafa, ein Kind mit langen, glatten Haaren und großen, kaffeebraunen Augen. 14 Brüche hat sie in den Beinen, ihre Leber war verrutscht, sie hatte Risse in beiden Nieren, die Wirbelsäule ist verletzt und ihre rechte Hand. "Guck, da ist jetzt überall Metall drin", sagt sie und zeigt auf ihre Beine. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, ob sie je wieder wird laufen können. Doch ihr Blick ist stolz. Sie lebt.

Lüneburger "Landeszeitung" vom 23. August 2017: "Drama um ein Flüchtlingskind: 12-Jährige stürzt sich aus Fenster". So lautete am Tag nach dem Sturz die erste Schlagzeile zu Marams Fall, und viele weitere sollten folgen. Während die Ärzte Maram zusammensetzten, während sie im Koma lag, mutmaßte Lüneburg und bald auch der Rest des Landes, wer dieses Mädchen aus Aleppo ist. Wollte sie als "'Kriegerin' nach Syrien", wie die "Welt" vermutete? Hatte sie "Kontakt zur Islamistenszene?", wie az-online.de glaubte? Sprang sie "wegen Radikalisierung?" aus dem Fenster, wie die "Mopo" fragte? Der Bürgermeister Lüneburgs veröffentlichte eine Pressemitteilung, der Staatsschutz ermittelte bundesweit, der Mob im Netz schrieb Hasskommentare. So wurde aus einem Mädchen, dem ein großes Unglück widerfahren war, eine böse Medienfigur: eine zwölfjährige Schülerin, die als IS-Kämpferin nach Syrien ziehen will.

Wenn man mit Maram spricht, spürt man die Wut, die sich in ihr aufgestaut hat, sie spricht schnell und laut. Sie will erklären, wer sie ist. Und wer sie nicht ist; vor allem das. Alle redeten über sie, sagt sie. "Nur mit mir hat keiner geredet." Die Polizei nicht, die Schule nicht, niemand hat Maram selbst gefragt, warum sie auf den Fenstersims kletterte und fiel.

Am Vormittag des 22. August, um 11.46 Uhr, gehen in der Leitstelle der Lüneburger Polizei und des Rettungsdienstes drei Notrufe ein, einer von Marams Lehrerin aus dem Klassenraum, einer vom Schulleiter, ein weiterer von der Pausenaufsicht. Zwei Beamte eilen zur Oberschule am Wasserturm, einem schmucken, sorbetgelben Bau aus dem 19. Jahrhundert, drei Stockwerke, hohe Flügelfenster zum Hof.

Der Krankenwagen ist bereits da, als die Polizisten eintreffen, die Sanitäter versorgen Maram, die schwer verletzt auf dem Schulhof liegt, während der Rettungshubschrauber versucht, auf einem nahe gelegen Platz im Zentrum zu landen, direkt vor den Fenstern der Lüneburger "Landeszeitung". Die Redaktion ist keine 300 Meter von der Schule entfernt. Es dauert nicht lange, und ein Lokalreporter ist unterwegs.

Einige Monate später schiebt Carlo Eggeling sein schwarzes Fahrrad durch die Lüneburger Fußgängerzone in Richtung Redaktion, seit 27 Jahren schreibt er über das Leben in der kleinen Stadt, berichtet über Unfälle, fährt los, wenn es Feuer gibt, schreibt über Tötungsdelikte und Obdachlose, ein netter Typ mit dunkel gerahmter Brille, Cordsakko und einem silbernen Ring im rechten Ohrläppchen.

Als er an jenem Tag etwa 20 Minuten nach dem Unfall die Schule erreicht, ist Maram gerade abtransportiert worden, so erzählt er es. Sanitäter bringen das Mädchen in das nächste Krankenhaus, von wo aus sie nach Hamburg-Bergedorf geflogen wird, in eine Unfallklinik. Die Türen der Schule sind zu. Eggeling findet nur eine Blutlache am Boden des Schulhofs vor.

Er wählt mehrere Telefonnummern. "Ich kenne da ein paar Leute", sagt er. Diese Leute, Lehrer vermutlich, erzählen ihm Dinge, die aus der bloßen Unfallgeschichte etwas Größeres machen, eine echte Story: dass das Mädchen aus Syrien stamme, dass es Probleme in der Schule gehabt habe, dass es zu einer Vertrauenslehrerin gesagt habe, es wolle bald ein Kopftuch tragen und in den Krieg nach Syrien ziehen.

Ähnliches notieren sich auch die Polizeibeamten, die dabei sind, die Lehrer zu befragen. So bekommt die Gerüchtekette ihre ersten Glieder. Der Kriminaldirektor der Polizei spricht später von einem "Stille-Post-Effekt", der in diesen Minuten seinen Anfang nimmt. Es beginnt ein Kreislauf des Hörensagens, in dem Begriffe fallen wie "Syrien", "Kopftuch", "Kämpferin" und "Islam" - Reizworte, die sich im deutschen Angstklima, vor dem Hintergrund von Flüchtlingsdebatte und Terrorfurcht, unheilvoll verbinden.

Carlo Eggeling, der Lokalreporter, sitzt noch am selben Tag an seinem Redaktionsschreibtisch und tippt seinen Artikel über Maram. Er schreibt: "Es gab schon vorher den Verdacht, dass sich das Mädchen radikalisieren könnte, heißt es. Der Teenager soll Kontakte zu islamistischen Kreisen in Hamburg haben." Am nächsten Morgen liegt die Ausgabe am Kiosk.

In ihrem hellblau gemusterten Nachthemd sitzt Maram vier Wochen später im Rollstuhl und sagt: "Ich bin nicht gesprungen, ich bin gefallen." Und sie kenne noch nicht mal den genauen Namen dieser Truppe, mit der sie etwas zu tun haben soll. "Wie heißen die noch mal? Hisbollah?", fragt sie und schaut zu ihrer Mutter Muna hoch, einer kleinen Frau in Röhrenjeans, mit festem Blick und toupierten Haaren. Ihre Mutter sagt: "Daisch", die arabische Bezeichnung für den "Islamischen Staat".

Maram schiebt die Frage, warum sie die Öffentlichkeit zur Terroristin machte, immer wieder in ihrem Kopf herum. Sie glaubt, es habe auch damit zu tun, dass sie einmal im Unterricht die Flagge der Freien Syrischen Armee auf einen Zettel malte, einer Rebellenkoalition, die gegen Machthaber Assad kämpft. Alle Schüler sollten etwas Persönliches malen, sagt sie, manche malten Deutschlandfahnen. Sie habe auf Arabisch "Allahu akbar" unter ihr Bild geschrieben, sagt Maram, nichts Außergewöhnliches für eine Muslima. "Was heißt das? Warum schreibst du so was?", habe ihre Klassenlehrerin gefragt. "Gott ist groß", habe sie gesagt. Die Lehrerin habe Maram komisch angesehen und sei weggegangen.

Ein anderes Mal habe es einen Konflikt gegeben, weil Maram sich weigerte, sich für das Klassenfoto fotografieren zu lassen. "Vielleicht trage ich ab nächster Woche Kopftuch", habe sie gesagt, "ich kann jetzt nicht mit aufs Foto, sonst haben ja alle ein Bild von meinen Haaren." Ihre ältere Schwester Hanan kam ab ihrem 14. Geburtstag verschleiert zur Schule. "Ich war so neidisch auf sie", sagt Maram. Sie wollte wie die großen Mädchen sein, das Kopftuch ist für sie ein Zeichen von Reife.

"Ich habe Angst vor der Zeit nach dem Krankenhaus. Dass ich nach Lüneburg komme und alle glauben, was über mich gesagt worden ist", sagt das Kind.

Schülerin Maram, Schwester Sara: "Wie heißen die noch mal? Hisbollah?"

Der Tag, an dem sich das Leben der Familie Mustafa in Deutschland drehte, begann wie jeder andere, es war der 22. August vergangenen Jahres. Nach dem Morgenkaffee weckten die Eltern ihre vier Mädchen, sieben Töchter haben sie, die ältesten drei sind schon verheiratet und aus dem Haus.

Die Schwestern, 7, 10 und 14 Jahre alt, gingen ins Bad, um sich schulfertig zu machen. Nur Maram, die 12-Jährige, für die die siebte Klasse begonnen hatte, kam in Schlafsachen die Treppe runter und sagte: "Ich will nicht in die Schule." Schon in den Sommerferien hatte das angefangen. Maram erzählte in dieser Zeit öfter, sie habe Probleme mit ihrer Klassenlehrerin.

Familie Mustafa ist seit fünf Jahren in Deutschland, Maram war sieben Jahre alt, als der Krieg kam und sie zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern ihre Heimatstadt Aleppo verließ. Die Mustafas ließen ihr Haus zurück, den Supermarkt, von dessen Einkünften sie ein gutes Leben hatten, die Freunde, die Verwandten. 2013, nachdem sie fast ein Jahr lang unterwegs gewesen waren, erreichten sie Berlin.

Die Behörde registrierte die Familie und schickte sie nach Lüneburg. Sie waren jetzt Geduldete in einem fremden Land.

Die ersten Jahre lebten die Mustafas in einer Flüchtlingsunterkunft, einer ehemaligen Kaserne, es gab wenig zu tun. Doch Maram sei schnell angekommen in diesem neuen Leben, so erzählt es Muna, die Mutter. Sie habe rasch Deutsch gelernt, habe Freunde gefunden, sei gern zur Kindertafel gegangen, einem sozialen Projekt, das Kindern ein Mittagessen anbietet, eine Spielgruppe, Darts, Kicker, Hausaufgabenhilfe. Man nennt das: Integration.

Maram sei allerdings schon damals ein bisschen anders gewesen als die anderen Mädchen. Sie spielte lieber mit Jungen, kickte Bälle, tobte, schlug auch mal. "Sie ist eben sehr aktiv", sagt die Mutter, "manchmal ein bisschen zu doll."

Am Morgen des 22. August fragten die Eltern ihre Tochter: "Warum willst du nicht in die Schule?"

Sie könne nicht hingehen, weil sie Ärger habe mit der Lehrerin, "die macht so viel Druck". Vermutlich wusste Maram da schon, dass sie vom Unterricht ausgeschlossen werden sollte, als Strafmaßnahme. Den Eltern hatte sie davon nichts erzählt.

"So geht das aber nicht in Deutschland", habe der Vater gesagt. Sie müsse zur Schule gehen, das sei Gesetz. Maram stampfte die Treppe hoch, zog sich an. Dann verschwand sie ohne Abschied, sie nahm den Bus zur Schule, um 7.32 Uhr.

Seit Marams Sturz lernt Familie Mustafa Deutschland im Zeitraffer kennen. Seine Behörden, die Polizei, sein Gesundheitssystem, seine Medien, sein Rechtssystem. Seine Fürsorge, aber auch seine Vorurteile.

Da sind Menschen, die ihnen helfen wollen. Menschen, die ihnen Ratschläge erteilen. Menschen, die die Mustafas nicht verstehen und die umgekehrt auch für die Mustafas ein Rätsel sind.

Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Mutter Muna Mustafa in Lüneburg: Alleingelassen

Vor ein paar Tagen zum Beispiel saß eine Mitarbeiterin vom Jugendamt bei Marams Eltern im Wohnzimmer und legte ihre Schablonen über Marams Fall. Das erzählt die Mutter, während sie vor dem Krankenhaus eine Zigarette raucht. Die Frau habe darüber reden wollen, wie es mit Maram weitergehen solle, sagt Muna, sie habe von Marams "Traumatisierung" gesprochen. "Was ist das bei den Deutschen mit dieser Traumatisierung?", fragt sie, "Maram ist nicht traumatisiert", sagt die Mutter, "das ist nicht ihr Problem. Maram ist hyperaktiv." Nur weil sie aus Syrien komme, heiße das nicht, dass sie psychisch gestört sei. "Wir sind ganz gewöhnliche Menschen."

Doch wahr ist auch: Marams Verhalten an jenem Morgen im August ist schwer zu begreifen, und Probleme in der Schule hatte sie schon länger.

Sie habe oft Ärger, sagt Maram, "weil ich nerve im Unterricht", "weil ich störe". Manchmal fühle sie sich ungerecht behandelt, und dann rede sie dagegen an. Besonders bei ihrer Klassenlehrerin. "Die macht mich verrückt, die hasst mich", sagt Maram, "die denkt, ich bin nicht normal."

Das Verhältnis zu ihrer Klassenlehrerin beschreibt sie so, wie 13-Jährige eben über ihre Lehrer reden. Da ist viel Drama in ihren Erzählungen, viel Emotion, vielleicht ein bisschen Fantasie. Da die Lehrerin wie auch die Schulleitung sich zu dem Fall nicht äußern wollen, ist es schwer zu beurteilen, was wirklich vorgefallen ist. Wie viel von dem, was Maram als ungerecht empfand, auch wirklich ungerecht war. Maram war eine auffällige Schülerin, so viel scheint sicher. Es muss herausfordernd gewesen sein, anständigen Unterricht zu machen und gleichzeitig mit einem Kind wie Maram umzugehen.

In der sechsten Klasse gab es ihretwegen eine Klassenkonferenz, eine Disziplinarmaßnahme. Maram hatte zu oft den Unterricht gestört und nachsitzen müssen, im "Trainingsraum" der Schule. "Siebenmal Trainingsraum bedeutet Klassenkonferenz", sagt Maram. Dort wurde vereinbart, dass sie vom Unterricht ausgeschlossen wird, wenn sie ihr Verhalten nicht ändert.

Eine Woche vor dem Sturz habe sie aber wieder im Trainingsraum gesessen, erzählt Maram. Sie habe im Unterricht geredet. Kurz darauf fiel in einem Gespräch mit der Vertrauenslehrerin jener Satz, der Maram später einholen sollte: Sie sagte, sie habe manchmal Heimweh nach Syrien. Und auch, dass sie kämpfen wolle. Sie meinte: gegen Assad, für den Frieden. Nicht für den IS. Nur hat das niemand verstanden.

Deutschland ist nervös. Man liest von Islamisten, von Schläferzellen, von verführbaren muslimischen Jugendlichen und gewaltbereiten Rückkehrern. Und immer, wenn wirklich etwas passiert in Deutschland oder in Europa, ein Anschlag oder ein Attentat, heißt es, dass man die "Zeichen hätte erkennen können". Dass die späteren Täter "schon lange auffällig" waren, dass die "Behörden versagten". So wird ein muslimisches Kind, das "Allahu akbar" schreibt und Kopftuch tragen will, für viele zur potenziellen Bedrohung. Die Grenze zwischen Vorsicht und Vorurteil verschwimmt.

Maram erinnert sich, dass es zur Pause klingelte an jenem Vormittag und die Lehrerin sagte: "Maram, wir gehen zum Schulleiter." Dort habe sie sich Marams Schulverweis bestätigen lassen.

Gemeinsam gingen sie zurück in die Klasse, so erinnert sich Maram. Sie sollte ihre Sachen packen, während die Lehrerin versucht habe, Marams Vater zu erreichen, damit er sie abholt. Er ging nicht ans Telefon. Also sollte Maram sich vor das Direktorenzimmer setzen und eine Strafarbeit schreiben, bis die Schule ihren Vater erreicht hätte.

Maram sagt, sie habe diese Ungerechtigkeit nicht aushalten können. "Stell dir vor, ich fliege von der Schule und soll auch noch abschreiben! Das ist doppelte Strafe. Zu viel. Ich wollte einfach nach Hause."

"Du gehst jetzt abschreiben", habe die Lehrerin gesagt. Sie hätten sich hin und her gestritten. Und dann kam der Moment, in dem bei Maram im Kopf etwas verrutscht sein muss. Sie habe auf dem Fensterbrett gesessen, am hintersten Fenster, dort, wo auch ihr Pult stand, und habe gesagt, dass sie springen werde, wenn die Lehrerin sie nicht gehen lasse. So zumindest ist es in ihrer Erinnerung.

"Ich wollte nicht springen, ich wollte ihr drohen, ich wollte ihr Angst machen, damit sie mich rauslässt", sagt Maram. Die Lehrerin habe nicht versucht, sie abzuhalten, sie habe immer weiter geschimpft. Dann sei ihr schwindelig geworden, sagt Maram. Sie sah nach unten und stürzte.

In der Aussage der Lehrerin gegenüber der Polizei klingt es anders: Maram sei, nachdem sie von der Suspendierung erfahren habe, ohne etwas zu sagen, aus dem Fenster geklettert und gesprungen. Sie selbst habe währenddessen am Pult gesessen und telefoniert.

Carlo Eggeling, der Lokalreporter, sagt, es habe ihn selbst überrascht, wie groß die ganze Geschichte dann geworden sei. "Wir hatten die ja als Einzige. Großer Bericht, Seite drei, unsere Topseite", sagt er. "Darauf stiegen dann alle anderen mit ein."

Schon am nächsten Tag war bundesweit über Maram zu lesen. "Hatte die Zwölfjährige Kontakte zu Islamisten?", "Sie wollte als Kriegerin nach Syrien - dann sprang sie", "Radikalisierte Zwölfjährige springt aus Klassenzimmer", so lauteten die Überschriften der regionalen und überregionalen Nachrichtenseiten.

Die Kommentarspalten füllten sich schnell: "Wenn die Wurzeln dieser gewaltbereiten asozialen 'Religion' bereits bis in unsere Schulen reichen, muss dieser Gefahr sofort mit allen geeigneten Mitteln begegnet werden. Nur noch Taten zählen!", schrieb ein User unter einen Artikel in der "Welt". "Da kann es doch nur eins geben: die ganze Familie zurück nach Syrien", schrieb eine andere. "In solchen Fällen sollten sämtliche Kosten für die Genesung von der Familie getragen werden und nicht die Allgemeinheit belasten", schrieb jemand namens Waldemar H. Und auch Sätze wie die folgenden sind im Internet über Maram zu lesen: "Und? Was juckt mich ein Kopftuchmädchen? Eine Gebärmaschine in der Geburtenfabrik Dschihad weniger wäre nicht verkehrt gewesen."

Eggeling ist es gewohnt, direktes Lob für seine Artikel zu bekommen, genauso wie direkte Kritik, so ist das als Lokalreporter in einer kleinen Stadt. "Da kannst du keine Scheiße schreiben", sagt er. Am Tag der Veröffentlichung, gleich vormittags, bekommt Eggeling die ersten Anrufe: "Carlo, pass auf, hier zieht gerade eine Demo durch die Stadt. Sehr laut."

Es ist Marams Vater, der trauernd und aufgebracht durch die Straßen läuft, mit etwa 30 Bekannten und Verwandten ist er auf dem Weg zu Eggelings Redaktion, später zieht er noch vor die Schule.

Es gibt ein Video davon, wie Adnan Mustafa ein Pappschild in die Luft hält, darauf steht mit schwarzem Filzstift geschrieben: "Mein Kind hat mit IS-Terror nichts zu tun". In der anderen Hand hält er ein Bild von Maram, die zu dieser Zeit im Koma liegt. Er zeigt darauf und schreit: "Das ist meine Tochter! Ohne Schleier! Und sie weiß vom Koran kein einziges Wort! Sie ist ein modernes Mädchen! Und schön!"

Video-Sceenshot: Landeszeitung für die Lüneburger Heide

Protestierender Vater Adnan Mustafa: "Modernes Mädchen"

Eggeling geht runter auf die Straße, um mit Adnan Mustafa zu reden. Er sagt, er habe versucht, dem Vater zu erklären, dass er von Terror oder IS ja gar nichts geschrieben habe. Dass er nur den Satz wiedergegeben habe, den Maram ihrer Lehrerin gegenüber geäußert habe.

Richtig ist aber auch, dass im Artikel von "radikalisieren" und von "Kontakten in die Islamistenszene" die Rede war, Formulierungen, die sich rasch verbreiten.

Auch bei der Polizei entwickelt das Gerücht eine eigene Dynamik: Der Staatsschutz wird umgehend eingeschaltet. Die Anfrage, ob eine Radikalisierung Marams und ihrer Angehörigen vorliege, wird an alle Landeskriminalämter, Landesverfassungsschutzbehörden, an das Bundeskriminalamt und den Bundesnachrichtendienst übermittelt. Das Kind Maram und seine Familie sind jetzt Verdächtige.

Kripochef Steffen Grimme sitzt in seinem Büro in der Polizeidirektion Lüneburg, orangefarbene Krawatte, blaues Hemd, ruhige Stimme, er sagt: Man müsse erst mal verstehen, in was für einem Klima dies alles vorgefallen sei. Etwa zur selben Zeit, als Maram auf dem Schulhof lag, diskutierte ein Untersuchungsausschuss des Landtags wegen eines anderen Falls, bei dem ein Mädchen tatsächlich radikalisiert gewesen sei: Safia S., eine 15-jährige Gymnasiastin, hatte im Februar 2016 einen Polizeibeamten mit einem Messer angegriffen. S. bekannte sich zum IS.

"Wir wussten also, dass diese Dinge nicht aus der Welt der Fabeln stammen", sagt Grimme. Alle seien bei dem Thema sensibilisiert, und so habe die Information, dass sich ein angeblich radikalisiertes Kind aus dem Fenster gestürzt habe, "zu einer sehr hohen Prioritätensetzung geführt". Grimme spricht von einem "Reflex".

Marams Vater wird kurz nach der von ihm organisierten Kundgebung zum klärenden Gespräch in die Landesschulbehörde eingeladen. Die Schulleitung ist dabei, Juristen sind da, Polizei und Staatsschutz.

Man kann nur erahnen, wie beeindruckend so eine Zusammenkunft für einen Mann wie Adnan Mustafa sein muss, einen Vater von vier schulpflichtigen Kindern, einen Mann, der um die Abschiebung der Familie bangt. Die Mustafas sind in Deutschland nur geduldet. Weil sie auf ihrer Flucht in Bulgarien registriert wurden, könnten sie dorthin abgeschoben werden.

Seit diesem Gespräch jedenfalls, sagt Muna, seine Frau, erkenne sie ihren Mann nicht wieder. Er will seither plötzlich keine Anzeige mehr erstatten, keinen Anwalt engagieren, keine Interviews geben, am besten gar nicht mehr über die Sache reden. Muna glaubt, er habe Angst.

Vor Kurzem hat Maram ihm eine SMS aus dem Krankenhaus geschrieben: "Papa, warum kämpfst du nicht für mich?" Er antwortete: "Weil ich die Zukunft kenne. Sei nicht traurig, dass es keinen Anwalt gibt. Glaube mir, das ist besser für dich."

Adnan Mustafa soll sich sogar beim Schulleiter entschuldigt haben, mit einem Blumenstrauß, weil er zunächst der Schule und der Lehrerin die Schuld für den Sturz gegeben hat. Muna ist dieses Verhalten ihres Mannes fremd.

Am Tag nach dem Besuch im Krankenhaus sitzt sie bei einem Anwalt, ohne ihren Mann. Muna sagt: "Dann muss ich es eben alleine machen." Sie wolle Gerechtigkeit für ihre Tochter. Nur, was für eine Gerechtigkeit könnte das sein?

Aus der Sicht von Polizei und Staatsanwaltschaft trägt zu diesem Zeitpunkt niemand die Schuld an Marams Unglück, außer Maram selbst. Der Vorgang liegt bereits bei den Akten. Es gebe keinerlei Hinweise für ein Fehlverhalten seitens der Schule. Maram sei weder gestoßen noch gedrängt worden, sagt die Polizei. Auch eine Verletzung der Aufsichtspflicht sei nicht zu erkennen gewesen. Zudem fand der Staatsschutz "keinerlei Hinweise auf eine Radikalisierung des Kindes Maram oder von Angehörigen ihrer Familie", heißt es bei der Polizei.

Muna und Maram fühlen sich alleingelassen. Muna Mustafa sagt: "Vielleicht wird meine Tochter nie wieder normal laufen können. Wen soll ich dafür verantwortlich machen? Ich kann nicht mein Kind verantwortlich machen. Mein Kind ist zum Zeitpunkt des Sturzes zwölf Jahre alt gewesen. Warum darf die Lehrerin einfach weiterarbeiten? Warum konnte meine Tochter überhaupt das Fenster öffnen?"

Es komme ihr vor, als hätte sie "mehr als nur einen riesigen Verlust", sagt sie. "Erstens ist mein Kind behindert und zweitens: Lüneburg ist eine kleine Stadt, ich habe das Gefühl, die Menschen starren mich an. Ich bin jetzt die Mutter der Terroristin. Und mein Mann ist auch nicht mehr der, der er war." Marams Sturz hat die ganze Familie ins Wanken gebracht, hat ein Ehepaar einander entfremdet.

Carlo Eggeling sagt, seine Zeitung habe, als deutlich wurde, dass an den Gerüchten nichts dran war, die Sache klargestellt, in kleinerem Ausmaß zwar, aber immerhin. Nur: Wen interessiert das dann noch?

Die Zeitung hat die Kommentarfunktion im Internet abgestellt, wegen all des Hasses, der sich auf Maram entlud. Zugleich gab es Stimmen, die versuchten, Maram zu verteidigen, auf Facebook, in arabischen Medien. Da hieß es dann schnell und genauso frei von Fakten, die Lehrerin müsse ausländerfeindlich gewesen sein und sei schuld an Marams Sturz. Da helfen dann auch ein paar richtigstellende Zeilen im Lokalteil der Lüneburger "Landeszeitung" nicht mehr.

Hätte man Maram schützen müssen? Hätte man diesen Satz, den sie im Vertrauen einer Beratungslehrerin gesagt hat, dass sie zurück nach Syrien wolle, um zu kämpfen, aus der Berichterstattung raushalten müssen? Eggeling findet das nicht. "Der Satz ist ja so gefallen, und dann kann man ihn auch schreiben, weil man ihn braucht, um die Geschichte zu erklären."

Der Rechtsanwalt der Familie hat vor ein paar Wochen Strafanzeige gegen die Lehrerin gestellt, wegen "Körperverletzung durch Unterlassen". Für Polizei und Staatsanwaltschaft in Lüneburg sei das überraschend gekommen, sagt Steffen Grimme, der Kripochef. "Es gab ja bereits ein Prüfverfahren." Allerdings ein Prüfverfahren ohne Maram. Die Staatsanwaltschaft klärt, ob es ein Ermittlungsverfahren geben wird.

amila Grossman / DER SPIEGEL

Teenager Maram: "Kann ich dann nicht einfach wieder laufen?"

An einem Nachmittag im Herbst fährt Maram im Rollstuhl durch die Gänge des Krankenhauses, selbstständig. Sie übt, sie soll jetzt lernen, sich sicher im Rollstuhl zu bewegen. Wie sie ihn kippen muss, um über den Kantstein zu kommen, in den Bus, im Alltag, der wieder kommt, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wird. "Aber kann ich dann nicht einfach wieder laufen?", fragt sie die Physiotherapeutin.

"Es kann sein, dass du für manche Strecken den Rollstuhl brauchen wirst", sagt die Therapeutin. "Und zum Laufen brauch ich dann diese Dinger", sagt Maram. "Die Krücken?", fragt die Therapeutin. "Ja", sagt Maram.

Dann erzählt sie, dass sie bald mit der Schwimmtherapie beginnen kann. Dass es in der Reha sogar ein Therapiepferd gebe, es heiße Hansi. Als Maram von Hansi erzählt, als sie überlegt, wie sie auf das Pferd raufkommen soll mit ihren verschraubten Beinen, hört sie sich für einen kurzen Moment an wie ein Kind, wie ein ganz normales 13 Jahre altes Mädchen.

Im Video: Gerücht vs. Recherche - SPIEGEL-Redakteurin Dialika Neufeld erklärt, warum der Fall Maram im Grunde zwei Geschichten enthält

Foto: DER SPIEGEL

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