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Panorama
Ausgabe
48/2017

Körpersprache

Warum ich jetzt nachts die Straßenseite wechsle, wenn eine Frau vor mir geht

Als einmal Studenten gesucht wurden, die Studentinnen nachts von der Tram-Station bis ins Wohnheim begleiteten, fand ich das absurd. Heute denke ich anders darüber.

Thilo Rothacker/ DER SPIEGEL
Von
Mittwoch, 29.11.2017   02:07 Uhr

Sie kam immer zu spät, wenn sie mich besuchte, was komisch war, weil sie ja eigentlich nur zehn Fahrradminuten von mir entfernt wohnte. Sie schrieb: "Ich fahr jetzt los", und dann dauerte es und dauerte es. Gut, das ist ihre Art, dachte ich am Anfang, aber als ich sie besser kannte, fiel mir auf, dass es eben gar nicht ihre Art ist.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Aber ich blieb im Ungewissen, bis ich einmal mit ihr zusammen fuhr, von ihrem Haus zu meinem Haus, abends. Und als sie dann auf einmal abbog, nicht mehr auf dem Radweg am Fluss entlang fuhr, der so schön von Bäumen gesäumt ist, sondern den Weg durch die Innenstadt nahm, der viel länger war.

Ich widersprach, erklärte, dass der Flussweg viel kürzer sei, lachte fast über die Tatsache, dass sie ja jetzt schon über Wochen den völlig falschen Weg fuhr, als sie stehen blieb, an einer Ampel, sich umdrehte und sagte: "Ich habe Angst, deswegen fahre ich hier."

Vorsicht, dies hier ist einer dieser "grassierenden journalistischen Bekenntnistexte von Männern", die "mit größter Umständlichkeit über ihre kleinen, peinlichen Verfehlungen räsonieren". So zumindest stand es kürzlich in einem genervten Leitartikel der "Zeit".

Laut dem Autor erweise ich dem Kampf gegen Sexismus ohnehin einen Bärendienst, wenn ich mich selbst analysiere und dabei auch Dinge betrachte, die ich bisher für Kleinigkeiten hielt: "Der reuige Delinquent signalisiert ja: Schau an, ich kann dich zartes Wesen mit einem kleinen Spruch traumatisieren, ich bin so unfassbar mächtig. Wer die Maßstäbe für Verfehlungen und Verletzungen derart ins Mikrologische verschiebt, fantasiert sich die Frau als allzu leichtes Opfer regelrecht herbei."

Aber meine Freundin damals war eben Opfer, denn sie konnte sich nicht so frei bewegen wie ich. Wir lebten in derselben Stadt, aber in unterschiedlichen öffentlichen Räumen. Ihrer war deutlich enger. Für mich war der bewaldete Radweg schön, für sie eine Bedrohung. Und als ich mir das klargemacht hatte, habe ich zurückgeschaut und vieles verstanden.

Zum Beispiel, dass die Frau, die vor mir nachts auf dem Weg zur Bushaltestelle lief, vielleicht gar nicht wirklich telefonierte, sondern nur so tat, um mir zu signalisieren, dass sie nicht ganz allein sei. Zum Beispiel, dass die Frau, die vor mir das Stiegenhaus hochging, in einem alten Haus ohne Beleuchtung, nicht wirklich im obersten Stockwerk wohnte, sondern, aus Angst vor mir, ihrem Verfolger, einfach nicht anhalten wollte, um das Schlüsselloch zu suchen. Tatsächlich lernte ich sie später kennen, und sie erzählte mir, dass sie zu Freunden wollte, die auf meiner Etage lebten.

Und ich hätte vielleicht nicht so über eine Initiative gelacht, ein Jahr zuvor, in der Stadt mit dem schönen bewaldeten Radweg. Es wurden Studenten gesucht, die Studentinnen nachts von der Tram-Station bis ins Wohnheim begleiteten. Ich fand das absurd.

Auf einer amerikanischen Website las ich jetzt den vor drei Jahren erschienenen Text eines Mannes, der sich Gedanken macht über "rape culture" und seine Rolle als Mann. Vergewaltigungskultur - das klingt erst mal hart, unglaubhaft, übertrieben, manche würden vielleicht sagen: hysterisch. Der Autor will nicht alle Männer zu Vergewaltigern erklären, natürlich nicht. Aber er nutzt das provokative Wort, um das Sexistische an Verhaltensweisen zu zeigen, die als alltäglich gelten. Als normal. Er überlegt, wie er sich verhalten kann, damit Frauen in seiner Umgebung sich wohlfühlen, und wohlfühlen heißt hier: nicht bedrängt, nicht gefährdet.

Man kann die Straßenseite wechseln, wenn man das Gefühl hat, dass eine Frau unsicher wird, nachts, auf dem Gehweg. Man kann ein paar Schritte Abstand halten, wenn man das Gefühl hat, die Frau vor einem hört schon die schweren Winterstiefel hinter sich und hat Angst vor demjenigen, der sie trägt. Man kann sich seiner Körpersprache bewusst werden und versuchen, ihr das Bedrohliche zu nehmen.

Und bevor der oben zitierte Leitartikler mir jetzt wieder Paternalismus vorwirft, weil ich Frauen wie zarte, verletzliche Wesen behandeln würde, sage ich: Es ist nicht paternalistisch, mich zu fragen, ob mein Verhalten anderen die Freiheit nimmt, die für mich selbstverständlich ist.

Nämlich die Freiheit, sich seinen Weg selbst aussuchen zu können, und zwar nicht nur, nachdem man Selbstverteidigungskurse besucht und sich mit Pfefferspray bewaffnet hat. Ich will eigentlich in keiner Gesellschaft leben, in der Frauen sich nur sicher fühlen, wenn sie gelernt haben, wie man jemanden professionell k. o. schlägt. Das hat nichts mit Zensur, Tugendfuror oder Prüderie zu tun.

Ich beschränke mich nicht. Ich verzichte auf nichts. Ich nehme Rücksicht und sehe etwas, das immer schon da war, nur eben nicht für mich.

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