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Kultur
Ausgabe
19/2018

Melissa Broder und Brit Bennett

Beinahe zwanghafte Geständnisse

Die eine schreibt über Feminismus, die andere über Rassismus, die eine ist neurotisch, die andere politisch: Melissa Broder und Brit Bennett sind die neuen Stars der US-Literatur.

Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Pu­bli­zis­tin Bro­der

Ein Besuch in Los Angeles von
Mittwoch, 09.05.2018   03:51 Uhr

Die vergangene Woche schien wieder besonders hart für die junge Frau hinter dem Twitter-Account SoSadToday. Panikattacken, Selbsthass und Depression hatten sie offenkundig aufs Neue erwischt, sie setzte mehrere Tweets pro Tag ab.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 19/2018
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"I was fine till you gave me hope", lautete einer: Mir ging es gut, bis du mir Hoffnung machtest. Davor hieß es bereits: "my anxiety is approximately the size of america", meine Angst ist so groß wie Amerika. Und schließlich die Frage: "am i actually supposed to, like, live my life?" - verlangt man tatsächlich von mir, sozusagen, mein Leben zu leben?

Die 640.000 Follower von SoSadToday werden die Tweets vielleicht dennoch nicht allzu sehr beunruhigt haben. Im Gegenteil, dies ist der Stoff, den sie hier erwarten: zu Aphorismen stilisierte weibliche Verzweiflung.

Der Account tauchte zum ersten Mal im Jahr 2012 bei Twitter auf, er wurde schnell zum Inbegriff einer Bewegung, die sich irgendwo in den Untergruppen des modernen Feminismus einsortierte und als "Sad Girl Theory" zu einer Form weiblichen Widerstands erklärt wurde.

Wahrscheinlich lässt es sich tatsächlich als Ausdruck von Subversion verstehen, die Umwelt, vor allem die männliche, mit dem eigenen Unglück, der eigenen Unzulänglichkeit, Unsicherheit, dem Selbsthass, den Süchten und Fetischen zu überhäufen und damit ein traditionelles weibliches Rollenmuster - fröhlich oder zumindest gefasst zu sein - zu unterlaufen.

Schöpferin des Begriffs "Sad Girl Theory" ist die Künstlerin Audrey Wollen, die in einem Interview erklärte: "Ich fühlte mich ein bisschen abgestoßen vom derzeitigen Feminismus, denn er verlangte so viel von mir - Selbstliebe, großartigen Sex, beruflichen Erfolg -, was ich einfach nicht zu bieten habe."

Girls' Sadness hingegen sei nicht passiv, narzisstisch oder hohl, sondern eine Geste der Befreiung, artikuliert und informiert, ein Weg, die Hoheit über Körper, Identität und Leben zurückzufordern.

Nach drei Jahren in der Anonymität und wilden Spekulationen darüber, wer sich hinter SoSadToday verbergen könnte, outete sich die Lyrikerin Melissa Broder in einem Interview mit dem "Rolling Stone" als Verfasserin der SoSadToday-Tweets.

Broder lebt in Los Angeles, in einem Haus am Hang im Benedict Canyon, einen Hügel weiter liegt die Villa, in der vor vielen Jahren Roman Polanski und Sharon Tate gewohnt hatten, bevor Tate dort von Mitgliedern der Manson-Familie umgebracht wurde, worüber Broder einen sogleich informiert, ja, das sei die morbide Aura hier, SoSadToday.

Broder ist sonst allerdings außerordentlich guter Laune, offenbar gilt nicht nur für Literatur, sondern auch für Tweets, dass man das literarische Ich nicht mit dem der Autorin verwechseln darf. Die vielen Tweets über ihre Essstörung sieht man ihr allerdings schon an. Die zweite Überraschung: Broder ist verheiratet. Und das seit 13 Jahren (ein paar Jahre davon in offener Beziehung). Ehrlich gesagt, wer nur all die Macken und Ticks aus ihren Texten kennt, würde es für unmöglich halten, dass jemand es länger als eine Woche mit ihr aushält.

Sie habe damals einfach ihre Identität enthüllen müssen, erzählt Broder, denn die Tweets allein hätten ihr nicht mehr gereicht. Sie spürte einen Drang, in aller Ausführlichkeit und nicht nur in 280 Zeichen von ihren psychischen, physischen und sexuellen Problemen zu berichten. Wegen ihrer vielen Follower, darunter Berühmtheiten wie Katy Perry oder Miley Cyrus, boten die Verlage Broder viel Geld für ihre Traurigkeit. Und so erschienen ebenfalls unter dem Titel "SoSadToday" 2016 Broders streng biografische Essays, die mit zum Intimsten und zugleich Krassesten gehören, was es wahrscheinlich derzeit in englischer Sprache zu lesen gibt.

Es sind beinah zwanghafte Geständnisse, Broder scheint mit vielen Süchten zu kämpfen. Die Sucht aber, die als übergeordnetes Thema über ihrer Arbeit steht, ist jene, Dinge zu gestehen, die jeder, einschließlich Broder, als beschämend empfindet. Wir wissen nun, dass sie noch nie das Gefühl hatte, einem anderen Menschen zu genügen; dass sie sich Sorgen darüber macht, dass ihre Schamlippen nicht symmetrisch und mit der Zeit nachgedunkelt sind; dass ein Mann sie zum Sex ins Hotel einlud, aber kein Zimmer gebucht, sondern sie bloß auf der öffentlichen Hoteltoilette anal penetriert hat, was sie angemessen fand; dass der sicherste Weg in die soziale Isolation darin liegt, schon in jungem Alter versehentlich einen sexuellen Fetisch zu entwickeln, der fast jeden Sexualpartner abstößt (Broders besteht darin, dass sie möchte, dass sich ihr Partner während des Aktes übergibt).

Sie bietet eine Coke Zero an und macht sich selbst eine auf. Das Getränk, sagt sie, füge ihrem täglichen Kalorienpegel keine weiteren hinzu, schon mal gut. Aus ihrem Essay "I Want To Be a Whole Person But Really Thin" ("Ich möchte eine vollwertige Person sein, aber richtig dünn") wissen wir, dass sie nicht Essen, sondern ausschließlich Kalorienzahlen konsumiert. "Es ist nur eine Illusion der Kontrolle, wirklich, aber diese Illusion ist alles", schreibt sie, "durch sie fühle ich mich geschützt. Sie verschafft mir Ruhe in meinem Kopf. Alles, wonach ich mich immer gesehnt habe, ist Frieden."

Broder hat sich vorgenommen, für die Stunde, die wir nun in der Sonne auf der Terrasse mit Blick über die Hügel Hollywoods über sie reden wollen, ihr Telefon nicht anzufassen. Man sagt ja schnell, jemand sei "süchtig" nach seinem Handy, nach Facebook, nach Twitter, Instagram. Aber Broder behauptet, sie sei es wirklich, im klinischen Sinne: "Das Berühren des Bildschirms, um Twitter zu aktualisieren, das sich dann drehende Rädchen, um zu sehen, ob es neue Antworten, Retweets oder Likes gibt", sagt sie, "ist wie bei einem Spielautomaten, bei dem man den Hebel runterzieht und die Rädchen anfangen, sich zu drehen."

Natürlich mag sie es, interviewt zu werden, weiter über sich zu reden und dabei ihr Leid in lustige Einzeiler und Punchlines zu gießen. Sie hat das über Jahre geübt. Man fragt sich, ob sie sich trotz aller intimer Mitteilungssucht eine Ecke in ihrer Seele bewahrt hat, die wir nicht kennen. Es ist gar nicht so angenehm, mit jemandem zu sprechen, von dem man mehr weiß, als man zu erfahren verlangt hat. Insofern stimmt die Theorie der Künstlerin Audrey Wollen: Dieser Offenbarungsdrang ist wirklich eine Form von Subversion und Selbstermächtigung.

Das Interessante (und Grund für diesen Besuch) ist, dass Broder nach Gedichten, Tweets und Essays nun einen Roman geschrieben hat. Also jene Form, in der Erlösung durch das persönliche Geständnis nicht möglich ist, schließlich ist theoretisch alles Fiktion und kann nicht der Autorin zugeschrieben werden.

Der Roman heißt "Fische", ist diese Woche in den USA erschienen und kommt nächste Woche auf Deutsch heraus(*). Broder sagt, der Versuch, etwas vermeintlich Fiktives zu schreiben, sei auch der Versuch, von den persönlichen Geständnissen wegzukommen. Wer allerdings die biografischen Texte Broders kennt, erkennt im Roman vieles wieder, zum Beispiel die Szene aus der Hoteltoilette.

Broder erzählt die Geschichte von Lucy, wie sie selbst eine Frau Ende dreißig, deren langjährige Beziehung in die Brüche geht und die von Phoenix, Arizona, nach Venice Beach bei Los Angeles zieht, wo sie das Haus am Strand sowie den diabetischen Hund ihrer Schwester hüten soll. Da sie ihrem Ex-Freund beim finalen Trennungsstreit das Nasenbein gebrochen hat, ist sie gezwungen, dort eine Therapiegruppe für sex- und beziehungsgestörte Frauen zu besuchen. Lucy hat ein ähnlich ramponiertes Selbstwertgefühl wie Broder (und eine ähnlich ausgewachsene Depression) und trifft sich über die App Tinder mit Männern, die sie ausnutzen (Hoteltoilette) oder offenbar absurd hässlich sind ("Vielleicht war dieser Affenwerwolf alles, worauf ich hoffen konnte").

Nachts auf den Steinen des Piers trifft Lucy einen Schwimmer, der nie aus dem Wasser kommt, sich meist kurz mit ihr unterhält, sie einmal aus dem Wasser heraus oral befriedigt und dann weiterschwimmt. Sie verlieben sich, und als der Schwimmer endlich aus dem Wasser steigt, ist er kein Schwimmer, sondern ein Wassermann mit Schwanzflosse, die allerdings, wie Lucy zu berichten weiß, glücklicherweise erst unterhalb seines anderen Schwanzes wächst. Es entsteht so etwas wie echte Liebe, was auch an der Bedürftigkeit des Wassermanns liegt; er kann zum Beispiel nicht laufen, also muss Lucy ihn in einem Karren am Strand abholen und zu sich nach Hause fahren.

Die ordinär-feministische Lesart bestünde nun in dem Gedanken, den Late-Night-Moderator Jimmy Kimmel bei der diesjährigen Oscarverleihung in Zusammenhang mit dem Gewinnerfilm "Shape of Water" geäußert hat: "Wir werden dieses Jahr immer als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem wir Männer es so versaut haben, dass Frauen begannen, etwas mit Fischen anzufangen."

Trotz seiner Nachteile scheint der Meermann perfekt, doch am Ende erfordert die Liebe zu ihm trotzdem die Selbstaufgabe der Frau, er verlangt, dass Lucy mit zu ihm hinab auf den Meeresgrund kommt. Beide wissen, dass das ihren Tod bedeutete. Doch das mache ihm nichts, er habe dort schon 17 andere (tote) Frauen. Der Tod schreckt Lucy nicht so sehr ab, wohl aber die Tatsache, dass da schon 17 Frauen sind.

Autorinnen wie Virginia Woolf oder Sylvia Plath haben bereits vor Jahrzehnten weibliche Depression und Ausweglosigkeit zu großen Texten verarbeitet. Melissa Broder unterscheidet sich in zwei Punkten: Sie macht Verzweiflung leicht zugänglich sowie radikal komisch, und sie fragt nicht nach Schuldigen: Kein früherer Ehemann, nicht die Kindheit, nicht die Eltern sind schuld. Heute, da alle ohnehin durchtherapiert sind und die vermeintlichen Ursachen ihrer Erkrankungen in jedem Anonyme-Alkoholiker-Treffen sofort runterbeten können, verlieren die Ursachen ihre Bedeutung.

Wenn man von Broders Terrasse über den Hügel guckt, blickt man ins San Fernando Valley, dort, in Encino, nur ein paar Meilen entfernt, lebt eine weitere Schriftstellerin, die mit ihren Essays in letzter Zeit Aufsehen erregt hat. Brit Bennetts Texte handeln von dem anderen großen Thema, das die Gedanken junger Amerikaner neben dem Feminismus beherrscht. Bennett, mit 27 gut 10 Jahre jünger als Broder, ist durch den Essay "I Don't Know What to Do with Good White People" berühmt geworden - es geht um Rassismus.

Robert Gallagher / DER SPIEGEL

Schriftstellerin Bennett

Der Text handelt davon, dass all die bestimmt guten Absichten der linksliberalen weißen Millennials, von denen sie umgeben ist, ihr als Afroamerikanerin so lange nichts nützen, wie immer wieder weiße Polizisten nicht verurteilt oder zumindest angeklagt werden, wenn sie Schwarze töten. So geschehen mit Darren Wilson, der in Ferguson Michael Brown erschossen hatte, oder mit den Polizisten, die Eric Garner im Schwitzkasten ersticken ließen. Bennetts Text berichtet von ihrer Qual als Afroamerikanerin aus der oberen Mittelschicht (ihr Vater war Staatsanwalt), ständig gezwungen zu sein, über die Absichten der Weißen nachdenken zu müssen: Glaubte die weiße Frau am Flughafen, sich vordrängeln zu dürfen, weil sie, Bennett, schwarz ist? Oder war sie einfach nur in Eile und unhöflich?

Ihr Vater sei in South Central Los Angeles aufgewachsen, sagt Bennett, er hatte Asthma, deswegen hätten die Gangs und Gangster ihn in Ruhe gelassen, er saß zu Hause und habe gelesen und wurde Staatsanwalt. Einmal habe er ihr erzählt, wie Polizisten des Los Angeles Police Department mit Gewehren im Anschlag ihn als jungen Mann gestoppt, aus dem Auto gezogen und verhaftet hätten. Dass er Staatsanwalt und somit sozusagen ihr Boss war, hätten sie ihm nicht geglaubt; sie hielten ihn für einen flüchtigen Verdächtigen, die Beschreibung passte: schwarz.

Hat sie angesichts dieses täglichen Rassismus, den ihr Vater erleiden musste, überhaupt das Recht, sich über eine dumme Oma am Flughafen aufzuregen, fragt Bennett sich in dem Text.

Der Essay ist so frappierend gut und nuanciert geschrieben und weitere, die folgten, sind es ebenso, dass Bennett inzwischen als die wichtigste kulturelle afroamerikanische Stimme neben Ta-Nehisi Coates gilt, der in etwa zur selben Zeit den inzwischen weltberühmten offenen Brief an seinen Teenagersohn verfasste, der als Essay unter dem Titel "Zwischen mir und der Welt" erschienen ist.

Bennett hat ein Ausflugscafé in einem Park an einem künstlichen See in Encino als Treffpunkt gewählt. Encino ist eine biedere, aber hübsche Vorstadt für weiße Amerikaner, denen in Los Angeles zu viel Verkehr und auch sonst zu viel los ist. Bennett lebt hier, weil es billig und ruhig ist und sie hier schreiben kann. Sie ist neben dem Gärtner die einzige Schwarze im ganzen Park, aber sie scheint das nicht mehr zu bemerken. Sie ist hier, um über ihren Roman "Die Mütter" zu sprechen.

Nach ihrem Essay über die "Good White People" hat eine Literaturagentin sie angesprochen, Bennett sollte den Text auf Buchlänge ausdehnen und die weibliche Ta-Nehisi Coates werden. Doch Bennett arbeitete zu dem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren an einem Roman, den sie mit 17 im College begonnen hatte, und bot stattdessen diesen der Agentin an.

2016 erschien "The Mothers" in den USA und wurde für viele der Roman des Jahres. Tatsächlich bietet er die beeindruckendste Betrachtung dieser ewigen Herausforderung, die Familie und Freundschaft darstellen, sowie all der zu treffenden Entscheidungen, die am Ende das Leben ausmachen, seit Jonathan Franzens "Korrekturen". Auch Bennetts Roman, der gerade auf Deutsch erschienen ist, handelt irgendwie von der "African American experience", ist aber so viel subtiler als jeder ihrer Essays(*). Das Revolutionäre des Romans, auch für afroamerikanische Literatur, besteht darin, dass die Konflikte der Romanfiguren universell erscheinen - ein Selbstmord der Mutter, eine ungewollte Schwangerschaft der Teenagertochter, Abtreibung, eine Dreiecksbeziehung, gescheiterte Lebenshoffnungen. Das Leben dieser Figuren spielt nicht wie andere große afroamerikanischen Epen im Süden, in Alabama oder Louisiana, und auch nicht in den "inner cities" von Baltimore oder Chicago, sondern im Süden Kaliforniens, in einem Küstenstädtchen bei San Diego. Jede Figur in dem Roman hat, sofern nicht anders angegeben, schwarze Hautfarbe, und beim Lesen muss man sich manchmal daran erinnern.

Als ich dies, etwas verlegen, Bennett in dem Café am See erzähle, lacht sie, und sagt, das höre sie nicht zum ersten Mal, das gehe sogar Afroamerikanern so. Wahrscheinlich hält sie mich auch für einen dieser "good white People", mit denen sie eigentlich wenig anfangen kann, deren guten Willen sie aber honoriert. Ich sage ihr, dass in Deutschland Schwarze nie von der Polizei erschossen würden, auch wenn sie im Görlitzer Park in Berlin Drogen verkaufen.

"Hoffentlich können die Deutschen dann mit dem Roman überhaupt etwas anfangen", sagt Bennett. In Frankreich, wo das Buch schon erschienen ist, sei die Resonanz sehr groß gewesen.

Und auch sie, sagt Bennett, lerne nie aus, was das komplizierte Geflecht von Hautfarben in den USA angehe. Als sie von Kalifornien nach Ann Arbor in Michigan gezogen ist, wunderte sie sich (und fühlte sich sehr komisch), wie wenig Schwarze es auf einmal gab und dass diese wenigen dort jene Jobs machten, in der Küche und bei der Müllabfuhr, die keiner wollte und die in Kalifornien die Mexikaner übernahmen.

Erst in scheinbar nebensächlichen Szenen kommt in "Die Mütter" die Hautfarbe überhaupt zum Tragen, wenn zum Beispiel über das Geschlecht eines noch ungeborenen Kindes gesprochen wird und über die Hoffnung, dass es ein Mädchen werde. Denn: "Schwarze Jungs sind Zielscheiben." Das sei der Grund, dass er sich bei den Marines eingeschrieben habe, erklärt ein Soldat in dem Roman, "mein Vater hat mir gesagt, du lernst besser selber schießen, bevor die Weißen dich abknallen, und so habe ich es auch gemacht. Ich war weit weg, im Irak, aber hier zu Hause könnte mir jederzeit einer auf der Straße den Kopf wegballern, einfach so".

Die subtilsten Rassismusstellen aber sind die, die wieder mit Bennetts "Good White People" zu tun haben. Als Nadia, die anfangs 17-jährige Protagonistin, nach einer Abtreibung in der Klinik vergebens auf den Kindsvater wartet, bietet eine weiße (hier wird das explizit gesagt) Praktikantin an, Nadia nach Hause zu fahren. Das Mädchen, das das Praktikum im Zuge eines Feminist-Studies-Kurses an der Uni absolviert, plappert während der Fahrt fröhlich drauflos, als wäre nichts dabei, dass dieses schwarze Mädchen soeben eine Abtreibung hat vornehmen lassen. Schließlich fragt die Praktikantin, denn sie gehört ja zu den "good white People", die keine Vorurteile haben, ob Nadia vielleicht studieren wolle. Nadia hat da längst einen Studienplatz an der University of Michigan. "Oh, Michigan ist eine tolle Uni", sagt die Praktikantin anerkennend.

Brit Bennett sagt zu dieser Szene: "Natürlich ist das eine gute Universität! Und natürlich wusste Nadia das." Ist das nun Rassismus? Positivrassismus? Oder unbeabsichtigt herablassend? Oder nur eine harmlose Frage, und alle sind nur völlig überspannt?

Und während diese komplizierten Fragen, die eine ganze Nation betreffen, verhandelt werden, poppen Twitter-Nachrichten aus einer anderen Welt auf, die nur ein einziges Ego betreffen. Sie kommen aus lediglich zehn Kilometer Entfernung, von der anderen Seite des Hügels. Melissa.

"Why does everyone have to make everything so stupid". Kurz darauf: "I feel nervous about breathing". Und schließlich: "bitch i am anxiety". Die Tweets wurden zwischen 1571-mal (breathing) und 3031-mal (bitch) weitergeleitet.

Brit Bennett sieht etwas ratlos aus. In der Gegenüberstellung dieser beiden Schriftstellerinnen trifft volle Direktheit (Broder) auf fein abgestimmte Subtilität (Bennett). Für beide funktioniert das jeweilige Prinzip als literarisches Mittel.

In ihrem Roman spielten Depressionen auch eine Rolle, sagt Bennett schließlich. Aber bei ihr enden sie tödlich.

* Melissa Broder: "Fische". Aus dem Englischen von Eva Bonné. Ullstein; 352 Seiten; 21 Euro.
* Brit Bennett: "Die Mütter". Aus dem Englischen von Robin Detje. Rowohlt; 320 Seiten; 20 Euro.

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