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Panorama
Ausgabe
13/2018

Neuseeland trauert um Maskottchen Nigel

Der Tölpel mit dem gebrochenen Herzen

Ein neuseeländischer Tölpel verliebte sich in eine Betonfigur und warb jahrelang um ihre Gunst. Nun starb er - und das Land nimmt Anteil.

Chris Bell

Nigel (hinten), Vogelattrappen

Von
Freitag, 30.03.2018   07:09 Uhr

Die kleine Insel Mana vor der Küste Neuseelands hat nicht viel mehr im Repertoire als ein paar sehr gewöhnlicher Felsklippen. Früher gab es mal Schafe, aber denen scheint es irgendwann zu einsam geworden zu sein. Es wäre doch schön, dachten sich vor 20 Jahren einige Ornithologen, wenn zu den Felsklippen wenigstens ein paar Vögel kämen, schließlich passe das gut zusammen. Mit viel Liebe bauten sie 80 Vogelattrappen aus Beton, stabil genug, um den Wind und die Gischt der stürmischen Tasmansee auszuhalten. Sie malten sie an - den Hals blassorange, die Flügelspitzen schwarz, das Gefieder weiß - und platzierten sie auf einer besonders einladenden Klippe auf der Ostseite der Insel. Sie stellten Lautsprecher auf und ließen Vogelgesang über das Meer schallen. Dann warteten sie. 15 Jahre lang. Schließlich kam ein Vogel, es war ein Tölpel, er kam allein. Sie nannten ihn Nigel.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 13/2018
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Tölpel, man muss das an dieser Stelle erwähnen, galten noch nie als besonders schlau. Ihr Gattungsname "Morus" bedeutet dumm, tölpelhaft eben. Wenn sie landen, stellen sie sich so ungeschickt dabei an, als hätten sie während des Fliegens vergessen, was zu tun wäre. Seefahrer mochten die Vögel, weil diese zutraulich auf ihrem Schiff landeten und sich vertrauensvoll in den Kochtopf werfen ließen. Ansonsten sind Tölpel eher unbeliebt, was auch daran liegen mag, dass sie bevorzugt die Außenwände ihrer Nester mit den eigenen Exkrementen schmücken. Doch selbst unter diesen Losern der Vogelwelt war Nigel ein besonderer Fall.

Die Betonattrappen waren eigentlich dazu gedacht, Vertrauen zu erwecken, die Abwesenheit von Feinden zu signalisieren. Für Nigel aber, so beobachteten die Ornithologen, bedeuteten sie mehr. Er fand großen Gefallen an einer besonders schön angemalten Betonvogeldame. Er umtänzelte sie, in der gemächlichen Art, wie es Tölpeln eigen ist. Er baute ihr ein Nest aus Gras und Meeresalgen, in das sie nach der Paarung ihre Eier legen sollte. Er putzte sie. Er begrüßte sie, indem er den Kopf reckte und seinen Schnabel an ihren kalten Schnabel legte. Er tat viel, um sie zu beeindrucken. Er versuchte, sich mit ihr zu paaren. Details ersparen uns die rücksichtsvollen Ornithologen an dieser Stelle. Sie sprechen insgesamt von einer "frustrierenden Existenz". Nie bekam er etwas zurück, nicht einmal eine Zurückweisung. Trotzdem: Nigel gab nicht auf, drei Jahre lang.

Auf der Facebook-Seite "Freunde der Insel Mana" meldeten sich Bewunderer aus New York, aus Florida, aus Italien, aus Norwegen. Sie verehrten Nigel für etwas, das in ihrer Welt kaum noch jemand tat, weil in der Ära von Tinder die Liebe beliebig und verfügbar erschien. Dass jemand offenbar so sehr an die Liebe glaubte, dass er selbst den Stein bezwingen wollte, erinnerte sie an die Unzerstörbarkeit der Hoffnung. Nigel tat nichts anderes als die Minnesänger früherer Zeiten, die warben, obwohl sie wussten, dass ihre Liebe unmöglich war. Der Glaube daran war ihnen kostbarer als die Gegebenheiten.

Aus der "Berliner Zeitung"

Befeuert von Nigels Ankunft und seinem Vorhaben zu bleiben, bemühten sich die Ornithologen wieder auf die Insel. Sie erneuerten die gelbe Farbe der Attrappen, ihre schwarzen Federn, sie bastelten Vogelexkremente originalgetreu nach und justierten die Lautsprecher neu, die weitere Tölpel anlocken sollten. Und tatsächlich, drei Jahre nach Nigels Ankunft, kamen drei weitere Tölpel auf die Insel. Jetzt endlich, so hofften die Vogelkundler, würde Nigel Vernunft annehmen. Er würde bald erlöst sein, glaubten sie, er würde sich eine echte Tölpelin suchen. Doch Nigel blieb seiner alten Liebe treu. Tölpel sind eben monogame Vögel.

Man könnte sich natürlich leicht lustig machen über Nigel. Man könnte auch daran denken, wie die unerfüllte Liebe der Menschheit die schönsten Dinge vermachte. Shakespeares "Romeo und Julia", Goethes "Die Leiden des jungen Werther", Kokoschkas Porträts von Alma Mahler, der Film "Casablanca", all diese Werke wären unmöglich ohne sie. Und so war auch, nach Ansicht der Ornithologen, Nigels Existenz auf dieser Welt nicht umsonst. Auch er hat etwas hinterlassen. Tölpel, sagen sie, nisten gern dort, wo schon andere ihrer Art wohnen. Ohne Nigel, so glauben sie, wären die drei neuen Tölpel nicht gekommen. Der Bestand, meldeten sie, habe sich also vervierfacht.

Drei Wochen nach Ankunft der neuen Vögel starb Nigel. Ein Ranger fand den toten Körper direkt neben dem geliebten Betonvogel. Nigels Fans trauern. Die "Freunde der Insel Mana" erreichen Gedichte und Beileidsbekundungen aus der ganzen Welt, die "New York Times" schrieb über den einsamsten Vogel der Welt, der "Guardian" ehrte ihn, die "Washington Post". Nigels Körper wird an die Massey Universität in Neuseeland gesandt werden, um herauszufinden, woran er starb. Man weiß noch nicht, welche Todesursache die Wissenschaftler der Universität feststellen werden, aber vielleicht, so vermutet es ein Fan, und es klingt doch sehr wahrscheinlich, starb Nigel an gebrochenem Herzen.

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