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Politik
Ausgabe
46/2017

Einheit

Warum fragt keiner die Wessis, wann sie in Deutschland ankommen?

Ostdeutsche treten im Westen oft herablassend auf, fast schon in Siegerpose. Dieser Satz überrascht Sie? Zeit für einen Perspektivwechsel.

Getty Images

Mauer-Tourist in Berlin (Archivfoto)

Von
Montag, 13.11.2017   14:28 Uhr

Zu den Gepflogenheiten des Herbstes gehört es, beim Jubiläum von Mauerfall und Wiedervereinigung die Frage nach dem Stand der inneren Einheit zu stellen. Auch dieses Jahr lief es darauf hinaus, dass untersucht wurde, wie die Ostdeutschen im vereinten Deutschland klarkommen.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 46/2017
xing lái!*
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Bei der Erforschung der Ost-Seele geht es gemeinhin ähnlich zu wie bei den Untersuchungen von Kindern, genannt U1 bis U9. Die Beweglichkeit wird kontrolliert, das Sprachvermögen, Wachstum, Standfestigkeit, getestet wird, ob die Kleinen nach links und rechts blicken können.

Ich frage mich allerdings: Warum wird eine derartige Fürsorge nicht auch dem Westen zuteil? Haben die Westdeutschen weniger Aufmerksamkeit verdient als die Ostdeutschen?

Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass die Westdeutschen bereits im Westen groß geworden sind und sich deshalb nicht hätten umstellen müssen. Das ist nicht ganz falsch. Es hat auch eine gewisse Logik, schließlich ist die DDR ja der Bundesrepublik beigetreten, nicht umgekehrt. Für die Westdeutschen habe sich folglich nichts verändert, so die landläufige Annahme. Das wird zwar nicht ausgesprochen, aber gedacht.

Aber ist es richtig?

In Ostdeutschland münden die Reihenuntersuchungen immer in eine Frage: Sind die einstigen DDR-Bürger in der Bundesrepublik "angekommen", wobei das Wort "ankommen" nur der Höflichkeit halber verwendet wird. Gemeint ist: "anpassen". Es geht allein darum, ob sie sich gut genug angepasst haben. Ankommen jedoch klingt viel netter, es klingt nach einem schönen Reiseziel, von dem man eine Postkarte schickt.

Und die Westdeutschen, mussten sie nicht auch "ankommen" in Deutschland? Wahrscheinlich hatten viele von ihnen angenommen, das vereinte Land werde lediglich eine XXL-Version der Bundesrepublik, so wie Helmut Kohl ja auch eine XXL-Version von einem Kanzler war. Und vermutlich haben sie gehofft, der Finanztransfer werde für sie die einzige Zumutung.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte einst gesagt: "Die deutsche Frage ist offen, solange das Brandenburger Tor zu ist." Dieser Logik zufolge bestand seit dem 9. November 1989 keine Notwendigkeit mehr, nach Deutschland zu fragen.

Ich habe beobachtet, dass auch Westdeutsche erst "ankommen" mussten oder müssen in Deutschland. Es ist allerdings schwer, mit ihnen über ihre Ängste zu reden, sie sind es nicht gewohnt. Über eigene Schwächen sprechen Westdeutsche nicht gern. Nein, nein, es sei alles "super", sagen sie. Westdeutsche sind Fassadenexperten.

Kürzlich aber traf ich einen sehr belesenen Westdeutschen meines Alters, aus dem es mitten im Gespräch herausbrach: Oh ja, er habe eine ganze Weile gebraucht, um in "Deutschland" anzukommen. Er habe doch gelernt, "Weltbürger" und "Europäer" zu sein. "Deutschland" und "deutsch sein"? Bloß nicht. Paris sei ihm vertrauter als Leipzig gewesen, Florenz näher als Dresden, genannt Elb-Florenz. Und die mediterrane Küche war ihm lieber als deutsche Kartoffelsuppe.

Ich redete auf ihn ein, ich beruhigte ihn, niemand könne etwas für seine Herkunft, er könne auch in Zukunft mediterran speisen. Keiner von den Ostlern wolle einen wöchentlichen Deutsche-Küche-Day oder Ähnliches einführen.

Die Begegnung erinnerte mich an den Westbesuch, den wir damals erhielten. Den Verwandten war der Osten irgendwie zu "deutsch", die DDR fanden sie jedenfalls "deutscher" als ihr Rest-Deutschland, was ich damals nicht kapierte.

Später verstand ich: Viele DDR-Bürger wollten unbedingt Deutsche bleiben und sich die "Einheit der Nation" nicht ausreden lassen, weder von der DDR-Obrigkeit noch vom Westbesuch. Deutsch sein, das war eine Form der Westbindung. Die DDR-Deutschen freuten sich, dass die Eisenbahn immer noch Deutsche Reichsbahn hieß. Eine Kirchenzeitung in Thüringen hieß "Glaube und Heimat". In der DDR-Schule wurde bis 1989 - noch so ein Unwort - Heimatkunde unterrichtet, im Westen verschwanden Fach und Wort nach 1968 allmählich aus den meisten Lehrplänen, stattdessen gibt es Sachkunde. Das Wort "Heimat" gehörte zu den Heimatvertriebenen, kurz den Reaktionären, den Nazis unter ihnen.

Wenn ich mich unter den gebildeten linksliberalen Westdeutschen umhöre, scheint mir, dass es ihnen überhaupt unangenehm ist, einem Volk zuzugehören. Und nun ausgerechnet zum deutschen? Er habe Jahre gebraucht, erzählte mir mein westdeutscher Gesprächspartner, um zu sagen: Ja, er sei Deutscher.

Und woran mussten sich die Westdeutschen noch alles gewöhnen? Sächsisch wird nun auch im Bundestag gesprochen. Das Händeschütteln, im Osten üblich, im Westen vielerorts aus der Mode gekommen, liegt nun gesamtdeutsch im Trend. Innenminister Thomas de Maizière hält es inzwischen für einen Teil der deutschen Leitkultur. Auf Soziologisch könnte man es vielleicht so beschreiben: Im Osten litten die Leute unter kollektiven Mangelerfahrungen, im Westen unter mangelnder Kollektiverfahrung. Man muss aber anerkennen, dass sich manche Westdeutsche bemühen: Gebürtige Rheinländer stehen jetzt sogar im Stadion An der Alten Försterei beim 1. FC Union in Ostberlin und singen "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? - Eisern Union".

Es wäre interessant, wenn Ostdeutsche und Westdeutsche einmal ihr "Ankommen" beschrieben, auf einer Postkarte, so wie nach dem Erreichen eines Reiseziels. "Hallo, ich bin gut angekommen." Und dann notierten, was ihnen gefällt und was sie vermissen. Was würden wohl die Westdeutschen als Gewinn vermelden? Keine Pakete mehr in den Osten schicken zu müssen? Oder: Jetzt auch Gregor Gysi wählen zu können? Und was vermissen sie? Den "Bericht aus Bonn"? Fürchten sie eine Verostung?

Manche Westdeutsche haben nach meinem Eindruck einfach Verlustängste, seitdem Angela Merkel regiert, eine Frau aus dem Osten, eine Frau aus dem Pfarrhaus, eine Frau die gut Russisch spricht, aber wohl noch nie gekifft hat. Das alles macht es manchen Westdeutschen schwer, von "ihrer Regierung" zu reden, von "unserem Land". Manche meiner modernen, welterfahrenen Altersgenossen stießen sich an Joachim Gauck und dessen mecklenburgischem Pastorenpathos im Präsidentenamt.

Hinzu kommt, dass Ostdeutsche im Westen oft herablassend und - ja fast schon - in Siegerpose auftreten. Ich war häufig unterwegs im Westen, und natürlich fiel auch mir auf, in welchem Zustand die Brücken dort sind, die Radwege, der Radweg am Rhein etwa, eine Katastrophe, er führte durch das Gelände einer Glasfabrik. Und die Asbestplatten an den Häusern. Und diese Fußgängerzonen-Monotonie.

Aber ich habe nichts gesagt, kein abfälliges Wort, kein Vorwurf. Schließlich haben die Leute auch hier nur gearbeitet. Ich habe mich geärgert, wenn Ostdeutsche aus ihren Reisebussen stiegen und mit dem Finger auf irgendein Haus zeigten und laut fragten: Wann ist denn hier zum letzten Mal saniert worden? Schlimmer noch: In einem Hotel traf ich auf Ostdeutsche, die an einem Paternoster standen und laut riefen: Ist ja hier wie im Museum! Ich sage dann immer: Die Leute hätten es sicher auch gern schöner, hätten auch lieber so viele Spaßbäder wie wir im Osten.

Vielleicht ist es Zeit für einen Appell: Macht es den Wessis nicht zu schwer, ladet sie ein, und lasst euch deren Geschichten erzählen. Ihr müsst ihnen ja nicht gleich Pakete schicken.

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