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Gesundheit
Ausgabe
5/2018

Alltag in einem Pflegeheim

Am Ende aller Kräfte

Einblicke in den Alltag eines Pflegeheims zeigen: Das System der Altenpflege ist eine Fehlkonstruktion. Es geht um Zahlen, nicht um Menschen.

Sven Döring / DER SPIEGEL
Von
Donnerstag, 01.02.2018   05:13 Uhr

Die Luft riecht nach Schnee und Zigaretten vor dem Caritasheim auf der Kolpingshöhe in Hof an der Saale, drinnen wird auf fünf Stockwerken gelacht, geweint, gedämmert, gehustet, gekeift, gegessen, gepinkelt, geschrien, gekotet, geschlafen, gebetet, gestorben. Der Tagdienst übergibt an die Nachtwache, 20.12 Uhr. Im weißen Licht eines Dienstraums sitzt und steht eine Handvoll Pflegerinnen und Pfleger zusammen, die einen kommen, die anderen gehen, sie tauschen die notwendigen Neuigkeiten aus, gute Nachrichten, schlechte.

Frau B. ist zwischen den Fußzehen ein bisschen rot.
Frau D., da führen wir ein Schmerzprotokoll.
Herr G. hat diese Hautveränderungen am Bauch, das muss man beobachten.
Frau N. hat nicht mehr erbrochen, der Arzt hat das Iberogast abgesetzt.
Frau I. hat Ärger mit dem Katheter.
Frau U. war beim Röntgen, sie hatte heute keinen Durchfall.
Herr P. soll nur noch drei Weintrauben am Tag essen, sagt der Arzt, keine Ahnung, warum.
Frau S. hat seit einer Woche keinen Stuhlgang, kann sein, dass es euch heute Nacht erwischt.
Bei Frau K. ist nichts.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 5/2018
Am Ende
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Geschichten aus dem Altersheim sind schwer zu erzählen, weil kaum jemand sie hören will, vor allem wenn sie vom Alltag handeln. Wird überhaupt einmal erzählt, dann läuft ein Wettbewerb des Grellen und Lauten, am Ende wirkt alles wie Karikatur. Die Politik wirft sich immerfort als Retter in die Brust, als Hüter der Pflege, als fürsorglicher Vater Staat, der stets wisse, was zu tun sei, um das System für alle Zeiten wetterfest zu halten. Dagegen stehen, völlig zu Recht, empörte Kritiker auf, im Schlepptau ausgelaugte Pfleger und aufgebrachte Angehörige. Sie inszenieren ihrerseits, auf wahre Geschichten gestützt, eine endlose Geisterbahn, hinter jeder Tür eine verdurstende Alte, ein hilfloser Greis in seinen Exkrementen, mürbe Gestalten, an Betten gefesselt, misshandelt, rechtlos.

Es ist jetzt so: Neutrale Sätze über die Altenpflege zu sagen, zumindest einen unumstrittenen sachlichen Kern zu finden ist schwer geworden. Ein allseitiges Gestikulieren ist im Gang, die andauernde Skandalisierung, jetzt, wo der demografische Wandel für alle spürbar einsetzt und die Überalterung der Gesellschaft konkret wird. Die geburtenstarken Jahrgänge, Männer und Frauen heute um die fünfzig, begegnen den schwierigen Fragen, zuerst: Wie weiter mit dem dementen Vater? Wohin mit Mutter? Und dann: Wohin mit mir? Wie soll dieses unfassbar komplexe deutsche System im Jahr 2030 denn noch funktionieren, wenn dann 35 Prozent der Deutschen älter als 60 Jahre sein werden und von ihnen allein 6,2 Millionen älter als 80?

Es ist ein ständiges Wedeln mit Expertisen geworden, mit Anklagen auch: hier der junge Pfleger in der "ARD-Wahlarena" im Spätsommer, der die Bundeskanzlerin im Fernsehen forsch über Missstände zur Rede stellt, dort der zuständige Minister Hermann Gröhe, der Pflegeberichte vorlegt, die der Logik von Märchen folgen, weil sie von einem ewigen Fortschritt zum Guten und Schönen erzählen; hier Claus Fussek, von Boulevardmedien zum "Pflegepapst" ausgerufen, der sein Büro in einem Münchner Hinterhof zum Hauptquartier des Kampfes gegen menschenunwürdiges Pflegen gemacht hat, dort international agierende Konzerne, die sich mit kühler Präzision ihre Anteile auf dem zweifellos zukunftsträchtigen Wachstumsmarkt der Altenpflege sichern.

Im Heim der Caritas in Hof kommt der Lärm der Debatten nur als fernes Geräusch an. Auf der Kolpingshöhe stellt sich schnell ein Gefühl alltäglicher Normalität ein, kein Falsch oder Richtig, kein Schlimm oder Gut, kein Entweder-oder, sondern ein Dazwischen, in dem es auch behagliche Momente gibt, die nicht gespielt sein können.

Das Haus ist selbst in die Jahre gekommen, errichtet von einem wohltätigen Trägerverein in den Siebzigerjahren auf einem schönen, großen Grundstück mit weitem Ausblick in die Gegend, alles mustergültig gebaut schon zu einer Zeit, in der es noch kein Pflege- und Wohnqualitätsgesetz gab, keine Pflegebedürftigkeitsrichtlinien, kein Pflegeneuausrichtungsgesetz und auch keine Pflegevorsorgezulage-Durchführungsverordnung. Das alles gibt es heute, Begriffe mit 43 Buchstaben, die gerichtsfeste Sicherheit vermitteln sollen, aber nur verschleiern, wie groß die Ratlosigkeit ist. Altenpflege in Deutschland ist ein institutioneller Irrgarten, angelegt von Juristen und Ökonomen, die während der Arbeit irgendwie vergaßen, dass es die ganze Zeit um Menschen ging und darum, wie wir Deutschen in unserer überalterten Gesellschaft künftig zusammenleben wollen.

Die Leiterinnen des Caritasheims, Frau Jakob und Frau Katzmann, berichten von ihrem täglichen Kampf mit der Bürokratie, mit knappen Budgets, mit Personalmangel, anschließend überlassen sie alles souverän dem Zufall. Sie informieren die Belegschaft wohl darüber, dass "die Presse" im Haus ist, samt Fotografen, aber danach wollen sie tagelang weder wissen, wohin diese Presse geht, noch, mit wem sie worüber spricht. In diesem Heim, zufällig ausgewählt, nicht von der Caritas oder anderen Interessierten vorgeschlagen, stehen alle Türen offen und viele Herzen auch.

Übergabe, Station 1, Erdgeschoss. Hier wohnen die "Läufer", die noch Aufgeweckten, im Gegensatz zu den "Verabreichern", den Bettlägerigen oben im Haus. Der Grad des Elends nimmt Stockwerk für Stockwerk zu. Früher waren drei der fünf Geschosse nicht Pflege-, sondern Wohnheim. Rüstige Damen und Herren lebten in den meisten Zimmern, selbstständige Gäste, die kamen und gingen wie in einer großen WG mit Vollpension. Heute sind vier der fünf Geschosse Pflegeheim, die Bewohner sind bei Ankunft wesentlich älter, wesentlich gebrechlicher, die Mehrzahl mehr oder minder demenzkrank, und ein Heim wie das der Caritas in Hof, 118 Betten, lebt mit dauernder, schneller Fluktuation. So ist das überall in Deutschland.

Aus Altenwohnheimen sind Altenpflegeheime geworden, zur Stunde werden sie von etwa 800.000 betagten Menschen bevölkert. Stetig wächst die Zahl der Fälle, in denen neue Bewohner nur noch zum Sterben einziehen, der Tod kommt binnen Wochen, binnen Tagen, in Extremfällen sogar: binnen Stunden. Das ist, wenn man es in der Pflege so human wie möglich haben will, keine gute Entwicklung. Die Heime sind keine Hospize. Ihr Betrieb ist darauf nicht ausgerichtet, das Personal dafür nicht ausgebildet, auch die ärztliche Versorgung ist einem Sterbehaus nicht angepasst. Aber im deutschen System sind alte Menschen, die nicht im Familienkreis oder sonst wie zu Hause bei sich sterben, nicht recht vorgesehen. Jedenfalls sind die Zuständigkeiten für sie seit je umstritten.

Sind die Pflegekassen in der Pflicht? Müssen die Krankenkassen zahlen? Aus welchem Topf wird die Palliativmedizin finanziert? Der größere Pflegeaufwand für Sterbende? Diese Fragen, alle doch sehr bedeutsam, wenn auch nach deutscher Art aufs Geld reduziert, waren bis 2015 unbeantwortet. Und als sie in Form neuer Gesetze mit überlangen Überschriften irgendwie geregelt waren, fehlten weiterhin die übergreifenden Konzepte: Soll man nun Hospize bauen und fördern oder nicht? Sollen sich die Pflegeheime in Sterbehäuser verwandeln? Was können, was sollten die Krankenhäuser leisten? Was lässt sich für Demenzkranke tun? Nichts davon ist bis heute befriedigend beantwortet. Deutschland, mit Japan und Italien Weltspitze unter den vergreisenden Industrienationen, hat, bei Licht betrachtet, keinen Plan für die Zukunft.

Frau H. hat eine Wunde am Unterarm links.
Frau K. hat heute früh eine Grippeschutzimpfung bekommen.
Herr T. ist sehr schlapp, seine Wassertabletten sind erhöht, er hat starke Schmerzen und heute zweimal BTM (Betäubungsmittel) bekommen.
Frau S. hat gut gegessen und getrunken.
Frau F. wurde nach dem Mittagessen von der Familie abgeholt.
Herr B. hat heute häufiger geweint, ohne den Grund sagen zu können.

Janine Krauss steht auf dem Flur, fröhlich und blond, 33 Jahre alt, zweifache Mutter, hinter ihr liegt eine volle Tagschicht im Heim. Sie lacht viel und spricht die vielen Damen keck von der Seite an, am Morgen hat sie eine verspätete Bewohnerin am Rollator zum Frühstück geführt und mit den goldenen Worten aufgemuntert: "Die Ersten werden die Letzten sein." Die alte Dame hat über die junge herzlich und dankbar gelacht.

Janine Krauss hat am Morgen in vielen Zimmern Blutdruck gemessen und Ohren gesäubert, sie hat beim Waschen und Anziehen geholfen, hat Kranken die Haare gekämmt, Fingernägel geschnitten, Fernsehgeräte leiser oder lauter gestellt, Wasser gebracht, Fieber gemessen, Arzneien gegeben, Menschen gehoben, gelegt, gedreht, gefüttert, gesetzt. Sie hat beim Frühstück Brötchen geschmiert, beim Mittagessen Saft nachgeschenkt, den Nachmittag über hat sie vielen alten Leuten zugehört und über die eine oder andere Zote des einen oder anderen Herrn gelacht. Sie hat Bewohnern Fragen gestellt, hat Antworten gegeben, hat für Gesellschaft gesorgt, für Augenkontakt, gute Worte, für eine freundliche Berührung.

Sven Döring / DER SPIEGEL

Im Heim auf der Kolpingshöhe stellte sich immer wieder der Eindruck ein, dass die Pflegerinnen und Pfleger ihre Arbeit gut machen wollen und machen, viele zugewandt, manche sogar mit Witz und Wärme. Dass sie ihre Arbeit hernach in langen Checklisten dokumentieren müssen, raubt ihnen Zeit und Nerven, gehört aber längst als Pflicht dazu. Wenn etwas nicht erfasst wurde, ist Ärger mit der Pflegekasse programmiert, jeder Handgriff ist im deutschen System katalogisiert und hat einen exakten Wert in Cent und Euro. Es werden, während Menschen zu pflegen sind, Erbsen gezählt. Leicht ist das alles nicht.

Ingrid Strunz ist eine neue Kraft im Hofer Caritasheim, sie hat die Tagschicht mit Janine Krauss absolviert. Strunz ist 48 und war 18 Jahre lang in der ambulanten Pflege unterwegs, landauf, landab durchs weite Franken. Nun ist sie, "aus Selbstschutz", sagt sie, ins Stationäre gewechselt, "weil es nicht mehr ging". Die ambulanten Pfleger in der Provinz fahren 30 Kilometer, um eine Spritze zu setzen, danach wieder 20 Kilometer, um hochbetagten Leuten beim Baden zu helfen, und dann 25 Kilometer, um mit unglücklich Gestürzten das Gehen an Krücken zu üben, alles für vielleicht zehn oder elf Euro brutto die Stunde, wenn's gut läuft; im Osten für weniger.

Strunz, die Haare grau und kurz, freundliche Augen im Gesicht, zog sich irgendwann einen Bandscheibenvorfall zu, und man spürt die Lasten der Altenpflegerin, wenn sie erzählt, wie es war, "immer rein in die Wärme, immer raus in die Kälte", schwitzend, ständig erkältet, ewig müde. Anstrengend ist die Arbeit des Pflegens, physisch sowieso und psychisch erst recht. "Immer wieder dieses Gefühl", sagt Strunz, "ich lasse da jetzt wieder eine alte Frau allein und hilflos zurück."

Das deutsche System der Altenpflege ist in seiner Anlage ein Wunder nach Art der biblischen Speisung der Fünftausend. In der Bibel reichen zwei Fische und fünf Brote, um am See Genezareth eine große Menschenmenge satt zu machen. In Deutschland reichen seit Jahrzehnten öffentliche Ausgaben im Umfang von rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung, um eine stetig wachsende Zahl Bedürftiger zu pflegen: Völlig egal, ob zwei Millionen Menschen Unterstützung brauchen wie im Jahr 1999 oder 2,9 Millionen wie 2015 - der staatliche Anteil bleibt gleich. So geht jedenfalls die Theorie. Aber in der Praxis gibt es solche Wunder nicht.

In der Praxis hat sich ein staatsseitig stark unterfinanziertes System ausgebildet, dessen Löcher die Gepflegten selbst, ihre Angehörigen, ihre Familien ständig mit frischem Geld stopfen müssen. Es ist ein System, das verantwortungsvolle Pflegeheimbetreiber zwingt, jeden Cent zweimal umzudrehen oder aber kräftig bei den Kunden hinzulangen. Alle Budgets sind derart auf Kante genäht, dass in manchen Heimen Windeln und Klopapierrollen rationiert werden. Es wird Outsourcing um jeden Preis betrieben, jede Dienstleistung muss so billig sein wie nur irgend möglich.

Niemand, außer den jeweils zuständigen Bundesministern, bestreitet im Ernst, dass das vom Staat für die Pflege aufgewandte Geld, für den stets so salbungsvoll formulierten humanen Auftrag, hinten und vorn nicht reicht. Es ist nicht einmal übertrieben zu sagen, dass sich der Staat keineswegs wie ein gütiger Vater verhält, sondern wie ein Geizkragen, der mit der Pflege der Alten nichts zu tun haben will.

Die große Reform des legendären christdemokratischen Sozialministers Norbert Blüm aus dem Jahr 1994, beschlossen gegen einen schon damals beklagten "Pflegenotstand", verfolgte letztlich genau diesen Zweck. Bis dahin war die Pflege Sache der Kommunen, sie planten den Bedarf, organisierten gemeinsam mit kirchlichen und gemeinnützigen Organisationen das Angebot an Heimen und ambulanten Diensten und bekamen das Geld dafür aus den Landeskassen. Die Blüm-Reform nahm den Staat als Planer aus dem Spiel und übereignete die Pflege - dem Geist der damaligen Zeit gehorchend - den Kräften des Marktes. Die neue "Pflegeselbstverwaltung", in der die Krankenkassen auch zu Pflegekassen wurden, handelte von nun an mit Heimbetreibern und Ambulanzanbietern aus, wie die Milliarden aus der sozialen Pflegeversicherung zu verteilen seien.

Sven Döring / DER SPIEGEL

Dabei ist es geblieben, nur haben sich die internen Kräfteverhältnisse im Laufe der Zeit verschoben. Neben Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und Caritas führen heute die rein kommerziellen Anbieter das Wort, die aufgrund wachsender Marktmacht erheblich mehr Mitspracherechte als früher haben. Sie heißen Korian, Alloheim, Pro Seniore, Kursana, die alles andere als gemeinnützig arbeiten, nun aber bei allen Fragen mitentscheiden, die das Gemeinwohl betreffen: Wie viele Pflegekräfte pro zehn Gepflegte braucht man? Zwei? Oder doch eher fünf? Wie oft müssen Betten frisch bezogen werden? Braucht es Mindeststandards für die Verpflegung? Sollten Heimbewohner Mitspracherechte haben? Dürfen Heime Bewohner mit bestimmten "Pflegegraden" ablehnen? Und in den Tarifkommissionen verhandeln die Kommerziellen darüber mit, wie viel eine Pflegefachkraft verdienen sollte und ob eine Pflegehelferin denn wirklich mehr als den Mindestlohn bekommen muss.

Caritasheim Kolpingshöhe, Stockwerke 2 und 3. An einem Schrank im Dienstzimmer hängen, hochkant zusammengeklebt, zwei DIN-A4-Blätter. Auf dem linken steht am oberen Rand groß "wer möchte", auf dem rechten "wann arbeiten?" Darunter steht in Pink "Weihnachten" und in Grün "Silvester". Das Jahr neigt sich, die Feiertage sind nah, der Zettel ist voll. Es haben sich, zum Glück, genug Freiwillige gemeldet. Nur krank werden darf keiner. Es darf, in Deutschlands Pflegeheimen, nie einer krank werden. Dann ist ganz schnell Land unter.

Herr T. brütet was aus, er hustet und ist ziemlich matt.
Bei Frau S. müssen wir ein Schmerzprotokoll führen.
Frau B. hat heute wieder bei allen anderen mitgegessen, die ist satt.
Frau W. ist noch im Krankenhaus nach ihrem Sturz.
Frau R. hat in zwei Wochen 2 1/2 Kilo zugenommen, aber der Arzt sagt, wir geben noch keine Wassertabletten.
Frau Z. ist krank, die Antibiotika helfen auch nicht, der Arzt wollte sie heute besuchen, ist aber nicht gekommen.
Frau G. war vorhin noch mal auf der Toilette und hatte keinen Durchfall mehr.
Herr K. läuft viel hin und her.
Frau S. sagt, ihre Hörgeräte gehen wieder, das war dann wohl ein Wunder.
Herr D. schreit und redet mit dem Mann, der in seinem Zimmer gestorben ist.

Sandra Hartmann hat Nachtdienst, sie ist 27, schmal und schüchtern, FC-Bayern-Fan, eine Pflegefachkraft, die in den nächsten Stunden für 40, 50 Heimbewohner zuständig sein wird, sie ganz allein. Ihr erster Rundgang beginnt im Untergeschoss des Hauses, dort liegen die Küche, eine Wäscherei und die hauseigene Kapelle mit den Buntglasfenstern, auch ein alter Speisesaal mit Fensterfront in den Garten. Es geht darum, sicherzustellen, dass hier unten keiner wider Willen übernachtet, dass sich niemand verirrt hat im Lauf des Tages. Hartmann macht sich Licht in weiten menschenleeren Räumen, sie löscht es wieder hinter sich, es sind stumme Szenen wie vom Anfang eines Kriminalfilms. Zurück im erleuchteten Erdgeschoss, wartet schon eine elegante alte Dame auf sie, frisch frisiert, wie jeden Abend. "Sie kann", sagt Sandra Hartmann, "erst schlafen, wenn ihr jemand 'Gute Nacht' gewünscht hat."

Zur Abendzeit werden die Flure beschallt von dumpf lärmenden Fernsehgeräten hinter geschlossenen Türen, Applaus aus Rateshows mischt sich mit sonoren Sprecherstimmen, "Tagesschau"-Fanfaren und gellenden Angstschreien, die zu Filmen gehören, in der Regel. Sandra Hartmanns Nacht wird ein dauernder Rundgang sein, ohne große Pausen, in jedem Zimmer ihrer Zuständigkeit muss sie im Verlauf ihrer Schicht dreimal nach dem Rechten sehen, das macht bei 40, 50 Zimmern 120 bis 150 Besuche, Zwischen- und Notfälle nicht eingerechnet. Der nächtliche Routinedienst im Heim ist möglich, solange nichts dazwischenkommt. Geschieht etwas, werden alle Zeitpläne Makulatur.

Ist ein Heim schlecht organisiert, geht es nicht nur in den Nächten schnell hinab in eine Hölle auf Erden. Und wenn eine Meldung von dort den Schreibtisch von Claus Fussek erreicht, ist es im Grunde schon zu spät und das Unglück bereits geschehen. "Pflegepapst" Fussek redet schnell und telefoniert noch nebenbei mithilfe eines aufgeschnallten Headsets, er ist ein sprudelnder Mensch, von dem sich nicht auf Anhieb sagen lässt, ob er eigentlich fröhlich oder verzweifelt ist.

Fussek erwähnt oft seine Freundschaft mit dem mittlerweile verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt, und wie dieser ist er ein Mann des scharfen Wortes. Das System der "schlechten Pflege" in Deutschland werde von "einem Schweigekartell" geschützt, sagt Fussek, "wir stehen vor einer der größten Humankatastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg", vor einer fortgesetzten, "tausendfachen Menschenrechtsverletzung".

Seit Jahrzehnten werde die Würde alter Menschen hierzulande mit Füßen getreten. Die Pflege sei heute ein Markt, der sich von der Altölentsorgung nicht weiter unterscheide. "Sie würden doch auch nie auf die Idee kommen", ruft Fussek, "Ihren Kindergarten einem niederländischen Investor zu überlassen! Oder stellen Sie sich doch nur mal vor, im Frauengefängnis würden die Insassinnen von Männern leibesvisitiert! Was da los wäre! Aber das müssen alte Frauen im Heim ständig erdulden!"

Fusseks Büro liegt in der Münchner Isarvorstadt, die Wände sind bis unter die Decke mit Aktenordnern verstellt. Darin, sagt er, seien 50.000 Fälle dokumentiert, "die ich meine Schicksale nenne". Es finden sich Briefe verzweifelter Pflegerinnen, die von unhaltbaren Zuständen in ihren Heimen erzählen, Anklageschriften gegen die Betreiber ambulanter Dienste, Protokolle von Heimüberprüfungen, formlose Anzeigen Angehöriger, selbst traurige Gedichte finden sich, geschrieben von Frauen, die den Glauben an ihren Pflegeberuf verlieren. Es sind Notizen aus einer Welt, von der die Mehrheit der Gesellschaft nicht viel wissen will und um die sich Staat und Politik viel zu wenig kümmern. Fusseks Büro ist der Kummerkasten der deutschen Altenpflege.

Sven Döring / DER SPIEGEL

Nun steht er, bald 65, vor dem eigenen Ruhestand und spricht vom Gefühl der Ohnmacht, weil alles Alarmschlagen in drei Jahrzehnten nichts geholfen hat. "Seit 30 Jahren liegen Leute in ihrer eigenen Scheiße", sagt er, "und es kümmert immer noch keinen. Seit 30 Jahren wird ihnen das Essen in den Mund gestopft, weil die Pfleger keine Zeit zum Füttern haben, und nichts passiert." Daran, sagt Fussek, seien aber auch die Pflegerinnen und Pfleger schuld. Die Hälfte von ihnen sei für ihre Arbeit charakterlich völlig ungeeignet, "und die andere Hälfte ist zu unpolitisch, um sich endlich zu organisieren und gegen die Verhältnisse aufzustehen".

Die Verhältnisse sind indes nicht leicht zu fassen. In seiner verrückten Detailverliebtheit hat der deutsche Gesetzgeber ein System erschaffen, so unübersichtlich, dass sich selbst für aufmüpfiges Pflegepersonal ein Gegner nicht leicht ausmachen lässt. Seit dem Urknall der Blüm-Reform wird am System gedoktert und gefeilt. Es hat mittlerweile viele weitere Gesetze gegeben, deren Namen mit "Pflege..." beginnen, viele ehrgeizige Gesundheitsminister waren im Amt, und auch die Bundeskanzlerin hat die Pflege immer wieder einmal wolkig für wichtig erklärt. Dennoch herrscht das Gefühl vor, dass wenig besser, aber vieles schlechter geworden ist.

Gut war es von Anfang an nicht. Die Entscheidung, den Pflegemarkt als teils staatlich, teils privat finanziertes Zwitterwesen zu etablieren, das sich auch noch selbst verwalten sollte, sorgt für endloses Tohuwabohu. Die theoretisch getrennten Pflege- und Krankenkassen bewegen sich gemeinsam durch eine trübe Grauzone, in der niemand mehr die Hand vor Augen sieht. Wenn ein alter Mensch, was ja vorkommt am Lebensende, zwischen Pflegeheim und Krankenhaus hin- und hergeschickt wird, muss für ihn mal die eine, mal die andere Kasse zahlen, man stelle sich allein den Verwaltungsaufwand vor, geschweige denn die Möglichkeiten zum Missbrauch.

Cornelia Heintze, Sozialforscherin und selbst einst Stadtkämmerin, spricht davon, dass ein System der "organisierten Nichtverantwortung" erschaffen worden sei. Heintze hat für die Friedrich-Ebert-Stiftung und diverse Fachblätter brillante Vergleichsstudien über Pflege und Altenhilfe in Skandinavien und Deutschland erarbeitet, die die Schwächen des deutschen Systems schonungslos offenlegen. Der ernüchternde Befund lautet, dass es in Deutschland nicht um den konkreten Bedarf der pflegebedürftigen Menschen gehe, "sondern um die Geringhaltung der öffentlichen Ausgaben". Wer diesen Satz zweimal liest, spürt die ganze Bitterkeit.

Im Vergleich mit Deutschland geben Dänemark oder Schweden für Bürgerinnen und Bürger, älter als 65 Jahre, pro Kopf und Jahr locker das Dreifache aus, um ein Altern in Würde zumindest nach Kräften anzustreben. Altenhilfe wird in Skandinavien insgesamt als eine der vornehmsten Aufgaben des Staates verstanden und nicht den in der Regel überforderten Familien übertragen wie hierzulande.

Die nordischen Kommunen kümmern sich um ihre alten Mitbürger, auch lange bevor diese überhaupt zu Pflegefällen im deutschen Sinne werden. In Dänemark bekommen alleinstehende Alte "präventive Hausbesuche", bei denen sich womöglich schnell herausstellt, dass diese Dame oder jener Herr keineswegs ins Heim muss, sondern lediglich jemanden braucht, der einkaufen geht. Im Norden haben sich völlig andere Strukturen der ambulanten Pflege ausgebildet, die auf Deutsch wohl "niedrigschwellig" hießen. Sie machen die nordischen Systeme flexibel, und sie lassen das deutsche starr und falsch aussehen.

Wer Cornelia Heintzes Studien liest, stellt sich jedenfalls unweigerlich die Frage, ob Deutschland mit seinen Vorstellungen vom Altern und von der Altenpflege nicht auf dem Holzweg ist. Ob nicht ein Bruch mit dem bestehenden System erfolgen muss.

Man kann sich die Statistiken und Studien recht wahllos herauspicken und erschrickt ein ums andere Mal. Im Vergleich mit den hochentwickelten OECD-Ländern unterhält Deutschland eines der billigsten Pflegesysteme. Deutschland liegt auch bei der personellen Ausstattung und vielen anderen Qualitätskriterien im internationalen Vergleich auf den hintersten Plätzen. Dänemark, Norwegen, Irland, die Schweiz, Belgien, Neuseeland, die Niederlande, Frankreich, sie machen es alle großzügiger, würdiger. Die Niederlande etwa und die skandinavischen Länder setzen, man stelle sich vor, für eine gleiche Zahl von zu Pflegenden zwei- bis dreieinhalbmal so viel Personal ein wie in Deutschland üblich.

So lässt sich sagen: In Aarhus oder Östersund wäre Sandra Hartmann, die schmale, schüchterne Pflegerin im Hofer Caritasheim, auf ihren nächtlichen Rundgängen nicht allein. Sie wäre nicht allein zuständig für 40, 50 alte Leute. Sie hätte mehr Zeit, für alles, für die Menschen in ihrer Obhut, für sich. Aber Hof ist nicht Aarhus, nicht Irland, nicht Holland. Es ist Deutschland, es ist Winter, und es ist spät.

Sven Döring / DER SPIEGEL

Hartmann läuft durch die Gänge im vierten Stock, alle Lichter gedimmt. Ein helles, fahles Pfeifen ist nun ununterbrochen zu hören, als spielte jemand auf einer Orgel immerzu denselben hohen Ton in einem unerfindlichen Rhythmus. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims lösen dieses Pfeifen aus, sie klingeln nach Betreuung, im ganzen Haus, und das kann viel heißen. Es kann heißen: Ich möchte meinen Fernseher lauter haben. Es kann heißen: Ich habe Durst. Es kann heißen: Ich liege in meinem Erbrochenen.

Hartmann tut, was sie kann. Sie ist in dieser Nacht zuständig fürs Erdgeschoss und für die Etagen zwei und vier, den Rest des Hauses teilen sich zwei Helfer. Lichter über den Zimmertüren zeigen auf der Flurseite an, wo geklingelt wurde. Hartmann öffnet vorsichtig Türen, um niemanden unnötig zu wecken. Und wenn sie hineingeht in die dunklen Räume, weiß sie nie, was sie erwartet.

Frau S. hat heute nichts essen wollen, sie schreit ab und zu und zieht sich aus.
Frau P. ist sehr weinerlich und verhält sich seltsam. Sie klingelt, und wenn man kommt, sagt sie: "Es ist nichts."
Frau G. war heute draußen.
Frau H. hatte eine Atemnot, dann wollte sie nach Hause zu ihrem Hund, sie konnte sich gar nicht beruhigen mit dem Hund, ich habe ihr eine "Tavor" gegeben.
Frau K. hat heute auf die Frage, ob sie gut geschlafen hat, geantwortet: "Was geht denn dich das an, das interessiert dich doch sowieso nicht."
Bei Frau T. ist heute die Augenprothese rausgefallen. Ist wieder drin.
Herr K. ist sehr aggressiv. Er spuckt und hat sich den Abführbeutel aufgerissen und die Kacke überall hingeschmiert, auch sich selber ins Gesicht.
Herr S. hat wieder geschlagen, für ihn sind jetzt beim Amtsgericht Maßnahmen zur Fixierung beantragt, die Entscheidung ist noch nicht da.

Wenn das Caritasheim in Hof mehr Pflegekräfte anstellen wollte, müsste es die Kosten dafür auf alle Bewohnerinnen und Bewohner umlegen. Drei Pflegerinnen mehr im Haus bedeuteten 200 Euro mehr für jeden Heimbewohner, schon jetzt kostet ein Platz etwa 1600 Euro monatlich. Es gibt messerscharfe Vorschriften, die festlegen, wie viel Personal ein Heim, gemessen an seiner Bettenbelegung und dem jeweiligen Pflegegrad der Bewohner, haben darf, die Juristen und Ökonomen haben da keinen Cent und keine Sekunde Arbeitszeit vergessen. Die Pflegekassen verstehen sich als Hüter eines Haushalts, nicht als Anwalt der zu Pflegenden. Menschenfreundlichkeit ist kein wichtiger Systemfaktor, weil sie sich nicht sauber bepreisen lässt.

In Hof arbeiten derzeit 67 Pflegerinnen und Pfleger, längst nicht alles Fachkräfte, es gibt 13 Betreuungsassistenten, die in violetten Kitteln tagsüber Spiele organisieren, außerdem 13 Auszubildende. Das ist, bei 118 Betten, alles in allem nicht viel, nach menschlichem Ermessen ist es zu wenig. Ein Fünftel der Leute ist immer im Urlaub oder krank. Personalabgänge gibt es dennoch wenig, das wertet die Caritas-Zentrale in Bamberg als Zeichen dafür, dass das Haus gut geführt wird. Es gibt auch andere Zustände.

Dann und wann, mutmaßlich viel zu selten, müssen ganze Heime schließen, weil sie ihren Auftrag nicht nur nicht erfüllen, sondern zu regelrechten Fabriken der Misshandlung werden. Jedes Jahr erkranken immer noch mindestens 320.000 Menschen in Deutschland an Druckgeschwüren, dem berüchtigten Dekubitus, der als klares Zeichen für schlechte Pflege gilt. Man könnte den Heimen vorschreiben, ab einer gewissen Größe festangestellte Ärzte zu beschäftigen. Aber das käme teuer und geschieht auch deshalb nicht, weil der Kuchen für die Mediziner größer ist, wenn viele Ärzte die Heime ambulant betreuen.

Die deutsche Pflege hat, offenkundig, in jeder Faser Strukturprobleme. Die eigentliche Kundschaft, die Gebrechlichen, Alten, haben nichts zu sagen und viel zu erdulden. Es bestimmen und profitieren die Anbieter und Investoren, das muss so gewollt sein, denn es ist seit Norbert Blüms Reform die von allen Regierungen verfolgte Linie. Der "politisch eingerichtete Pflegemarkt", sagt Cornelia Heintze, "nutzt gewissen Akteuren wie den gewinnorientierten Pflegeketten. Den Preis zahlen die Bedürftigen, ihre Angehörigen und alle in der Pflege tätigen Kräfte".

Dabei soll es offenkundig bleiben. Aktuelle Ankündigungen aus Berlin, aus diesem Winter, eine neue Regierung müsse dem Pflegesystem nun irgendwie rasch eine Milliarde Euro zusätzlich zuführen, vor allem um Pflegerinnen und Pfleger besser bezahlen zu können, hätten nichts verbessert. Sie wirken, im Gegenteil, geradezu kindisch angesichts der Herausforderungen, die wirklich bevorstehen.

Nach staatlichen Prognosen wird die Zahl der in Deutschland "vollstationär" Gepflegten bis 2030 die Millionengrenze überschreiten, das wären dann 200.000 Heimbewohner mehr als heute. Ob es wirklich so kommt oder noch heftiger wird, ist mit Gewissheit nicht zu sagen. Sicher ist, dass sich das bestehende System, das auf der freiwilligen Familienbetreuung und -finanzierung basiert, nach und nach in Luft auflöst: Die Zahl der für die Pflege verfügbaren Töchter, der Schwieger- und Enkeltöchter sinkt, weil sie entweder gar nicht geboren wurden oder weil sich Frauen heute nicht mehr so einfach in die Helferrolle zwingen lassen. Die Familie, auf der das deutsche System der Pflege ideologisch ruht, gibt es letztlich nur noch in den Parteiprogrammen von CDU und CSU, tatsächlich endet gerade das alte Rollenspiel von männlichem Ernährer und pflegender Frau.

Sven Döring / DER SPIEGEL

Das ist die Lage am Beginn des Jahres 2018: Egal, mit wem man spricht, ob mit Claus Fussek aus München oder mit Frau Jakob und Frau Katzmann aus Hof, ob mit Berliner Forschern der Bundesagentur für Arbeit, mit Experten der Gewerkschaft Ver.di oder mit Heimaufsichtsleuten in Bayern und in Niedersachsen, das Gefühl danach ist immer das gleiche.

Es spricht aus Anfragen im Bundestag, die Sozialpolitiker der Linken und der Grünen einbringen, es spricht aus den Positionen so unterschiedlicher Organisationen wie der Arbeiterwohlfahrt, der Hospiz-Stiftung oder der Verbraucherzentrale Bundesverband. Dieses Gefühl, es wird zu einer Gewissheit, die lautet: Das bestehende System der deutschen Altenpflege gehört, eine monströse Fehlkonstruktion, auf den Müllhaufen der Geschichte.

Vorrangig am Geld und an Kostenkontrolle orientiert, verfehlt es die Menschen, für die es gedacht ist, die pflegebedürftigen Alten zuerst, die sich unwürdigen Begutachtungen zur Bestimmung ihres Pflegegrads unterziehen müssen, um mit dem System um ein paar Hundert Euro zu feilschen. Danach die Familien und vor allem die Frauen, die aufgrund eines überkommenen Familien- und Rollenbilds in Deutschland als Angehörige in die Lücken springen müssen. Dann die eine Million Beschäftigten, die als stationäre und ambulante Pflegerinnen und Pfleger unter den gegebenen Umständen kaum anders denn als Ausgebeutete zu bezeichnen sind. Dann die Gesellschaft, die eine Pflichtversicherung mit Beiträgen speisen muss, deren Leistungen insgesamt völlig inakzeptabel sind. Es braucht keine Reform, es braucht einen Neuanfang.

Ein neues Pflegesystem muss sich am aufgeklärteren Menschenbild vieler europäischer Nachbarn und vor allem der Skandinavier orientieren. Dass in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, selbst dann der Geldbeutel zugehalten wird, wenn es darum geht, den eigenen Vätern und Müttern, den Groß- und Urgroßeltern einen guten, friedlichen, angenehmen Lebensabend zu ermöglichen, ist ein peinlicher, unwürdiger Zustand. Ihn abzuschaffen gehört zum historischen Auftrag der nächsten Bundesregierung. Ein überaltertes Land, das seine Alten geringschätzt, hat keine Zukunft.

Es kann sich, für den Moment, nur glücklich schätzen, dass es Menschen in seinen Reihen hat wie Janine Krauss, wie Ingrid Strunz, wie Sandra Hartmann, die eine selten gravierende Fehlentwicklung mit ihrem Engagement überbrücken.

Sie verrichten ihren Dienst am Gemeinwohl auf der Kolpingshöhe in Hof, im Pflegeheim der Caritas, fünf Stockwerke mit weitem Blick in die Gegend.

Sie gehen morgens über die Flure, abends, nachts. Sie messen Blutdruck, säubern Ohren, sie helfen beim Waschen, beim Anziehen, sie kämmen Haare, schneiden Fingernägel, sie stellen Fernsehgeräte leiser, bringen Wasser, messen Fieber. Sie heben und drehen schwache, gebrechliche Menschen, sie füttern, schenken Saft nach, hören zu, stellen Fragen, sie machen, was sich Pflege nennt: unbezahlbare Arbeit.

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