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Wirtschaft
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16/2018

Senioren

Warum die Kosten für Pflegeheime explodieren

Die jüngste Sozialreform sollte für höhere Löhne beim Pflegepersonal sorgen. Doch nun tritt ein gefährlicher Nebeneffekt auf.

THOMAS DASHUBER / DER SPIEGEL

Altenheimbewohnerin Goldschmidt, Tochter Cosar: "Grenze der Belastbarkeit"

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Montag, 16.04.2018   19:12 Uhr

Ihre Tochter erkennt Edeltraut Goldschmidt nur noch an guten Tagen. Ihr Augenlicht hat sie vor langer Zeit verloren, seit einem Schlaganfall fällt ihr auch das Trinken schwer. Im März ist die Dame aus Zimmer 316 des Caritas-Altenheims St. Josef 98 Jahre alt geworden. Das Alter fordert einen hohen Preis. Für Edeltraut Goldschmidts Seniorenheim gilt das inzwischen leider auch.

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Heft 16/2018
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Als im Januar 2017 die jüngste Stufe der Pflegereform in Kraft trat, versprach die Bundesregierung, demente und gebrechliche Senioren besser versorgen zu lassen und finanziell zu entlasten. Doch nun zeigt sich, dass von einer dauerhaften Erleichterung keine Rede sein kann.

Kaum ein halbes Jahr nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, teilte das Altenheim St. Josef nahe München mit, dass die Pflege künftig wieder teurer werde. Der Anteil, den die Bewohner selbst aufbringen müssen, werde zum Oktober 2017 um 116 Euro monatlich auf dann 2088 Euro im Doppelzimmer steigen, im Einzelzimmer auf rund 2280 Euro. Ohne die Hilfe ihrer Tochter wäre Edeltraut Goldschmidt auf das Sozialamt angewiesen.

Ein großer Teil der knapp 780.000 Heimbewohner erhielt in den vergangenen Wochen unerfreuliche Post. Steigende Ausgaben für die Pflege müssen die Senioren selbst tragen, weil die gesetzliche Pflegekasse über eine Pauschale nur einen Teil der Heimkosten übernimmt. Von einem »gravierenden Problem« spricht der Biva-Pflegeschutzbund. Ausgerechnet jenes Projekt, das für eine bessere Pflege sorgen sollte, wird für viele Bedürftige zur finanziellen Last.

Denn seit der Reform gilt eine Regel, die bewirken soll, dass Pfleger besser bezahlt werden. Viele Fachkräfte wurden zuvor mit Gehältern unterhalb des Tariflohns abgespeist. Für Heime ist es nun leichter, höhere Löhne zu zahlen: Sie dürfen Mehrausgaben weiterreichen - an die Heimbewohner.

Die Bundesregierung räumt das offen ein. In 37 Prozent der Heime und bei 59 Prozent der ambulanten Pflegedienste habe es zuvor keine Bezahlung nach Tarif gegeben, schreibt das Bundesgesundheitsministerium in der Antwort auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion. Die Umstellung auf Tariflöhne könne nun »einmalig zu einem entsprechend steigenden Eigenanteil der Pflegebedürftigen« führen. Die Opposition ist entsetzt. »Menschen mit Pflegebedarf und Pflegekräfte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden«, sagt Pia Zimmermann, Pflegeexpertin der Linken-Bundestagsfraktion.

Laut einer Statistik des Kassenverbandes vdek mussten Heimbewohner im Januar 2017 allein für Pflegeleistungen im Bundesdurchschnitt 554,55 Euro monatlich aufbringen. Dieser Eigenanteil ist im Januar 2018 auf 593 Euro geklettert. Dazu addieren sich die Ausgaben für Essen und Unterkunft. Im Schnitt berappen die Senioren heute 1772 Euro aus eigener Tasche. Wer überfordert ist, muss seine Kinder oder das Sozialamt um Hilfe bitten. »Ein weiterer Anstieg treibt immer mehr Menschen in die Armut«, sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

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Vor allem im Osten sind die Eigenanteile explodiert, von Steigerungen um »mehrere Hundert Euro« pro Monat berichtet die Interessenvertretung Biva, die von Anfragen Betroffener überhäuft wird.

Edeltraut Goldschmidts Heim ist für die Region nicht einmal besonders teuer, Pfleger erhielten hier auch vor den Entgelterhöhungen ordentliche Löhne. Die Kassen hätten ihre Pauschalen aber nicht angepasst, heißt es bei der Caritas München.

Auch Goldschmidt lebt daher nun nah an dem, was ihre Tochter Eva-Marie Cosar »die Grenze der finanziellen Belastbarkeit« nennt. »Ich zahle gern für eine gute Betreuung meiner Mutter. Dann möchte ich aber auch, dass das Geld in der Pflege ankommt - durch mehr Stellen und durch höhere Löhne für die Pflegekräfte.«

Dass ihre Mutter intensiver betreut würde, kann sie nicht feststellen. Cosar verbringt ihre Nachmittage im Altenheim, um ihrer Mutter mit dem Löffel angedickte Säfte einzuflößen. »Wenn meine Mutter einen bockigen Tag hat, dauert es sehr lang, bis sie den Mund zum Füttern aufmacht«, sagt Cosar. Das Zeitbudget der Pflegerinnen reiche dafür nicht aus.

Mit einem Sofortprogramm will die Große Koalition nun 8000 zusätzliche Stellen schaffen, Bewerber sollen mit höheren Löhnen geködert werden.

Ein wenig klüger ist die Politik geworden. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD festgelegt, dass dieses Mal nicht etwa die Heimbewohner die Kosten tragen sollen, sondern die Sozialkassen. Zahlen müssten dann alle Beitragszahler.

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