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SPIEGEL-GESPRÄCH

Ich war ja selber skeptisch

Cisco-Chef John Chambers über das vernetzte Haus, die Bedeutung des elektronischen Handels im Internet und die künftigen Regeln der Ökonomie Von Kerbusk, Klaus-Peter und Bredow, Rafaela von

SPIEGEL: Mr. Chambers, Sie gehören zum Beraterstab von US-Präsident Bill Clinton, Sie reden mit dem englischen Premierminister Tony Blair und dem chinesischen Staatschef Jiang Zemin über das Internet. Fühlen Sie sich als eine Art Missionar, der die schöne, neue Welt des World Wide Web verkündet?

Chambers: Im Moment hat es wirklich den Eindruck, als ob ich ein Wanderprediger wäre. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren mit fast allen Staatschefs der wich-

* Bei einer Rede im Weißen Haus in Washington im November 1998, mit US-Präsident Clinton.

tigen Industrieländer gesprochen - nur mit Bundeskanzler Gerhard Schröder bin ich leider noch nicht zusammengetroffen.

SPIEGEL: Was wollen die Politiker von Ihnen wissen?

Chambers: Sie erkennen allmählich, daß sich im Internet eine stille Revolution ereignet, die alle Bereiche unseres Lebens verändert: Arbeit und Privatleben, Spielen und Lernen. Und sie begreifen nun, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen dem technischen Fortschritt und der Entwicklung bei den Arbeitsplätzen. Da alle wiedergewählt werden wollen, möchten sie wissen, wie ich die Entwicklung sehe.

SPIEGEL: Ihre Firma ist außerhalb der High-Tech-Branche kaum bekannt. Warum fragen die Politiker gerade Sie um Rat?

Chambers: Vermutlich, weil wir die Pioniere des Internet sind. Cisco hat 1984 die Datenkommunikation zwischen verschiedenen Computernetzen entwickelt. Heute stammen mehr als 80 Prozent der Basistechnologie des Internet von uns.

SPIEGEL: Das hört sich nicht gerade spannend an.

Chambers: Vielleicht, aber wir bauen nicht nur die Infrastruktur, wir praktizieren die Regeln der Internet-Ökonomie auch im eigenen Haus. Ich glaube, es gibt derzeit keinen Konzern auf der Welt, der seine Geschäftsabläufe so eng mit dem Netz verknüpft hat wie Cisco. Wir machen bereits drei Viertel unseres Umsatzes über das World Wide Web.

SPIEGEL: Dennoch, Web-Adressen wie etwa Yahoo oder Amazon sind viel bekannter. Was macht Cisco so bedeutend?

Chambers: Wenn man sich das Internet als ein globales Straßennetz vorstellt, dann bauen wir die Kreuzungen und die Ampeln. Unsere Router und Switches regeln den Verkehr auf den Daten-Highways, die bald zu einem Netz für Computerdaten, Video und Sprache zusammenwachsen.

SPIEGEL: Demnächst wollen Sie auch noch die Haushalte verkabeln. Glauben Sie wirklich, daß viele Leute ein Interesse daran haben, in einem vollautomatischen Haushalt zu leben?

Chambers: Von vollautomatisch kann keine Rede sein. Wir wollen nur alle elektronisch funktionierenden Geräte vernetzen, also vom Faxgerät über Fernseher und Computer bis hin zur Klimaanlage und zum Mikrowellenherd. Solange die Datenleitungen nicht die nötige Übertragungskapazität hatten, machte das wenig Sinn und war absurd teuer. Aber das ändert sich jetzt und bietet enorme Möglichkeiten.

SPIEGEL: Was ist daran so toll, wenn mich mein TV-Gerät daran erinnert, daß die Pizza in der Mikrowelle fertig ist?

Chambers: Das läßt sich auch mit einer Klingel regeln. Aber wenn Sie schon vom Büro oder vom Auto aus den Backofen anstellen können, dann hat das deutliche Vorteile. Wenn Sie die Heizung oder die Alarmanlage über das Netz steuern, wenn Sie an der Mikrowelle Internet-Geschäfte erledigen können, dann sparen Sie Zeit und Geld. Schließlich steht der Durchschnittsamerikaner vor keinem Haushaltsgerät so lange wie vor seiner Mikrowelle.

SPIEGEL: Die meisten Internet-Nutzer scheinen damit zufrieden zu sein, im Web zu surfen und E-Mails zu schreiben.

Chambers: E-Mails sind die Einstiegsdroge. In den USA werden schon mehr E-Mails geschrieben als normale Briefe.

SPIEGEL: Aber selbst im technikbegeisterten Amerika gibt es bislang nicht einmal 20 000 vernetzte Haushalte. Ist Ihr Optimismus nicht reichlich übertrieben?

Chambers: Keineswegs. Die Infrastrukturen von Telefon, Internet, TV-Kabelnetz und Strom existieren ja schon in fast jedem Haushalt - nur eben nebeneinander. Zusammen mit Geräteherstellern wie Sony oder Panasonic sorgen wir dafür, daß sie bald auch miteinander kommunizieren können. Und zwar zu vernünftigen Kosten.

SPIEGEL: Heute können die meisten Leute kaum ihren Videorecorder programmieren. Wie sollen sie da die viel komplexeren Steuersysteme für ein Haus beherrschen?

Chambers: Ich kann die Vorbehalte verstehen, auch ich hatte Probleme mit meinem Videorecorder. Da die Chips immer leistungsfähiger werden, machen wir aber große Fortschritte.

SPIEGEL: Was macht Sie so sicher?

Chambers: Bis vor fünf Jahren war ich ja selber äußerst skeptisch, obwohl ich mein Leben lang in der Computerindustrie gearbeitet habe. Als damals mein Cheftechniker zu Hause einen Internet-Anschluß installierte, sagte ich: Das ist doch nur was für Nerds, also für absolute Freaks.

SPIEGEL: Was antwortete er?

Chambers: Er meinte: "John, du wirst schneller ein Nerd, als du denkst." Und er hatte recht: Seit drei Jahren habe ich einen privaten Internet-Anschluß. Meine Frau war zuerst dagegen, aber seit ich damit auch Klavier spiele, surft sie ebenfalls.

SPIEGEL: Sie spielen Klavier im Internet?

Chambers: Ich lasse spielen. Wir haben ein elektronisches Klavier, und dafür gibt es im Internet eine große Auswahl an Stücken.

SPIEGEL: Wie lange surfen Sie im Schnitt?

Chambers: Etwa drei Stunden pro Tag. Vor kurzem habe ich für meine Tochter zum erstenmal ein Auto im Internet gekauft. In einer halben Stunde war alles geregelt. Das ist doch toll! Solche Erfahrungen machen Millionen Menschen auf der Welt.

SPIEGEL: Vor allem in Amerika. In Europa ist die Begeisterung deutlich geringer.

Chambers: Aber beachten Sie auch dort das Tempo des Wandels. Alle Prognosen, die je über die Verbreitung des Internet gemacht wurden, waren innerhalb kurzer Zeit überholt und mußten korrigiert werden - und immer nach oben. Ich gehe nun sogar davon aus, daß der Umfang des E-Commerces im Jahre 2002 um etwa den Faktor fünf höher liegt als in allen heute kursierenden Prognosen.

SPIEGEL: Glauben Sie ernsthaft, daß die Zuwachsraten der ersten Jahre anhalten?

Chambers: Wir sind zur Zeit in einer Situation ähnlich wie vor gut 200 Jahren, als die industrielle Revolution begann. Die Firmen, die jetzt ihre Organisation auf das Internet umstellen, haben so enorme Kostenvorteile, daß die Konkurrenz nur eine Alternative hat: Entweder sie springt auch auf den Zug auf, oder sie hat keine Chancen mehr. Das erkennen immer mehr Firmenchefs und beginnen, ihr Unternehmen für das nächste Jahrtausend zu rüsten.

SPIEGEL: Dieser Wandel vollzieht sich in den nächsten drei Jahren, für die Sie einen Anstieg des elektronischen Handels auf 1,1 Billionen Dollar erwarten?

Chambers: Im Internet zählt die Zeit nach Hundejahren - also ein Jahr entspricht sieben Jahren. Deshalb bin ich sicher, daß die Internet-Revolution nicht 200 Jahre braucht, um die Welt zu verändern. Sie wird die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren umkrempeln. Für die Wirtschaft gelten dann andere Regeln: Dann schlägt nicht mehr der Große den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen.

SPIEGEL: Und was hat der Verbraucher davon? Der muß sich doch jetzt schon ständig mit unausgereifter Software plagen.

Chambers: Das muß nicht zwangsläufig so sein. Für die Qualität ihrer Produkte ist schließlich jede Firma selbst verantwortlich.

SPIEGEL: Welche Vorteile hatte denn Cisco, nachdem Sie sich für die Nutzung des Internet entschieden haben?

Chambers: Nehmen Sie unser Bestellwesen. Früher, als wir noch mit Auftragsformularen arbeiteten, waren etwa 25 Prozent aller Aufträge fehlerhaft. Entweder weil sich jemand beim Übertragen der Aufträge vertippt hatte oder weil die bestellten Geräte nicht richtig zusammenpaßten. Seit wir die Auftragsannahme ins Internet verlegt haben, ist die Fehlerrate quasi bei Null.

SPIEGEL: Tippfehler sind auch im Internet möglich.

Chambers: Ja, aber nun werden die Aufträge per Computer auf Plausibilität geprüft. Wenn Komponenten nicht zusammenpassen, gibt der Computer eine Warnmeldung aus.

SPIEGEL: Das freut den Kunden, verringert Ihre Kosten aber noch nicht entscheidend.

Chambers: Unterschätzen Sie das nicht. Aber nehmen Sie ein anderes Beispiel: die Kundenbetreuung. Wir haben die Handbücher abgeschafft und statt dessen alle technischen Anweisungen in einer Datenbank abgelegt. Wenn ein Kunde ein Problem hat, kann er sich die Lösung meist per Internet holen, vollautomatisch gesteuert. Dadurch sparen wir Druckkosten für die Handbücher und die Kosten für die Telefonberatung, die wir früher hatten. Auch unsere Kunden sind damit sehr zufrieden.

SPIEGEL: Was bedeutet das in Mark und Pfennig für Cisco?

Chambers: Alles in allem haben wir unsere Kosten um etwa 20 Prozent verbessert. Damit sparen wir rund 500 Millionen Dollar pro Jahr. Das ist mehr Geld, als alle unsere direkten Konkurrenten für Forschung und Entwicklung ausgeben. Und statt 2000 Ingenieure mit letztlich unproduktiven Serviceaufgaben zu belasten, können sie sich nun ganz der Forschung widmen. Dadurch können wir unseren Vorsprung weiter ausbauen.

SPIEGEL: Solange sich Cisco nur um die Datenkommunikation gekümmert hat, mußten Sie nur mit relativ kleinen Konkurrenten kämpfen. Jetzt drängt Cisco auch in die Sprachkommunikation und baut komplette Netzwerke für Telefonfirmen wie Sprint oder die schwedische Telia.

Chambers: Ja, wir selbst telefonieren auch schon über das Internet. Die Carrier können damit so enorme Produktivitätssprünge machen, daß herkömmliche Telefonate demnächst kaum noch ins Gewicht fallen. Reine

* Klaus-Peter Kerbusk, Rafaela von Bredow in Los Angeles.

Telefongespräche benötigen dann so wenig Kapazität, daß die Firmen sie kostenlos anbieten könnten. Quasi als Lockvogelangebot für die teureren Dienste wie etwa Daten- und Videoübertragung.

SPIEGEL: Damit treten Sie aber auch in direkte Konkurrenz zu den traditionellen Telefonnetzherstellern wie Lucent, Siemens oder Alcatel - und die sind viel größer und finanzkräftiger als Cisco.

Chambers: Größe ist relativ. An der Börse zählen wir zu den zehn teuersten Unternehmen der Welt. Cisco wird weitaus höher bewertet als Siemens, Ericsson, Nokia und Alcatel zusammen.

SPIEGEL: Unterschätzen Sie da nicht die Macht und den Einfluß dieser Konzerne? Chambers: Schauen Sie sich doch die Märkte einmal an. In der Datenkommunikation sind die Gerätepreise in den letzten Jahren um 25 bis 45 Prozent pro Jahr gesunken. Dennoch ist unsere Rendite nahezu unverändert. Beim Equipment für Sprachtelefonie dagegen haben sich die Preise in den letzten sechs Jahren kaum verändert. Das ist doch ein Markt, auf dem Cisco nur gewinnen kann.

SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, daß der traumhafte Aufstieg Ihrer Firma eines Tages abrupt abbricht, weil die Konkurrenz schneller oder besser geworden ist?

Chambers: Wir müssen natürlich höllisch aufpassen, daß wir keine neue Entwicklung verschlafen. Deshalb halte ich es mit dem Intel-Mitbegründer Andy Grove, der gesagt hat: "Nur die Paranoiden überleben." Und verglichen mit unserer Paranoia ist Intel ein ganz gemütlicher Laden.

SPIEGEL: Was hindert die Konkurrenz, das gleiche zu tun wie Sie, nämlich kleine Firmen mit guten Ideen aufzukaufen?

Chambers: Mit dem Aufkaufen allein ist es nicht getan, denn die meisten Fusionen gehen schief. Es kommt auf die Integration der neuen Mitarbeiter und ihrer Ideen an, und da haben wir inzwischen große Erfahrung. Seit 1995 hat Cisco 30 Firmen aufgekauft, davon waren 28 Übernahmen erfolgreich. In diesem Jahr werden wir wieder 10 bis 12 Start-ups übernehmen.

SPIEGEL: Welchen Rat würden Sie Bundeskanzler Schröder geben?

Chambers: Ich würde ihm klarmachen, wie sehr die ökonomische Stärke eines Landes von der Informationstechnik abhängt. Je besser die Informationstechnik ist, desto stärker ist die Wirtschaft. Und je leistungsfähiger die Firmen sind, desto mehr Jobs können entstehen.

SPIEGEL: Geht es auch etwas konkreter? Chambers: Ich meine, daß Deutschland für die Zukunft keine schlechten Chancen hat, weil das Bildungssystem eigentlich sehr gut ist. Doch in der Akzeptanz des Internet besteht großer Nachholbedarf. Wenn der nicht schnell aufgeholt wird, verspielt Deutschland seine Chancen.

SPIEGEL: Was sollte die Bundesregierung als erstes tun?

Chambers: Vielleicht sollte sie sich mehr für die Ausbildung der Internet-Generation engagieren, damit junge Menschen frühzeitig an die neuen Medien herangeführt werden und das Internet nutzen und verstehen lernen.

SPIEGEL: Mr. Chambers, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Bei einer Rede im Weißen Haus in Washington im November 1998, mit US-Präsident Clinton. * Klaus-Peter Kerbusk, Rafaela von Bredow in Los Angeles.

DER SPIEGEL 10/1999
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