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DER SPIEGEL

Unter Piranhas

Der „Guardian“ steht seit Wochen im Zentrum der Snowden-Affäre. Was macht das mit der Redaktion?
Eigentlich ist das keine Zeitung, die sie hier planen, sondern die nächste Schlacht. Ein Dutzend Redakteure sind an diesem Morgen in den Konferenzraum im Herzen des Londoner "Guardian"-Hauses gekommen, um die Themen für die kommende Ausgabe zu diskutieren. "Was macht unser Gerichtsverfahren?", fragt Paul Johnson in die Runde, der stellvertretende Chefredakteur.
Vier Tage zuvor haben die britischen Behörden dem Brasilianer David Miranda in Heathrow Datenträger mit Informationen abgenommen, die für den "Guardian"-Journalisten Glenn Greenwald in Rio de Janeiro bestimmt waren, Mirandas Lebensgefährten. Juristen im Auftrag der Zeitung sollen nun dem Staat verbieten, das Material an die Amerikaner zu schicken. Vermutlich ist es aber sowieso zu spät.
Johnson steuert die Redaktion seit Wochen zusammen mit Chefredakteur Alan Rusbridger durch die Snowden-Affäre. Seitdem ist viel Merkwürdiges geschehen. Mitarbeiter der Regierung kamen vorbei und sagten, die "Guardian"-Leute hätten ihren Spaß gehabt, nun sollten sie mal das Material herausrücken. Vor vier Wochen schraubte Johnson im Keller der Redaktion mehrere Computer auseinander, um die Festplatten unter Geheimdienstaufsicht zu zerstören. Manchmal kann Johnson nur noch lachen, so bizarr ist die ganze Geschichte geworden. Das vielleicht Absurdeste ist, dass die meisten anderen Zeitungen in Großbritannien sich heraushalten.
Viele Kollegen missgönnen dem "Guardian" den Snowden-Scoop. Die Londoner Presselandschaft gleicht einem Teich voller Piranhas, in dem alle darauf lauern, dass sich einer verletzt. Die meisten hoffen, dass es Rusbridger sein möge, der Hobbypianist. Sein Blatt gilt als Bastion des linksliberalen Bürgertums - das genügt Kollegen von der Boulevardpresse, um den "Guardian" zu hassen.
Rusbridger und Johnson kämpfen nicht nur gegen die eigene Regierung und den Geheimdienst, sondern auch gegen Häme und Schadenfreude der Konkurrenz. Eigentlich gegen das halbe Königreich. Vermutlich ist die Stimmung in der Redaktion deshalb im Moment so gut. Paul Johnson, seit 1980 beim "Guardian", bittet nach der Konferenz in sein Büro, das nur etwas größer ist als eine Hundehütte. Eine Assistentin stellt einen Pappbecher mit Kaffee neben seinen Bildschirm.
Wenn Rusbridger den zarten Intellektuellen gibt, ist Johnson das Arbeitstier. Als er am 20. Juli in den Keller des Redaktionsgebäudes stieg und die MacBooks zersägte, saß Rusbridger in Frankreich und übte am Klavier. Sein Stellvertreter zog sich im Keller eine Splitterschutzbrille und eine Atemmaske auf und schaltete den Trennschleifer an.
"Ich denke, das war der beste Ausweg", sagt Johnson. Es gab ja Kopien. Außerdem habe man nicht riskieren wollen, dass ein Richter die Datenträger beschlagnahmt und dabei die Redaktion dazu zwingt, die Berichterstattung bis zum Ausgang des Verfahrens einzufrieren.
Die Schlacht um Snowden kostet die Zeitung Geld, vor allem für Flugtickets. Gleichzeitig stellen Johnsons Redakteure die Nachrichten ins Internet, kostenlos. Sie erreichen viele Millionen Leser auf der ganzen Welt, verlieren aber Zeitungskäufer. Zuletzt machte der Verlag im Jahr rund 36 Millionen Euro Verlust.
Aber die Zeitung ist dadurch zum Weltmedium geworden, dessen Website über 40 Millionen Nutzer monatlich hat.
Johnson drückt sich aus dem Stuhl hoch. "Draußen warten Brasilianer, keine Ahnung, was die wollen." Rusbridger ist gerade auf dem Weg zum Edinburgh Book Festival, um sein neues Chopin-Buch vorzustellen. Die zerstörten Computer lagern in einem verschlossenen Raum. Sie hätten nur noch historischen Wert, sagt Johnson. Gerade hat sich ein Museum bei ihm gemeldet.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 35/2013
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