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DER SPIEGEL

PRESSEFREIHEIT„Sie sollten dankbar sein“

„Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger, 59, über die Drohungen der britischen Regierung, die Zusammenarbeit mit Edward Snowden und die Gefahr, paranoid zu werden
SPIEGEL: Mr. Rusbridger, sind Sie eine Gefahr für das Vereinigte Königreich?
Rusbridger: Eine Gefahr? Das Königreich sollte froh sein, den "Guardian" zu haben. Natürlich sind die Geheimdienste in Großbritannien und den USA besorgt, weil sie offensichtlich ihre Datenbanken nicht ausreichend sichern können. Sie haben schließlich die Kontrolle über sehr viel Material verloren. Zum Glück für die Behörden sind wir in den vergangenen viereinhalb Monaten mit diesem Material äußerst verantwortungsvoll umgegangen. Dafür sollten sie uns dankbar sein.
SPIEGEL: Die Regierung beschuldigt Sie, der nationalen Sicherheit zu schaden.
Rusbridger: Das ist eine billige Attacke, weil nie erklärt wird, worin der Schaden genau besteht. Viele Abgeordnete in Westminster sagen, wir hätten uns unvorsichtig und verantwortungslos verhalten. Aber kein einziger kam bislang vorbei, um sich ein Bild zu machen oder mit uns zu reden. Sie sagen auch nicht, welche Artikel oder welche Absätze ihnen nicht gefallen haben. Die Diskussion wäre einfacher, wenn wir konkreter wüssten, was die Parlamentarier beunruhigt.
SPIEGEL: Premierminister David Cameron drohte vergangene Woche sogar mit "härteren Maßnahmen". Was meint er?
Rusbridger: In Großbritannien gibt es sogenannte DA-Notices, Abkommen zwischen Herausgebern und der Regierung, die beiden Seiten erlauben, vertraulich über sicherheitsrelevante Berichte zu reden, bevor sie erscheinen. Es ist aber kein System, das der Premierminister dazu nutzen kann, eine Geschichte zu verhindern. Vielleicht hat er das nicht verstanden. Man könnte aber gerichtlich gegen uns vorgehen, mit einer einstweiligen Verfügung, oder durch die Polizei. All das sind Maßnahmen aus dem 18. Jahrhundert, wie man mit der Presse umgeht.
SPIEGEL: Was ist das schlimmste Szenario, auf das Sie sich vorbereiten?
Rusbridger: Ein Richter könnte uns verbieten, mehr Material zu veröffentlichen. Es wäre allerdings sinnlos, weil es natürlich Kopien des Materials außerhalb Großbritanniens gibt. Wir arbeiten unter anderem mit der "New York Times" zusammen. Selbst wenn die Polizei in die Redaktion einmarschiert und mich festnimmt, würde ihnen das wenig bringen.
SPIEGEL: Ende Juli zerstörten Ihre Kollegen im Beisein des Geheimdienstes Festplatten. Fühlten Sie sich unwohl, Ihre Mitarbeiter mit Bohrmaschinen und Winkelschleifern in den Keller zu schicken?
Rusbridger: Ich habe es nicht gern getan. Es war aber der Staat, der an diesem Tag eine Grenze überschritten hat. Er hat uns unter Androhung von Justizgewalt gedrängt, unser eigenes Material unbrauchbar zu machen. Sonst hätte uns womöglich ein Richter gezwungen, die Computer herauszugeben, und wir wollten nicht, dass das Material der Regierung in die Hände fällt. Auf unsere Berichterstattung hat sich das aber nicht ausgewirkt.
SPIEGEL: Gab es keine andere Möglichkeit, als Computer zu zerstören?
Rusbridger: Mir hat man erzählt, dass unser Gebäude angeblich nicht sicher genug sei. Die Sorge war, dass das Material anderen in die Hände fallen könnte. Und das, obwohl der Raum, in dem die Computer standen, rund um die Uhr bewacht wurde und niemand Mobiltelefone oder andere elektronische Geräte hineinbringen durfte. Wenn das tatsächlich die Befürchtung war, warum wollte sich dann niemand in New York umsehen, in Rio bei Glenn Greenwald oder in Berlin bei Laura Poitras, der Filmemacherin?
SPIEGEL: Warum ist David Miranda, der Partner Greenwalds, im August eigentlich von Berlin über London nach Rio geflogen, nicht über Frankfurt? Er hätte sich den ganzen Ärger am Londoner Flughafen sparen können.
Rusbridger: Keine Ahnung. Ich hätte ihm davon abgeraten, kannte aber seinen Reiseplan nicht.
SPIEGEL: Wie entscheiden Sie generell, was Sie drucken und was nicht?
Rusbridger: Uns ging es nie darum, einen großen Fischzug durch die Archive der Geheimdienste zu unternehmen. Wir wollten uns nicht mit Details von Operationen des britischen Nachrichtendienstes GCHQ beschäftigen oder Geschichten über den Irak oder Afghanistan nachgehen, die in diesem Zusammenhang hätten auftauchen können. Dafür hat uns Edward Snowden das Material auch nicht gegeben. Wir wollten vielmehr das Ausmaß der digitalen Überwachung zeigen, die es zuvor so nicht gab.
SPIEGEL: Wie sieht Ihr Arbeitsverhältnis mit den Geheimdiensten aus?
Rusbridger: In den USA kann man die einzelnen Behörden problemlos anrufen und Fragen stellen, auch die NSA. Sie sind an Gespräche mit Journalisten mehr oder weniger gewöhnt. Manchmal geben sie keinen Kommentar ab, aber gelegentlich weisen sie uns auf heikle Stellen in einem Artikel hin und erklären Zusammenhänge. Beim britischen GCHQ ist es schwieriger, das war schon vor Snowden so. Fast alle Journalisten erleben den Dienst als verschlossen und wenig hilfsbereit. Erst gestern Abend wollten wir mit dem GCHQ über eine Story reden. Sie haben gesagt: Druckt sie nicht.
SPIEGEL: Ist es nicht eine seltsame Zeit für Spione? Sie können effizient wie nie Menschen überwachen, gleichzeitig leiden sie darunter, dass sich Informationen nicht mehr kontrollieren lassen.
Rusbridger: Es ist zweimal in den vergangenen drei Jahren vorgekommen, dass ein junger Mensch weit unten in der Hierarchie des Militärs oder eines Geheimdienstes sensibles Material lesen und damit entkommen konnte: Bradley Manning mit WikiLeaks und jetzt Edward Snowden. Die Leute im GCHQ müssen ziemlich schockiert gewesen sein, als sie erfuhren, dass ein 29-Jähriger in Hawaii ihre Dateien sehen konnte. Ich glaube, sie sollten sich über ihre eigene Sicherheit Gedanken machen.
SPIEGEL: Sind die Geheimdienste gieriger geworden?
Rusbridger: Ich weiß es nicht. Genau wie hier in der Redaktion arbeiten auch dort Programmierer, und die tun, was Programmierer eben tun. Sie haben dauernd neue Ideen. Sie sagen, wir könnten einen Mikrochip in dieses Handy pflanzen, in Ihr Aufnahmegerät auf dem Tisch oder in diesen Kugelschreiber. Gleichzeitig werden die elektronischen Speicher größer und die Prozessoren schneller. Eine Folge davon ist, dass Gesetze immer großzügiger ausgelegt werden. Die wichtigste Frage lautet: Wer überblickt und kontrolliert das alles? Es geht um die Aufsicht über die Geheimdienste.
SPIEGEL: Ihre Kritiker sagen, dass Spione eben spionieren müssen.
Rusbridger: Mein Eindruck ist, dass sich die Stimmung gerade ändert. Die US-Senatorin Dianne Feinstein hat das Ausspähen von Partnern der USA verurteilt und macht sich für eine Reform der Geheimdienste stark. Selbst der amerikanische Außenminister John Kerry sagt, die NSA sei womöglich zu weit gegangen. Langsam sickert in die Köpfe, dass die Spione mit ihren Methoden weiter gingen als alles, was sich Politiker und Bürger in den USA bislang vorstellen konnten.
SPIEGEL: Und in Großbritannien?
Rusbridger: Vor kurzem hat sich der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5 negativ über unsere Berichterstattung geäußert. Es war der erste Versuch, den gesamten Skandal auf den "Guardian" zu reduzieren und vom eigentlichen Thema, der massenhaften Überwachung, abzulenken. Ich bin mir nicht sicher, ob das so geschickt war. Die Folge ist nämlich, dass damit auch hier eine breitere Diskussion eingesetzt hat. Wir können uns nicht abschotten von den großen Debatten in den USA und dem Rest von Europa.
SPIEGEL: Warum ist Edward Snowden ausgerechnet zu Ihnen gekommen?
Rusbridger: Der "Guardian" war schon immer ein Außenseiter, die Redaktion zog erst in den sechziger Jahren von Manchester nach London. Vor fünf Jahren haben wir beschlossen, Artikel aus der Zeitung kostenlos ins Internet zu stellen. Gleichzeitig wollten wir offen für all die großen und erfolgreichen Autoren sein, die im Internet publizieren. Deshalb haben wir Glenn Greenwald eingekauft, den andere Zeitungen vielleicht nie eingestellt hätten. Snowden wollte sein Material an Journalisten geben, denen er vertrauen konnte und die halbwegs bekannt waren. So kam er an Greenwald, die Filmemacherin Laura Poitras und an den "Guardian" als Zeitung mit einer globalen Ausstrahlung.
SPIEGEL: Verkaufen Sie viel mehr Zeitungen durch die Snowden-Geschichte?
Rusbridger: Ich mache das hier lange genug, um diesen Zahlen etwas zynischer gegenüberzustehen. Auch mit WikiLeaks schossen die Verkäufe steil nach oben. Hinterher stürzten sie genauso schnell wieder ab. Der Konkurrenz geht das genauso. Langfristig nutzt uns das alles aber, glaube ich, weil solche Geschichten den Menschen einen bleibenden Eindruck von einer Zeitung und von ihren Werten vermitteln.
SPIEGEL: Hat sich Ihr Kommunikationsverhalten verändert?
Rusbridger: Wir nutzen immer noch Google-Mail in der Redaktion. Wenn es um sicherheitsrelevante Fragen geht, verwenden wir allerdings Methoden, die Edward Snowden uns beigebracht hat.
SPIEGEL: Ist es schwer, nicht paranoid zu werden?
Rusbridger: Mein Facebook-Profil wurde geändert, ich weiß nicht, von wem. Aber es gibt eine Abteilung im GCHQ, die solche Dinge kann. Da stand plötzlich, dass ich "Stirb langsam" gut finde. Einige Gewohnheiten habe ich geändert. Wenn ich im Büro arbeite, lasse ich die Jalousien herunter. Einer dieser Männer von der Regierung zeigte nämlich bei seinem Besuch in der Redaktion auf die Häuser gegenüber und sagte aus Spaß, das sei ein idealer Platz für seine Jungs. Außerdem verschicke ich keine E-Mails mit sensiblem Inhalt, und wenn ich sichergehen möchte, dass niemand mithört, nehme ich zu Gesprächen mein Handy nicht mit. Ein vollkommen analoges Leben kann heute aber kaum noch jemand führen.
Interview: Christoph Scheuermann
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 45/2013
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