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DER SPIEGEL

ITALIENDas Evangelium des Matteo

Gleich vom ersten Tag an vermittelt der neue Regierungschef Matteo Renzi die Botschaft, schonungslos aufräumen zu wollen. Zu Hause in Florenz allerdings, wo er fast fünf Jahre lang Bürgermeister war, ist seine Bilanz durchwachsen.
Nach Meeresfisch-Consommé und gefülltem Kaninchen kommt zum Dessert erst einmal eine schöne Geschichte - aus der politischen Frühzeit von Matteo Renzi.
Fabio Picchi, Spitzenkoch in Florenz, erzählt sie. Sie handelt von einem ehemaligen Vizebürgermeister der Stadt, der in den Neunzigern den ehrgeizigen katholischen Jungpolitiker Renzi kennenlernte. Der ihn förderte, beäugte, zu bestaunen begann. Und der am Ende prophezeit habe: "Wenn dieser Kerl nicht im Knast endet, dann wird er entweder Papst oder Premierminister von Italien."
Und siehe da, sagt der Starkoch, so ist es gekommen. Matteo Renzi, der Mann, der von Picchi seit Jahren bekocht wird, wie vor ihm in Florenz schon Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder, der rastlose italienische Jungpolitiker, der außer Kartoffelpüree so gut wie alles mag, ist jetzt Premier. Seit Stunden sendet das Staatsfernsehen an diesem Dienstag live aus dem Parlament in Rom. Zu sehen ist Renzi, bislang Bürgermeister von Florenz und Picchis Stammgast, bei seinem ersten Auftritt als Regierungschef im Abgeordnetenhaus. Selbstsicher und forsch wirkt er - so wie schon am Vortag, als er den zur Vertrauensabstimmung angetretenen Senatoren erklärte, Volksvertreter wie sie seien in diesem "eingerosteten, versumpften, in Ketten gelegten" Land eigentlich nicht mehr zu gebrauchen.
"Von Italiens Senatoren zu fordern, sie sollen bitte dafür stimmen, sich selbst abzuschaffen, dazu braucht es schon Löwenmut", sagt Picchi. Andere hingegen, vor allem solche, die jenseits von Florenz leben, fragen sich: Ob Courage, Chuzpe und der erkennbare Stolz, fünf Jahre lang die Stadt Machiavellis und Dantes regiert zu haben, als Rüstzeug für die anstehenden Aufgaben genügen?
Matteo Renzi, mit 39 Jahren zum Regierungschef der drittstärksten Wirtschaftsmacht der Euro-Zone aufgestiegen, hat außerhalb von Florenz noch kein politisches Amt ausgeübt. Parlament und Senat in Rom sind ihm fremd, von den EU-Gremien in Brüssel ganz zu schweigen. Verwechselte er in der Vergangenheit Europarat und Europäischen Rat, so fiel das kaum auf. Inzwischen steht Renzi unter Beobachtung - als Premier eines Landes, das die schwerste Wirtschaftskrise seiner Nachkriegsgeschichte durchmacht.
Italien hat mehr als zwei Jahre Rezession in Folge hinter sich. Die Schuldenlast ist bei 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angekommen - unter den EU-Staaten schneidet nur Griechenland schlechter ab. Selbst bei italienischen Betrieben steht der Staat mit mindestens 70 Milliarden Euro in der Kreide. Unternehmer klagen zudem über die erdrückende Steuerlast, die Arbeitslosenrate hat sich landesweit seit 2007 verdoppelt.
Italiens Parlamentarier, Nettogehalt bis zu 12 000 Euro im Monat, kennen die Nöte ihrer Landsleute. Aber sie teilen sie nicht. Renzi gibt sich deshalb als Anwalt des Volkes. Über die Köpfe der Abgeordneten hinweg, zielsicher in Richtung der Fernsehkameras, sagt er: "Italien kann führend in der Welt werden, unter der Bedingung, dass es eine politische Klasse gibt, die nicht wie im Kino nur den Ereignissen auf der Leinwand zuschaut."
Als Bannerträger der neuen politischen Klasse sieht er sich selbst: bescheidener Lebensstil, volksnah, immer im Dienst. Zwischen der Vereidigung durch Staatspräsident Giorgio Napolitano und einem Telefonat mit Angela Merkel rauscht er am vorigen Wochenende noch zur Frau und den drei Kindern nach Pontassieve bei Florenz. Dass Renzi und seine Gemahlin Agnese, eine Lehrerin, lange Zeit zusammengerechnet weit weniger verdienten als ein durchschnittlicher Abgeordneter, hat die Wählerschaft zur passenden Zeit erfahren. Genauso wie die Tatsache, dass die drei Renzi-Kinder am Tag der Vereidigung des Vaters in Rom Grün, Weiß und Rot trugen - die Farben der italienischen Trikolore. Und dass Italiens neuer Regierungschef kurz danach in seinem Heimatort die Heilige Messe besuchte, wo der Pfarrer dann aus dem Evangelium nach Matteo (Matthäus) las - und zwar die Passage mit der Aufforderung, Feinden bei Bedarf auch die zweite Wange hinzuhalten.
Ein Fingerzeig von der Kanzel herab? Sich demütig zu unterwerfen war Renzis Sache bisher nicht, er teilt lieber aus. Wie er nach seiner Wahl zum Chef des sozialdemokratischen Partito Democratico im Dezember den Parteifreund Enrico Letta wegen angeblichen Versagens im Amt des Regierungschefs angriff und wie er ihn letztendlich vom Sockel stieß - das war ein Gesuch um Aufnahme in das Pantheon der Königsmörder.
Was Rom und Rest-Europa von Renzi zu erwarten haben, wissen sie am besten in Florenz. Flammende Befürworter und harte Kritiker des Ex-Bürgermeisters stehen sich in der Renaissance-Metropole gegenüber. In einigen Punkten immerhin sind sie sich einig: Renzi sei ein begnadeter Kommunikator, arbeitsam und zum Alphatier geboren. Als Anführer von Pfadfindertrupps wie später als Parteisekretär, als Präsident der Provinz Florenz mit 29 oder als Bürgermeister mit 34 Jahren - Renzi war immer die Nummer eins.
Wer ihm in die Quere kommt, hat sich vorzusehen. Einem zähen Reporter, der sich für ein Porträt in die VIP-Zone des AC-Florenz-Stadions geschlichen hatte, trat Renzi so kommentarlos wie gezielt auf den Fuß. Sein Gedächtnis bezüglich unerfreulicher Presseartikel gilt als legendär. Dass seine streng portionierten elektronischen Mitteilungshäppchen in Italien zumeist dankbar geschluckt werden, erleichtert ihm das Fortkommen.
An prominenten Renzi-Fürsprechern fehlt es ohnehin nicht. Die berühmtesten darunter sitzen, nicht weit vom Florentiner Rathaus entfernt, mit ihren Firmenrepräsentanzen rund um den Dom: Interpreten italienischer Lebensart wie die Modemacher Ferruccio Ferragamo oder Roberto Cavalli, der Schuhfabrikant Diego della Valle von Tod's oder der Gourmetkettenbesitzer Oscar Farinetti von Eataly. Matteo Renzi habe viel für Florenz getan, sagt Ferragamo, das Wichtigste aber sei: "Er hat den Florentinern ihr Selbstvertrauen zurückgegeben und wieder Leben in die Stadt gebracht."
Sie alle, Multimillionäre und Milliardäre, setzen inzwischen auf Renzi - einen Mann, der noch vor gut einem Jahr bei der Kampfabstimmung in seiner Partei dem Ex-Kommunisten Pier Luigi Bersani klar unterlag. Das sagt viel über die Verwüstung in Italiens Parteienlandschaft aus, auch über die Verheerungen nach 20 Jahren Silvio Berlusconi, vor allem aber über die Verzweiflung unter den Erfolgreichsten des Landes. Der Zustand der italienischen Bildung und Ausbildung sei inzwischen so fürchterlich, heißt es in den besseren Kreisen von Florenz, "dass es schon schwer geworden ist, im Land noch Fachkräfte zu finden".
Angekommen im höchsten Regierungsamt, muss Renzi, nach eigenen Angaben als "Verschrotter" alter Eliten gestartet, sich nun ab sofort selbst daran messen lassen, was er zustande bringt. Schon beim Termin mit der Kanzlerin in Berlin am 17. März und zehn Tage später dann beim Treffen mit Barack Obama in Rom wird Gelegenheit sein, die Pläne für eine wirtschaftliche wie auch moralische Trendwende in Italien zu erläutern. Unstrittig ist bisher nur: Sie sind ehrgeizig.
Noch vor Beginn der italienischen EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli 2014 soll ein Großprojekt pro Monat auf den Weg gebracht werden - neben einem neuen Wahlgesetz vor allem die Reformen des Arbeitsmarkts, der öffentlichen Verwaltung und des Steuersystems. "In drei Monaten drei Dinge, auf die wir seit 30 Jahren warten? Na dann, viel Glück!", schrieb spöttisch der "Corriere della Sera". Renzi habe möglicherweise übersehen, dass der von ihm beklagte italienische Sumpf nicht nur von "Reihern und Flamingos, sondern auch von Kröten, Nattern und Krokodilen bevölkert wird".
Im Klartext: Nicht nur Silvio Berlusconi und Beppe Grillo, die Anführer der beiden stärksten Oppositionsparteien, könnten Renzis mit dünner Mehrheit regierender Koalition bei den geplanten Reformen in die Quere kommen. Es drohen auch Probleme mit der eigenen Partei. Dann nämlich, wenn es um liebgewonnene Besitzstände gehen wird. Und wenn die Frage ansteht, wie all die zunehmend im Mao-Zedong-Sound ("Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern") getwitterten Renzi-Ideen ("Tausend Baustellen für tausend Schulen") umgesetzt und finanziert werden sollen.
Vorläufig freut sich Renzi noch darüber, dass seine Einsichten - "Europas Stabilität ist wichtig. Die Stabilität der Klassenzimmer unserer Kinder ist wichtiger" - bei Parteifreunden und Wählern verfangen. Renzis Erfolge, wie jene Berlusconis und des Komikers Grillo, basierten auf einem gemeinsamen Nenner, sagt der rechte Parlamentarier Achille Totaro aus Florenz: "Die Italiener wollen unterhalten werden und entscheiden sich deshalb leider zu 70 Prozent für Politiker, die in Deutschland kaum einer wählen würde."
Dass Matteo Renzi noch heute als einer gilt, dem es mehr "um den Rauch als um den Braten" geht, eher um die Wirkung als um die Substanz, ist die eine Seite. Auf der anderen Seite hat er bisher alle wichtigen Wahlen quasi im Alleingang und gegen den Willen der Parteioberen für sich entschieden.
David Allegranti, Reporter beim "Corriere Fiorentino" in Florenz und Autor der ersten Renzi-Biografie, erklärt das so: "Matteo ist in der Lage, einen Elefantenfriedhof in einen funkelnden Zirkus zu verwandeln; er konzentriert sich auf zentrale Projekte, die leicht verständlich zu verkaufen sind. Und er ist machtbewusst im machiavellistischen Sinn, ein postmoderner Fürst gewissermaßen, mit ausgeprägtem Hang zum Königsmord."
Wer Renzi und dessen gebrochenes Verhältnis zu vielen Intellektuellen in Florenz verstehen wolle, sagt Allegranti, der müsse sich nur den berüchtigtsten Renzi-Satz vor Augen führen: "Diese Stadt braucht keinen Bürgermeister, sie braucht einen Vermarkter."
Fürs Italien der Jetztzeit allerdings, von Intrigen und Interessenkonflikten gelähmt, komme einer wie er als Regierungschef vielleicht gerade recht, so Allegranti: "Denn in Rom wirkt er wie ein Marsmensch, wie einer, der von einem ganz anderen Kontinent kommt, aus Florenz, und der nicht vergreist und lahm ist, sondern jung und schnell."
Möglicherweise schafft es ja Renzi, sein Land aus dem Dornröschenschlaf zu wecken - gerade wegen seiner Volksnähe, seines guten Drahts zur Jugend und seiner Bereitschaft, sich Problemen zu stellen, die weit größer sind als er selbst, wie der Karikaturist Sergio Staino das nennt. Renzis "Mischung aus sympathischer Erscheinung und Oberflächlichkeit, aus sensiblen Antennen und lückenhaften Kenntnissen" müsse nicht zwingend Erfolg verhindern.
Gewichtig, wenn auch in der Minderzahl, sind die Stimmen der Kritiker in Florenz. Jener Einwohner, die dem ehemaligen Bürgermeister vorwerfen, er habe seine Stadt in eine Art "Matteolandia" verwandeln wollen, in eine weltweit verkäufliche Marke. Der eigenen Zierde, dem eigenen Ruhm zuliebe.
Der frühere Stadtrat fürs Rechnungswesen Claudio Fantoni etwa, inzwischen wieder hauptberuflich als Bariton am Theater tätig, schrieb Renzi in einem Brief, für ernsthafte Gespräche über den Haushalt der Stadt sei gerade mal jene "Minute, in der Du Dir die Zähne geputzt hast", übrig gewesen - weit weniger Zeit als für Facebook-Einträge.
Dass Renzi sich für die Zwänge des von ihm als "Stupiditätspakt" verspotteten italienischen Stabilitätspakts mäßig interessierte, belegen die Fakten: Der Rechnungshof bemängelte "wiederholte Unregelmäßigkeiten" im Finanzgebaren der Stadt Florenz. Die Verschuldung der Kommune war innerhalb eines Jahres deutlich gestiegen und lag 2012 bei über einer drei viertel Milliarde Euro.
Nahezu folgerichtig hat der Neu-Premier Renzi nun erklärt, zugunsten seiner landesweiten Reformen bei Bedarf die Drei-Prozent-Defizit-Schwelle der EU-Kommission überschreiten zu wollen.
Von einem Anrufer in satirischer Absicht mit dem Angebot konfrontiert, Italiens Wirtschaftsministerium zu übernehmen, packte Renzis Parteifreund, der ehemalige Minister Fabrizio Barca, vor einer Woche unvermittelt aus - er könne diese ganze Sache mit der neuen Regierung, diese ganzen Slogans nicht mehr ertragen: "Da ist keine Idee dahinter, nur ein Übermaß von Abenteurertum."
Ach Gott, sagt da Fabio Picchi, Renzis Vertrauter und Lieblingskoch in Florenz, man möge das Ganze doch bitte mal ein bisschen lockerer sehen. Für seinen Kumpel Matteo spreche zuallererst: "Der liebt weder Geld noch Macht, der will nur ums Verrecken gern alles bestimmen, er ist in dieser Hinsicht sein Leben lang Pfadfinder geblieben."
Und anders als "la Merkel", sagt Picchi, höre sein Freund Matteo sowieso in spätestens acht Jahren auf. Denn Demut sei dem jungen Renzi schon vom Beichtvater ans Herz gelegt worden. Der sagte ihm einst: "Gott gibt es, aber du bist's nicht - also entspann dich."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 10/2014
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