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DER SPIEGEL

IrakKampf für das Kalifat

ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi und seine Terrororganisation bedrohen nach ihrem Vormarsch die bisherige Ordnung des Nahen Ostens. Sie sind dabei, die einst so mächtige Qaida zu überflügeln - und zetteln einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten an.
Brigadegeneral Saad Maan stapft durch die Mittagshitze zum "Operation Room" der irakischen Armee, die Ordonnanzen stecken ihm Nachrichten zu und flüstern ihm ins Ohr, sein Handy hört nicht auf zu klingeln. Das Kommandozentrum der irakischen Streitkräfte ist im Adnan-Palast in Bagdad untergebracht, einem von Saddam Husseins verwitterten Prunkbauten zwischen dem Monument der gekreuzten Schwerter und der neuen US-Botschaft am Tigris.
General Maan ist das öffentliche Gesicht des Sicherheitsapparats. Bis vor Kurzem bestand sein Job darin, den Irakern zu erklären, was Armee und Polizei gegen die Terroranschläge in Bagdad unternehmen. Aber seit zwei Wochen redet General Maan nicht mehr von "Vorfällen". Seit zwei Wochen steht Iraks Armee im Krieg. Und Maan redet jetzt von der "Front".
Er zeigt ihren Verlauf auf einer Karte im Lagezentrum: "Nicht im Norden, sondern im Süden und im Westen liegt die größte Gefahr", sagt Maan. "Zwischen den Bauernhöfen und Kanälen der Provinz Babylon, zwischen den Feldern und Palmenhainen von Anbar."
An der Straße zum Flughafen von Bagdad stauen sich in diesen Tagen die Kolonnen der Ausreisenden. Die Botschaften evakuieren Diplomaten, ausländische Unternehmen viele ihrer Ingenieure. Die privaten Sicherheitsfirmen in Bagdad haben ihre Gebühren binnen Tagen mehr als verdoppelt. Seit um die Raffinerie in Baidschi gekämpft wird, die wichtigste des Nordens, steigen die Benzinpreise und mit ihnen die für Lebensmittel.
Am 10. Juni übernahm die Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) die Millionenstadt Mossul, am 11. Saddam Husseins Heimatort Tikrit, am 18. die Ölraffinerie in Baidschi. Inzwischen stehen die Kämpfer ein paar Dutzend Kilometer vor Bagdad.
Die Terrorarmee, bis vor Kurzem nur eine von vielen Rebellengruppen im syrischen Bürgerkrieg, verbreitet nun in zwei Ländern Angst und Schrecken. Sie ist binnen kürzester Zeit weltweit bekannt geworden - samt ihrem rätselhaften Anführer: dem Iraker Abu Bakr al-Baghdadi.
Es existieren nur wenige grobkörnige Fotos des Mannes mit dem runden Gesicht, der vielen als neuer Anführer des globalen Dschihad gilt - als erfolgreichster und geheimnisvollster Erbe von Osama Bin Laden. Selbst die Geheimdienste besitzen nur spärliche Informationen über ihn: Baghdadi hatte sich einst al-Qaida angeschlossen, überwarf sich mit ihr und ist nun dabei, die bisher bekannteste islamistische Terrororganisation zu überflügeln. Er und seine Verbündeten kontrollieren in Syrien und im Irak inzwischen ein Gebiet von der Größe Jordaniens.
Die beiden Staaten sind in Teilen zu einer einzigen Kampfzone geworden - zu Baghdadis Reich: Im Irak erbeutete Panzer werden von ISIS-Kämpfern nach Syrien gebracht, Dschihadisten irakischer Herkunft, die in Syrien kämpften, kehren in die Heimat zurück. Das von ihnen kontrollierte Gebiet sei faktisch "ein eigener Staat", sagt Douglas Ollivant vom Washingtoner Thinktank New America Foundation, der für Kämpfer "so sicher ist wie Afghanistan vor den Anschlägen des 11. September 2001".
Baghdadis Terroristen, sagt General Saad Maan im Lagezentrum der Armee in Bagdad, wollten die Schlacht nun in die Hauptstadt tragen. Doch dazu werde es nicht kommen - aus zwei Gründen: "Wir haben nun genug Soldaten. Großajatollah Ali al-Sistani, die höchste Autorität des schiitischen Islam im Irak, hat zur Verteidigung der heiligen Stätten aufgerufen, Tausende von Freiwilligen stehen bereit."
Vor allem aber sei Iraks Regierung nicht allein: "Wir werden Hilfe von der US-Luftwaffe bekommen. Wir werden die Terroristen treffen und töten. Und die Welt wird sehen und verstehen, dass Amerika an unserer Seite steht. Bagdad ist sicher."
Doch General Maan steht allein mit seiner Zuversicht, vielleicht abgesehen von seinen Offizieren, die ihn umringen. Im Norden des Landes ist die Armee vor ISIS geflohen. Und der Irak ist im Begriff, sich aufzulösen.
Es geht nicht nur um Islamisten, die gegen den Staat zu Felde ziehen, sondern um einen Konflikt zwischen den großen Konfessionen des Islam: den Schiiten, die im Irak deutlich in der Mehrheit sind, aber nur etwa 15 Prozent der Muslime weltweit ausmachen. Und den Sunniten, die sich von der schiitisch geprägten Regierung des Premiers Nuri al-Maliki unterdrückt fühlen. Zu deren Bannerträger hat sich ISIS gemacht, nur deshalb konnte die Truppe sich so schnell so weit ausdehnen.
Unterstützt werden Baghdadis Männer von sunnitischen Milizen und von lokalen Scheichs, auch von früheren Anhängern des Diktators Saddam Hussein. "Onkel Issat, ich freue mich darauf, nach Hause zu kommen", twitterte Saddams Tochter Raghad vorige Woche aus dem Exil an Issat Ibrahim al-Duri. Der fromme einstige Stellvertreter ihres Vaters, bis heute nicht gefasst, kämpft mittlerweile an der Seite der Dschihadisten.
Iraks politische Misere hat sich in den zwei Wochen seit dem Fall Mossuls verschärft. Die Schiiten, deren heilige Schreine in Samarra, Kerbela und Nadschaf ISIS stürmen und zerstören will, haben Angst. Viele Sunniten fürchten, dass diese Angst zu Racheakten und zum Bürgerkrieg führen könnte. Die Führer der Kurden sprechen offen aus, dass die staatliche Einheit nicht länger aufrechtzuerhalten sei. Es gebe "einen Irak vor und einen Irak nach Mossul", sagt Netschirwan Barsani, Premier des autonomen Kurdengebiets im Nordosten. "Ich glaube nicht, dass der Irak beisammenbleiben kann."
Kompliziert wird die Lage durch das Spiel der regionalen Mächte: Iran, die Schutzmacht der Schiiten, drohte vergangene Woche mit militärischem Eingreifen. Der Außenminister des sunnitischen Saudi-Arabien wiederum warnte vor "ausländischer Einflussnahme und fremden Intrigen", ohne Iran beim Namen zu nennen. Saudi-arabische und katarische Geschäftsleute werden als Unterstützer des ISIS vermutet.
Die USA, die 2003 den Diktator Saddam Hussein stürzten und daraufhin acht Jahre lang versuchten, die Konfessionen zu befrieden und eine stabile Ordnung zu schaffen, schauen hilflos zu. Für Präsident Barack Obama ist der Aufstand eine Katastrophe: Er wurde einst gewählt mit dem Versprechen, schnell aus dem Irak abzuziehen - doch der holt ihn nun wieder ein.
In einem ersten Schritt schickte Obama vergangene Woche 300 Militärberater nach Bagdad, auch die US-Geheimdienste widmen sich mit ganzer Kraft der Aufklärung im Irak. Luftschlägen hat Obama bisher nicht zugestimmt. Mit gutem Grund: Die genaue Zusammensetzung der Aufständischen ist unklar, es könnten sich Truppen einst mit den USA verbündeter Scheichs darunter befinden - auch zivile Opfer wären wahrscheinlich.
Selbst General David Petraeus, der legendäre frühere Oberbefehlshaber im Irak, warnt: Die Amerikaner dürften sich nicht dazu hergeben, als Luftwaffe der Schiiten gegen die Sunniten zu agieren - bloß "high value targets" solle man angreifen.
Haben die ISIS-Terroristen ihr Ziel erreicht, bevor sie die blutigsten ihrer Drohungen überhaupt wahr gemacht haben? Fällt das Land in das Chaos zurück, in das Obamas Vorgänger George W. Bush es stürzte? Und wer genau sind die Dschihadisten, deren Ansturm weder Iraks Premier Maliki noch die Geheimdienste des Westens kommen sahen? Wer ist ihr Führer Abu Bakr al-Baghdadi?
Baghdadi hat sich, anders als Bin Laden, immer im Hintergrund gehalten, so ist er für viele Anhänger zum Mythos geworden. Dagegen wird der jetzige Chef von al-Qaida, der Ägypter Aiman al-Sawahiri, von vielen jungen Dschihadisten nicht mehr anerkannt. Sie finden die Qaida zu hierarchisch und unflexibel, zu uncool.
Mit bürgerlichem Namen heißt der ISIS-Anführer offenbar Ibrahim al-Badri. Er wurde 1971 im irakischen Samarra geboren, studierte an der Universität von Bagdad Religionswissenschaft. Später soll er in sunnitischen Moscheen im Nordirak gepredigt haben.
Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner im Irak soll er sich, damals 22-jährig, dem Widerstand angeschlossen haben - anfangs offenbar auf lokaler Ebene. Im Februar 2004 nahmen ihn amerikanische Bodeneinheiten in der Anbar-Provinz fest, sie brachten ihn nach Camp Bucca, ein berüchtigtes Gefangenenlager nahe der südirakischen Hafenstadt Umm Kasr.
Das Camp war angelegt für maximal 5000 Gefangene, die Zahl der Häftlinge wuchs schnell auf 9000, die Haftbedingungen in der südirakischen Wüste waren hart. Ende 2004 begingen die Amerikaner einen schweren Fehler: Eine Kommission aus US-Militärexperten, die Baghdadis Fall untersuchte, plädierte für eine "bedingungslose Freilassung", wie ein Pentagon-Sprecher dem SPIEGEL bestätigt. Anfang Dezember 2004 kam Baghdadi dann auf freien Fuß. Von da an begann seine steile Karriere im islamistischen Untergrund.
Die Suche nach den Wurzeln von ISIS führt aber weiter zurück: in das Jahr 2003, zum Vorabend der US-Invasion im Irak. Ein damals 36-jähriger, tätowierter Jordanier, Exhäftling und Schulabbrecher, spielte dabei eine Rolle. Er nannte sich Abu Mussab al-Sarkawi, unter diesem Namen sollte er weltweit bekannt werden. Er war Baghdadis Vorvorgänger, Baghdadi später wohl einer seiner Soldaten.
In den Tagen vor der Invasion war Sarkawi nach Bagdad gekommen, im Gepäck Waffen und Geld - und einen Plan. Seine Vision war die Errichtung eines sunnitischen Kalifats von Syrien bis zum Golf. Mit brutalen, scheinbar sinnlos blutigen Anschlägen auf Schiiten wollte er einen Religionskrieg entfachen, der alle Sunniten in sein Lager treiben und die Schiiten ins Exil zwingen sollte. Fünf Monate nach der Invasion begann er eine Serie spektakulärer Bombenanschläge, darunter der auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad. Danach griff er vor allem Schiiten und ihre Heiligtümer an. Um sein Ziel eines sunnitischen Kalifats zu erreichen, schmiedete er eine Koalition mit dem irakischen Widerstand gegen die US-Invasion und baute ein Netzwerk auf, das Waffen, Geld und Unterstützer aus Syrien in den Irak schleuste.
Bis zu seinem Tod drei Jahre später sollte Sarkawi einen Krieg anfachen, der bis heute den Nahen Osten in Aufruhr hält. Seine Organisation benannte sich um in den "Islamischen Staat im Irak", verlor aber an Schlagkraft, weil die Amerikaner Koalitionen mit sunnitischen Stammesmilizen eingingen.
Kurz vor dem Aufstand in Syrien, im Jahr 2010, wurde Abu Bakr al-Baghdadi zum Anführer der Terrororganisation. Heute hat er erreicht, wovon Sarkawi einst träumte: die Auslöschung der Grenze zwischen dem Irak und Syrien.
ISIS gehört zur nächsten Generation des "Qaidaismus", so nennt es der US-Terrorexperte Bruce Riedel. Der Washingtoner Fachmann Douglas Ollivant nennt ISIS den "Star" der Islamisten-Szene. "Wenn du ein 16-jähriger Tunesier bist und in den Dschihad ziehen willst, gehst du dann nach Pakistan zu Aiman al-Sawahiri? Du gehst zu ISIS in den Irak."
Doch Baghdadi und ISIS hätten niemals so mächtig werden können ohne den syrischen Bürgerkrieg - er war ein Geschenk für sie. Zunächst schickte Baghdadi Anfang 2012 Kämpfer nach Syrien, um dort unter dem Namen Dschabhat al-Nusra einen Qaida-Ableger mitzugründen. Damals folgte er noch Qaida-Chef Sawahiri.
Im darauffolgenden Jahr wurde Nusra stärker - und Baghdadi entschied, die Organisation mit dem Islamischen Staat im Irak zu verschmelzen. Doch der syrische Nusra-Anführer weigerte sich, sich Baghdadi zu unterstellen, vermutlich auf Anweisung von Sawahiri. Und so kam es zwischen Sawahiri und Baghdadi zum Zerwürfnis.
Im April 2013 tauchte anscheinend aus dem Nichts eine neue Rebellenorganisation in Syrien auf. Sie nannte sich "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" - und sie sollte den Verlauf des Bürgerkriegs in Syrien nachhaltig beeinflussen. ISIS, auf Arabisch "Daisch" abgekürzt, zwang die syrischen Oppositionskräfte in einen Zweifrontenkrieg - mit Assad auf der einen Seite und ISIS auf der anderen.
Der Streit zwischen Baghdadi und der Nusra-Front darüber, wer der einzig wahre "Emir" des neuen "Kalifats" sei, führte dazu, dass fast alle ausländischen Dschihadisten zu ISIS wechselten. Einer der Hauptgründe: Baghdadi zahlte Gehälter von mehreren Hundert Dollar im Monat, stellte Waffen und Fahrzeuge.
Niemand weiß genau, wie viele Kämpfer ISIS hat: Die Schätzungen reichen von 7000 bis 15 000. Der irakische Führungszirkel, der vor allem aus Exoffizieren und Kadern von Saddam Husseins Baath-Partei bestehen soll, schottet sich hermetisch auch nach innen ab. Viele Kämpfer sind Iraker, aber außerdem sollen etwa 3000 Ausländer dazugehören - darunter viele Tschetschenen, aber ebenso rund 300 Franzosen.
Laut deutschen Sicherheitskreisen findet sich womöglich eine knapp dreistellige Zahl deutscher Islamisten unter Baghdadis Leuten. Wie viele Deutsche in Syrien kämpfen, ist umstritten. Ein gutes Dutzend gilt als belegt, zwischen 60 und 70 könnten Kampferfahrung gesammelt haben. Im Irak kämpfe wohl "eine gute Handvoll", heißt es.
ISIS ist als Anlaufstelle reizvoll, weil auch Männer ohne militärische Ausbildung angenommen werden. Sie werden als "Kanonenfutter" bezeichnet - und für Selbstmordattentate oder Lösegelderpressungen eingesetzt. Vergangene Woche veröffentlichte die Gruppe ein professionelles Video, in dem europäische Dschihadisten dazu aufrufen, sich dem Kampf anzuschließen.
Auch der in Hamburg aufgewachsene Deutschsyrer Mohammed Haydar Zammar, 52, eine zentrale Figur der Hamburger Terrorszene um den 9/11-Attentäter Mohammed Atta, könnte sich mittlerweile ISIS angeschlossen haben. Laut westlichen Sicherheitskreisen verdichten sich die Hinweise darauf. Zammar hatte als Rekrutierer für al-Qaida gearbeitet, war im Oktober 2001 von US-Spezialkräften nach Syrien entführt worden und saß später im Zentralgefängnis von Aleppo ein. Nach seiner Freilassung im Herbst 2013 schloss er sich wohl der gemäßigten Gruppe Ahrar al-Scham an - die später in der "Islamischen Front" aufging.
Mit einer Mischung aus zentraler Führung, Brutalität und Bestechung nutzte ISIS von Anfang an die Achillesferse der syrischen Aufständischen: ihre Uneinigkeit. ISIS griff schwächere Einheiten an und paktierte mit den übrigen. In Rakka eliminierte er die kleinen Rebellengruppen. Als eine Brigade der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) sich nicht fügen wollte, schickte ISIS vier Selbstmordattentäter nacheinander in das Hauptquartier. Als ISIS nach wochenlangen Kämpfen die Grenzstadt Dscharabulus wieder einnahm, wurden als Erstes gefangene FSA-Kämpfer und sogar Familienmitglieder Geflohener ermordet, manche geköpft und ihre Häupter auf Pfählen zur Schau gestellt.
Gegen Regimekräfte kämpft Baghdadi nur selten. Auch Assads Armee ließ ISIS stets in Ruhe. Das änderte sich erst nach seinen jüngsten Erfolgen im Irak: Da griffen die Truppen Assads erstmals ihre Stellungen an - wie um sich selbst der Welt als das kleinere Übel zu präsentieren.
Wegen ISIS gelangen Hilfslieferungen kaum noch in die Rebellengebiete. Und westliche Regierungen stoppten ihre Unterstützung für die moderate Opposition - aus Angst, Hilfslieferungen könnten in Baghdadis Hände geraten. Auch moralisch gerät die Opposition unter Druck. Von innen, weil ISIS schlagkräftiger, brutaler und finanziell besser ausgestattet ist. Und von außen, weil das Bild von den Köpfe abhackenden Extremisten sich bei den Beobachtern im Westen festsetzt. Das ist offenbar genau das, was Baghdadi will.
Im Juni 2013 war ISIS an vielen Orten Nordsyriens präsent, hielt sich aber zurück. Ab Spätsommer änderte sich die Lage. Erst schleichend, dann zunehmend rabiat übernahm ISIS die Macht in verschiedenen Städten entlang der türkischen Grenze sowie in der Provinzhauptstadt Rakka. Alles Gebiete, aus denen die Armee des Regimes schon lange vertrieben war. Damit ist ISIS die einflussreichste Rebellenorganisation in Syrien. Sie gründete in der Großstadt Rakka Scharia-Gerichte, verbot das Rauchen und führte nach Geschlechtern getrennte Schulen ein.
Die Eroberungen von ISIS folgen dabei einem Muster. Im August 2013 nahmen die Extremisten eine Luftwaffenbasis bei Aleppo ein, dann vertrieben sie andere Rebellengruppen aus vier grenznahen Städten, die als Zugang nach Nordsyrien dienen. Außerdem eroberten sie Ölquellen und verkauften den Rohstoff auch an das Assad-Regime. Hinzu kamen Spenden reicher Sympathisanten aus den Golf-Monarchien und Einkünfte aus Schutzgelderpressung in Mossul und anderen sunnitischen Städten im Irak. Mittlerweile soll ISIS die reichste Terrororganisation der Welt sein - nicht zuletzt weil er in Mossul angeblich 425 Millionen Dollar aus der Zentralbank und militärisches Gerät erbeutete.
Doch die eigentliche Macht des ISIS entsteht aus der Angst, die die Organisation durch ihre Brutalität erzeugt. Keiner ist sicher, auch Kinder und Geistliche werden massakriert, lokale Aktivisten und Journalisten entführt.
Wo immer ISIS auftaucht, übernimmt die Truppe strategisch wichtige Knotenpunkte wie Wasserkraftwerke, Getreidespeicher oder Elektrizitätswerke. Als Baghdadis Leute Rakka eroberten, besetzten sie sofort die Zentralbäckerei.
Ein Aktivist aus Rakka namens Abu Ibrahim berichtet, dass ISIS sich in den Alltag aller Bewohner einmische. Man werde ausgepeitscht, wenn man auf der Straße rauche oder die Tochter den Gesichtsschleier nicht wie vorgeschrieben trage. Kämpfer hätten Bekleidungsgeschäfte durchsucht und alle "unislamischen" Kleidungsstücke konfisziert. Cafés seien geschlossen, und jetzt, während der WM, würden auch alle Fernseher beschlagnahmt, denn Fußball ist "haram" - verboten. Wasser gebe es nur zwei Stunden am Tag, Strom gar nicht. Und während viele Bewohner hungerten, würden die ISIS-Kämpfer in Restaurants gut essen.
Wie bisher keine andere Terrororganisation ist ISIS in sozialen Netzwerken aktiv. Ihre Kämpfer twittern und posten bei Facebook, sie laden Fotos bei Instagram und Tumblr hoch. Die Bilder zeigen Hinrichtungen, Amputationen, Leichenschändungen oder auch Selfies der maskierten, posierenden Kämpfer in Schwarz. Hochgeladene Videos protokollieren Kämpfe, Anschläge oder auch mal Dorffeste, die ISIS ausrichtet.
Der Eroberungszug von ISIS im Irak stärkt die Bewegung auch in Syrien. Von der irakischen Armee erbeutete Hummer-Fahrzeuge, Panzer und Artillerie brachten die Kämpfer in den vergangenen Tagen nach Rakka. Auch Humvees aus Mossul wurden nach Deir al-Sor gebracht. Die militärischen Erfolge treiben ISIS zudem Kämpfer anderer Gruppen zu, die gern auf der Seite der Sieger stehen wollen. Zur gleichen Zeit verkündeten vor zwei Wochen fünf Anführer der moderaten Freien Syrischen Armee ihren Rückzug, weil sie weder Geld noch Waffen hätten.
Auch die Türkei ist nicht unschuldig am Erfolg des ISIS: Ungehindert konnten bewaffnete Kämpfer aus aller Welt über die Grenze nach Syrien ziehen und sich später in türkischen Krankenhäusern verarzten lassen. Radikale Islamisten sollten helfen, Diktator Assad zu stürzen, den Intimfeind des türkischen Premiers Erdogan. Dass Ankara die Kontrolle über die vermeintlichen Verbündeten entglitt, merkte die Regierung erst, als ISIS in Mossul 80 Türken als Geisel nahm.
ISIS legt inzwischen in aufwendigen Jahresberichten Rechenschaft über seine Tätigkeiten ab, als sei es eine an der Börse notierte Firma: Allein 2013 habe man im Irak 10 000 Operationen durchgeführt, darunter 1000 gezielte Ermordungen, 4000 Anschläge mit Sprengsätzen, Hunderte Befreiungen radikaler Gefangener. Auch die Bekehrungen "Ungläubiger" und die Errichtung von Checkpoints werden dokumentiert. In diesen Berichten erscheint ISIS nicht wie eine Terrorgruppe, sondern wie eine Organisation mit klarer militärischer Struktur und der eindeutigen politischen Strategie, einen sunnitischen Staat zu gründen.
Und so sind Baghdadi und sein ISIS zum Katalysator einer Neuordnung des Nahen Ostens geworden. Seit zehn Jahren ist der Irak durch die verfehlte US-Invasion und deren Folgen im Aufruhr. Das Chaos wurde verstärkt durch den syrischen Bürgerkrieg seit 2011 - und durch die Hilflosigkeit des Westens, der nicht eingreifen wollte. Das Zusammenspiel aus Interventionismus und Untätigkeit hat dazu geführt, dass die Region aus den Fugen geraten ist. Syrien existiert als Staat schon längst nicht mehr, und der Irak scheint kurz davor, in Teile zu zerfallen.
Die nach dem Ersten Weltkrieg künstlich gezogenen Staatsgrenzen in der Region, die keine Rücksicht auf die Zusammensetzung der Bevölkerung nahmen, könnten am Ende dieser Entwicklung neu gezogen werden müssen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass aus den Staaten Syrien und Irak bald vier neue entstehen: ein von Assad beherrschtes Alawitistan an der Mittelmeerküste, ein Sunnitistan, das von Syrien bis kurz vor Bagdad reicht, ein Schiitistan im Süden des heutigen Irak und ein unabhängiges Kurdistan im Nordosten. Doch so leicht sich die Linien auf einer Karte ziehen ließen, so wahrscheinlich ist auch, dass eine solche Neuaufteilung nur unter Blutvergießen zustande käme.
Auf die Ankündigung von ISIS, Schiiten zu ermorden, reagierte vorvergangene Woche der irakische Großajatollah Ali al-Sistani mit einem spektakulären Aufruf: "Wer immer dazu in der Lage ist, eine Waffe zu tragen, die Terroristen zu bekämpfen und das Land, das Volk und die heiligen Stätten zu verteidigen, hat sich zur Durchsetzung dieses heiligen Ziels in den Dienst der Streitkräfte zu stellen."
Welche Tragweite Sistanis Aufruf hat, wird sich in den kommenden Wochen erweisen. Auf den Großajatollah hören nicht nur die Schiiten des Irak. Sondern auch viele Konfessionsbrüder in Iran, im Libanon, in Bahrain und in der schiitischen Ostprovinz Saudi-Arabiens. Bislang galt Sistani als eine Figur der Mäßigung. Westliche Diplomaten in Bagdad rätseln, was ihn zu seinem Schritt bewogen hat.
Salih al-Mutlak rätselt nicht. Auch er sei "sehr erstaunt" über Sistanis Aufruf zum Kampf, sagt er, doch er ahne natürlich, wer dem Ajatollah diese Worte diktiert habe. Er nennt das Land nicht selbst beim Namen. Auf die Frage, ob er Iran meine, nickt er resigniert.
Vizepremier Salih al-Mutlak ist der letzte einflussreiche sunnitische Gegenspieler des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki; die anderen arabischen Sunniten hat Maliki alle aus dem Weg geräumt.
Mutlak residiert in einem Gästehaus aus der Saddam-Zeit nicht weit von der US-Botschaft. Er zündet sich eine Zigarette mit der vorigen an. Die kommenden Tage werden ihm wenig Gelegenheit zur Ruhe bieten. Neulich bestätigte das Oberste Gericht das Ergebnis der Parlamentswahl vom 30. April. Nun haben die Abgeordneten 15 Tage Zeit, um sich zur konstituierenden Sitzung zu treffen und einen Parlamentssprecher zu wählen.
Dann muss das Parlament das Amt des Ministerpräsidenten neu besetzen, seit acht Jahren vom umstrittenen Nuri al-Maliki belegt. Seit dem Sturz Saddams gilt im Irak ein konfessionell-ethnischer Proporz: Der Premier ist Schiit und vertritt damit die größte Bevölkerungsgruppe des Landes, der Präsident ist Kurde und der Parlamentssprecher ein arabischer Sunnit. Amerika will den Schiiten Maliki nun zwingen, die übrigen Gruppen stärker als bislang an der Regierung zu beteiligen.
Diese Hoffnung hat Salih al-Mutlak aufgegeben. "Mit Maliki geht es für uns Sunniten nicht mehr", sagt er. "Er hat uns systematisch ausgegrenzt, nicht nur uns Sunniten, auch viele Kurden und Schiiten. Er hat uns jeden Einfluss genommen und zu Angestellten seiner Regierung degradiert."
Mutlak schlägt einen politischen Neuanfang vor. "Das Amt des Präsidenten sollte an die Sunniten übergehen", sagt er. Viel wichtiger sei aber der neue Ministerpräsident. Vier Namen wurden am vorigen Freitag gehandelt: der ehemalige Vizepräsident Adil Abd al-Mahdi; der Finanzminister Bajan Dschabr; der ehemalige Ölminister Hussein al-Schahristani - und Ahmed Tschalabi, die mit Abstand schillerndste politische Figur in Bagdad: erst Freund, dann Feind Amerikas, gescheiterter Bankier und lange vernetzt mit Geheimdiensten in Bagdad, Washington und Teheran.
Und so zeichnet sich mitten im Kampf der irakischen Regierung gegen eine sunnitische Dschihadisten-Miliz das politische Ende eines Mannes ab, der den Irak acht Jahre lang regierte - und der das Land spaltete, anstatt es zu einen.
Auch US-Präsident Barack Obama machte Ende vergangener Woche klar, dass er eine Ablösung Malikis begrüßen würde. Doch es ist fraglich, ob das reicht, um den Irak als Staat zusammenzuhalten. Im Norden des Landes haben die Kurden längst Fakten geschaffen.
Auf einem Weizenfeld in der Nähe der Brücke über den Fluss Maschrua am Rand der Kampfzone von Kirkuk sichert Sarhad Kader, Drei-Sterne-General der kurdischen Peschmerga-Kämpfer, mit seiner Einheit die neue Außengrenze von Kurdistan. Während der Irak zu zerbrechen droht, sind die Kurden die Gewinner der Krise.
Kader trägt Sonnenbrille, Schutzweste, Kalaschnikow, einige seiner 20 Männer haben Sturmhauben über das Gesicht gezogen, sie sind auf dem Weg zu einem Viertel in der Nähe des Feldes, sie rennen. Die ISIS-Kämpfer, die den Westen der Stadt bereits unter Kontrolle haben, sollen in 500 Meter Entfernung am Tag zuvor Bomben gelegt haben.
Die Sonne steht senkrecht über der Ebene von Kirkuk. Sarhad Kader liebt Kurdistan, er spricht gern über Kurdistan. Aber seit seine Truppen am Mittwoch in Kirkuk an die Stelle der geflohenen irakischen Armee getreten sind, gibt er Interviews nur noch im Gehen. Kader hat keine Zeit, er ist dabei, einen neuen Staat aufzubauen.
Eigentlich stehen Kurdistan laut Verfassung die drei Provinzen Arbil, Dahuk und Sulaimanija zu. Doch nach dem Fall von Mossul und dem überstürzten Abzug der irakischen Armee hat die Autonome Region ihr Territorium fast um die Hälfte vergrößert. Im Süden reicht Kurdistan jetzt bis zu den Hamrin-Bergen in der Nähe von Tikrit, im Westen bis zum Ufer des Tigris, weit in den Zentralirak hinein, so wie es den Kurden, sagen sie, aus der Geschichte heraus zusteht.
3500 kurdische Peschmerga-Kämpfer sichern nun Kirkuk. "Unser Jerusalem", wie sie sagen. Die Peschmerga haben alle strategisch wichtigen Positionen besetzt: den Militärflughafen, ein Wasserwerk, eines der größten Ölfelder des Irak.
"Diese Gebiete zurückzubekommen war unser Traum", sagt Helgurd Hikmet Mela Ali, der Sprecher des kurdischen Verteidigungsministeriums in seinem Büro in Arbil. Er sitzt vor einer kurdischen Flagge, die überall im Land zu sehen ist. Er sagt: "Der Irak bestand inoffiziell immer aus drei Teilen. Jetzt kann es auch offiziell so werden."
Ein neuer Nationalismus ist in diesen Tagen in der Hauptstadt Arbil zu spüren. Auf den Bänken und vor den Springbrunnen neben der zentralen Moschee unterhalten sich zwei junge Mädchen über die neue Miss Kurdistan, Schene Asis Ako, die am Abend zuvor im Luxushotel Divan vorgestellt wurde - am selben Tag, an dem sich in den sozialen Netzwerken Fotos von Massenexekutionen durch ISIS-Milizen verbreiteten.
Von Katrin Kuntz, Juliane von Mittelstaedt, Christoph Reuter, Mathieu von Rohr, Fidelius Schmid, Holger Stark, Daniel Steinvorth und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 26/2014
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