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DER SPIEGEL

Terrorismus„Stirb an deiner Wut“

Mit der Ausrufung eines „Kalifats“ im Irak und in Syrien ernennt sich der Anführer der Miliz „Islamischer Staat“ (IS) zum Herrscher über alle Dschihadisten - zum Ärger von al-Qaida.
Sein Name heißt übersetzt "der Regenmacher", und Ghanim al-Mutairi hat ihm in den vergangenen zwei Jahren alle Ehre gemacht. Doch nun mag er nicht mehr.
Mutairi war einer der wichtigsten Spendensammler der islamistischen Kämpfer in Syrien. Der Mann aus Kuwait unterstützte mit Millionensummen Gruppen wie die salafistische Ahrar al-Scham oder die Nusra-Front, den offiziellen syrischen Ableger von al-Qaida.
Nach Assads Sturz sollten in Syrien die Religiösen das Sagen haben: Das war stets Mutairis Ziel. Nun aber fürchtet er, dass der Traum vom goldenen islamistischen Zeitalter bedroht ist. Und zwar ausgerechnet wegen der kometenhaft aufgestiegenen Dschihadistenformation, die unter dem Namen ISIS ("Islamischer Staat im Irak und in Syrien") bekannt wurde.
Am 29. Juni rief ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in jenem Gebiet von der Größe Jordaniens, das seine Kämpfer beherrschen, ein "Kalifat" aus. Er forderte den Gehorsam aller Muslime weltweit und verkündete, er heiße fortan Kalif Ibrahim. Seine Organisation benannte er kurzerhand in "Islamischer Staat" (IS) um. Es war eine einzige Anmaßung. Baghdadi will sich allen Ernstes zum Nachfahren der Kalifen aufschwingen, die nach dem Tod des Propheten Mohammed herrschten.
"Wir alle träumen von einem islamischen Staat", sagt Mutairi, der Spendensammler, "aber keinem, der wieder von der Landkarte radiert wird." Dies sei der Anfang vom Ende: "Die großen Mächte werden das nie akzeptieren. Und sie sind stärker als der Islamische Staat."
Baghdadi und seine Milizen haben mit ihrer Erklärung die Islamistenszene weltweit in Aufregung versetzt. Doch so absurd die Selbstermächtigung Baghdadis auch klingen mag: Sie ist konsequent angesichts der enormen Geländegewinne, die seine Leute in den vergangenen Wochen und Tagen gemacht haben.
Von Bab, der syrischen Kleinstadt bei Aleppo, bis nach Baidschi, der zwischenzeitlich vom Islamischen Staat eroberten größten Erdölraffinerie nördlich von Bagdad, weht die schwarze Fahne der Extremisten. Vergangene Woche übernahmen sie in Syrien Gebiete um die letzte verbliebene Hochburg ihrer Rivalen vom Qaida-Ableger al-Nusra bei der Stadt Deir al-Sor, darunter offenbar auch eines der größten Ölfelder des Landes.
Um dieses Gebiet zu durchfahren, wäre man einen Tag unterwegs. Kein Vergleich zu den winzigen kurzlebigen "Emiraten" wie den Gebirgsdörfern, die die Terrorgruppe Ansar al-Islam im äußersten Nordosten des Irak bis 2003 beherrschte, dem Flüchtlingslager Nahr al-Barid im Libanon oder dem Gelände der Roten Moschee in Islamabad.
Baghdadi will sich zum neuen "Beherrscher der Gläubigen" aufschwingen. "Die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen wird null und nichtig durch die Autorität des Kalifen und die Ankunft seiner Truppen in ihren Gebieten", verkündete sein Sprecher Abu Mohammed al-Adnani.
Die Reaktion islamistischer Wortführer von Marokko bis Jordanien fiel fast einhellig ablehnend aus. Besonders deutlich waren ihre syrischen Rivalen, die seit Januar einen erbitterten Kampf gegen die Truppen des Islamischen Staates führen: Dieser sei "ein Feind der Nation", sagte Sahran Alusch, Kommandeur der Armee des Islam, auf einer Pressekonferenz im Umland von Damaskus - er sei kriminell, ein "Handlanger syrischer und iranischer Geheimdienste".
Ergebenheitsadressen kamen von ein paar Splittergruppen aus Nordafrika - und von Sympathisanten aus aller Welt. Die ließen sich mit Transparenten vor einer Windmühle in den Niederlanden, vor dem Pariser Eiffelturm, dem Atomium in Brüssel, Big Ben in London, auf dem Alexanderplatz in Berlin und vor der Skyline von New York fotografieren. Besonders bizarr wirkte die auf einen Zettel notierte und vor der Innenstadt von Chicago fotografierte Drohung: "Die Soldaten des Islamischen Staates werden hier bald durchmarschieren."
Der Hauptadressat der Kalifatserklärung aber, den diese schwerer getroffen haben dürfte als amerikanische Drohnen-attacken, hat sich bis Ende vergangener Woche nicht zu Wort gemeldet: al-Qaida und ihr Anführer Aiman al-Sawahiri. Der hatte sich von seinen Rivalen schon vergangenes Jahr distanziert: Man habe nichts mit ihnen zu tun und billige deren Vorgehen nicht.
Doch anstatt sich Sawahiri und seiner zerfasernden Terror-Holding zu unterwerfen, lief ihm Baghdadi den Rang ab. Sogar der nordafrikanische Ableger "al-Qaida im islamischen Maghreb" gratulierte Baghdadi nun zu den militärischen Erfolgen im Irak - äußerte sich allerdings nicht zur Frage des Kalifats.
Junge Dschihadisten aus Saudi-Arabien, Tunesien, aber auch Deutschland und Großbritannien, die ihre Vorstellungen von Glaubenskrieg und Allmacht im Namen Gottes umsetzen wollen, ziehen nicht mehr nach Afghanistan, sondern schließen sich dem Islamischen Staat in Syrien an.
Vergangene Woche verschärften die USA und Großbritannien die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen aus Angst vor Anschlägen. Es gibt Hinweise, dass der Chefbombenbauer von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, der saudi-arabische Chemiker Ibrahim al-Asiri, zum Islamischen Staat übergelaufen sein könnte.
Auf Twitter stießen Anhänger der beiden Terrororganisationen vergangene Woche schon zusammen: Baghdadis Leute verfügten nur über ein "Twitter-Kalifat", höhnte ein Qaida-Mann. Ein IS-Sympathisant gab zurück: "Bitte stirb an deiner Wut!"
Al-Qaida müsse die Ausrufung des Kalifats als Kriegserklärung empfinden, sagt Magnus Ranstorp, Terrorexperte an der Hochschule für Verteidigung in Stockholm. Es sei auch ein Generationenkonflikt: Al-Qaida hat wenig aufzubieten gegen die junge Konkurrenz, die sich nach außen noch brutaler zeigt, aber ganz anders operiert, als es Bin Ladens Bewegung tat - nicht mit spektakulären Terroranschlägen auf Ausländer, sondern im Irak mit sorgsam kalkulierten Allianzen und der Beschränkung auf militärisch klar umrissene Ziele.
Meisterhaft beherrscht der Islamische Staat die Propaganda in den sozialen Netzwerken: Das Bild, das er in seinen Videos und dem Strom der Twitter-Meldungen von sich selbst zeichnet, sieht anders aus als die Wirklichkeit. Da wird verschwiegen, dass man in Syrien gar nicht vorrangig gegen das alawitisch-schiitische Regime, sondern gegen andere Sunniten kämpft. Da brüstet man sich, im Irak 1700 schiitische Soldaten massakriert zu haben. Das vermeldeten Medien weltweit sofort ungeprüft, es scheint aber übertrieben zu sein. Jedenfalls werden so viele Soldaten nirgends vermisst. Erfolgreich und blutrünstig zu sein ist aber gut fürs Image unter den Anhängern, ebenso wie jetzt die vollmundige Ausrufung des "Kalifats".
Im Irak sind die IS-Stoßtrupps nur in die sunnitischen Gebiete eingerollt, wo der Hass auf die schiitische Zentralregierung ihnen ein warmes Willkommen bescherte. Sie meiden Konfrontationen, die der letztlich überschaubaren Kerntruppe von geschätzt 10 000 Mann ein rasches Ende bereiten würde.
Es ist niemand in Sicht, der in naher Zukunft dem Islamischen Staat seine Eroberungen streitig machen wollte oder könnte: Die Führung der US-Streitkräfte hat vorige Woche noch einmal betont, sie werde nur eingreifen, wenn amerikanische Interessen betroffen seien. Die Kurden beschränken sich auf die Verteidigung ihres Territoriums, und die desolate irakische Armee ist vergangenen Monat schon an der Versorgung ihrer Soldaten mit Trinkwasser gescheitert.
Doch in der Öffentlichkeit hält sich Baghdadi zurück. Vor einer Woche veröffentlichte er zwar eine Ansprache, in der er ausführlich das Leiden der Muslime in der Welt beklagte und an Kämpfer, aber auch Richter, Ärzte und Ingenieure appellierte, in sein "Kalifat" aufzubrechen, um beim Aufbau zu helfen. Doch es war nur eine Tonaufnahme. Anders als einst Osama Bin Laden zeigt Baghdadi sein Gesicht nicht.
Wie geht es weiter? Der Ruf zum Dschihad ist ein grandioses Mittel zum Machterwerb, aber ein schlechtes Mittel zum Machterhalt. Im Namen Gottes zu herrschen und jeden Widerstand als Frevel denunzieren zu können ist eine immense Verlockung gerade für die aus aller Welt Anreisenden. Doch islamistische Diktaturen führen zu Tyrannei und Willkür. Es gibt kein Korrektiv in diesem "Kalifat", im Namen Gottes scheint alles erlaubt. Bislang haben solcherart Beherrschte nach einer Weile immer aufbegehrt.
Sogar die glorreiche Frühzeit des Islam, die "Idealgemeinschaft der Gläubigen", auf die sich Islamischer Staat und al-Qaida gleichermaßen berufen, ist nur die Beschwörung einer Fiktion: Von den vier ersten Kalifennachfolgern Mohammeds wurden drei ermordet. Damals wie heute ging es weniger um die Ideologie als um die Herrschaft, die in ihrem Namen ausgeübt werden kann.
Bis zum Absturz des Kometen Islamischer Staat kann es noch ziemlich lange dauern und sehr viel dramatischer werden. Auffällig ist nicht nur, was Baghdadis Truppe unternimmt - sondern auch was sie bislang noch nicht getan hat: wahllos Terroranschläge in aller Welt zu verüben. Wenn sie wollte, könnte sie das jederzeit beschließen.
Die Twitter-Grüße von Sympathisanten des Islamischen Staates aus London, Berlin und Paris erscheinen heute noch lächerlich. Aber die neue, internationale Generation der beseelten Fanatiker, die durch die Trainingscamps in Syrien gegangen ist, existiert bereits. Vorläufig hält sie nur handbemalte Zettel in die Kamera.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 28/2014
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