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DER SPIEGEL

IdoleDer Überrascher

Thomas Müller passt in kein Schema und eigentlich auch nicht zum modernen Kontrollfußball. Doch als Kämpfer wurde er zum Anführer der deutschen Mannschaft. Von Jörg Kramer
Der Nationalspieler Thomas Müller ist ein praktisch denkender Mensch und besticht bisweilen durch zwingende Logik. Im Fußball sei es ja so, sagte er am vergangenen Mittwoch im brasilianischen Bundesstaat Bahia, "wenn du viele Torchancen hast, hast du auch viele Möglichkeiten, welche zu vergeben".
Zwei Tage später im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro bekam Müller dann persönlich nur eine einzige Möglichkeit des Scheiterns vor dem Tor der Franzosen, und wenn man so will: Er nutzte sie. Nach Mesut Özils Flanke in der 82. Minute des Viertelfinalspiels säbelte der Profi von Bayern München am Ball vorbei. Aber das machte ja nichts: Deutschland zog dank des frühen Kopfballtreffers von Mats Hummels ins Halbfinale ein, und Müller bleibt mit vier Treffern bester Schütze seines Teams bei dieser Weltmeisterschaft.
Müller, 24, ist nicht nur Deutschlands Torjäger, er ist so etwas wie der Anführer der deutschen Mannschaft geworden und ihr Symbol. Joachim Löw, der oft als schöngeistig beschriebene Bundestrainer, hat bei der WM in Brasilien ein Team von Kampfsportlern auf den Platz gestellt, Draufgängern, die ihren Gegnern einen Schlagabtausch liefern. Geplant war das nicht.
Doch weil das eigentlich eher künstlerisch veranlagte Ensemble sein kontrolliertes, technisch geprägtes Spiel meistens nicht so recht zuwege bringt, stehen nun am Ende immer elf Müller auf dem Rasen. Gegen die Franzosen verteidigte die Mannschaft in veränderter Formation zwar schon wieder konzentrierter als zuvor gegen die Algerier, doch die versprochene Leichtigkeit zeigt sie in Brasilien nicht. Sie spielt im Prinzip wie der unermüdliche Müller aus München: nach Phasen des gepflegten Passspiels seltsam verwegen, inkonstant, halb strauchelt sie, halb rennt sie noch, das Unterhemd aus der Hose gerutscht - immer am Rande des Zusammenbruchs.
Das ist typisch für das Turnier, von dem Experten ein bedächtiges Dauergeplänkel erwartet hatten, Zurückhaltung auf hohem Niveau, der Hitze geschuldet. Nun sehen die Fans ein Festival ungestümen Angriffsfußballs, attraktiv, aber nicht immer anspruchsvoll. Denn zur hohen Schule der Fußballmoderne gehört auch taktische Vorausschau, ein Matchplan. Guter Fußball besteht auch im sichtbaren Bemühen, den Zufall zu beherrschen.
Die Spiele werden von hauptamtlichen Scouts digitalisiert, in Passquoten und Zweikampfwerte zerlegt, die Akteure sollen auf ihren mobilen Endgeräten die Laufwege ihrer Gegenspieler studieren. In diesen Zeiten wirkt Müller wie ein Relikt aus der Antike des Fußballs. Er kontrolliert das Spiel nicht, sondern wird von ihm mitgerissen.
Müller gilt als stürmende Reminiszenz an die Ursprünglichkeit des Fußballs. Er rennt einfach drauflos, so sieht das jedenfalls aus, er spielt ein scheinbar anarchisches Spiel. Das ist das Müller-Klischee. In Wahrheit mache er auf dem Platz "weniger Dinge spontan, als Sie vielleicht denken", sagte er am Mittwoch in Santo André, an der deutschen WM-Basis unter einem Palmdach am Pool. Er spiele halt mit Risiko.
Es klang belehrend, ein bisschen schnippisch, im Unterton schwang immer seine Kernthese mit: Die Presse schreibt sowieso, was sie will.
Das war für die Mannschaft das Thema der Woche zwischen Algerien- und Frankreich-Spiel. Die Presse, das Fernsehen. Immer noch ging es um Per Mertesacker, der einen ZDF-Reporter nach dem holprigen Achtelfinale vor der Kamera hatte auflaufen lassen: "Wat woll'n Se? Versteh die ganze Fragerei nicht!" Nach Einschätzung der Kameraden war es jedoch so, dass Mertesacker eine allzu nörgelige Frage nach der Teamleistung souverän pariert hatte.
Nicht unbedingt immer fantastisch zu spielen, sondern zu gewinnen, darum gehe es beim "Turnier des Willens", hatte Löw beigepflichtet, und er klang wie Rudi Völler 2002, als sich Deutschland ins Finale rumpelte. Der Gegner wird in Brasilien von den Deutschen nicht ausgespielt, sondern aus dem Weg geräumt. So machte es Müller vor - unter Einsatz seiner Arme bei seiner Flanke zum Führungstor von André Schürrle gegen Algerien.
Der namenlose Gegner aus Nordafrika galt als kampfstark, doch "im Endeffekt haben wir mehr geackert", stellte Thomas Müller klar, stellvertretend wie ein Klassensprecher. "Die ganze Truppe hat gebissen, ist ans Limit gegangen."
Ist es nicht das, was alle wollten, was die Deutschen, rückwärtsgewandt wie sie in Fußballdingen nun mal sind, am Löw-Stil immer vermisst hatten? "Wenn wir spielen wie die Ballerinas, heißt es, wir haben keine Typen", meint Müller, der ja am Ende dieses Gedankengangs derjenige ist, der die Sehnsucht der Leute bedient. Nicht die Ballerina, sondern: der Typ.
Einmal stolperte er beim Anlauf zum Freistoß; bis heute ist nicht ganz klar, ob das inszeniert war, zu einem Täuschungsmanöver für den Gegner gehörte. Falls ja, ist es bezeichnend, dass sie Müller für diese Tollpatschrolle auswählten. Als ob er sie am glaubwürdigsten verkörpern könnte.
Müller spürt und genießt es, dass das Turnier ihn aufwertet, ihn plötzlich wie die Avantgarde eines Weltspielstils 2014 aussehen lässt. Mit diesem schneidigen Hurra, aufopferungsvoll, könnte er auch für Chile auflaufen oder für Costa Rica. Es ist aber Deutschland, das macht die kämpferische Haltung irgendwie wertvoller - so wie eine Zote niveauvoller klingt, wenn ein namhafter Philosoph sie erzählt. Denn Deutschlands Nationalteam gilt ja eigentlich als gereift; "viel weiter als 2010", das ist die Standardformulierung, die jetzt alle Spieler benutzen, die damals schon dabei waren.
Thomas Müller kam im DeutschlandTrikot zu diesem Pressegespräch, unten trug er die 13, das ist nicht nur seine Rücken-, sondern auch seine Badelatschennummer. Den linken Unterarm ziert zurzeit eine Schramme, im Gesicht erkennt man noch deutlich die Nahtstellen an der geplatzten Augenbraue, ein Andenken vom zweiten Turnierspiel gegen Ghana. Er lag mehr in seinem Stuhl, als dass er saß, um ihn herum elf Journalisten.
Müller wurde nach seinem Beruf gefragt, also nach der Bezeichnung, die auf der Rückseite der Fußballsammelbilder steht: Mittelfeldspieler oder Stürmer - Müller ist ja ein Zwischending oder beides auf einmal.
"Keine Ahnung."
Er spricht ziemlich laut, mit weit offenem, etwas schiefem Mund sieht er immer aus, als würde er gleich ein Thekenlied anstimmen. Oder einen Fangesang. Was er selbst auf sein Sammelbild schreiben würde? Bewegungsstürmer vielleicht, wie er den Job des mitspielenden Angreifers kürzlich nannte?
"Überrascher."
Müller ist sich seiner Wirkung bewusst. Porträts über ihn enthalten oft die Information, er habe den Schalk im Nacken. Zumindest weiß er, dass man von ihm Pointen erwartet. "Hio", sagt er kokett, wenn er den Spielort Rio nennt, so wie die Brasilianer ihn aussprechen. Manchmal bleiben die Witze seltsam flach. Sie handeln dann davon, dass ein Spieler den anderen immerzu an der Playstation besiegt, zum Beispiel Müller den Lukas Podolski.
An Müller wird die Natürlichkeit gelobt. Er wirbt für einen Kugelgrill und für Minisalami. Womöglich kommt sein Ruf, der einfache Junge von nebenan zu sein, bloß daher, dass er aus einem oberbayerischen Dorf in der Nähe des Ammersees stammt: Pähl, knapp 2500 Einwohner. Regelmäßig besucht er die Eltern, ungefähr einmal im Monat. Der Vater ist Kfz-Ingenieur.
Der Charming Boy des deutschen Fußballs wird als bodenständig beschrieben, vermutlich weil er keine drei Ferraris besitzt. Er hat 30 Pferde. Seine Frau Lisa ist Dressurreiterin. Er lernte Lisa mit 17 kennen. Als er 20 war, heiratete er sie. Ihre Hunde heißen Micky und Murmel.
Im Zusammenhang mit dem Fußballprofi Thomas Müller, der gerade seinen Arbeitsvertrag beim FC Bayern bis 2019 verlängert hat und jetzt etwa zehn Millionen Euro jährlich verdient, fällt häufig das Wort Unbekümmertheit. Das passt in etwa so gut zu ihm wie das Wort korpulent.
In Wahrheit ist Müller ehrgeizig bis über die Grenze zur Verbissenheit hinaus. Wie keinem Zweiten sieht man ihm den Ärger an, wenn ihm mal der Ball vom Fuß springt. Das kommt gelegentlich vor, denn er gehört nicht zu den Filigrantechnikern, die heute die Spielfelder im internationalen Spitzenfußball bevölkern, vor allem im Mittelfeld. Sie berühren den Ball kaum, wenn sie ihn punktgenau weiterleiten, mit einem halben Kontakt, wie sie sagen. Alles wirkt kinderleicht.
Bei Müller erkennt man die Anstrengung. Das macht ihn sympathisch. Wenn er den Ball aus der Luft annimmt und mit der gleichen Bewegung noch am Torwart vorbeilegt, sieht er aus wie der Storch im Salat.
Er spielt, wenn man sein Tempo in Beziehung zu seinen Fertigkeiten setzt, mit höherem Risiko als alle anderen, allerdings mit erstaunlicher Körperbeherrschung.
Und er steckt nie auf. Im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund im Mai sprintete er in der Verlängerung, als andere mit Wadenkrämpfen im Gras lagen, noch mit letzter Kraft einem Ball nach. Er entkam seinem Verfolger und umkurvte den Torwart. Das Tor, sein Tor, bejubelte er dann brüllend wie ein Bär, der einen Rivalen zur Strecke gebracht hat.
Man kann gut mitzittern. Denn Müller versucht im Spiel oft das scheinbar Unmögliche. Dies ist seine einzige Chance, auf dem Niveau der Besten mitzuhalten. Und es war der einzig mögliche Weg, um überhaupt erst dorthin zu gelangen.
Viele haben beim Namen Müller noch den Amateurspieler aus der zweiten Mannschaft vor Augen, der mal im Profikader ausprobiert wurde. Er sieht ja auch immer noch so aus wie damals, als ihn Bayerns Profitrainer Jürgen Klinsmann berief, die gleiche Kommissfrisur. Müller ähnelt den kickenden Popstars in seinen Mannschaften nicht. Er zupft nicht die Augenbrauen wie Mario Götze und Sami Khedira. Tattoos würden an ihm deplatziert wirken wie ein Piercing am Ball.
Der Trainer Louis van Gaal baute ihn dauerhaft in die erste Bayern-Elf ein, ausgerechnet der Niederländer, der in München sein akkurates Positionsspiel lehrte. Dafür braucht man gemeinhin Spieler, die den sauberen Kurzpass beherrschen. Müller fiel da aus dem Rahmen, doch den knorrigen van Gaal interessierte der Torinstinkt des Jungen. Und ihn faszinierte dessen Mut, mit und ohne Ball am Fuß Wege zu suchen, die sonst niemand betritt. Müller schien das Fußballspiel wie ein Abenteuer zu betrachten.
"Müller spielt immer", diese Feststellung van Gaals geriet zum geflügelten Wort. Müller wurde Nationalspieler und blieb es, obwohl er auch in Löws Kontrollfußball-Schema im Grunde nicht passt. Am leichtesten fügt er sich noch als frei schwebender Stürmer in eine modern spielende Elf ein, als Zielspieler in vorderster Front. Dort muss er nicht Passgeber sein, er ist Empfänger der Anspiele aus dem Mittelfeld, kreuzt mal hier auf, mal dort. Als Überrascher.
Im März 2010 verblüffte er Diego Maradona, damals Argentiniens Nationaltrainer, mit seiner Anwesenheit auf dem Podium einer Pressekonferenz. Maradona hielt ihn für einen Unbefugten und protestierte streng; dabei hatte Müller im gerade abgepfiffenen Münchner Freundschaftsspiel mitgewirkt, es war sein Länderspieldebüt. Vier Monate später traf er gegen Maradonas Argentinien im WM-Viertelfinale. Er wurde sogar Torschützenkönig des Turniers in Südafrika.
Jetzt kennt ihn jeder, sogar Maradona. Oder besser: Alle meinen ihn zu kennen. Müller ist die Identifikationsfigur. Er verbindet den sechsthäufigsten deutschen Vornamen mit dem häufigsten deutschen Nachnamen sowie den Fußball der Moderne mit dem einfachen Siegeswillen des Bolzplatzes. Thomas Normalmüller muss unbedingt mitspielen, so wünschen es die Fans, denen es vorkommen muss, als wären sie durch ihn irgendwie selbst dabei.
Es ist nicht einfach mit ihm. Er sieht sich als Mannschaftsspieler. Zumindest betont er das oft. Er sei ja Mannschaftsspieler, als gehöre das zum Allgemeinwissen wie die Namen der Torschützen von Bern 1954. Allerdings hat kaum ein Fußballer solche Probleme, eine Zurücksetzung auf die Ersatzbank zu verkraften, wie Thomas Müller. Er scheint darin etwas Grundsätzliches zu sehen, eine Abweisung und Versagung von Anerkennung. Trainer Pep Guardiola stellte ihn zuletzt häufiger in wichtigen Spielen für Bayern München nicht auf. Es wird nicht leichter für ihn, wenn jetzt der spezialisierte Stürmer Robert Lewandowski als Konkurrent hinzukommt.
Neulich verriet Müller, er habe das verlorene Finale der Champions League 2012 dadurch besser verschmerzen können, dass er vor seiner Auswechslung ein Tor geschossen habe. Das klingt in Zeiten, da jede Spielhandlung und sogar jede Balleroberung eine Gemeinschaftsaufgabe ist, eine Spur zu egoistisch.
Müller war im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien nicht aufgestellt. Das WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien hat er wegen einer Sperre verpasst. Beide Spiele wurden verloren. Das WM-Halbfinale 2014, an diesem Dienstag in Belo Horizonte gegen Brasilien, wird er auf dem Platz erleben, wenn nicht alles täuscht.
Am Freitag in der Gluthitze gegen Frankreich hatte er auf dem rechten Flügel begonnen, ein bisschen wie abgeschnitten vom Team - und auf der Sonnenseite des Spielfelds. Dort kam er sich "wie in der Grillbude" vor. Er lobte natürlich "den Kampfeinsatz" aller Kameraden und befand: "Wir haben den Geist im Team." In der Mannschaft nennen sie ihn "Radio Müller", weil er so viel und so gern redet.
Zum Spiel gegen Frankreich waren seine Eltern aus Pähl angereist. Man kann jetzt sagen: Der weite Flug hat sich gelohnt. Der Sohn bleibt ja jetzt auch noch im Land, und sie können auf jeden Fall zwei weitere Spiele der deutschen WM-Mannschaft sehen, neben dem Halbfinale das Endspiel oder eben das Spiel um Platz drei.
Hat ihn die Anwesenheit der Eltern zusätzlich motiviert? Thomas Müller erwiderte, das sei ihm, nun ja - ",egal' zu sagen wäre ja respektlos". Aber "egal" zu denken war erlaubt. ■
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 28/2014
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