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DER SPIEGEL

Fußball„Ah, der Robben-Vernichter“

Vor über zwei Jahren nahm SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit Bayern Münchens Star Arjen Robben in einem Porträt hart ran, der Klub empfand den Beitrag als Schmähstück. Nun spielt Robben gut wie nie. Über den Spagat, Journalist und Fan zu sein.
Karl-Heinz Rummenigge hat recht, wenn er sagt, Arjen Robben sei derzeit der "beste Feldspieler der Welt". Ich stimme Pep Guardiola aus ganzem Herzen zu, wenn er Robben für einen "incredible Superprofi" hält. Incredible heißt unglaublich. Also noch einmal auf Deutsch: Robben ist ein unglaublicher Superprofi.
Reicht das?
Nein?
Also gut, jetzt mit eigenen Worten: Robben spielt eine fantastische Saison. Ich saß mehrmals im Stadion, habe ihm zugeschaut und war verzaubert. War hingerissen. War entzückt.
Okay? Oder soll ich mir ein Autogramm geben lassen?
Es gibt Stunden, da muss man büßen. Eine dieser Stunden ist für mich gekommen. Es begann damit, dass einer der Sportchefs vom SPIEGEL anrief und mich mit zuckersüßer Stimme fragte, ob ich nicht noch einmal über Robben schreiben wolle. Er spiele doch so gut in dieser Saison. Wäre doch prima. Ich sah sein Grinsen, obwohl wir nur telefonierten.
Ich habe schon einmal über Robben geschrieben, das Stück trug die Überschrift " Der Spektakelspieler" ( SPIEGEL 18/2012). Als ich danach ins Stadion ging, begrüßte mich ein Kollege mit den Worten: "Ah, der Robben-Vernichter".
Manche Geschichten hängen einem ewig nach. Oft sind es die Geschichten, die besonders hart waren oder die einen später schlecht aussehen lassen, weil sich die Dinge anders entwickelt haben. Manchmal kommt beides zusammen.
Ich sagte dem Sportchef zu, ich will mich nicht drücken. Ich werde hier die Geschichte einer Geschichte erzählen, was danach kam, wie sich Robben entwickelt hat und wie es ist, Journalist und Fan zu sein.
Ich schicke dem Pressechef des FC Bayern München, Markus Hörwick, eine Mail mit der Frage, ob ich mit Arjen Robben sprechen könne. Hörwick und ich kennen uns von der ersten Geschichte. Die Antwort der Pressestelle ist freundlich und negativ.
Damals reagierte Hörwick mit einer wütenden Beschwerde. Ein Interview mit einem anderen Spieler wurde abgesagt.
Ich hatte die Geschichte vor dem Finale der Champions League geschrieben, Bayern München gegen den FC Chelsea. Robben hatte ich bei einem Trainingslager in Katar als umgänglichen Menschen kennengelernt, aber ich fand, dass er sich auf dem Platz unmöglich aufführte, egoistisch, theatralisch, er neigte zu Schwalben, er riss Elfmeter an sich, traf aber nicht immer. Als seinem Mitspieler Franck Ribéry das alles zu bunt wurde, schlug er Robben in einer Halbzeitpause mit der Faust ins Gesicht.
Im Finale gegen Chelsea verschoss Robben in der Verlängerung einen Elfmeter. Bayern verlor. Ein paar Leute sagten: Hast recht gehabt mit deiner Geschichte.
Kein Trost. Ich muss zugeben, dass mein Herz für den FC Bayern schlägt, seit 45 Jahren, als ich in Berlin im Tor von Wacker 04 stand und mir die Jungs von Hertha BSC die Bude vollhauten, weshalb ich nicht Fan von Hertha sein konnte.
Das ist eine schwierige Sache, Fan und Journalist. Der eine kann sich ein Autogramm geben lassen, der andere nicht, der eine ist eine Ausgeburt der Einseitigkeit, der andere braucht einen neutralen Blick. Zerrissenheit also. Aber nicht, wenn ich schreibe. Wenn ich schreibe, gefriert mein Herz. Der Fan stirbt ab, auch beim Thema Robben. Trotzdem wurde es ein emotionaler Text.
Am 6. Februar 2013 besuche ich Markus Hörwick auf dem Gelände des FC Bayern an der Säbener Straße in München. Aussprache über die Geschichte.
Wir sitzen in einem Besprechungszimmer, vor ihm liegt der Text. Auf den ersten fünf Spalten hat er mit einem Leuchtstift ungefähr jede zweite Zeile markiert. Hörwick liest mir all diese Sätze vor. Galaktischer Kotzbrocken. Eigentlich immer beleidigt. Eine Zumutung. Eine Katastrophe für den FC Bayern München und seine Fans. Klingt schon hart, denke ich.
In der sechsten und letzten Spalte hat Hörwick nichts markiert. Der Text nennt dort die Stärken von Robben und endet mit dem Satz: "Er ist die beste Katastrophe, die den Bayern passieren konnte." Hörwick findet, dass das nur Kosmetik ist.
Wir sind beide verspannt. Er sagt, der Text sei "bösartig", hätte nicht erscheinen dürfen. Ich finde, dass jemand, der sich auf dem Platz aufführt wie Robben, Kritik aushalten müsse. Es geht hin und her, es bringt gar nichts. Nach einer Stunde geben wir uns kühl die Hand. "Sie finden ja hinaus", sagt Hörwick. "Ja", sage ich. Wir hätten beide souveräner sein können.
Robben spielt eine gute Saison 2012/ 2013. Bayern wird Meister, erreicht das Finale der Champions League gegen Borussia Dortmund. Als das Finale näherrückt, werde ich unruhig. Ich bin als Journalist nicht im Einsatz und habe als Fan keine Karte.
Am Tag vor dem Finale halte ich es nicht mehr aus und schaue im Internet auf dem grauen Markt nach, ob es noch Karten gibt. Gibt es. Ich sehe den Preis und streiche in Gedanken für ein Jahr alle Restaurantbesuche. Eher für zwei. Ich kann mich auch von Butterbroten ernähren, denke ich mit dem Heroismus des Moments. Ich rufe an und gebe meine Kreditkartennummer durch, worauf man mir sagt, jemand würde sich melden wegen der Tickets. Dann fliege ich mit meinem Sohn nach London.
Abends ruft ein Mann an und sagt in einem schwerfälligen Englisch, ich solle morgen um zwölf Uhr am Piccadilly Circus sein. Er würde sich dann wieder melden. "Das ist ein Inder", sage ich zu meinem Sohn. Ich bin in Indien einmal sehr krank geworden.
Um zwölf Uhr stehen wir am Piccadilly, niemand ruft an. Um halb eins komme ich mir vor wie der größte Trottel aller Zeiten. Wie leichtgläubig. Wie dumm. Piccadilly ist von Dortmundern besetzt, alles schwarz und gelb. Sie singen Schmählieder gegen die Bayern. Sie werden bald ins Stadion fahren. Ohnmacht. Wut.
Um kurz vor eins ruft der Inder an und sagt, ich solle in ein Hotel in der Nähe kommen. Wir gehen zu dem Hotel, und ich sage meinem Sohn, er müsse meinen Rücken decken, halb im Scherz. Es kommen noch zwei Anrufe, und schließlich werden uns die Karten in einem Café übergeben. Der Inder ist ein Italiener.
In der 89. Minute spielt Ribéry einen Pass auf Robben, der in der Mitte durchbricht und den Ball mit einem blütenzarten Kick an Weidenfeller vorbeirollen lässt. 2:1, Sieg.
Haltlosigkeit. Anders kann ich es nicht sagen. Tanzen, tanzen.
Ich bin froh, dass ich als Fan im Stadion war, nicht als Journalist. Meinen ersten Fußballeinsatz auf der Pressetribüne erlebte ich 1996 bei der Europameisterschaft in England. Deutschland spielte in der Vorrunde zuerst gegen Tschechien, und als Christian Ziege das 1:0 geschossen hatte, tat ich das, was ich immer tat, wenn Deutschland erfolgreich war. Ich sprang auf und jubelte. "Das geht gar nicht", zischte ein Kollege. "Wie peinlich", raunte ein anderer. Sie hatten recht. Seither: Pokerface.
Nach dem Finale muss ich mir einiges anhören. Hast du nicht damals über den Robben ...? Ja, habe ich. Und bist du jetzt zerknirscht, dass du so danebenlagst? Oder freust du dich mehr über den Sieg?
Es kommt noch schlimmer. Oder besser. Je nachdem. Robben lässt die Zickereien auf dem Platz, er gibt ab, er verteidigt. Bei der Weltmeisterschaft im Sommer ist er einer der besten Spieler, in der laufenden Saison der Bundesliga glänzt er wie ein Gott und führt die interne Torschützenliste der Bayern mit neun Treffern an.
Er ist noch immer beinahe ein "one trick pony", ein Zirkuspferd, das nur ein Kunststück beherrscht. Er rennt steil mit dem Ball. Er zieht nach links. Er sucht die Lücke. Er schießt mit dem linken Fuß. Obwohl das alle Verteidiger der Welt wissen, kommt Robben durch, weil er so athletisch und gewandt ist wie kaum ein anderer.
Ich freue mich. Ehrlich.
Im Achtelfinale der WM gegen Mexiko macht er in der ersten Halbzeit eine Schwalbe. Kurz vor Schluss lässt er sich nach einer leichten Berührung im Strafraum theatralisch fallen, und diesmal bekommt er den Elfmeter. Holland gewinnt. "Da habe ich mich clever verhalten", sagt Robben. Ich will nicht rechthaberisch sein, aber das kann ich nicht übergehen. Die Schwalbe ist die Negation eines Spiels, das vom körperlichen Einsatz lebt. Schade.
Am 1. November dieses Jahres sitze ich im Stadion, Pressetribüne. Bayern trifft in der Bundesliga auf Dortmund. Die 85. Minute, es steht 1:1, Elfmeter für München. Robben nimmt sich den Ball.
Ich sitze direkt am Aufgang. Ein Mann, der unterhalb der Pressetribüne saß, stürmt die Treppe hinauf. Vor der Brust trägt er einen Rucksack, aus dem ein Teddybär im Trikot der Bayern schaut. "Bitte nicht Robben!", wimmert der Mann, "bitte, bitte nicht Robben." Auch ich denke an dessen verschossene Elfmeter. Der Mann verschwindet, er will nicht hinschauen.
Robben schießt, trifft.
Als der Stadionsprecher den Torschützen verkündet und "Arjen" ruft, rast jener Mann zurück auf die Ränge, schreit mit den anderen Fans "ROBBEN" und lässt dabei den rechten Arm nach oben schnellen, den Zeigefinger gereckt, dreimal. Sein Gesicht ist von einem Triumph beseelt, als habe er immer gewusst und immer gesagt, dass Robben der Allerallergrößte ist.
Ich sitze reglos auf meinem Platz, Pokerface. Absurd manchmal.
Aber ich erkenne mich in dem Fan mit dem Bärchen wieder, als Zuspitzung meiner selbst, nicht nur als Fan, auch als Journalist. Das eine ist das Kindische, diese haltlose Liebe zu einem Verein, die Männern deshalb so gut gelingt, weil der Verein nicht zurückliebt und deshalb keine Erwartungen an diese Liebe knüpft und schon gar nicht will, dass man den Mülleimer runterbringt.
Das andere ist die Volatilität, die Journalisten so zu schaffen macht. Was für eine laue Figur war Mario Götze, bis er im WM-Finale den Siegtreffer schoss. Wie umstritten war Joachim Löw, bis er Weltmeister wurde. Wie hart war die Kritik davor. Wie groß der Jubel danach. An jedem Spieltag wird die Welt neu geboren.
Sagen wir so: Robben ist ein fantastischer Offensivspieler, wertvoller, als ich damals dachte. Ein großer Sportsmann ist er nicht.
Habe ich damit genug gebüßt? Wohl nicht. Gibt der Fan in mir zu.
Am 20. Oktober sitze ich im pompösen Festsaal eines Hotels in Rom, Pressekonferenz. Morgen spielen die Bayern gegen den AS Rom. Markus Hörwick kommt herein und strahlt, wie so oft, eine Selbstgewissheit aus, als führte er die interne Torschützenliste an. Ihm folgen Thomas Müller und Arjen Robben, der im Gehen sein Handy checkt. Er wirkt grimmig, antwortet dann aber freundlich.
Solche Pressekonferenzen verlaufen wie Besuche in den Kirmeszelten von hexenhaft gekleideten Kartenleserinnen. Es geht um die Zukunft. Frage: "Wie schwierig werden die beiden Spiele gegen den römischen Klub?" Robben, der morgen zwei von sieben Münchner Toren schießen wird, sagt: "Ich glaube, es werden zwei schwierige Spiele."
Andere Antworten von Müller und Robben auf ähnliche Fragen: "Wir wissen ja nicht, was die morgen machen." - "Wir werden es morgen sehen." - "Es kann noch alles passieren." Eine Pressekonferenz vor dem Spiel ist kein Termin, bei dem man schlauer wird.
Hörwick, Müller und Robben stehen auf, ich stehe auf. Sie gehen zu den Aufzügen, ich gehe hinterher. Jemand kommt und sagt, der Thomas solle dem Uli noch ein Interview geben. Hörwick, der mich nicht gesehen hat, geht mit Müller davon. Ich stehe allein mit Arjen Robben vor den Aufzügen. "Herr Robben", sage ich.
Er schaut mich an, missmutig. Er kennt mich nicht, aber man sieht, dass er es nicht schätzt, angesprochen zu werden. Ich öffne meine Schreibkladde und ziehe die Kappe von meinem Füller. Der Aufzug kommt.
"Können Sie mir bitte ein Autogramm geben?", höre ich mich sagen. Robben nimmt meinen Füller und kritzelt seinen Namen auf das Papier. Dann steigt er in den Aufzug, die Tür geht zu. Ich stehe da und schließe meine Schreibkladde.
Jetzt okay?

DER SPIEGEL 52/2014
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