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DER SPIEGEL

JapanDie Fremden

Junge Frauen und Männer kapseln sich ab von der Gesellschaft und leben noch als Erwachsene bei ihren Eltern. Begegnungen mit „Hikikomori“. Von Wieland Wagner
Als ich Joe kennenlernte, saßen wir auch an diesem Wohnzimmertisch, in diesem Einfamilienhaus in Tokio. Joe war etwa elf Jahre alt, es war ein Sonntagnachmittag, und er saß dabei, als seine Eltern und ich uns unterhielten. Seine Mutter strich ihm über den Kopf und berichtete von der Eliteschule, die er besuchte. Von dort, sagte sie, stehe ihm der Weg an die Tokio-Universität praktisch offen.
Wir sprachen über die Todai, wie die Japaner diese Universität nennen, die angesehenste des Landes. Joes Eltern hatten sie absolviert, darauf beruhte ihr sozialer Status; er ist Wissenschaftler, sie Journalistin. An diesem Nachmittag zweifelte keiner von uns daran, dass auch Joe den vorgezeichneten Lebensweg eines gut erzogenen Japaners gehen würde.
Das war vor 24 Jahren, und nun sehe ich Joe zum ersten Mal wieder. Er überragt seine Eltern, seine Haare sind geschoren, er trägt eine dicke Hornbrille und eine blaue Daunenweste. Joe wohnt noch immer zu Hause, auf der Todai war er nie, auch auf keiner anderen Universität.
Joe ist einer der vielen jungen Japaner, die sich von der Gesellschaft abkapseln und ganz auf sich selbst zurückgezogen leben. Er ist ein "Hikikomori", einer, "der sich zurückgezogen hat". Ihre Anzahl wird auf über eine Million geschätzt, vielleicht sind es auch deutlich mehr, und sie erzählen viel über das heutige Japan.
Es ist nicht leicht, über Freunde zu schreiben, und Joes Vater ist ein guter Freund. Wir treffen uns regelmäßig und reden über Japan und die Welt, aber auch über unsere privaten Probleme, und das größte Problem meines Freundes heißt Joe.
Anfangs gab ich noch wohlmeinende Ratschläge, wenn mein Freund über seinen Sohn berichtete. Wenn er verzweifelt war, dass Joe nicht zur Schule ging, sich zu Hause verkroch und sich schließlich weigerte, die Aufnahmeprüfung für die Universität abzulegen - jenes Examen, für das Japaner lange pauken, in der Hoffnung, einen guten Job in einem großen Konzern oder beim Staat zu bekommen. Doch irgendwann hörte ich nicht mehr so richtig hin. Ich hatte den Eindruck, Joe sei ein hoffnungsloser Fall. Ein Hikikomori eben.
Doch vor Kurzem habe ich meinen Freund gefragt, ob ich Joe treffen könne. Ich hatte für eine Recherche mit mehreren Hikikomori gesprochen, und stets musste ich dabei an Joe denken. Plötzlich ahnte ich, was mein Freund und seine Familie all die Jahre durchlitten haben mussten.
Er zögerte, denn er wusste, dass ich über Joe schreiben würde. Dann willigte er ein.
Und nun gehe ich mit Joe allein in sein Kinderzimmer unter dem Dach. Er richtet seine Matratze vom Fußboden auf und lehnt sie senkrecht an die Wand, damit wir Platz haben. Wir setzen uns an seinen Schreibtisch, das einzige Möbelstück. Fast komme ich mir vor wie in einer Zelle. Das liegt nicht an der Enge, die ist normal in Japan. Es liegt daran, dass Joe die Fenster mit Papier verklebt hat.
"Ich möchte nicht, dass mir die Leute von den benachbarten Bürogebäuden ins Zimmer schauen können", sagt er. Zudem will er nichts vom Berufsverkehr draußen mitbekommen. Er sagt: "Am unerträglichsten ist es, wenn ich morgens all die Pendler sehe, die vom Bahnhof kommen und zur Arbeit gehen." In solchen Momenten wird ihm jedes Mal bewusst, dass er die Erwartungen nicht erfüllt hat. Dann macht er sich Vorwürfe, hört innerlich Sätze, wie Japaner sie häufig über Hikikomori sagen: "Der soll gefälligst arbeiten, statt seinen Eltern auf der Tasche zu liegen."
Ich bin erleichtert, dass ich mit Joe ganz normal reden kann. Ich hatte einen schüchternen Menschen erwartet, wie Airi, die 25-Jährige, die ich zuvor getroffen hatte und die manchmal so wenig Lust zu leben hat, dass sie morgens gar nicht erst aufsteht. Oder Yoshiko, 43 Jahre alt, die immer noch bei ihrer Mutter wohnt und das Haus höchstens verlässt, um sich allein eine Karaoke-Kabine zu mieten und ihre Lieblingshits zu singen. Oder Junji, 35, der zehn Jahre lang überhaupt nur aus dem Zimmer ging, um das Essen zu holen, das seine Mutter auf einem Tablett bereitgestellt hatte. Als ich ihn besuchte, sah er mich nie an, sondern blickte nach unten.
Diese Gespräche haben mich aufgewühlt, denn auch ich bin ein Vater. Doch Joe macht es mir leicht, er ist offenherzig und hört kaum auf zu reden. Das mag daran liegen, dass ich ein Freund der Familie bin. Aber auch daran, dass es Joe guttut, von sich zu erzählen.
Joe spricht ein Japanisch, das klingt wie gedruckt. Er hat Hunderte Bücher gelesen, er saugt alle Informationen auf, die er im Internet findet. Denn ständig sucht er Antworten auf die eine Frage: "Warum kann die japanische Gesellschaft mich nicht so akzeptieren, wie ich bin?"
Zu diesem Zweck führt er Tagebuch, 200 Bände hat er gefüllt, gelbe, rote und grüne Ringhefte, eng beschrieben mit winzigen Schriftzeichen, die er jetzt auf dem Fußboden ausbreitet. Er schreibt darin über seine Ängste und die Vorwürfe, die er sich macht, weil er anders ist. "Ich notiere, was mir durch den Kopf geht", sagt er, "ich versuche zu verstehen, wer ich bin."
Dass er anders ist, das zeigte sich schon früh. Bei der Schulgymnastik drehte er sich nach rechts, wenn er sich nach links drehen sollte. Ständig kam er auf eigene Ideen, seinen Lehrern und Mitschülern ging er damit bald auf die Nerven. Abweichler haben es schwer in japanischen Schulen, wo das Lernziel Anpassung heißt, nicht Kritikfähigkeit. So rutschte Joe in die Rolle des Außenseiters. Als er 16 war, nahmen seine Eltern ihn für ein Jahr aus der Oberschule. Doch das half ihm nicht, im Gegenteil: Um versäumten Stoff nachzuholen, musste er nach seiner Rückkehr zusätzlich an einer Juku, einer privaten Paukschule, lernen. Doch wozu das alles?
Joe spürte, dass die Kluft zwischen Realität und Anspruch wuchs. Er verweigerte die Aufnahmeprüfung zur Universität. Inzwischen weiß Joe, dass er nicht der Einzige ist, der leidet. Im Internet liest er Blogs von anderen Hikikomori. Er glaubt nun, dass sein Leiden zusammenhängt mit der Krise, in die Japan nach dem Ende des Wirtschaftsbooms in den frühen Neunzigerjahren schlitterte. Früher rissen sich die Firmen um Arbeitskräfte, auch Sonderlinge wurden irgendwie mitgenommen. Heute ist das nicht mehr so. Joe sagt: "Plötzlich wurden alle um mich herum sehr kalt."
Ich besuche den Psychiater, bei dem sich Joes Vater einst Rat geholt hat. Shuichiro Takagi ist 71, er empfängt in seiner Praxis in Jiyugaoka, einem wohlhabenden Viertel Tokios. Takagi ist spezialisiert auf die Behandlung von Essstörungen, und die Ursachen für diese Störungen, sagt er, seien ähnlich wie bei den Hikikomori.
"Die Leiden unserer Jugend haben bereits während des Wirtschaftswunders stark zugenommen", sagt er. Anhand der Patienten, die in seine Praxis kämen, könne er förmlich messen, wie Japans einst fest gefügte Gesellschaft zerfalle. Einst habe jeder einen Platz gefunden: in Familie, Nachbarschaft, Schule, Firma. Doch heute seien die Japaner einsam und vereinzelt, was viele überfordere.
So viele Eltern wollen ihre Kinder bei ihm behandeln lassen, dass Takagi kaum hinterherkommt, viele muss er abweisen. Mittlerweile bekommt er auch Anfragen von Kollegen aus Südkorea, das ähnlich wie Japan wohlhabend geworden ist und eine materiell gesättigte Bevölkerung hat, die rasant altert. Als Nächstes, sagt der Arzt, sei China dran. Denn beide Nachbarländer eiferten dem japanischen Wirtschaftsmodell nach. Das betrachtet den Staat wie eine Firma, und so zielen Kindergärten, Schulen, Universitäten in erster Linie darauf ab, gut funktionierenden Nachwuchs zu erziehen.
Die Japaner ließen sich besonders gut mobilisieren. Denn die rohstoffarme, katastrophengeplagte Nation schwört auf Harmonie. Bis zur Kapitulation 1945 sah sich das Inselvolk als eine Familie unter dem damals noch göttlichen Kaiser. Doch je wohlhabender und vielschichtiger die Gesellschaft wurde, desto weniger verstanden die Jungen, welchem Ziel sie nacheifern sollten. So sei Lernen zum Selbstzweck geworden, ohne echten Sinn, sagt Takagi. "Wenn Mütter sich für ihre Kinder interessierten, dann nur, um Hausaufgaben zu kontrollieren." Er fügt hinzu: "Vor lauter Paukerei verpassen viele Jugendliche ihre Pubertät - die wichtigste Phase für die Entwicklung der Persönlichkeit."
Und die Väter? Die hätten ihre Autorität längst verloren, sagt der Psychiater. Nicht nur, weil sie ständig arbeiteten und fast nie zu Hause seien. Sondern auch, weil sie nicht mehr streng genug seien.
Ich muss daran denken, was Joe mir über seinen Vater, meinen Freund, berichtete. Als Wissenschaftler arbeitete er oft zu Hause, er kochte für seinen Sohn und half ihm bei den Hausaufgaben. Für Joe passte das gleichwohl nicht zusammen: einerseits der liebevolle, liberale Vater, andererseits das rigide Erziehungssystem, dem der Junge sich unterwerfen sollte.
Als Joe das erzählt, fällt mir Junji ein, der andere Hikikomori, der zehn Jahre sein Zimmer nicht verließ und mir nicht in die Augen schauen konnte: Junji hasst seinen Vater dafür, dass der ihn nicht verstanden hat, als er sein Studium abbrach. Nur einmal sei der Vater ihm zu Hilfe gekommen, erzählt er: Als die Mutter mit dem Küchenmesser auf ihn losging, verzweifelt über Junjis Scheitern.
Inzwischen ist die Familie am Streit über den Sohn zerbrochen. Junji lebt in einem Wohnheim für Hikikomori, betreut von einer Nichtregierungsorganisation, die sich New Start nennt. Sie sorgt dafür, dass die Jugendlichen in dreimonatigen Jobpraktika wieder an die Gesellschaft gewöhnt werden. Junjis Vater zahlt dafür 1400 Euro im Monat; doch Junji hat es bisher nicht geholfen, er lebt schon anderthalb Jahre in dem Wohnheim.
Japan befinde sich in einer tiefen Sinnkrise, sagt Psychiater Takagi. Spätestens nach der erfolgreichen Jobsuche würden viele Uni-Absolventen in ein Loch fallen. "Sie verstehen plötzlich nicht mehr, wofür sie gelernt haben, wofür sie überhaupt leben. Sie werden depressiv." Hinzu kommt, dass die japanischen Konzerne im Zuge der Globalisierung massenhaft Fabriken in Billiglohnländer wie China verlagert haben. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie und die automatische Beförderung gelten für immer weniger Beschäftigte. Rund 40 Prozent der Japaner arbeiten mittlerweile ohne feste Anstellung.
Joe kapselte sich ab, bei seinen Eltern hat er ja alles, was er braucht: Essen, Bett, Computer. Ein Handy besitzt er nicht, aber wen sollte er auch anrufen? Oft schämt er sich dafür, die Erwartungen seiner Umwelt enttäuscht zu haben, Erwartungen, die er ja auch an sich selbst hatte. Deshalb geht er so wenig auf die Straße, er hat Angst, früheren Schulkameraden oder Freunden zu begegnen.
Leben kann er so nur, weil seine Eltern genug Geld haben. Sie sind mit dem Wirtschaftswunder aufgestiegen; nun bekommen sie gute Renten ausgezahlt.
Es hat lange gedauert, bis Joes Eltern sich damit abgefunden haben, dass ihr Sohn den vorgegebenen Weg verweigerte. Immer wieder versuchten sie, ihn aus dem häuslichen Nest zu drängen, hinaus in die Realität. In der Hoffnung, er könnte sich durch den Schock fangen, einfach wieder funktionieren, so wie seine Altersgenossen.
Einmal baten sie einen befreundeten Politiker, Joe als Wahlkampfhelfer einzuspannen. Joe bekam eine Liste mit Telefonnummern, die er anrufen sollte. "Hunderte Male musste ich denselben Satz sagen", erzählt Joe: "Bitte geben Sie Ihre Stimme dem Kandidaten XY." Das war Joes Erfahrung mit der Politik. Danach zog er sich wieder zurück in sein Kinderzimmer.
Vor elf Jahren buchten seine Eltern für ihn eine dreimonatige Kreuzfahrt, organisiert von der japanischen NGO Peace Boat. "Globale Schule" nennt sich das Projekt, das junge Japaner in Kontakt mit der Welt bringen will. Das ging auch auf meinen Rat zurück: Ich hatte gehört, dass viele verzweifelte Eltern versuchen, ihre Hikikomori so unter Menschen zu bringen. Doch Joe mochte die Kreuzfahrt nicht.
Er kramt seinen abgelaufenen Reisepass hervor, vollgestempelt mit Einreisevermerken von Papua-Neuguinea bis zur Türkei. Doch Joe erinnert sich vor allem an die Enge in der Vier-Mann-Kabine. Er litt auf dem Schiff weiter an der japanischen Gesellschaft mit ihren Ritualen und Rücksichtnahmen, auch wenn er es mit freundlichen NGO-Aktivisten zu tun hatte. "Jedes Mal wenn wir einen Hafen anliefen und ich vom Schiff ging, atmete ich durch", sagt Joe. "Endlich fühlte ich mich frei."
Er klappt den Pass wieder zu.
Nach der Kreuzfahrt zog er sich wieder in sein Kinderzimmer zurück.
Es hätte auch anders enden können, man kann das bei Natsue beobachten, die jetzt 28 Jahre alt ist und ein paar Jahre nach Joe auf demselben Schiff um die Welt reiste. Jetzt lebt sie in einem winzigen Apartment im Norden Tokios. Sie hat mithilfe des Peace Boat ihre tiefe Isolation überwunden. Denn dort, sagt sie, habe sie andere Japaner kennengelernt: Menschen, die sie so akzeptierten, wie sie ist. Natsue blieb bei der NGO und organisiert jetzt selbst Reiseprogramme für Hikikomori.
"Eigentlich hatte ich mir vorgenommen zu sterben, wenn ich 20 werde", sagt Natsue. Mit acht Jahren brach sie die Schule ab. "Ich hielt es nicht aus, stets das Gleiche tun zu müssen wie alle anderen. Sogar aufs Klo mussten wir gemeinsam gehen."
Jahrelang blieb sie allein zu Hause, in ihrem Zimmer. Sie hasste sich selbst, weil sie nicht so sein konnte wie Gleichaltrige, die täglich zur Schule gingen. Sie fing an, sich mit einer Rasierklinge die Haut an den Handgelenken aufzuritzen. Einmal versuchte Natsue, sich zu erhängen. Es klappte nicht, und dafür hasste sie sich noch mehr.
Damals lebte Natsue bei ihrem Vater, einem Schiffsbauer. Sie war meist allein, mit sich und ihrem Computer. Ihr Elternhaus verließ sie nur, um sich etwas zu essen zu kaufen. Vorher verbrachte sie Stunden damit, sich perfekt zu schminken und zu kleiden. "Das war mein Panzer", sagt sie, "nur so traute ich mich unter andere Menschen." Dabei ist Natsue hübsch, und sie analysiert klug ihr Verhalten und ihre Umgebung. Nichts lässt erkennen, dass sie lange Zeit eine Außenseiterin war.
Warum vergisst Japan so viele junge Menschen in ihren Kinderzimmern oder drängt sie in Nischenexistenzen ab? Gerade diese Sensiblen und Kreativen, die das Land für seine Zukunft so gut gebrauchen könnte? Tatsächlich interessieren sich viele Hikikomori für ihre Umwelt, wenn auch auf ihre eigene Weise. Joe hockt längst nicht nur in seinem Zimmer.
Das nächste Mal verabreden wir uns nahe dem Kaiserpalast. Joe zeigt mir sein Fahrrad, mit dem er oft durch Tokio fährt. Er kennt alle einsamen Plätze, von denen es in der Hauptstadt nicht viele gibt. Dort spricht er mit Krähen und Katzen. Die Tiere, sagt er, verstünden ihn.
Wie hält es ein junger Mensch aus, frage ich Joe, jahrelang allein zu leben, ohne Freundin? Er verzieht das Gesicht, und ich merke, wie sehr ihn dieses Thema belastet. Er berichtet, dass seine Mutter ihm einst eine junge Kollegin vorstellte, um sie zu verkuppeln. Sie gefiel ihm. Doch wie hätte daraus eine Beziehung werden können? Das wusste Joe nicht. Japanerinnen legen Wert auf Sicherheit, Liebe ist oft zweitrangig. Einst bevorzugten Frauen Angestellte großer Konzerne wie Sony. Heute, nach zwei Krisenjahrzehnten, halten viele nur noch Beamte für heiratsfähig, unkündbar und mit sicherem Gehalt.
"Heiraten kommt mir vor wie Jobsuche", sagt Joe. Tatsächlich haben die Worte für Jobsuche, "Shukatsu", und Partnersuche, "Konkatsu", auf Japanisch die gleiche Endung. Und beides läuft oft ähnlich rituell ab, in Form von Gruppeninterviews.
Irgendwann erfuhr Joe, dass die junge Bekannte geheiratet hatte; er fühlte sich wertlos. "Ich dachte daran, mich umzubringen." Zugleich richtete er Wut und Verzweiflung gegen seine Eltern. In seinen Augen verkörpern sie Japans Gesellschaft, "mit all ihren Lügen".
Doch mittlerweile findet Joe sich immer mehr mit seinem Leben als Hikikomori ab. Eines Tages will er seine Eltern pflegen, wenn sie gebrechlich sind. Schon jetzt kocht er oft das gemeinsame Essen.
Aber auch sonst hat Joe etwas mehr Selbstvertrauen gewonnen. Er macht die Veränderung an einem Datum fest: dem 11. März 2011. Damals bebte in Ostjapan die Erde, ganze Küstenabschnitte wurden vom Tsunami verwüstet. Auch in Tokio geriet der perfekt organisierte Alltag durcheinander, Bahnen und Busse standen still.
Plötzlich war Joe nicht mehr der Einzige auf den einsamen Wegen und Plätzen, die er mit dem Fahrrad erkundete. Er begegnete berufstätigen Pendlern, die durch die Stadt irrten und versuchten, sich nach Hause durchzuschlagen. Joe dagegen war daran gewöhnt, sich selbst zurechtzufinden. Er spürte, dass er etwas kann, was viele seiner Landsleute noch lernen müssen. ■
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 2/2015
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