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DER SPIEGEL

EssayWer ist konservativer?

Rechte Populisten und der Islam sind sich näher, als sie glauben. Von Richard David Precht
Wer steht für Heimat, traditionelle Werte, religiöse Bindung, kulturelle Identität und Autoritätsglauben und misstraut dem Fremden? Wer glaubt, zu den tapferen Aufrechten in feindlicher Umgebung zu gehören, und fühlt sich vom libertinären Mainstream überrollt, nicht wertgeschätzt und missverstanden? Wer hat, nicht ohne Grund, Angst vor der heutigen Zeit und der Zukunft?
All das trifft weitgehend auf Pegida zu. Aber eben auch auf jene Muslime in der Welt, die ihre Religion wörtlich nehmen und streng danach leben. Gemeinsam geben sie dem Konservativen in unserer Zeit ein Gesicht, begleitet von der Sehnsucht nach einer seligeren Zeit in der Vergangenheit. Denn wahrscheinlich war früher alles besser - wenn nicht bereits früher alles Frühere besser gewesen wäre.
Doch es geht hier nicht um den infiniten Regress des Konservativen. Es geht darum, dass man den konservativen Abwehrreflex in unserer Zeit ernst nehmen muss. Ja, die Terroristen in Paris, die im Namen ihrer Religion und ihrer Werte töteten, sind Mörder und Verbrecher. Und ja, es gibt alte und neue Nazis, die in Dresden mitskandieren. Gerade an Letzteren erfreuen sich zurzeit die freiheitlichen Massenmedien in unserem Land. Schade für sie, dass sich die Organisatoren von Pegida gerade selbst auflösen. Wie gern demonstrierten auch all die aufrechten Parteien im Bundestag größtmögliche Selbstzufriedenheit. Die braunen Spinner unter den verängstigten Konservativen verschaffen der klaren Haltung unserer Politiker die Absolution. Endlich dürfen die Parteien einmal jemanden ausgrenzen: mehr als zehntausend konservative Wutbürger in Sachsen, die nicht "zu uns" gehören.
Da zieht Norbert Klein vom Saarländischen Rundfunk in den "Tagesthemen" eine eilige Linie vom Holocaust nach Dresden, indem er dort "Ursachen" lokalisiert, "die nach Auschwitz geführt haben", wie etwa "weinerlich vorgetragenen" Fremdenhass. Doch ist das, was Klein in der Maske von Besorgnis und Wachsamkeit vorträgt, nicht eine unfreiwillige Verharmlosung der NS-Verbrechen? Jeder ein Nazi, der sich vor fremden Kulturen fürchtet? Da möchte Wolfgang Thierse, wenn schon ein Denkverbot nicht möglich ist, zumindest die Wortwahl der Demonstranten sanktionieren. Den Satz "Wir sind das Volk!", erklärte er mehrfach in Talkshows, dürften die Verirrten von Pegida nicht sagen. Denn das gelte nur, wenn es, wie in der DDR, keine freien Wahlen gäbe. Nur dann könnten sich die Demonstranten berechtigterweise nicht repräsentiert und somit als "das Volk" fühlen. Das sei eine Anmaßung.
Man wird Thierse seine Selbstgewissheit nicht nehmen. Aber der Satz "Wir sind das Volk!" hat kein Copyright, niemand weiß wirklich, wer ihn erfunden hat. Zweitens muss man nicht in der Mehrheit sein, um sich als Volk zu fühlen. Auch 1989 demonstrierte nur eine kleine Minderheit der DDR-Bürger auf der Straße. Drittens kann man sich auch dann in seiner Meinung politisch nicht repräsentiert fühlen, wenn es freie Wahlen gibt. Und viertens hat in einem freien Land jeder das Recht, sich für das Volk zu halten. Selbst ein Einzelner darf brüllen: "Ich bin das Volk!"
Man könnte das Schauspiel auch von der heiteren Seite nehmen. "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", allein der Name der Bewegung verführt zum Schmunzeln. Monty Python lässt grüßen. Patriotische Europäer - was ist das? Jemand, dessen Vaterland Europa ist, oder jemand, der sein Vaterland innerhalb Europas verteidigt? Was ist der Unterschied zwischen einem patriotischen Europäer und einem europäischen Patrioten? Ein Klamaukstück, weil beide sich eigentlich aufs Heftigste bekämpfen müssten. Zumal schon allerorten "Patriotische Islamisten gegen die Europäisierung des Morgenlandes" unterwegs sind, sei es als IS, als al-Qaida oder sonst wer. Mörderbanden, die sich untereinander auch nicht grün sind.
Der Begriff Abendland, welcher Oswald-Spengler-Fan hat ihn in Dresden ausgegraben und sieht vor seinem geistigen Auge längst ein Aller-Tage-Abendland? Warum taucht in der Debatte immer das jüdisch-christliche Abendland auf mit seinen Werten, zu denen wir uns nicht nur nach Meinung der CSU wieder stärker bekennen sollten? Welche Werte sind hier gemeint? Jene, die wir mit dem Islam teilen? Oder die, die uns unterscheiden, wie der Wert der Freiheit? Aber diese Freiheit ist ja gerade kein jüdisch-christlicher Wert, sondern ein griechischer - neuerdings wieder arg präsent in der ihm eigenen Freiheit, seine Schulden nicht zurückzuzahlen. Und wenn unser Christentum die Freiheit inzwischen goutiert, dann nur, weil die Philosophen der Aufklärung es bei Androhung seiner völligen Auflösung dazu gezwungen haben.
Die hilflose Zuflucht in Leitbegriffe und der Karneval ihres Gebrauchs verdecken freilich, dass hinter allem ein echter Epochen-Umbruch steckt, eine gewaltige Revolution und ein ernsthaftes Problem. Das Konservative passt nicht mehr in unsere Zeit, egal in welche Gewänder es sich kleidet. Was soll in der globalisierten Welt an Heimat bleiben? Auf der Schwäbischen Alb und in Dresden isst man den gleichen Burger wie in Chicago, hört die gleiche Musik und trägt die gleichen Klamotten. Was "in" ist und was "out", wird nicht in Chemnitz entschieden. Die Anzahl der Bundesbürger, die noch in die Kirche gehen, schwindet unaufhaltsam. Die Muster unserer Liebesromantik und die Algorithmen unserer Ehen stammen aus amerikanischen Vorabendserien. Über unsere Arbeitsplätze der Zukunft entscheidet der Silicon-Valley-Kapitalismus oder die Herrscherfamilie von Katar. Und die schöne neue Welt, die Daten-Cloud, die Google uns verheißt, wird über Hoyerswerda hinwegfegen wie über Kapstadt und Hanoi. Jeder bekommt sein Recht auf eine individuelle Wohlfühl-Matrix im universellen Design, solange er mit Daten bezahlt. Viel Platz für Werte, die keine Geldwerte sind, bleibt da nicht.
Aber Werte braucht die Gesellschaft gleichwohl, darüber besteht zu Recht Einigkeit. Toleranz ist ein feiner Wert, aber nicht durch und durch. Pluralismus ist wünschenswert, aber vielleicht nicht immer und in allem. Freiheit ist gut, aber nur gepaart mit sozialer Sicherheit. Das Fremde ist anregend und bereichernd, verunsichert aber trotzdem leicht. Die Angst vor dem Verlust von Werten ist ein großes und wichtiges Thema. Denn aus dieser Sicht ist das krakeelende Unbehagen in der Kultur, das sich Pegida nennt, nur eines: ein Vorbeben, dem viele größere Erschütterungen folgen werden.
Der Islam kennt den Angriff des global-liberalen Kapitalismus auf seine kulturelle Identität schon seit vielen Jahrzehnten. Außer Tyrannen, Trittbrettfahrern, Trotz und Terror ist ihm dazu bislang wenig eingefallen. Kaum anzunehmen, dass deutschen Demonstranten, die sich als Schutzgemeinschaft deutscher Werte missverstehen, Besseres einfallen wird. Wären sie sonst damit beschäftigt, als kleinstes gemeinsames Vielfaches ausgerechnet den Islam zu fürchten, der doch in ähnlicher Weise in seiner dauerhaften Existenz bedroht ist wie sie? Und dass, wo in Sachsen gerade mal jeder Tausendste Muslim ist? An diesem Ort Angst vor der Islamisierung zu haben, ist das nicht so, wie im Ötztal gegen die Fischfangquoten in der Ostsee aufzubegehren?
Erfahrungsgesättigte Wut kann es bei Pegida nicht sein. Doch die Wut, das Misstrauen und das Unbehagen sind real. "Wenn jemand eine Situation für real hält, dann ist dies in seinen Folgen real", lautet eine wichtige Erkenntnis der Sozialpsychologie. Doch kann es nicht sein, dass hinter der diffusen Panik gegenüber einem im Grunde unbekannten Islam eine andere völlig berechtigte Angst steht? Dass nämlich zu Beginn des 21. Jahrhunderts gerade eine alte Welt untergeht und durch eine ganz andere neue ersetzt wird?
Dass Konservativismus und Kapitalismus nicht gut zusammenpassen, stand eigentlich schon von Anfang an fest. Nicht ohne Grund bekämpfte die konservative Hofpartei, die Tories, im frühindustrialisierten England des 18. Jahrhunderts die liberalen Whigs mit ihrer Forderung nach freien Märkten und freiem Handel. Der Kapitalismus ebnet alle traditionellen und emotionalen Werte ein, indem er alles an einem einzigen rationalen Wert bemisst: dem Geld. Aus "Richtig" und "Falsch" wird ein Mehr oder Weniger. Wo die instrumentelle Vernunft des Geldes herrscht, haben Traditionen keinen Platz mehr. Auf diese Weise hat das Geld die Welt demokratisiert und planiert in eins. Wo das Effizienzdenken waltet, steigt der Wohlstand (wenn auch nicht aller) und stirbt das Althergebrachte. Die Erde sättigt heute viele Milliarden Menschen. In Europa verhungerten noch im 19. Jahrhundert Millionen. Als Preis dafür verlieren wir in immer schnellerem Tempo das Traditionelle, konserviert allenfalls als kommerzialisierte Würstchen-Folklore. Wo der Kapitalismus mit sich selbst allein ist, an den Finanzmärkten der City of London, in New York, Tokio und Singapur, spottet er jeder Ordnung, verachtet die Sparsamkeit und übernimmt keinerlei Verantwortung.
"Wohlstand für alle" - den Slogan hatte Ludwig Erhard (ohne Berücksichtigung des Copyrights) dem deutschen Titel eines Erfolgswerkes des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin entrissen. Die anarchistische Formel im gutbürgerlichen Anzug verdeckte lange, wie schlecht konservatives und kapitalistisches Denken tatsächlich zusammenpassen. Die Zentrumspartei, die Vorgängerin der CDU, war eine dem Liberalismus unversöhnlich gegenüberstehende konservative Kraft. Und noch das Ahlener Programm der CDU von 1947 legte unmissverständlich fest: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein."
Der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft schien den Widerspruch zwischen konservativ und kapitalistisch lange zu widerlegen. Obwohl Wilhelm Röpke, einer ihrer geistigen Väter, bereits auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders im Jahr 1958 vor dem bitteren Ende warnte. Schon damals verzweifelte Röpke darüber, dass die Gesellschaft der Bundesrepublik eines Tages jenseits von Angebot und Nachfrage keine Werte mehr haben könnte außer dem schnöden Kosten-Nutzen-Kalkül.
Das Dilemma der heutigen CDU ist, dass dieser Riss bis heute gut kaschiert noch immer da ist. Friedrich Merz und Norbert Blüm sprachen nicht die gleiche Sprache. Irritierend nur, dass ein neoliberaler Politiker wie Merz als konservativ gelten konnte, während der zutiefst konservative Blüm stets den Linken gab. Die heutigen Konservativen in den Unionsparteien, die Kauders, Friedrichs und Seehofers spüren diesen Riss tief in ihrem Bewusstsein. Ihre ökonomische Vernunft, die den zeitgenössischen Globalkapitalismus bejaht, widerspricht zutiefst ihren konservativen Gefühlen. Solange dieser Widerspruch bleibt, droht Angela Merkel in ihrer Partei keine Gefahr. Gefährlich ist für sie nur jener Konservativismus, der die Spielregeln der neoliberalen Weltökonomie infrage stellt. Konservatives Fühlen allein dagegen verpufft derzeit noch an den Stammtischen und auf Pegida-Demonstrationen. Welche realistische Alternative hätte man auch anzubieten?
Das Problem ist leicht benannt: So wichtig es für die Mehrheit der selbst erklärten Konservativen noch immer sein mag, sich rechts von der Mitte zu fühlen - tatsächlich ist konservatives Denken schon lange kein Identitätsmerkmal von "rechts". Gewerkschaften, die Besitzstandswahrung betreiben, Linke, die den Neoliberalismus verdammen und der letzte kleine Rest Ökofundamentalisten bei den Grünen - sie alle sind Gegner des global entfesselten Liberalismus und damit konservativ. Doch so wie der fundamentalistische Islam wohl kaum eine dauerhafte Zukunft haben kann, so auch nicht der Konservativismus. Richtet er seinen Blick nicht auf die Zukunft und formuliert eine realistische Version, wird er von Generation zu Generation schwinden. Unsere Kinder haben gelernt, sich statt einer Zwangsheimat aus Glaube, Treue, Tradition und Milieu neue Wahlheimaten zu suchen: in einer Weltanschauung ihrer Wahl, in wechselnden Partnerschaften ihrer Wahl und in dauerhaften Freundschaften über alle Grenzen hinweg. Ihr Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnis ist gewiss nicht geringer geworden, aber es sucht sich flexiblere Wege.
All das setzt eine große Geschmeidigkeit und Lebensklugheit voraus, um erfolgreich zu sein und sich nicht zu ängstigen. Und auch unsere Kinder werden sich in Auseinandersetzung mit der global-kapitalistischen Herausforderung die ganz neue alte Frage stellen: Wie wollen wir leben? Wer schützt unsere Seelenheimaten vor dem Ausverkauf? Die Antwort wird der Zukunft zugewandt sein müssen. Denn in der Geschichte der Menschheit gibt es kein freiwilliges Zurück, nur eine Bewegung nach vorn. Vielleicht möchte man das den Pegida-Demonstranten ganz freundlich sagen. Und mit Aristoteles ergänzen: "Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer."
Precht, 50, ist Philosoph und Publizist. Er lebt in Köln.
Von Richard David Precht

DER SPIEGEL 6/2015
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