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DER SPIEGEL

TerrorGrausam vereint

Sie schwenkten schwarze Fahnen und brausten auf Geländewagen durch die syrische Stadt Rakka. Mit einem Autokorso feierten Kämpfer des "Islamischen Staates" den Zusammenschluss mit den nigerianischen Terrorkollegen von Boko Haram. Deren Führer Abubakar Shekau hatte vergangene Woche dem IS Gehorsam gelobt und seine rund 10 000 Dschihadisten dem IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi unterstellt. Ist damit die "Fusion der Terrorteufel" perfekt, wie "Bild" schrieb? Hat der IS jetzt eine Landbrücke vom Nahen Osten bis in die Sahel-Region?
Boko Haram und IS ähneln sich, bei allen Unterschieden in Ideologie und Strukturen, in vielem: Sie operieren nicht im Untergrund, sondern treten als bewaffnete Horden auf, die in schwachen Staaten wie Irak, Syrien oder Nigeria große Gebiete erobern und beherrschen. Sie gehen grausam gegen ihre Gegner und die Zivilbevölkerung vor. Vor allem aber, und das ist eine neue Ähnlichkeit, sind beide Gruppen derzeit militärisch in der Defensive. Im Irak erobern Regierungstruppen vom IS besetzte Orte zurück. In Nigeria jagen die Armee und Einsatzkräfte aus den Nachbarländern Tschad, Kamerun und Niger Boko Haram eine Stadt nach der anderen wieder ab.
Die Kooperation könnte beiden Gruppen nutzen - nur ist diese nicht leicht zu bewerkstelligen. "Es liegt eine Menge Sand zwischen IS und Boko Haram", sagt der Terrorexperte Morten Bøås. Die Geheimdienste hätten kaum Erkenntnisse über personelle Verbindungen zwischen dem IS und seiner neuen Kalifatsprovinz in Nigeria. Noch sei keine IS-Führungsdelegation dorthin aufgebrochen, berichten Informanten, die der Terrororganisation nahestehen.
Das Bündnis erscheint daher in erster Linie ein Propagandacoup zu sein, von dem beide Seiten profitieren. Der IS kann so sein Image als expandierende Avantgarde-truppe des Islamismus pflegen. "Und Boko Haram will zeigen, dass man einer globalen Bewegung angehört, die den Lauf der Welt verändert", sagt Morten Bøås.
Im Internet arbeiten die Terrororganisationen bereits zusammen. So verbreiten IS-Angehörige immer öfter auch Boko-Haram-Propaganda. Die bislang kümmerliche Qualität ihrer Videos hat sich unlängst auffällig verbessert: Nach IS-Vorbild inszeniert Boko Haram sich jetzt professioneller, die Videos sind mit Heldengesängen unterlegt und weniger verwackelt. Bei der Außendarstellung haben die Nigerianer in der Tat Nachholbedarf. Während der IS sich regen Zulaufs auch westlicher Sympathisanten erfreut, muss Boko Haram seine Mitglieder oft zwangsrekrutieren. Die Terrortruppe ist ein regionales Phänomen, ihr fehlt eine mitreißende Ideologie, um Unterstützer anzuziehen. Die Kämpfer von Boko Haram sind als marodierende Mörderbande verschrien.
Die Allianz mit IS könnte für Boko Haram sogar zum Problem werden: Radikale Muslime könnten sich ermuntert fühlen, direkt beim IS anzuheuern statt bei dessen nigerianischer Filiale. So wie Ibrahim Uwais, der sich offenbar unlängst mit seinen zwei Ehefrauen in Richtung Syrien absetzte. Er ist, ausgerechnet, der Sohn des einst obersten Richters Nigerias.
Von Cre, und Jpu,

DER SPIEGEL 12/2015
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