Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

LiteraturDie Üble Sache

Der Germanwings-Kopilot Andreas Lubitz war wohl psychisch krank. Aber was ist eine Depression? Wie fühlt sie sich an? Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat die Krankheit literarisch beschrieben. Ein Nachdruck.
Wallace, 1962 im US-Bundesstaat New York geboren, gilt als einer der besten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation. Er litt seit seiner Jugend an einer Depression und nahm Psychopharmaka. Im September 2008 beging er Selbstmord. In seiner ersten, 1984 veröffentlichten Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" beschreibt er die Depressionsleiden eines jungen Studenten. Wallace' Erzählung ist vergangene Woche beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erstmals auf Deutsch erschienen. Der SPIEGEL druckt einen Auszug.
Im Herbst ging ich also an die Brown University, und wie sich zeigte, war es da genauso wie in dem "zusätzlichen" Schuljahr an der Exeter: Angeblich war es total schwer, das war es aber gar nicht, und ich hatte jede Menge Zeit, mich in den Seminaren wacker zu schlagen, mir das "Herausragend" der Leute anzuhören und trotzdem neurotisch und schräg bis zum Gehtnichtmehr zu sein, sodass sich mein Mitbewohner, ein sehr netter, putzmunterer Gesell aus Illinois, verständlicherweise um ein Einzelzimmer bewarb und nach ein paar Wochen auszog. Ziemlich bald, nachdem mein Mitbewohner ausgezogen war, fing die Üble Sache an.
Nachdem ich Dr. Kablumbus die Üble Sache geschildert hatte, so gut ich konnte, erklärte er mir, das sei eine "akute klinische Depression". Ein Arzt an der Brown hätte mir bestimmt dasselbe erklärt, aber an der Brown hatte ich nie jemanden aufgesucht, weil ich in erster Linie Angst hatte, jedes offene Wort würde dafür sorgen, mich stante pede an einen Ort wie den zu verfrachten, an dem ich nach den albernen Sperenzchen in der Badewanne dann auch gelandet bin.
Ich weiß nicht, ob die Üble Sache wirklich eine Depression ist. Früher habe ich mir irgendwie immer vorgestellt, eine Depression wäre einfach eine total intensive Traurigkeit, so wie das Gefühl, wenn einem der Hund stirbt oder wenn in "Bambi" Bambis Mutter stirbt. Ich dachte, da ziehst du die Stirn kraus, vergießt ein paar Tränen, wenn du ein Mädchen bist, sagst dir "Heilige Scheiße, heute bin ich aber echt deprimiert", und dann kommen deine Freunde, wenn du welche hast, muntern dich auf oder nehmen dich mit und besorgen es dir, am nächsten Morgen ist das schon wie ein verblasstes Foto, und nach ein paar Tagen ist es ganz weg.
Die Üble Sache - was eine wirkliche Depression ist, nehm ich mal an - ist ganz anders und unbeschreiblich viel schlimmer. Im Fernsehen hat ein wortgewandter Typ mal gesagt, manche Leute benutzen das Bild, dass du unter Wasser bist, in einem Gewässer, das keine Oberfläche hat oder jedenfalls nicht für dich, und egal in welche Richtung du schwimmst, du findest nur mehr Wasser, aber keine frische Luft, und du kannst dich nicht bewegen, sondern bist eingeschränkt und bekommst weder Luft noch Licht. (Ich weiß nicht, ob dieser Unterwasservergleich es trifft, aber wenn du dir den Augenblick vorzustellen versuchst, in dem dir klar wird, in dem dir schlagartig aufgeht, dass es keine Oberfläche für dich gibt, dass du ertrinken wirst, egal in welche Richtung du schwimmst; wenn du dir vorzustellen versuchst, wie du dich in genau diesem Augenblick fühlst, so wie Descartes am Anfang seiner zweiten Kiste, und wenn du dir dann vorzustellen versuchst, dass sich dieses entzückende Gefühl des Erstickens über Stunden, Tage, Monate hinzieht ... dann trifft es das vielleicht besser.)
Eine einfach reizende Lyrikerin namens Sylvia Plath, die leider nicht mehr lebt, hat gesagt, das ist, als ob dir eine Glasglocke übergestülpt wird, und dann wird die Luft unter der Glocke abgepumpt, sodass du keine frische Luft mehr bekommst (und jetzt stell dir den Augenblick vor, wo das Glas deine Bewegungen hemmt und dir klar wird, dass du unter Glas bist ...). Manche Leute beschreiben es so, als hättest du ständig ein großes schwarzes bodenloses Loch vor dir und unter dir, ein pechschwarzes Loch, vielleicht mit einer Andeutung von Zähnen, und dann bist du plötzlich Teil des Lochs, und du fällst, obwohl du bleibst, wo du bist (... vielleicht weil dir klar wird, du bist das Loch, sonst nichts ...).
Ich bin nicht so wortgewandt, aber ich sag dir mal, was die Üble Sache meiner Meinung nach ist. Ich würde sie damit vergleichen, dass mir total schlecht ist, richtig sterbenselend. Stell dir vor, dir ist hundeübel. Praktisch jedem war schon mal hundeübel, also weiß auch jeder, wie das ist: Spaß macht das nicht gerade.
Okay. Okay. Dieses Gefühl ist örtlich begrenzt: Es beschränkt sich mehr oder weniger auf den Magen. Jetzt stell dir vor, dass deinem ganzen Körper übel ist: deinen Füßen, den langen Muskeln in deinen Beinen, deinem Schlüsselbein, deinem Kopf, deinen Haaren - der ganze Körper fühlt sich so sterbenselend wie bei einer ausgewachsenen Magen-Darm-Grippe. Und wenn's geht, dann stell dir jetzt vor, dass sich dieses Gefühl noch weiter ausbreitet und Besitz von dir ergreift. Stell dir vor, jeder Zelle, jeder einzelnen Zelle deines Körpers wäre so übel wie bei einer Magenverstimmung. Und nicht nur deinen eigenen Zellen, auch den E. coli und Laktobazillen, den Mitochondrien, den Basalkörpern, allen ist übel, und sie brodeln und brennen wie Maden in deinem Hals, deinem Hirn, in jeder Ecke, überall, in allem. Allen ist einfach hundeübel. Jetzt stell dir vor, dass jedem einzelnen Atom in jeder einzelnen Zelle deines Körpers so übel ist, unerträglich schlecht. Und jedem Proton und Neutron in jedem Atom ... aufgequollen, pochend, verfärbt, voll Übelkeit und ohne eine Chance, jemals alles zu erbrechen, um das Gefühl loszuwerden. Jedem Elektron ist schlecht, es trudelt unkontrolliert durch sein Juxhausorbital, wo dicke gelbe und violette Giftgase durcheinanderwabern, alles unwuchtig und schwummrig. Quarks und Neutrinos eiern ausgetickt und kotzübel durch die Gegend. Stell dir das einfach mal vor, eine Übelkeit, die sich bis ins kleinste Stück von dir ausbreitet, bis in die Stücke der Stücke. Und am Ende ist dein ganzes ... Wesen von nichts anderem als dieser Übelkeit geprägt: Du und die Übelkeit, ihr werdet "eins", wie man so sagt.
Im Grunde ist die Üble Sache ungefähr das. Allem in dir ist übel, alles ist verzerrt. Und da du nur durch Teile deiner selbst - deine Sinnesorgane, dein Gehirn usw. - Bekanntschaft mit der Außenwelt schließt, und da allen diesen Teilen kotzübel ist, erreicht die Welt, wie du sie wahrnimmst und kennst und in ihr bist, dich nur durch diesen Filter der Übelkeit, und auch ihr wird übel. Allem in dir wird übel, und alles Gute verschwindet aus der Welt wie die Luft aus einem kaputten Luftballon. In der Welt, wie du sie kennst, gibt es nur noch scheußlichen Gestank, traurige, verzerrte und entsetzliche Pastellbilder, scheppernde oder todtraurige Geräusche, unerträglich andauernde Situationen, die zu einem Kontinuum aufgefädelt werden, das einfach kein Ende nimmt ... Unvorstellbar dämliche und hoffnungslose Ideen.
Und genau wie du bei einer heftigen Magenverstimmung instinktiv Angst hast, dass sie nie wieder weggeht, jagt die Üble Sache dir eine Heidenangst ein, nur schlimmer, denn die Angst wird von der üblen Krankheit noch potenziert und dadurch immer größer, schlimmer und gefräßiger. Sie reißt dich auf, bohrt sich in dich hinein und dreht und windet sich. Die Üble Sache attackiert dich nicht nur, flößt dir Übelkeit ein und setzt dich außer Gefecht, sondern sie attackiert dich, flößt dir Übelkeit ein und setzt genau die Fähigkeiten außer Gefecht, die du brauchst, um die Üble Sache zu bekämpfen, um vielleicht wieder auf den Damm zu kommen und am Leben zu bleiben. Das mag schwer nachvollziehbar sein, aber es stimmt. Stell dir vor, eine schmerzhafte Krankheit hat deine Beine und deine Kehle befallen und verursacht starke Schmerzen und Lähmungen und unerträgliche Qualen in diesen Körperpartien.
Die Krankheit ist an sich natürlich schon schlimm genug, darüber hinaus ist sie aber auch unbefristet; du kannst nichts dagegen tun. Deine Beine sind gelähmt, und du hast höllische Schmerzen ... aber du kannst dich nicht bewegen, um deinen leidenden Beinen Linderung zu verschaffen, eben weil sie zu krank sind, um dich überhaupt irgendwohin zu tragen. Deine Kehle brennt wahnsinnig, und du hast das Gefühl, sie explodiert gleich ... aber du kannst keinen Arzt anrufen oder um Hilfe flehen, eben weil deine Kehle dafür zu krank ist. So funktioniert die Üble Sache: Sie versteht sich besonders gut darauf, deine Abwehrmechanismen auszuschalten.
Die beste Methode, die Üble Sache zu bekämpfen oder ihr zu entkommen, wäre natürlich, anders zu denken, zu argumentieren und zu diskutieren, die Dinge schlicht und einfach anders wahrzunehmen, zu spüren und zu verarbeiten. Aber dafür brauchst du deinen Kopf, deine Gehirnzellen mit all ihren Atomen, deinen Verstand und das alles, du brauchst dein Selbst, und genau das hat die Üble Sache lahmgelegt, genau das funktioniert nicht mehr. Genau da ist dir übel, und zwar so übel, dass du einfach nicht mehr auf die Beine kommst. Und du denkst über den ganzen Teufelskreis nach und fragst dich: "Junge, Junge, wie zum Geier schafft die Üble Sache das bloß?" Du denkst darüber nach - kniest dich voll rein, denn es dient ja nur deinem Wohl - , und dann dämmert dir unvermittelt ... dass die Üble Sache das schafft, weil du selbst die Üble Sache bist! Du bist die Üble Sache.
Das ist alles: Du hast keine bakterielle Infektion, man hat dir nicht in der Kindheit ein Brett oder einen Hammer über die Rübe gezogen, und du hast auch sonst keine Entschuldigung; du selbst bist die Krankheit. Sie ist es, die dich "definiert", dich nach einiger Zeit ausmacht. Hier wird dir das alles klar. Und wenn du redegewandt bist, ist das wohl der Moment, wo dir aufgeht, dass das Wasser keine Oberfläche hat, wo du dir die Nase an der Glasglocke einrennst und schnallst, dass du in der Falle steckst, wo du in das schwarze Loch blickst und es dein Gesicht trägt. Wo die Üble Sache dich völlig auffrisst, besser gesagt, wo du dich selbst auffrisst. Wo du dich umbringst. Dieses ganze Gerede über Leute, die sich umbringen, wenn sie eine "akute Depression" haben; wir sagen: "Heilige Scheiße, wir müssen sie irgendwie davon abhalten, sich umzubringen!" Das ist falsch. Denn weißt du was? Diese Menschen haben sich schon umgebracht, den Teil, der zählt.
Wenn diese Menschen ganze Medizinschränkchen schlucken, in der Garage eindösen oder sonst was, dann haben sie sich schon eine kleine Ewigkeit lang umgebracht. Wenn sie "Selbstmord begehen", schaffen sie nur noch Ordnung. Es ist eine reine Formsache, einen Sachverhalt herzustellen, dessen Substanz schon längst in ihnen existierte. Von dem Augenblick an, wo du verstehst, was mit dir los ist, existiert faktisch der Sachverhalt der Selbstzerstörung. Außer dieser Formsache kannst du dann kaum noch etwas tun. Wenn du nicht ganz so weit gehen willst, bleiben vielleicht noch EKT (Elektroschocktherapie) oder der Abflug von der Erde zu einem anderen Planeten oder Ähnliches. ■

DER SPIEGEL 16/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.