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GESTORBEN

Martha Graham

96. Sie war die Religionsstifterin, Priesterin und erfolgreichste Prophetin ihres eigenen Tanz-Kults, des Modern Dance. Doch erst mit 22 Jahren wurde die Tochter strenggläubiger Ostküsten-Presbyterianer in der Ballettschule von Ted Shawn und Ruth St. Denis, der Tanz-Avantgarde jener Zeit, mit der Revolution gegen den strengen Formenkanon des klassischen Balletts konfrontiert. Daß sie sich an die Spitze der Bewegung setzte, brachte ihr den Erfolg. 1927 eröffnete Martha Graham in New York ihre eigene Schule, schuf ihren unverwechselbaren, mythisch-expressiven Stil und etablierte sich als eine der einflußreichsten Choreographinnen des Gegenwartstanzes. In ihren Stücken waren Männer kaum mehr als Statisten: "Die dramatischen Rollen haben im Leben die Frauen inne", erklärte Martha Graham einmal selbst, "sie haben immer das Leben regiert und tun es noch immer." Nicht alle Schüler wollten ihrem Weg bedingungslos folgen. So gründeten Merce Cunningham und Glen Tetley eigene Compagnien und bewiesen durch das Aufbegehren gegen Grahams geschlossenes Tanz-System doch nur deren epochale Bedeutung. Bis weit über 70 stand die gestrenge Mutter ihrer Compagnie noch selbst auf der Bühne, eine bewunderte und in hehrer Selbstfeier erstarrte Ikone. Martha Graham starb am vergangenen Montag in New York an Herzversagen.

DER SPIEGEL 15/1991
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