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DER SPIEGEL

DenkmälerIm Geiste mit uns

Der Fotograf Dirk Reinartz lichtete 29 Bismarck-Denkmäler ab - Selbstdarstellung einer Epoche, ihrer Ängste und Aggressionen.
Der "grollende Alte" aus dem Sachsenwald trägt mit Vorliebe seinen Waffenrock, Stulpenstiefel, die weit übers Knie reichen, und die preußische Pickelhaube. Den massigen Körper auf einen Säbel gestützt, schaut er drein, als fürchte er nur "Gott, aber sonst nichts auf der Welt".
Der verblichene Junker - Fürst Otto von Bismarck - war, in Bronze oder Granit, rund 500mal präsent, von Altona bis Zwickau, auch in Moskau und sogar im einst kolonialen Daressalam. Am häufigsten dräute er im ehemaligen Königreich Sachsen, das, 1866, noch auf der Seite Österreichs gegen ihn zu Felde gezogen war.
Die vielen, auf Völlerei zurückzuführenden, Zipperlein, die den Eisernen Kanzler geplagt haben, und seine seelischen Qualen sind seinem Konterfei nicht anzusehen. Sein runderneuertes Abbild strotzt vor robuster Kraft und finsterer Entschlossenheit: "General Dr. von Staat", wie Thomas Mann spottete. Nur einmal, in Hannoversch Münden, zeigt sich der Reichsgründer von seiner zivilen Seite.
Der Buxtehuder Fotograf Dirk Reinartz hat, mit Sinn fürs Historische, 29 dieser Denkmäler abgelichtet, der Publizist Christian Graf von Krockow hat sie kommentiert. So wurde aus dem gerade erschienenen Bilderbuch zugleich eine knappe, brillante Skizze über den Reichsgründer, seine Herrlichkeit und sein Versagen*.
"Wir blicken auf ein Vor-Bild zurück", intoniert von Krockow. "Im Prozeß unserer zweiten Einigung können wir erkennen, wie die Deutschen ihre erste verarbeitet - oder verdorben haben."
Die Denkmalstifter umfing "fromme Scheu", wenn sie des _(* Dirk Reinartz, Christian Graf von ) _(Krockow: "Bismarck. Vom Verrat der ) _(Denkmäler." Steidl-Verlag, Göttingen; ) _(136 Seiten; 32 Mark. ) "Recken vom Sachsenwald" gedachten: "Wenn wir nicht Vater und Mutter wüßten", verstiegen sie sich, "würden wir, wie die Alten, seine Zeugung einem von den Göttern zuschreiben." Deutsche Universitätsrektoren, dem Zeitgeist stets ergeben, erflehten, als sie, 1915, im Bismarck-Mausoleum zu Friedrichsruh den 100. Kanzler-Geburtstag begingen: "Sei auch ferner im Geiste mit uns."
Das war er. Man aß Bismarck-Heringe und Bismarck-Kuchen, rauchte Bismarck-Zigarren, trug Bismarck-Hüte und Bismarck-Joppen und nannte Straßen und Plätze, sogar ein Fahrrad nach dem Kanzler, der den Personenkult selbst kräftig schürte. En masse nahm er Ehrenbürgerschaften an, über 450, und es war ihm überhaupt nicht peinlich, schon zu Lebzeiten zum Denkmal zu werden.
Die Denkmäler - "Selbstdarstellung einer Epoche", ihrer "Ängste und Aggressionen" (Krockow) - sind knapp drei Meter hoch, eines ähnelt dem anderen, viele dem des Berliner Bildhauers Rudolf Siemering, der das bronzene Standbild in Bielefeld auf einen 1,20 Meter hohen Basaltlava-Sockel stellte. Sie kosteten zwischen 30 000 und 200 000 Mark. Das Bismarck-Denkmal vor dem Berliner Reichstag verschlang gar die gewaltige Summe von über einer Million.
Außer an den Standbildern ergötzte sich das wilhelminische Volk an Bismarcktürmen, bis zu 40 Meter hoch, und Feueraltären. Als im Ersten Weltkrieg die Opferschalen zu Waffen geschmiedet wurden, machten sich Spötter über die "Elefantenklos" lustig.
In Hamburg gewann die "Darstellung Bismarcks . . . auf wuchtigem, wirkungsvoll abgestuftem Unterbau" den ersten Preis. Die Jury fand: "Jene Auffassung verkörpert in treffender Weise . . . die sich im Volksbewußtsein allmählich vollziehende Steigerung der Gestalt Bismarcks ins Heldenhafte." Obgleich der renommierte Kunstpädagoge Alfred Lichtwark, vorübergehend Mitglied der Jury, gewarnt hatte, eine "vornehmer gesonnene und künstlerisch empfindlichere Nachwelt" könne den monumentalen Kitsch "nicht ertragen", wurde das monströse Monument gebaut.
Die Hurrapatrioten, die nach einem "Platz an der Sonne" drängten, nahmen Bismarck auch gleich für ihren Griff nach der Weltmacht in Anspruch, für den er partout nicht zu haben war: "Meine Karte von Afrika liegt in Europa." Seit 1906 steht er nun am Hamburger Hafen, den Blick über Elbe und Nordsee gerichtet, gen Engelland.
Einen schweren Stand hat der steinerne Kanzler in Bremen, wo ihn, hoch zu Roß, eine schlichte Rolandsäule, Symbol hanseatischer Bürgerfreiheit, in die Schranken weist. Andernorts rückte ihm die Umwelt auf die Pelle. In Kiel steht er nun an einer Bushaltestelle, in Frankfurt starrt er auf den Wolkenkratzer des Hoechst-Konzerns, in Essen-Werden nehmen Büsche und Bäume ihm die Weitsicht - "Einsamkeit", so Krockow, "die frösteln macht".
Das Feld auf dem Knivsberg in Nordschleswig mußte er ganz und gar räumen. Als die Dänen, 1864 von Bismarck aufs Haupt geschlagen, nach dem Ersten Weltkrieg den umstrittenen _(* Am 3. Oktober 1990 in Hamburg. ) Grenzstreifen erhielten, wurde der Kanzler auf den nahen Aschberg evakuiert. Und vor seinem Schloß im hinterpommerschen Varzin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine polnische Partisanin aufgestellt.
Krockow hofft, daß den Deutschen das "Kanzler-Standbild der zweiten deutschen Einigung erspart" bleibt: "Außer vielleicht in Oggersheim."
* Dirk Reinartz, Christian Graf von Krockow: "Bismarck. Vom Verrat der Denkmäler." Steidl-Verlag, Göttingen; 136 Seiten; 32 Mark. * Am 3. Oktober 1990 in Hamburg.

DER SPIEGEL 9/1991
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