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DER SPIEGEL

TOURISMUSFlatternde Herzen

Eine Florentiner Psychoanalytikerin hat entdeckt, daß allzu intensiver Kunstgenuß Touristen in seelische Krisen stürzen kann - „Stendhal“- Syndrom heißt die neue Krankheit.
Schon als seine Kutsche die Hänge des Apennin hinunterrollte und sich Florenz näherte, überkam den Reisenden "heftiges Herzklopfen".
Kaum angelangt auf dem Boden der ersehnten Stadt, eilte Henri Beyle, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen Stendhal ("Rot und Schwarz"), in die Kirche Santa Croce, wo angesichts der erhabenen Kunst, die ihn dort umfing, heftige Emotionen in ihm aufwallten.
In der kleinen Cappella Niccolini flippte der Dichter dann aus. Das Deckengemälde in der Kuppel, gemalt von Baldassare Franceschini, genannt Volterrano, bereitete Stendhal, wie er in seiner "Reise in Italien" schrieb, das "lebendigste Wohlgefallen", das ihm Malerei jemals bereitet hatte.
In seiner Brust mischten sich die "göttlichen Empfindungen, welche die schönen Künste vermitteln", mit seinen eigenen "leidenschaftlichen Gefühlen". Taumelnd verließ der Dichter die Kirche: "Mein Herz flatterte, alles Leben war in mir erschöpft, ich schritt in der Furcht zu fallen." Einsichtig diagnostizierte Stendhal: "Das sind die Nerven."
Rund 170 Jahre später ereilte es in den Uffizien den Herrn Franz aus Bayern. Mit "flammendem Herzen und Kopf" (so sagte er seiner Ärztin später) war er tagelang durch die überfrachteten Säle des berühmten Museums gepilgert. Er hatte sich "an Farben berauscht", wie er sie noch niemals gesehen hatte; in einer "hochgestimmten Mischung aus Aufregung und Erschöpfung" war er immer wieder zurückgekehrt.
Vor dem Bild des jugendlichen Bacchus von Caravaggio, der ihn mit lüsternen Blicken verfolgte, geriet Herr Franz in eine akute Krise: Er fühlte Atemnot, Herzbeschwerden und Hitzeaufwallungen. Unbestimmbare Ängste und Sehnsüchte zehrten an ihm. Kopflos entfloh Herr Franz den unheimlichen Uffizien.
Martha, 25, unverheiratet und unterwegs mit einer Freundin, verlor im Kloster San Marco die Contenance, als die Teufel aus den Fresken des Fra Angelico nicht von ihr lassen wollten und sie schließlich bis in ihre bescheidene Pension verfolgten - wo Martha anfing zu halluzinieren.
Zuflucht fanden die verstörten Kunstsinnigen schließlich in der psychiatrischen Abteilung des Florentiner Krankenhauses Santa Maria Nuova: Mehr als 200 Fälle von geistiger Verwirrung, die sich beim Erleben von Kunst in Florenz einstellte, behandelte im Lauf von zehn Jahren die Chefin dieser Abteilung, die Psychoanalytikerin Graziella Magherini.
Die Krankengeschichten von 106 solcher Patienten hat die Professorin jetzt - unter dem medizinischen Sammelbegriff "Stendhal-Syndrom" - in einem Buch publiziert. Die Untersuchung sorgte für heftige Kontroversen in der Zunft. Die Kollegin habe völlig verschiedene "psychopathologische Symptome und anekdotische Beobachtungen . . . miteinander vermengt", bemängelten beispielsweise die Florentiner Psychiater Paolo Cioni und Enrico Poli. Doch Graziella Magherini stört sich nicht daran: "Ich habe keine diagnostische oder therapeutische Entdeckung gemacht. Mir ging es darum, auf die psychoanalytische Bedeutung des Reisens hinzuweisen", sagt sie.
Italien bietet sich an für derlei Beobachtungen; seit je zog das Land, von dem Dichter meinten, daß in ihm immerzu die Zitronen blühten, gerade solche Reisende an, die es intensiv mit der Seele suchten. Goethe war darauf versessen, in den Ruinen Italiens die Ideale des klassischen Altertums zu entdecken. Mit dem englischen Schriftsteller Laurence Sterne (1713 bis 1768) beginnt, so Graziella Magherini, die Tradition des "sentimentalen Reisens" - die Geschichte jener Italienpilger, die im Unterwegssein Glücksgefühle suchen oder eine innere Harmonie, die ihnen im eigenen Leben oft fehlt.
Derartige Reisende sind heute, sagt Frau Magherini, "bemerkenswert zahlreich unterwegs". Aus den Daten, die sie in ihrer Praxis sammelte, kombinierte sie ein Profil der krisenanfälligen Touristen.
Zwischen 20 und 40 Jahre sind sie alt, mehr Männer als Frauen; viele kommen aus Ländern, in denen kein Überfluß an traditionsreichen Kunstwerken herrscht. Sechs- bis siebenmal häufiger als andere Touristen kamen sie mit einer Vorgeschichte von seelischen Störungen nach Florenz.
Ein Kollaps kann vermieden werden, wenn die sensiblen Kunsttouristen auf den Rat von Graziella Magherini hören: "Solche Menschen sollten sich Zeit nehmen. Sie sollten sich daran erinnern, daß Kunst immer allein erfahren wird. Auf ein gewisses Maß an Isolation muß man sich einstellen."
Schließlich kann die Begegnung mit dem Schönen auch zu positiven Veränderungen führen; der Schriftsteller Botho Strauß hat eine solche glückliche Wendung in seinem Roman "Der Junge Mann" beschrieben - Frau Magherini zitiert den fiktiven Fall.
In dem Strauß-Buch findet sich ein Kapitel über eine Frau namens Almut. Ihr Vater, ein kunstsinniger Restaurator, hatte seine Tochter ganz nach seinem Bild erzogen. Als er stirbt, begräbt Almut jede künstlerische Regung in sich. Sie wird Dolmetscherin in einer Spedition und lebt ein kunstfernes Leben.
Doch bei einer Reise nach Florenz verspürt sie in den Uffizien ein geheimnisvolles Unwohlsein. Sie kämpft mit einem unbestimmten Gefühl von Angst, an dem sie meint ersticken zu müssen.
Dann aber, vor einer "Verkündigung an Maria" von Simone Martini, folgt die Katharsis: Die Himmelsgöttin Maria blickt Almut ernsthaft und durchdringend mit den "Augen der Vergangenheit" an, und die Kunstreisende erkennt, daß sie ein völlig falsches Leben führt.
Almut fällt vor dem Bild in Ohnmacht, freilich im tröstlichen Wissen, daß sie fortan eine Künstlerin sein wird. So kann das "Stendhal-Syndrom" auch heilen - jedenfalls im Roman.

DER SPIEGEL 33/1989
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