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Belgien

Heim für Tim

In Brüssel wurde das erste europäische Museum für Comic strips eröffnet.

Als am vergangenen Dienstag König Baudouin und Königin Fabiola im ehemaligen Textilkaufhaus Waucquez auf zwei thronähnlichen Sesseln Platz nahmen, wurden sie Zeugen einer seltsamen Hochzeit. In der lichten glasüberwölbten Halle des Gebäudes verkündete ein Festredner "die Vermählung zweier traditionsreicher belgischer Kunstformen": des Jugendstils und des Comic strips.

Die Eröffnung des ersten europäischen Museums für die unterhaltsame Kunst der bunten Bilderstreifen ist so etwas wie eine offizielle Antwort auf den drohenden Ausverkauf und die Vernichtung originär belgischer Werte.

Historisch gewachsene Stadtviertel wie die Marollen werden von ausländischen Lobbyisten aufgekauft, von Japanern, Schweden und Deutschen, die sich, Stichwort 1992, in der EG-Hauptstadt einen Logenplatz sichern wollen.

Und noch immer werden in Brüssel Bürgerhäuser aus der Jahrhundertwende niedergerissen, um Raum zu schaffen für Bürotürme, Einkaufspassagen und breitere Straßen.

Die 1906 von Belgiens berühmtestem Jugendstil-Architekten Victor Horta erbaute "Maison Waucquez" entging nur knapp einem Abriß. Künstler und Architekten überredeten den Bauminister, die Renovierung des architektonisch besonders gelungenen Bauwerks zu übernehmen und dort ein Zentrum für die - wie sie es nennen - "Neunte Kunst" einzurichten. Gerade noch rechtzeitig.

Denn der Ausverkauf drohte auch der traditionsreichen belgischen Comic-Literatur. In jüngster Zeit hatten Sammler aus den USA, Frankreich und England bei belgischen Händlern Comic-Alben aus den dreißiger und vierziger Jahren abgeräumt. Für frühe Druckplatten aus den Ateliers von Herge, Jacobs, Cuvelier, Vandersteen oder Bob de Moor zahlten sie bis zu 30 000 Mark.

Und mit ihrem typischen Mangel an Kulturstolz und Chauvinismus hätten die Belgier diesen Exodus womöglich ebenso hingenommen wie vor zwei Jahren die Versteigerung des Magritte-Nachlasses bei Sotheby in London. Im Land der beleuchteten Autobahnen, wo man zu Muscheln Pommes frites ißt, haben solche Verluste kaum jemanden zum Protest veranlaßt.

Zumindest ihre Comic-Kunst können die Belgier nun selbst in ihrem Museum präsentieren: 25 000 Bände zählt die Bibliothek, 1500 Druckplatten sind zu besichtigen, Originalzeichnungen und Skizzen vor allem von Belgiens Cartoonisten-Star Herge.

Als angestellter Zeichner einer Brüsseler Tageszeitung schuf Herge vor 60 Jahren jene Comic-Figur, die seither Weltruhm erlangte: Tim mit der blonden Haartolle, seinen Knickerbockern und seinem Foxterrier Struppi. In etwa 30 Sprachen wurden die Abenteuer des mondgesichtigen Jungreporters übersetzt, der auf französisch Tintin und auf japanisch Tan Tan heißt. Seine Erlebnisse in der Sowjetunion, im Kongo oder in Amerika wurden weltweit in über 150 Millionen Exemplaren verkauft.

Den Federn belgischer Zeichner entstammen auch Lucky Luke, die Schlümpfe, Step und Stipke, Nero und Spirou. Sie erweisen sich bis heute als die wahren künstlerischen Exportschlager des Landes.

650 Cartoonisten arbeiten im kleinen Königreich Belgien an diesen bunten Bilderheften; das sind pro Quadratkilometer mehr als in irgendeinem anderen Land der Welt.

Die Zahl von Sammlern und Liebhabern der Heftchen-Kunst und ihrer komischen Figuren wächst ständig. Sie schließen sich in Fan-Klubs zusammen, stöbern in den zahlreichen Spezialboutiquen nach alten Ausgaben, treffen sich auf Comic-Börsen und tauschen Analysen oder gar Dissertationen über Tims antikommunistische oder kolonialistische Vergangenheit aus.

Für den Museumsdirektor Guy Dessicy, früher einmal Mitarbeiter bei Herge und 30 Jahre lang Chef einer Anzeigenagentur, hat die neue Liaison zwischen Architektur und Comic-Kunst nur Vorteile: "Die einen werden kommen, weil sie Comics lieben, die anderen, weil sie Horta bewundern." f

DER SPIEGEL 41/1989
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